Wie oft erlebe ich, dass kleine Details des biblischen Berichts die Schönheit der biblischen Struktur und Erzählweise unterstreichen. Immer wieder frage ich mich, wie ich die vielen Schönheiten der biblischen Erzählweise übersehen konnte. So ist mir gerade die komplementäre Sicht auf das Gegenüber aufgefallen, mit der der Geliebte oder die Geliebte im Buch Hohelied beschrieben werden.
Der Freundin erblickt Ihren Geliebten von oben nach unten. Sie sieht erst seine Haare, dann die Augen, Wangen und Lippen seines Kopfes. anschließend gleitet ihr Blick über die Hände, den Leib auf die Beine um dann seine Gesamterscheinung wahrzunehmen.

Hohelied 5,10–15
10 Mein Geliebter ist weiß und rot, ausgezeichnet vor Zehntausenden.
11 Sein Haupt ist gediegenes, feines Gold, seine Locken sind herabwallend, schwarz wie der Rabe;
12 seine Augen wie Tauben an Wasserbächen, badend in Milch, eingefasste Steine;
13 seine Wangen wie Beete von Würzkraut, Anhöhen von duftenden Pflanzen; seine Lippen Lilien, träufelnd von fließender Myrrhe;
14 seine Hände goldene Rollen, mit Topasen besetzt; sein Leib ein Kunstwerk aus Elfenbein, bedeckt mit Saphiren;
15 seine Schenkel Säulen aus weißem Marmor, gegründet auf Untersätze aus feinem Gold; seine Gestalt wie der Libanon, auserlesen wie die Zedern;
Der Freund wiederum sieht seine Geliebte von unten nach oben. Er sieht die Schönheit Ihrer Fußtritte. Blickt auf Hüften, den Nabel, den Leib, die Brüste, den Hals. Zuletzt blickt er ins Gesicht und sieht Augen, Nase, Haare.
Hohelied 7,2–7
2 Wie schön sind deine Tritte in den Schuhen, Fürstentochter! Die Biegungen deiner Hüften sind wie ein Halsgeschmeide, ein Werk von Künstlerhand.
3 Dein Nabel ist eine runde Schale, in der der Mischwein nicht mangelt; dein Leib ist ein Weizenhaufen, umzäunt mit Lilien.
4 Deine beiden Brüste sind wie ein Zwillingspaar junger Gazellen.
5 Dein Hals ist wie ein Turm aus Elfenbein; deine Augen wie die Teiche zu Hesbon am Tor der volkreichen Stadt; deine Nase wie der Libanon-Turm, der nach Damaskus hinschaut.
6 Dein Haupt auf dir ist wie der Karmel, und das herabwallende Haar deines Hauptes wie Purpur: Ein König ist gefesselt durch deine Locken!
7 Wie schön bist du, und wie lieblich bist du, o Liebe, unter den Wonnen!

Beide Betrachter beenden Ihre Betrachtung übrigens am „Gaumen“ (Hld. 5,16 7,10), was wie die Elberfelder Bibel (CSV) in einer Fußnote wiedergibt, weniger einen Kuss im Blick hat als, die übermittelten Worte. Die Sehnsucht nach dem Gaumen meint vor allem das gemeinsame zueinander Sprechen – das Hören der Stimme des anderen(Vgl. auch Ps. 119,103).
Das Hohelied ist ein emotional triefendes Liebeslied. Selbst die verwendete Sprache ist schön um über Schönheit zu sprechen. Die Unbefangenheit, mit der über den Körper gesprochen wird, ist dabei überraschend. Die Schönheit des Leibes wird nicht als etwas Ungeistliches behandelt. Gleichzeitig geschieht dies in poetischer, persönlicher Sprache – nicht als anonyme Betrachtung, sondern innerhalb einer gegenseitigen Liebesbeziehung.
Diesen und viele weitere wertvolle Hinweise zur Schönheit biblischer Texte in der Darstellung des Menschen habe ich dem Buch „Antropologie des Alten Testaments“ von Hans Walter Wolff entnohmen.









