Alle Artikel mit dem Schlagwort: Martin Luther

„Gottes Wort wird ohne Anfechtung nicht gelernt“

In den letz­ten Wochen befie­len mich Anfech­tun­gen, die ich in die­ser Inten­si­tät schon vie­le Jah­re nicht erlebt habe. In C.S. Lewis‘ Dienst­an­wei­sung an den Unter­teu­fel wird der Unter­teu­fel letz­ten Endes für sein Ver­sa­gen vom Ober­teu­fel auf­ge­fres­sen. Das Bild eines Teu­fels, der einen samt Haut und Haar fres­sen will, schwebt mir häu­fig in mei­nen Anfech­tun­gen. Man ist mit einem Geg­ner kon­fron­tiert, der einem zu stark ist. Zum Glück dür­fen wir als Chris­ten zu dem EINEN ren­nen, der den Satan in die Flucht jagt. Ein Lehr­meis­ter der Anfech­tung, dürf­te Mar­tin Luther sein. Die Aus­wahl Kurt Alands, die ich als digi­ta­le Biblio­thek besit­ze, lie­fert mehr als 315 Such­ergeb­nis­se für die Begrif­fe Anfech­tung. In sei­ner Vor­re­de zum 1 Band der deut­schen Schrif­ten (1939), redet Luther über die „rech­te Wei­se, Theo­lo­gie zu stu­die­ren“. Man sol­le sich an Psalm 19 ori­en­tie­ren: Da wirst du drei Regeln drin fin­den, die den gan­zen Psalm hin­durch reich­lich vor­ge­tra­gen wer­den. Sie hei­ßen: Gebet, Medi­ta­ti­on, Anfech­tung. Dass man Got­tes Wort nicht ohne Anfech­tung ler­nen kann,  bezeug­te Luther regel­mä­ßig in sei­nen Tisch­re­den, so z.B. TR 15: Mei­ne Theo­lo­gie hab …

„Das Wort hat es alles gewirkt und ausgerichtet“

Sum­ma sum­ma­rum: pre­di­gen will ichs, sagen will ichs, schrei­ben will ichs. Aber zwin­gen, mit Gewalt drin­gen will ich nie­mand, denn der Glau­be will wil­lig, unge­nö­tigt ange­nom­men wer­den. Nehmt (Euch) ein Bei­spiel an mir. Ich bin dem Ablaß und allen Papis­ten ent­ge­gen gewe­sen, aber mit kei­ner Gewalt, ich habe allein Got­tes Wort getrie­ben, gepre­digt und geschrie­ben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschla­fen habe, wenn ich Wit­ten­ber­gisch Bier mit mei­nem Phil­ipp (Melan­chthon) und Ams­dorff getrun­ken habe, so viel getan, daß das Papst­tum so schwach gewor­den ist, daß ihm noch nie ein Fürst noch Kai­ser so viel Abbruch getan hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat es alles gewirkt und aus­ge­rich­tet. [Mar­tin Luther: Acht Ser­mo­ne gepre­digt zu Wit­ten­berg in der Fas­ten­zeit. Mar­tin Luther: Gesam­mel­te Wer­ke, S. 2474 (vgl. Luther‑W Bd. 4, S. 69) © Van­den­hoeck und Ruprecht http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm ]

Mit Lyndal Roper im Gespräch

Lyn­dal Roper ist eine aus­tra­li­sche His­to­ri­ke­rin, die in Groß­bri­tan­ni­en lehrt.  Ihr For­schungs­schwer­punkt ist die deut­sche Kultur‑, Reli­­­gi­ons- und Sozi­al­ge­schich­te der frü­hen Neu­zeit mit beson­de­rer Hin­sicht auf Geschlech­ter­rol­len, Kör­per­ge­schich­te, Sexua­li­tät und Hexen­ver­fol­gung. (aus Wiki­pe­dia). Ich las ihre Luther-Bio­­­gra­­phie und war sehr ange­tan von der Prä­zi­si­on und Tief­grün­dig­keit der Dar­stel­lung ange­tan. Somit war ich dank­bar für die Mög­lich­keit des Inter­views. Roper ver­öf­fent­lich­te 2017 eine tief­grün­di­ge Bio­gra­phie über die kom­ple­xe Per­sön­lich­keit Luthers: Mar­tin Luther — Rene­ga­de and Pro­phet (wört­lich: Abtrün­ni­ger und Pro­phet). Roper nahm sich Zeit um auf mei­ne Fra­gen ein­zu­ge­hen.    S.P.: Prof. Roper, vie­le Ihrer Bücher han­deln über Hexen und ihre Ver­fol­gung. Gibt es eine ech­te Ver­bin­dung zwi­schen Hexen und Luther? L.R.: Ich emp­fand es als sehr erfri­schend an Luther zu arbei­ten, nach dem ich nun so lan­ge so viel Zeit in Hexen und ihre Ver­fol­gung inves­tiert habe. Natür­lich glaub­te Luther dar­an, dass Hexen wirk­lich exis­tier­ten, jedoch besaß er kei­ne „Hexen-Jäger“- Men­ta­li­tät. Wenn er krank war und an Kopf­schmer­zen oder Ver­stop­fung litt, gab er nicht den Hexen die Schuld, son­dern dem Teu­fel. Tat­säch­lich bestand er dar­auf, dass die­se Atta­cken bewei­sen, dass er auf …

