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„Aber wenn es um Gottes Urteil ginge, habe jeder freilich eine Ausrede…“

Herman J. Selderhuis über Johannes Calvin und seine Zuhörer

„Cal­vin näm­lich äußer­te sehr hef­ti­ge Kri­tik an sei­ner Hörer­schaft. Er frag­te sich, ob sie wohl über­haupt zuhör­ten. Gewiss, in Genf wer­de das Evan­ge­li­um gepre­digt, „aber was hat man davon, wenn nie­mand was damit anfängt“(1)? Die Men­schen gin­gen ein­zig zur Kir­che, weil sie es so gewohnt sei­en. Es sei ein Ritu­al gewor­den, und daher  „kom­men sie so wie­der her­aus, wie sie hin­ein­ge­gan­gen sind“ (2). Cal­vin zufol­ge ging man mit den Pre­dig­ten um, als ob es Mär­chen wären (3). Daher sei­en die Men­schen auch unwis­send. Soll­te man bei­spiels­wei­se um Weih­nach­ten her­um fra­gen, „wisst ihr, was es bedeu­tet, dass Gott sich im Fleisch offen­bart hat, dann dürf­te man mit gro­ßer Mühe einen unter zehn fin­den, der zu wie­der­ho­len imstan­de ist, was er als klei­nes Kind bezüg­lich sei­nes Glau­bens gelernt hat“ (4). Sie sei­en gera­de wie die Tie­re, die gewohn­heits­mä­ßig zur Füt­te­rung lie­fen. „Denn sobald sie zum Abend­mahl, zur Tau­fe oder einer Hoch­zeit wegen zur Kir­che gehen, wis­sen sie eigent­lich nicht ein­mal, wor­um sie bit­ten müs­sen“ (5). Die Glo­cke läu­te jeden Tag, aber man reagie­re nicht dar­auf. Am Sonn­tag wür­den die Men­schen bis zu vier­mal mit Glo­cken­ge­läut in die Kir­che geru­fen. Den­noch hal­te man es für aus­rei­chend, ein­mal zu erschei­nen. „Kurz­um, die über­wie­gen­de Mehr­heit lebt nach der alten Redens­art, nahe bei der Kir­che und fern­ab von Gott“ (6). Ihren Man­gel an Ein­satz und Eifer tarn­ten sie mit aller­lei neu­gie­ri­gen Fra­gen, „und dann wol­len sie wis­sen, war­um Gott eini­ge aus­er­wählt und ande­re zurück­ge­wie­sen hat“ (7). Aber wenn es um Got­tes Urteil gin­ge, habe jeder frei­lich eine Aus­re­de und füh­le sich nie­mand schul­dig. Kurz und gut „sie wol­len ger­ne die Gemä­cher des Para­die­ses ken­nen, aber sie tun nicht ihr Bes­tes, um dort auch hin­zu­ge­lan­gen“ (8). Es sei doch zum Ver­rückt­wer­den, dass Tür­ken, Juden, Hei­den und die Papis­ten ihren Aber­glau­ben treu­er erge­ben sei­en als die Men­schen in Genf ihrem Dienst am Evan­ge­li­um (9). Und bei all die­ser Kri­tik meint Cal­vin sich auch immer selbst. Er steht als Pre­di­ger dem Volk gegen­über, doch ist er als Mensch eben auch Teil die­ses Vol­kes. Cal­vin bleibt unge­ach­tet all die­ser Zustän­de stets dicht am Text der Bibel. Das dürf­te an sei­ner huma­nis­ti­schen Prä­gung lie­gen, wonach man sich gar nicht nah genug am Quel­len­text hal­ten konn­te. Ein eher per­sön­li­cher Grund ist sei­ne andau­ern­de Suche nach Sicher­heit. In einer Welt, in der er alles als flie­ßend, tur­bu­lent und ver­wir­rend emp­fand, war sei­ner Mei­nung nach Got­tes Wort der ein­zi­ge Fix­punkt. Wer also fes­ten Halt such­te, tat gut dar­an, so nah als nur irgend mög­lich am Wort zu blei­ben.“ Wei­ter­le­sen

Mit Vern Sheridan Poythress im Gespräch

Ein Interview mit dem langjährigen Dozenten am Westminster Theological Seminary

poythressSer­gej Pau­li (S.P.): Sehr geehr­ter Herr Prof. Vern S. Poy­th­ress. Sie besit­zen zahl­rei­che Abschlüs­se. Einen Dok­tor der Mathe­ma­tik und einen Magis­ter in Apo­lo­ge­tik. Zwi­schen­durch stu­dier­ten Sie auch Lin­gu­is­tik. Wel­ches Ihrer Fach­be­rei­che lie­ben Sie am meis­ten?

Vern S. Poy­th­ress (V.S.P): Mein Bereich am West­mins­ter Theo­lo­gi­cal Semi­na­ry ist die For­schung des Neu­en Tes­ta­ments, da ich einen Dok­tor der Theo­lo­gie besit­ze. Das ist der Bereich, den ich am meis­ten lie­be. Doch ich mag auch die ande­ren Berei­che, die du nann­test.

S.P.: Sie schrie­ben Bücher zu sehr unter­schied­li­chen The­men (Ange­fan­gen vom Dis­pen­sa­tio­na­lis­mus und Logik, bis hin zur Mathe­ma­tik und dem Buch der Offen­ba­rung). Gibt es einen roten Faden in Ihren Büchern?

Inerrancy and the GospelsV.S.P.: Was in mei­nem Leben geschah, ent­wi­ckel­te sich Stück für Stück. Zunächst besaß ich kein bestimm­tes Ziel. Von Zeit zu Zeit spür­te ich, dass der Herr mir Ide­en gab, die es wert waren, dass man sie zum Nut­zen ande­rer auf­schrieb. So schrieb ich das, was mir der Herr zum Schrei­ben gab.

Doch wenn ich zurück­schaue, den­ke ich, dass der rote Faden der Bücher die Her­me­neu­tik, also das Prin­zip der Aus­le­gung (oder Inter­pre­ta­ti­on) ist.