„In deiner Gerechtigkeit erlöse mich“

„Nun fühl­te ich mich ganz und gar neu­ge­bo­ren und durch offe­ne Pfor­ten in das Para­dies selbst ein­ge­tre­ten. Da zeig­te sich mir sogleich die gan­ze Schrift von einer ande­ren Sei­te. Von daher durch­lief ich die Schrift, wie ich sie im Gedächt­nis hat­te, und las auch in ande­ren Aus­drü­cken die glei­che Struk­tur [ana­lo­gia], wie: >das Werk Got­tes<, d.h. was Gott in uns wirkt, >die Kraft Got­tes<, mit der er uns kräf­tig macht, >die Weis­heit Got­tes<, mit der er uns wei­se macht, >die Stär­ke Got­tes<, >das Heil Got­tes<, >die Herr­lich­keit Got­tes<. Nun, mit wie­viel Haß ich frü­her das Wort >Gerech­tig­keit Got­tes< geh­aßt hat­te, mit um so grö­ße­rer Lie­be pries ich die­ses Wort als das für mich süßes­te; so sehr war mir die­se Pau­lus­s­tel­le wirk­lich die Pfor­te zum Para­dies. Spä­ter las ich Augus­tins »De spi­ri­tu et lit­te­ra«, wobei ich unver­hoff­ter­wei­se dar­auf stieß, daß auch er die Gerech­tig­keit Got­tes ähn­lich inter­pre­tiert: [als die Gerech­tig­keit], »mit der uns Gott beklei­det, indem er uns rechtfertigt«/1/. Und obwohl dies noch unvoll­kom­men gesagt ist und Augus­tin von der Anrech­nung [impu­ta­tio] nicht alles klar expliziert, …

„Lerne Christus, und zwar den Gekreuzigten“

Zahl­reich sind die Brie­fe Luthers, die zu einem beacht­li­chen Teil auch noch erhal­ten sind. Hier eini­ge Kost­pro­ben. 8 April 1516 an Georg Spen­lein. Ein Trost­brief an einen Bru­der: Daher, mein lie­ber Bru­der, ler­ne Chris­tus, und zwar den gekreu­zig­ten, ler­ne ihm zu sin­gen und an Dir selbst ver­zwei­felnd zu ihm zu spre­chen: Du, Herr Jesus, bist mei­ne Gerech­tig­keit, ich aber bin dei­ne­Sün­de; du hast das Mei­ne auf dich genom­men und mir das Dei­ne gege­ben; du hast ange­nom­men, was du nicht warst, und mir gege­ben, was ich nicht war. Hüte Dich, daß Du nie­mals nach einer so gro­ßen Rein­heit trach­test, daß Du Dir nicht als Sün­der erschei­nen oder gar kein Sün­der sein willst. Denn Chris­tus wohnt nur in Sün­dern.    31. Okto­ber 1517 an Erz­bi­schof Albrecht von Mainz. Beküm­mert über den Zustand des Evan­ge­li­ums (Am sel­ben Tag wie der The­sen­an­schlag. Inhalt deu­tet Pro­gramm der Refor­ma­ti­on bereits an): So sind auch die Wer­ke der Fröm­mig­keit und Nächs­ten­lie­be unend­lich viel bes­ser als der Ablaß. Und doch wer­den die­se weder mit gro­ßer Pracht noch mit so gro­ßem Eifer gepre­digt. Ja, …