Eini­ge mei­ner Bücher kon­fron­tie­ren auf direk­te Wei­se Schwie­rig­kei­ten der Aus­le­gung. Zum Bei­spiel schrieb ich das Buch The Retur­ning King, in wel­chem ich die Offen­ba­rung bespre­che. Unter all den Büchern des Neu­en Tes­ta­ments wur­de ich beson­ders zur Offen­ba­rung gezo­gen, weil sie eine Her­aus­for­de­rung für die Aus­le­gung ist.

Eini­ge mei­ner wei­te­ren Bücher haben aka­de­mi­schen Inhalt, wie Logik oder Mathe­ma­tik. In die­sem Fall bestand die Her­aus­for­de­rung dar­in, die­se The­men­fel­der aus einem christ­li­chen Blick­feld zu betrach­ten. Somit fin­det sich auch hier die Her­aus­for­de­rung der Inter­pre­ta­ti­on.

The Miracles of Jesus: How the Savior's Mighty Acts Serve as Signs of RedemptionEini­ge mei­ner Bücher bespre­chen The­men der Bibel: Theo­pha­ny und The Mira­cles of Jesus. Hier ver­such­te ich den Men­schen zu hel­fen, die Bedeu­tung des The­mas zu ver­ste­hen.

Ich schrieb zwei Bücher über die Unfehl­bar­keit der Schrift, näm­lich Iner­ran­cy and World­view und Iner­ran­cy and the Gos­pels. Ursa­che dafür ist, dass unser Ver­ständ­nis und die Ver­tei­di­gung der Unfehl­bar­keit der Bibel damit ver­knüpft sind, wie wir die Bibel inter­pre­tie­ren – ins­be­son­de­re an den Stel­len, an denen sie ober­fläch­lich betrach­tet Feh­ler zu ent­hal­ten scheint.

S.P.: Gibt es unter Ihren Büchern sol­che, die Sie nicht erneut schrei­ben wür­den? Gibt es The­men, in denen Sie Ihre Mei­nung geän­dert haben?

V.S.P.:Ich habe mei­ne Mei­nung zu kei­nem mei­ner Wer­ke wesent­lich geän­dert. Doch ich wür­de drei klei­ne­re Ver­än­de­run­gen erwäh­nen.

Redeeming ScienceErs­tens war das aller­ers­te Buch, das ich schrieb, näm­lich Phi­lo­so­phy, Sci­ence and the Sover­eig­n­ty of God, nur eine leich­te Anpas­sung mei­ner Theo­lo­gi­schen Mas­ter­ar­beit. Es war kein beson­ders leicht zugäng­li­ches Werk. Ich wür­de es heu­te als nicht der­art reif bezeich­nen, wie es hät­te sein kön­nen. Es wur­de in wei­ten Tei­len durch Rede­eming Sci­ence und Rede­eming Phi­lo­so­phy abge­löst.

Zwei­tens ten­diert Under­stan­ding Dis­pen­sa­tio­na­lists dazu, eine „gram­ma­tisch-his­to­ri­sche Exege­se“ als Grund­la­ge zu ver­wen­den. Ich den­ke immer noch, dass die gram­ma­tisch-his­to­ri­sche Exege­se ein wesent­li­cher Bestand­teil im Ver­ständ­nis der Bibel sein soll­te, doch ich wur­de zuneh­mend durch die Tat­sa­che sen­si­bi­li­siert, dass unter­schied­li­che Aus­le­ger die­sen Begriff etwas anders ver­ste­hen und dass es ein Aspekt eines gro­ßen Gan­zen ist, das der gött­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on wach­sen­de Auf­merk­sam­keit schenkt.

Logic: A God-Centered ApproachZuletzt mach­te ich eini­ge Kor­rek­tu­ren in mei­nem Buch Logic, um ein paar Din­ge klar zustel­len. Wenn es eine zwei­te Auf­la­ge geben wird, wer­den die­se Anpas­sun­gen umge­setzt sein. Das Buch über Logic kann für Leser eben­falls her­aus­for­dern­der wer­den, je wei­ter sie damit kom­men. Doch die Alter­na­ti­ve wäre ein mehr­bän­di­ges Werk und dass woll­te ich nicht machen.

S.P.: In aller Kür­ze: Wie kön­nen Logik, Mathe­ma­tik, Wis­sen­schaf­ten… erlöst wer­den?

V.S.P.: In mei­nem Buch The Lordship of Christ bespre­che ich in Kür­ze die Tat­sa­che, dass es Men­schen sind, die erlöst wer­den und nicht wis­sen­schaft­li­che The­men­fel­der. Den­noch hal­te ich „Erlö­sung“ für den geeig­ne­ten Begriff, um anzu­zei­gen, dass erlös­te Men­schen in ihrem The Lordship of Christ: Serving Our Savior All of the Time in All of Life with All of Our HeartDen­ken in erlö­sen­den Wegen wach­sen müs­sen, so wie es Röm. 12,1−2 auf­zeigt: „Erneu­ert euch durch Ver­än­de­rung eures Sin­nes“. Die­se Erneue­rung betrifft auch eine Ver­än­de­rung des­sen, wie wir jedes ein­zel­ne Lern­feld als Chris­ten betrach­ten. Ich schrieb über Logik und Mathe­ma­tik, weil dies die aller­letz­ten Berei­che wären, von denen die Men­schen ein ver­än­der­tes Den­ken eines Chris­ten hier­über, erwar­tet hät­ten.

S.P.: Gibt es The­men, die Sie immer noch her­aus­for­dern?

V.S.P.: Es gibt so vie­le Fel­der, die ich nicht in Tie­fe stu­diert habe. Selbst in der Mathe­ma­tik, gibt es Fach­be­rei­che, die ich nicht ver­ste­he.

S.P.:Wann hat­ten Sie Ihren ers­ten Durch­bruch zum Tri-Per­spek­ti­va­lis­mus (Tri­per­spec­tiva­lism)?

Redeeming MathematicsV.S.P.:Ich bin mir nicht mehr sicher. Ich schrieb etwas über die­se Geschich­te in mei­nem Arti­kel, „Mul­ti­per­spec­tiva­lism and the Refor­med Faith“. Auf drei Quel­len bin ich in etwa einem Jahr (1971−72) gesto­ßen: Ken­neth Pikes tri­per­spek­ti­ver Ansatz zur Lin­gu­is­tik, John Frames tri­per­spek­ti­ve Leh­re am West­mins­ter Semi­na­ry und Edmund Clowney’s Biblisch-Theo­lo­gi­sche The­men: Chris­tus als Pro­phet, König und Pries­ter. Ich habe kei­nes die­ser erfun­den, doch ich sah, dass sie zuein­an­der affin waren.

S.P.: Als Pro­fes­sor am WTS, was sind die Haupt­lern­fel­der, die Sie ihren Stu­den­ten für einen lebens­lan­gen Dienst mit­ge­ben wol­len?

V.S.P.: Ich betrach­te das Wachs­tum in der Erkennt­nis Got­tes und in der Hei­li­gung als das The­ma Num­mer 1. Der intel­lek­tu­el­le Inhalt und die gelern­ten Metho­den könn­ten den Stu­den­ten für ein gan­zes Leben hel­fen. Doch sie sind nicht der ulti­ma­ti­ve Vor­zug, den die Gemein­schaft mit Gott so zen­tral macht.

S.P.: Was ist Ihrer Mei­nung nach die erschre­ckends­te Ent­wick­lung im ame­ri­ka­ni­schen (und welt­wei­ten) Evan­ge­li­ka­lis­mus?

V.S.P.: Ich bin über den Grad bestürzt, in dem sich der ame­ri­ka­ni­sche Evan­ge­li­ka­lis­mus durch den Main­stream der ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur ver­füh­ren lässt.

Revelation Sutdy GuideIn jeder Kul­tur der Welt sind bibel­gläu­bi­ge Chris­ten unter kul­tu­rel­lem Druck. Es kann vor allem Ver­fol­gung oder vor allem Ver­füh­rung sein. Kei­nes davon ist neu, wie das Buch der Offen­ba­rung uns erin­nert. An so vie­len Orten in die­ser Welt, ist das Chris­ten­tum schwach und ober­fläch­lich. Und doch baut Gott sei­ne Gemein­de. Es gibt so vie­les, wo für wir dank­bar sein kön­nen.

S.P.: Wie kön­nen ins­be­son­de­re jun­ge Men­schen auf die­se Ent­wick­lun­gen reagie­ren?

V.S.P.:Benutzt wei­ter­hin die Mit­tel der Gna­de:  Das Lesen in der Bibel, das Gebet und der regel­mä­ßi­ge Besuch einer bibel­gläu­bi­gen Gemein­de. Abkür­zun­gen sind nicht zu emp­feh­len. Für jene, die Zeit, Geld und Ener­gie besit­zen, ist eine for­mel­le theo­lo­gi­sche Aus­bil­dung an einer bibel­gläu­bi­gen Ein­rich­tung eine rie­si­ge ver­än­dern­de Anla­ge für das gan­ze rest­li­che Leben. Sie bringt den Gemein­den Vor­zü­ge und wei­te­re Vor­tei­le für das gan­ze Leben, in allen nur mög­li­chen Aspek­ten, ob Gebet, Geist­li­ches Leben, Arbeit, Fami­lie, Poli­tik, Kunst… Die Meis­ten besu­chen ein Theo­lo­gi­sches Semi­nar mit der Absicht, Die­ner des Evan­ge­li­ums zu wer­den. Doch das Semi­nar bringt für fast jeden Chris­ten vie­le Vor­tei­le.

S.P.: Wenn Sie nur drei Bücher auf eine ein­sa­me Insel mit­neh­men könn­ten, wel­che wären dies?

TheophanyV.S.P.: Zunächst die ESV Stu­dy Bible. Ich muss aber die RSV (Revi­sed Stan­dard Ver­si­on) und die NEB (New Eng­lish Bible) hin­zu­fü­gen, weil ich mit die­sen Bibel­ver­sen aus­wen­dig gelernt habe und sie ger­ne dabei­hät­te, um die­se frisch zu hal­ten. (Ich emp­feh­le die NEB nicht, doch frü­her war das mei­ne Aus­wen­dig-Lern-Bibel, bevor ich zu ande­ren Bibel­über­set­zun­gen griff.) Wenn es Bücher außer­halb der Bibel sein sol­len, dann wäre es das New Bible Dic­tion­a­ry (oder ein ande­res Bibel-Lexi­kon) und das New Bible Com­men­ta­ry. Wenn es kein theo­lo­gi­sches Werk sein soll, dann wür­de ich C.S. Lewis Der König von Nar­nia mit­neh­men.

S.P.: Vie­len Dank für das Gespräch!

„Gottes Wort wird ohne Anfechtung nicht gelernt“

Martin Luther über die Anfechtungen

Luther im Kreise seiner Familie musizierend. Gemälde von Gustav Spangenberg (1828-1891)

Luther im Krei­se sei­ner Fami­lie musi­zie­rend. Gemäl­de von Gus­tav Span­gen­berg (1828−1891) (gemein­frei)

In den letz­ten Wochen befie­len mich Anfech­tun­gen, die ich in die­ser Inten­si­tät schon vie­le Jah­re nicht erlebt habe. In C.S. Lewis‘ Dienst­an­wei­sung an den Unter­teu­fel wird der Unter­teu­fel letz­ten Endes für sein Ver­sa­gen vom Ober­teu­fel auf­ge­fres­sen. Das Bild eines Teu­fels, der einen samt Haut und Haar fres­sen will, schwebt mir häu­fig in mei­nen Anfech­tun­gen. Man ist mit einem Geg­ner kon­fron­tiert, der einem zu stark ist. Zum Glück dür­fen wir als Chris­ten zu dem EINEN ren­nen, der den Satan in die Flucht jagt.