Tipp: Der Große Katechismus

Das sind die nötigs­ten Stü­cke, die man zuerst Wort für Wort her­zu­sa­gen ler­nen muß. Und zwar soll man die Kin­der dar­an gewöh­nen, dass sie täg­lich, wenn sie mor­gens auf­ste­hen, wenn sie zu Tisch gehen und wenn sie sich abends schla­fen legen, es auf­sa­gen müs­sen, und man soll ihnen nicht zu essen und zu trin­ken geben, bis sie es her­ge­sagt haben. Auch ist jeder Haus­va­ter ver­pflich­tet, es in glei­cher Wei­se mit dem Gesin­de, Knech­ten und Mäg­den zu hal­ten: er soll sie nicht bei sich behal­ten, wenn sie es nicht kön­nen oder nicht ler­nen wol­len. In typi­scher luthe­ri­scher Manier fängt der gro­ße Kate­chis­mus an. Die nötigs­ten Stü­cke sind dabei die zehn Gebo­te, das (apos­to­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis) und das Vater Unser.  So ist auch der Gro­ße Kate­chis­mus nicht mehr und nicht weni­ger als die Erklä­rung die­ser „nötigs­ten Stü­cke“. Ich den­ke auch unse­re Zeit hät­te mehr Besin­nung auf „Kin­der­un­ter­richt“ oder Wahr­hei­ten, die jedes Kind wis­sen soll­te nötig. Wie oft sind wir uns in Fra­gen des Heils unsi­cher. Wie oft wer­den ethi­sche Fra­gen mit Glau­bens­ar­ti­keln ver­wech­selt. Wie oft fehlt uns auch …

Können so viele irren?

Eine Argu­men­ta­ti­on Luthers gegen die Ein­wän­de des Eras­mus haben wir hier bereits bespro­chen. Im spä­te­ren Ver­lauf sei­nes Buches, Vom unfrei­en Wil­len, wider­spricht Luther die­sem Ein­wand: Denn es bewegt dich doch gewal­tig, „die sehr lan­ge Rei­he höchst gelehr­ter Män­ner, die man jahr­hun­der­te­lan­ge ein­stim­mig aner­kannt hat; und­ter ihnen waren die bes­ten Ken­ner der Schrift, eben­so die hei­ligs­ten Män­ner, eini­ge davon Mär­ty­rer, vie­le berühm­te Wun­der­tä­ter“ (S. 74) Luther und sei­ne Genos­sen sind wie­der­um nur eini­ge Eigen­bröt­ler, die „weder so hoch gebil­det sind, noch so hoch begabt, zahl­reich oder bedeu­tend, weder so hei­lig noch sol­che Wun­der­tä­ter, „dass sie nicht ein­mal ein lah­mes Pferd hei­len kön­nen““ (S.75). Hat sich nun die Kir­che geirrt? Luther argu­men­tiert mit der ver­bor­ge­nen Kir­che, die nicht irren kann. Zuerst ein­mal sagen wir nicht, Gott hät­te die­sen Irr­tum in sei­ner Kir­che oder bei irgen­ei­nem sei­ner Hei­li­gen zuge­las­sen; denn die Kir­che wird durch Got­tes Geist regiert, die Hei­li­gen von Got­tes Geist getrie­ben, und Chris­tus bleibt bis ans Ende der Welt bei sei­ner Kir­che. (…) Denn so steht es auch in dem uns allen gemein­sa­men Glau­bens­be­kennt­nis: „Ich glau­be, dass es …

Ist es nützlich, bestimmte Wahrheiten zu unterdrücken?

Für die Ver­öf­fent­li­chung vom „Vom unfrei­en Wil­len“ bin ich dem Beta­ni­en Ver­lag sehr dank­bar. Dies ist die Ant­wort Luthers auf unter­schied­li­che Argu­men­te des Eras­mus von Rot­ter­dam, der (ent­ge­gen der dama­li­gen offi­zi­el­len katho­li­schen Mei­nung) für den Frei­en Wil­len schrieb, vor allem aber die Gele­gen­heit nutz­te, Luther und Kon­sor­ten zu denun­zie­ren. In sei­ner Argu­men­ta­ti­on führt Eras­mus unter ande­rem aus: „Es gibt eini­ge Din­ge, die von sol­cher Art sind, dass es nicht rat­sam wäre, sie den Ohren des gemei­nen Vol­kes preis­zu­ge­ben – selbst wenn sie wahr wären und man sie wis­sen könn­te.“  Luther erwi­dert: Doch auch die­ses Bei­spiel behan­delst du nicht recht und ver­dammst es als unnütz, dar­über öffent­lich zu dis­pu­tie­ren – ob Gott in einer Höh­le oder in einer Kloa­ke sei; denn du denkst zu mensch­lich von Gott. Ich geste­he zwar, dass es eini­ge leicht­fer­ti­ge Pre­di­ger gibt, die ohne Got­tes­furcht und Fröm­mig­keit höchst leicht­fer­tig schwat­zen oder scher­zen – sei es aus Ruhm­sucht oder dem Bestre­ben, etwas Neu­es her­vor­zu­brin­gen, oder weil sie schlicht den Mund nicht hal­ten kön­nen. Sol­che Leu­te aber gefal­len weder Gott noch Men­schen, selbst wenn …