Ein Lehr­meis­ter der Anfech­tung, dürf­te Mar­tin Luther sein. Die Aus­wahl Kurt Alands, die ich als digi­ta­le Biblio­thek besit­ze, lie­fert mehr als 315 Such­ergeb­nis­se für die Begrif­fe Anfech­tung. In sei­ner Vor­re­de zum 1 Band der deut­schen Schrif­ten (1939), redet Luther über die „rech­te Wei­se, Theo­lo­gie zu stu­die­ren“. Man sol­le sich an Psalm 19 ori­en­tie­ren:

Da wirst du drei Regeln drin fin­den, die den gan­zen Psalm hin­durch reich­lich vor­ge­tra­gen wer­den. Sie hei­ßen: Gebet, Medi­ta­ti­on, Anfech­tung.

Dass man Got­tes Wort nicht ohne Anfech­tung ler­nen kann,  bezeug­te Luther regel­mä­ßig in sei­nen Tisch­re­den, so z.B. TR 15:

Mei­ne Theo­lo­gie hab ich nicht auf ein­mal gelernt, son­dern ich hab immer tie­fer und tie­fer danach for­schen müs­sen. Da haben mich mei­ne Anfech­tun­gen zu gebracht; denn die hei­li­ge Schrift kann man nim­mer­mehr ver­ste­hen, außer durch Pra­xis und Anfech­tun­gen. (…) So hat Pau­lus auch einen Teu­fel gehabt, der ihn mit Fäus­ten geschla­gen und ihn so mit sei­nen Anfech­tun­gen getrie­ben hat, flei­ßig in der hei­li­gen Schrift zu stu­die­ren. So habe ich den Papst, die Uni­ver­si­tä­ten und alle Gelehr­ten und durch sie den Teu­fel mir am Hal­se kle­ben gehabt; die haben mich in die Bibel gejagt, daß ich sie flei­ßig gele­sen und damit ihr rech­tes Ver­ständ­nis end­lich erlangt habe. Wenn wir sonst einen sol­chen Teu­fel nicht haben, so sind wir nur spe­ku­la­ti­ve Theo­lo­gen, die ledig­lich mit ihren Gedan­ken umge­hen und mit ihrer Ver­nunft allein spe­ku­lie­ren, daß es so und also sein sol­le;

Luther spricht auch dar­über, wel­che Anfech­tung die größ­te ist (TR 175):

Die Anfech­tung des Glau­bens ist die aller­schwers­te, denn der Glau­be soll alle ande­ren Anfech­tun­gen und Übel über­win­den. Wenn die­ser nun in Anfech­tun­gen unter­liegt, so über­fal­len die ande­ren alle, auch die aller­kleins­ten, den Men­schen. Wenn aber der Glau­be bleibt, so kann man die aller­größ­ten Anfech­tun­gen ver­ach­ten. Denn wenn der Glau­be recht und gesund ist, neh­men die ande­ren Anfech­tun­gen ab.

Danach ist wie­der davor (und fühlt sich aufs Neue völ­lig neu an, in TR 186):

Wenn eine Anfech­tung vor­bei ist, dann ist bestimmt auch schon die nächs­te da, der wir uns ent­ge­gen­stel­len müs­sen. Und wenn die­se ande­re kommt, betra­gen wir uns, als wäre sie die ers­te oder als ob wir über­haupt kei­ne vor­her gespürt hät­ten.

Der Angriffs­punkt der Heils­ge­wiss­heit (TR 674):

Das ist die größ­te Anfech­tung des Teu­fels, wenn er sagt: Gott haßt die Sün­der. Du aber bist ein Sün­der, also haßt Gott auch dich. Die­se Anfech­tung bekommt der eine so, der ande­re so zu spü­ren.  (…) Sol­che Anfech­tun­gen sind uns sehr dien­lich und nicht, wie es scheint, zum Ver­der­ben. Sie sind eine Unter­wei­sung und jeder Christ soll beden­ken, daß er ohne Anfech­tun­gen Chris­tus nicht recht erfah­ren kann.

Luther rede­te recht offen über sei­ne Anfech­tun­gen und sah in die­sen ein Gna­den­mit­tel (TR 676):

In die­ser Zeit habe ich des öfte­ren mit Gott geha­dert: in mei­ner Unge­duld warf ich ihm sei­ne Ver­spre­chun­gen vor. Da lehr­te mich Gott die hei­li­ge Schrift recht ver­ste­hen. Denn es ist sonst unmög­lich, daß ein Mensch die hei­li­ge Schrift ver­ste­he, wenn es ihm immer nach sei­nem Wil­len geht. Denn Gott will, daß wir nicht an unse­rer Unge­duld zer­bre­chen. Er sagt näm­lich in sei­ner gan­zen Schrift (Ps. 130, 6): War­te, war­te »von einer Mor­gen­wa­che bis in die Nacht!« Und er ist wahr­lich ein fei­ner Gott. Wenn er schon nicht sofort hilft, so gibt er doch ein Maß, das man tra­gen kann. So sagt auch Hiob (13, 15 ff.): Wenn mich Gott schon erwürg­te, so will ich doch auf ihn hof­fen. Mag es immer­hin sein, daß du dein Ant­litz vor mir ver­birgst, so kann ich den­noch nicht glau­ben, daß du mein Feind bist.

Aus der Ves­te Coburg 1530 schreibt er an Hie­ro­ny­mus Wel­ler:

In die­ser Art der Anfech­tung und des Kamp­fes ist die Ver­ach­tung die bes­te und leich­tes­te Wei­se den Teu­fel zu besie­gen. Ver­la­che den Wider­sa­cher und suche jemand auf, mit dem Du ver­trau­lich plau­dern kannst. Die Ein­sam­keit mußt Du auf jede Wei­se flie­hen, denn so fängt er Dich am sichers­ten und stellt Dir nach, wenn Du allein bist. Durch Spott und Ver­ach­tung wird die­ser Teu­fel über­wun­den, nicht durch Wider­stand und Dis­pu­tie­ren. Daher sollst Du mit mei­ner Frau und den ande­ren scher­zen und spie­len, damit Du die­se teuf­li­schen Gedan­ken zu Fall bringst, und sei dar­auf bedacht, daß Du guten Mutes bist, lie­ber Hie­ro­ny­mus. Die­se Anfech­tung ist Dir not­wen­di­ger als Spei­se und Trank. Ich will Dir erzäh­len, was mir einst wider­fah­ren ist, als ich unge­fähr in Dei­nem Alter war: Als ich frisch ins Klos­ter gekom­men war, geschah es, daß ich immer trau­rig und betrübt ein­her­ging, auch die­se Trau­rig­keit nicht able­gen konn­te. Des­halb such­te ich Rat und beich­te­te Dok­tor Stau­pitz (die­ses Man­nes tue ich gern Erwäh­nung) und eröff­ne­te ihm, was für greu­li­che und schreck­li­che Gedan­ken ich hät­te. Dar­auf sag­te er: Du weißt nicht, Mar­tin, wie nütz­lich und not­wen­dig dir die­se Anfech­tung ist, denn Gott plagt dich nicht umsonst so; du wirst sehen, daß er dich als einen Die­ner gebrau­chen wird, um gro­ße Din­ge aus­zu­rich­ten. Und so geschah es.

„Hinter ihm hergehen, das ist etwas schlechthin Inhaltloses“

Dietrich Bonhoeffer über die Wahl des Zöllners Matthäus Levi

Im ers­ten Kapi­tel sei­nes 1937 erschie­nen Wer­kes „Nach­fol­ge“ hält D. Bon­hoef­fer zum „Ruf in die Nach­fol­ge“ am Bei­spiel des Zöll­ners Levi fest:

Der Ruf ergeht, und ohne jede wei­te­re Ver­mitt­lung folgt die gehor­sa­me Tat des Geru­fe­nen. Die Ant­wort des Jün­gers ist nicht ein gespro­che­nes Bekennt­nis des Glau­bens an Jesus, son­dern das gehor­sa­me Tun. Wie ist die­ses unmit­tel­ba­re Gegen­über von Ruf und Gehor­sam mög­lich? Es ist der natür­li­chen Ver­nunft über­aus anstö­ßig, sie muß sich bemü­hen, die­ses har­te Auf­ein­an­der zu tren­nen, es muß etwas dazwi­schen­tre­ten, es muß etwas erklärt wer­den. Es muß unter allen Umstän­den eine Ver­mitt­lung gefun­den wer­den, eine psy­cho­lo­gi­sche, eine his­to­ri­sche. Man stellt die törich­te Fra­ge, ob nicht der Zöll­ner Jesus schon vor­her gekannt habe und daher bereit gewe­sen sei, auf sei­nen Ruf hin zu fol­gen. Eben hier­über aber schweigt der Text hart­nä­ckig, es liegt ihm ja gera­de alles an dem gänz­lich unver­mit­tel­ten Gegen­über von Ruf und Tat. Psy­cho­lo­gi­sche Begrün­dun­gen für die from­men Ent­schei­dun­gen eines Men­schen inter­es­sie­ren ihn nicht. War­um nicht? Weil es nur eine ein­zi­ge gül­ti­ge Begrün­dung für die­ses Gegen­über von Ruf und Tat gibt: Jesus Chris­tus selbst. Er ist es, der ruft. Dar­um folgt der Zöll­ner. Die unbe­ding­te, unver­mit­tel­te und unbe­gründ­ba­re Auto­ri­tät Jesu wird in die­ser Begeg­nung bezeugt. Nichts geht hier vor­aus, und es folgt nichts ande­res als der Gehor­sam des Geru­fe­nen. Daß Jesus der Chris­tus ist, gibt ihm Voll­macht zu rufen und auf sein Wort Gehor­sam zu for­dern. Jesus ruft in die Nach­fol­ge, nicht als Leh­rer und Vor­bild, son­dern als der Chris­tus, der Sohn Got­tes. So wird in die­sem kur­zen Text Jesus Chris­tus und sein Anspruch auf den Men­schen ver­kün­digt, sonst nichts. Kein Lob fällt auf den Jün­ger, auf sein ent­schie­de­nes Chris­ten­tum. Der Blick soll nicht auf ihn fal­len, son­dern allein auf den, der ruft, auf sei­ne Voll­macht. Auch nicht ein Weg zum Glau­ben, zur Nach­fol­ge ist gewie­sen, es gibt kei­nen ande­ren Weg zum Glau­ben als den Gehor­sam gegen den Ruf Jesu. Was wird über den Inhalt der Nach­fol­ge gesagt? Fol­ge mir nach, lau­fe hin­ter mir her! Das ist alles. Hin­ter ihm her­ge­hen, das ist etwas schlecht­hin Inhalt­lo­ses. Es ist wahr­haf­tig kein Lebens­pro­gramm, des­sen Ver­wirk­li­chung sinn­voll erschei­nen könn­te, kein Ziel, kein Ide­al, dem nach­ge­strebt wer­den soll­te. Es ist gar kei­ne Sache, für die es sich nach mensch­li­cher Mei­nung ver­lohn­te, irgend­et­was oder gar sich selbst ein­zu­set­zen. Und was geschieht? Der Geru­fe­ne ver­läßt alles, was er hat, nicht, um damit etwas beson­ders Wert­vol­les zu tun, son­dern ein­fach um des Rufes wil­len, weil er sonst nicht hin­ter Jesus her­ge­hen kann. Die­sem Tun ist an sich nicht der gerings­te Wert bei­gemes­sen. Es bleibt in sich selbst etwas völ­lig Bedeu­tungs­lo­ses, Unbe­acht­li­ches. Die Brü­cken wer­den abge­bro­chen, und es wird  ein­fach vor­wärts­ge­gan­gen. Man ist her­aus­ge­ru­fen und soll „her­aus­tre­ten“ aus der bis­he­ri­gen Exis­tenz, man soll „exis­tie­ren“ im stren­gen Sinn des Wor­tes. Das Alte bleibt zurück, es wird ganz hin­ge­ge­ben.

Seit 2016 sind Bon­hoef­fers Wer­ke nun gemein­frei. „Nach­fol­ge“ kann hier als pdf her­un­ter­ge­la­den wer­den.