Luthers Kommentar zum Galaterbrief

Den Gala­ter­brief hat Mar­tin Luther gele­gent­lich sei­ne „Käthe von Bora“ in lie­be­vol­lem Ver­gleich genannt: so eng gehör­te ihm die­se gro­ße Kampf­schrift des Apos­tels Pau­lus in sein per­sön­li­ches Leben hin­ein. Der latei­ni­sche Kom­men­tar, den wir hier in einer Über­set­zung vor­le­gen, ent­stand 1519 und war ein wich­ti­ger Mark­stein auf dem Weg des Refor­ma­tors vom The­sen­an­schlag zum Worm­ser Reichs­tag. Wer Luther in sei­nem har­ten Rin­gen wirk­lich ver­ste­hen will, lernt ihn hier ken­nen als den vom Wort Got­tes in der Hei­li­gen Schrift über­wun­de­nen und Gefan­ge­nen. In ein­dring­li­chem Bemü­hen um den Wort­sinn klärt sich ihm hier das zen­tra­le und blei­ben­de The­ma aller christ­li­chen Exis­tenz: wie der Mensch an der ihm gestell­ten For­de­rung (dem Gesetz) schei­tert; wie er durch Chris­tus die Erfül­lung ange­bo­ten bekommt (im Evan­ge­li­um); und wie er nun in getros­ter Ver­zweif­lung (weil Sün­der und Gerech­ter zugleich) den Kampf des Glau­bens und der Lie­be führt, auf den ver­hei­ße­nen Sieg zuver­sicht­lich hof­fend. [Buch­rü­cken­text der Cal­wer Luther Aus­ga­be von 1968] John Bun­y­an, der Ver­fas­ser von „Die Pil­ger­rei­se“ sag­te, „Ich zie­he Luthers Kom­men­tar über den Gala­ter­brief allen ande­ren Büchern, die ich jemals gese­hen habe, …

Besprechung: Luther für Eilige

Das Refor­ma­ti­ons­jahr 2017 hat unzäh­li­ge Bücher über Luther und die Refor­ma­ti­on in die Buch­hand­lun­gen und Online­shops beför­dert. Der Pfar­rer Fabi­an Vogt hat für Wenig­le­ser und Eili­ge das gleich­na­mi­ge Buch geschrie­ben. Nach einem kur­zen Abriss über Mar­tin Luthers Leben stellt der Autor aus dem umfang­rei­chen Werk Luthers zwölf wich­ti­ge Tex­te vor. Vogt zitiert Luther in vie­len über­wie­gend ein­zel­nen Sät­zen und ord­net sie ein. Manch­mal wird nicht ein­deu­tig klar, ob Luthers Aus­sa­gen zusam­men­ge­fasst wer­den, oder es sich um Gedan­ken des Autoren han­delt. Ein Regis­ter ermög­licht das Nach­schla­gen von bestimm­ten Begrif­fen. Was ich bedaue­re, ist die eher bibel­kri­ti­sche Hal­tung des Autors, die sich an eini­gen weni­gen Stel­len nie­der­schlägt. Dass Luther zum Bei­spiel lehr­te, dass nur ein Mann und eine Frau hei­ra­ten könn­ten, ord­net Vogt dahin­ge­hend ein, dass er nun ein­mal ein Kind sei­ner Zeit war (S 103). Beson­ders im „Aus­blick“ am Ende des Buches ver­mis­se ich „Allein die Schrift“ als Schwer­punkt in Luthers Leben und Werk. Statt­des­sen trifft der Leser auf typisch modern-evan­­ge­­lisch-kir­ch­­li­che Sät­ze wie „Was von dem, was unse­re Gemein­den und Kir­chen­lei­tun­gen tun, bringt Jesu Bot­schaft von der …