„Das Wort hat es alles gewirkt und ausgerichtet“

Luthers Invokavitpredigten

Sum­ma sum­ma­rum: pre­di­gen will ichs, sagen will ichs, schrei­ben will ichs. Aber zwin­gen, mit Gewalt drin­gen will ich nie­mand, denn der Glau­be will wil­lig, unge­nö­tigt ange­nom­men wer­den. Nehmt (Euch) ein Bei­spiel an mir. Ich bin dem Ablaß und allen Papis­ten ent­ge­gen gewe­sen, aber mit kei­ner Gewalt, ich habe allein Got­tes Wort getrie­ben, gepre­digt und geschrie­ben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschla­fen habe, wenn ich Wit­ten­ber­gisch Bier mit mei­nem Phil­ipp (Melan­chthon) und Ams­dorff getrun­ken habe, so viel getan, daß das Papst­tum so schwach gewor­den ist, daß ihm noch nie ein Fürst noch Kai­ser so viel Abbruch getan hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat es alles gewirkt und aus­ge­rich­tet.
[Mar­tin Luther: Acht Ser­mo­ne gepre­digt zu Wit­ten­berg in der Fas­ten­zeit. Mar­tin Luther: Gesam­mel­te Wer­ke, S. 2474
(vgl. Luther‑W Bd. 4, S. 69) © Van­den­hoeck und Ruprecht
http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm ]

Luther auf dem Reichs­tag zu Worms. Kolo­rier­ter Holz­schnitt von 1556, Bild­rech­te: gemein­frei

Wei­ter­le­sen

Verteidigung der Trinität, der Wahrheit, des Denkens und der Tollheit

Überblick über das Werk von Carl R. Trueman

2019 war für mich durch das Lesen (und Hören) der Wer­ke von Carl R. Tru­e­man geprägt. Es ist ein neu­es Ereig­nis, sich aus­führ­li­cher mit ein und dem sel­ben Autor zu beschäf­ti­gen (viel­leicht müss­te man Mar­tin Luther aus­neh­men, in dem Fall mei­ne ich ein und den sel­ben zeit­ge­nös­si­schen Autor). Moti­viert haben mich die Autoren­pro­fi­le von Han­ni­el, mit dem Ziel, sich durch ein Gesamt­werk durch­zu­ar­bei­ten. Doch an das umfang­rei­che Werk von z.B. Car­son wag­te ich mich zunächst nicht. Somit ein Quick-Review über den Autor, Dozen­ten, Pas­tor, Pre­di­ger und Blog­ger Tru­e­man: Wei­ter­le­sen

„In der Gewissheit, dass unsere Sünden durch Sein Opfer vergeben sind, finden wir Ruhe und Heilssicherheit.“

Jean Calvins Schreiben an den Duke of Somerset

File:John Calvin 01.jpg

Der jun­ge Jean Cal­vin

Nach dem Tode Hein­rich VIII 1547 wur­de Edu­ard VI, als ein­zi­ger Sohn Hein­richs bereits mit 9 Jah­ren König von Eng­land und Irland. In die­sem Alter hat­te er natür­lich nur reprä­sen­ta­ti­ve Funk­tio­nen, die eigent­li­che Macht hat­te in den ers­ten 2,5 Jah­ren sei­ner Herr­schaft Edu­ard Sey­mor, Duke (in etwa Her­zog) of Somerset, in der Funk­ti­on eines Lord­pro­tec­tors mit erwei­ter­ten Befug­nis­sen. Die­se nutz­te er zur Freu­de der „Evan­ge­li­cals“ im Land, um die Refor­ma­ti­on inten­si­ver vor­an­zu­trei­ben. Kein Wun­der, dass den Duke auch ein Schrei­ben von Jean Cal­vin erreich­te, ver­fasst am 22. Okto­ber 1548.  Der Cal­vin-Bio­graph Her­man J. Sel­der­huis hält fest: „Cal­vin war uner­schüt­ter­lich, opfer­be­reit und kom­pro­miss­los. Sei­ne Leh­re wies alle Merk­ma­le auf, die zur dama­li­gen Zeit erfolgs­ver­spre­chend waren: Sie war unkom­pli­ziert, biblisch begrün­det und klar for­mu­liert und des­halb allen Men­schen zugäng­lich. (…) Was Cal­vin im Jahr 1548 an den Her­zog von Somerset schrieb, war tat­säch­lich schon 1536 (Anm. von mir: In die­sem Jahr erschien die ers­te Auf­la­ge sei­ner berühm­ten Insti­tu­tio) sei­ne Leh­re gewe­sen und soll­te auch 1564 noch sei­ne Leh­re sein (Anm. von mir: Todes­jahr Cal­vins) (…) Zwar schrieb Cal­vin spä­ter noch tau­sen­de von sei­ten mit aus­führ­li­che­ren Erör­te­run­gen hier­zu, aber tat­säch­lich fin­det sich in den Schrif­ten nichts mehr als das, was auch schon auf die­ser hal­ben DIN-A4-Sei­te for­mu­liert ist. Und das wur­de alles durch sei­nen an Idea­lis­mus gren­zen­den Opti­mis­mus getra­gen.“ (S.75 – 76)

Datei:Edward Seymour Duke of Somerset.jpg

Edward Sey­mour Duke of Somerset

Die popu­lä­re Dar­stel­lung Cal­vins, der auch erfolg­rei­che Schrift­stel­ler wie Ste­fan Zweig erla­gen, als die einen freud­lo­sen Zyni­kers und pes­si­mis­ti­schen Eigen­bröt­ler zeich­net, lässt sich nicht auf­recht­erhal­ten, wenn man die zahl­rei­chen Brie­fe Cal­vins stu­diert. Wir fin­den einen muti­gen, ehr­li­chen Chris­ten, der sei­ne Mit­men­schen ernst nimmt. Den Duke of Somerset ermu­tigt er, der Füh­rung Got­tes zu ver­trau­en, mutig das Evan­ge­li­um zu ver­kün­di­gen und in schwie­ri­gen Zei­ten aus­zu­har­ren:

„…näm­lich das wir Gott als ein­zi­gen Her­ren unse­rer See­le und sein Gesetz als ein­zi­ge Regel und geis­ti­ge Anlei­tung für unser Gewis­sen aner­ken­nen, so dass wir Ihm nicht gemäß aller­lei törich­ter mensch­li­cher Anord­nun­gen die­nen. Wei­ter, dass er auf sei­ne Art, im Geis­te und mit rei­nem Her­zen, ver­ehrt wer­den will. Ande­rer­seits erken­nen wir jedoch, dass wir im Inne­ren unse­lig sind, dass wir in all unse­rem Den­ken und Han­deln ver­dor­ben sind, so dass unser Herz ein Abgrund des Bösen ist. Dar­um ver­zwei­feln wir an uns selbst, wei­sen jeden Anspruch auf Weis­heit, Wür­de oder Fähig­keit zum Guten ab. Wir wen­den uns der Quel­le von allem Guten zu, das ist Jesus Chris­tus, und wir neh­men das an, was Er uns gibt, näm­lich die Ver­diens­te sei­nes Lei­dens und Ster­bens, damit wir dadurch die Ver­söh­nung mit Gott erfah­ren. Rein gewa­schen durch sein Blut, fürch­ten wir nun nicht mehr, dass wir auf­grund unse­rer Sün­den vor dem himm­li­schen Thron kei­ne Gna­de fin­den wer­den. In der Gewiss­heit, dass unse­re Sün­den durch Sein Opfer ver­ge­ben sind, fin­den wir Ruhe und Heils­si­cher­heit. Wir wer­den durch Sei­nen Geist gehei­ligt, um uns so gehor­sam der Gerech­tig­keit Got­tes zu wid­men. Gestärkt durch sei­ne Gan­de wer­den wir den Teu­fel, die Welt und das Fleisch über­win­den. Als Glie­der Sei­nes Kör­pers zwei­feln wir schließ­lich nicht dar­an, dass Gott uns zu sei­nen Kin­dern zählt und dass wir Ihn vol­ler Ver­trau­en als unse­ren Vater anru­fen dür­fen. Für uns ist es deut­lich, dass alles, was in der Kir­che gesagt und getan wird, auf die­ser Haupt­sa­che basiert, näm­lich dass wir der Welt ent­zo­gen und in den Him­mel hin­auf­fah­ren wer­den mit unse­rem Haupt und unse­rem Hei­land“

Eini­ge Jah­re spä­ter gelangt Maria I Tudor an die Macht und hin­ter­lässt eine blu­ti­ge Spur im eng­li­schen Pro­tes­tan­tis­mus. Trost und „gute Unter­wei­sung“ haben die Pro­tes­tan­ten Eng­lands also mehr als nötig gehabt.

Tal der Liebe

"ein Nichts bist du, nichts weiter als ein Nichts"

Tal der Liebe Gün­ther wird mit gro­ßen kör­per­li­chen Pro­ble­men in der Zeit des ers­ten Welt­krie­ges gebo­ren. Das ist eine Zeit, in der man kaum Zeit und Muße für die Schwächs­ten der Gesell­schaft besitzt. Das Urteil der Mit­men­schen, auch derer, die ihm hel­fen soll­ten, steht somit fest: „Der taugt zu nichts“. Die Mut­ter ist mit ihm über­for­dert und der Vater hat für ihn kei­ne Zeit. Die Oma „küm­mert“ sich um sei­ne Betreu­ung. Aber sie schämt sich sei­ner der­art, dass sie ihn in ein Zim­mer sperrt. Somit kann Gün­ther auch mit 6 Jah­ren noch kei­nen Laut von sich geben. Man schreibt ihn, nicht nur als kör­per­li­chen Krüp­pel, ab.  Als es Oma zu viel wird, lan­det der Jun­ge in Bethel. Hier erfährt Gün­ther zum ers­ten Mal Zuwen­dung, die uner­war­tet und zügig Früch­te bringt. Bald schon stellt sich her­aus, dass er ‚im Kopf“ völ­lig gesund ist, ja gera­de zu über­eif­rig dabei ist, etwas Neu­es zu ler­nen. Zunächst im Heim für Geis­tig-Behin­der­te unter­ge­bracht, hört Gün­ther zum ers­ten Mal das Evan­ge­li­um. Bodel­schwingh und sei­ne Mit­ar­bei­ter schä­men sich nicht der vie­len kör­per­lich und geis­tig Behin­der­ten und ver­kün­di­gen die­sen das Evan­ge­li­um auf eine Wei­se, dass es auch die „dumpfs­ten Geis­ter erreicht“. Der wache Geist Gün­thers ist schnell erreicht. Ers­te Fra­gen tau­chen auf. Woher kommt die­ses gan­ze Elend? War­um hat „alles einen Knacks“. Zum Glück erfährt er die Nähe des Wer­kes Chris­ti am Kreuz, das Bodel­schwingh so erklärt, dass selbst „hoff­nungs­lo­se“ Fäl­le das Evan­ge­li­um ver­ste­hen. Behin­der­te und Krüp­pel loben Gott und erle­ben eine tie­fe Freu­de, die vie­len ver­bor­gen bleibt, die nicht „zu die­sem Abschaum“ gehö­ren. Berech­tigt weißt die Autorin dar­auf hin, dass unklar bleibt, wer denn nun die wirk­lich Ver­rück­ten sind: Die im Heim, oder die außer­halb ? Wei­ter­le­sen

„Ich finde, du solltest nicht so viel Theologie lesen“

Mit Lord Peter Wimsey in England

Was liest man, wenn man in West­eng­land unter­wegs ist? Nun ich emp­fand Lord Peter Death Bre­don Wim­sey als die rich­ti­ge Wahl. Doro­thy L. Say­ers  (vgl. auch zahl­rei­che Bei­trä­ge von hanniel.ch zu Say­ers Werk) aller ers­ter Roman „Der Tote in der Bade­wan­ne“ (auch „Ein Toter zu wenig“) hat mir beson­ders gut gefal­len. Say­ers lässt Detek­tiv Par­ker zur Ent­span­nung einen Kom­men­tar zum Gala­ter­brief lesen. Fan­tas­tisch! Tat­säch­lich hat Say­ers ihr christ­li­ches Bekennt­nis nie ver­schwie­gen, was man in ihrem Werk regel­mä­ßig sieht. Ihr Werk lebt von einer ehr­li­chen aber auch selbst iro­ni­schen Ana­ly­se Britta­ni­ens zwi­schen den  zwei Welt­krie­gen. Eini­ge Zita­te:

Wim­sey hat offen­sicht­lich Geld­res­sour­cen ohne Ende für sein Hob­by, und einen Die­ner, der aber eher wie ein väter­li­cher Freund agiert: „„Hier bin ich, Mylord“, ant­wor­te­te Mr. Bun­ter mit respekt­vol­lem Tadel, „aber wenn Sie mir die Bemer­kung gestat­ten…““

Dass der bri­ti­sche Adel oft mehr Schein als Sein bot, ver­schweigt Say­ers nicht: „Die Unter­hal­tung schlepp­te sich müh­sam dahin, bis der Ehren­wer­te Fred­dy eine Grä­te im See­zun­gen­fi­let ent­deck­te und den Ober­kell­ner kom­men ließ, um sich ihr Vor­han­den­sein erklä­ren zu las­sen.“

So argu­men­tiert übri­gens ein Unter­su­chungs­rich­ter, der einen vol­len Raum „lüf­ten lässt“: „Das lös­te eini­ge Bewe­gung und den einen oder ande­ren Miss­fal­lens­ruf aus, was der Unter­su­chungs­rich­ter jedoch mit dem gestren­gen Hin­weis unter­band, dass ein unge­lüf­te­ter Saal bei der zur Zeit wie­der umge­hen­den Grip­pe eine Todes­fal­le sei“

Der sel­be Rich­ter redet zwi­schen den Zei­len „Er ent­ließ sie dann mit der unaus­ge­spro­che­nen Ermah­nung, sich ein biss­chen zu beei­len.“

Das Lesen des Gala­ter­briefs wirk­te wohl auch unbe­wusst bei Inspek­tor Par­ker: „Mr. Par­ker gab einen ermu­ti­gen­den Laut von sich, der unter Lai­en die Funk­ti­on des pries­ter­li­chen „Ja, mein Sohn?“ hat“ 

Neben die­ser Ästhe­tik des Schreib­stils über­zeugt auch der Plot. Man erkennt schon bald, wer der Mör­der ist, doch wie soll man ihn bloß über­füh­ren? Zudem ist zumin­dest hier im Früh­werk Lord Peter alles ande­re als ein tadel­lo­ser und voll­kom­men ent­wi­ckel­ter Detek­tiv im Sin­ne eines Sher­lock Hol­mes und ver­folgt auch mal eine fal­sche Spur.

Mit Lyndal Roper im Gespräch

Ein Interview mit der Historikerin und Luther-Biographin

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Lyn­dal Roper ist eine aus­tra­li­sche His­to­ri­ke­rin, die in Groß­bri­tan­ni­en lehrt.  Ihr For­schungs­schwer­punkt ist die deut­sche Kultur‑, Reli­gi­ons- und Sozi­al­ge­schich­te der frü­hen Neu­zeit mit beson­de­rer Hin­sicht auf Geschlech­ter­rol­len, Kör­per­ge­schich­te, Sexua­li­tät und Hexen­ver­fol­gung. (aus Wiki­pe­dia). Ich las ihre Luther-Bio­gra­phie und war sehr ange­tan von der Prä­zi­si­on und Tief­grün­dig­keit der Dar­stel­lung ange­tan. Somit war ich dank­bar für die Mög­lich­keit des Inter­views. Roper ver­öf­fent­lich­te 2017 eine tief­grün­di­ge Bio­gra­phie über die kom­ple­xe Per­sön­lich­keit Luthers: Mar­tin Luther — Rene­ga­de and Pro­phet (wört­lich: Abtrün­ni­ger und Pro­phet). Roper nahm sich Zeit um auf mei­ne Fra­gen ein­zu­ge­hen. 

 

S.P.: Prof. Roper, vie­le Ihrer Bücher han­deln über Hexen und ihre Ver­fol­gung. Gibt es eine ech­te Ver­bin­dung zwi­schen Hexen und Luther?

L.R.: Ich emp­fand es als sehr erfri­schend an Luther zu arbei­ten, nach dem ich nun so lan­ge so viel Zeit in Hexen und ihre Ver­fol­gung inves­tiert habe. Natür­lich glaub­te Luther dar­an, dass Hexen wirk­lich exis­tier­ten, jedoch besaß er kei­ne „Hexen-Jäger“- Men­ta­li­tät. Wenn er krank war und an Kopf­schmer­zen oder Ver­stop­fung litt, gab er nicht den Hexen die Schuld, son­dern dem Teu­fel. Tat­säch­lich bestand er dar­auf, dass die­se Atta­cken bewei­sen, dass er auf Chris­ti Sei­te steht, denn er war wür­dig von Satan ange­grif­fen zu wer­den. Ich emp­fand die­se robus­te Gewiss­heit als Erlö­sung, nach­dem ich jah­re­lang an Hexen­jä­gern gear­bei­tet hat­te, die ent­schlos­sen waren, Frau­en und Män­ner zu fol­tern und zu ver­hö­ren, von denen sie glaub­ten, dass sie ihnen Scha­den zufü­gen wür­den.

Wenn man als His­to­ri­ke­rin an einem Hexen­pro­zess arbei­tet, hat man nur die Auf­zeich­nun­gen des Ver­hörs.  Die ange­klag­te Per­son nimmt man dann nur für einen ein­zi­gen Moment der Zeit auf. Kei­ner weiß, wie sie wirk­lich waren. Bei Luther jedoch, konn­te ich sei­nem gan­zen Leben fol­gen, ich konn­te sehen, was ande­re über ihn schrie­ben, ich konn­te sei­ne eige­ne Schrif­ten lesen, sei­ne Gesprä­che zu Tisch und sein Inter­agie­ren mit Ande­ren durch sei­ne Brie­fe. Und ich wuss­te auch, wie er aus­sieht, denn Cra­nachs Werk­statt hin­ter­ließ eine ganz beein­dru­cken­de Rei­he an Bil­dern. Wei­ter­le­sen