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„In deiner Gerechtigkeit erlöse mich“

Wann hatte Luther sein Turmerlebnis?

„Nun fühl­te ich mich ganz und gar neu­ge­bo­ren und durch offe­ne Pfor­ten in das Para­dies selbst ein­ge­tre­ten. Da zeig­te sich mir sogleich die gan­ze Schrift von einer ande­ren Sei­te. Von daher durch­lief ich die Schrift, wie ich sie im Gedächt­nis hat­te, und las auch in ande­ren Aus­drü­cken die glei­che Struk­tur [ana­lo­gia], wie: >das Werk Got­tes<, d.h. was Gott in uns wirkt, >die Kraft Got­tes<, mit der er uns kräf­tig macht, >die Weis­heit Got­tes<, mit der er uns wei­se macht, >die Stär­ke Got­tes<, >das Heil Got­tes<, >die Herr­lich­keit Got­tes<. Nun, mit wie­viel Haß ich frü­her das Wort >Gerech­tig­keit Got­tes< geh­aßt hat­te, mit um so grö­ße­rer Lie­be pries ich die­ses Wort als das für mich süßes­te; so sehr war mir die­se Pau­lus­s­tel­le wirk­lich die Pfor­te zum Para­dies. Spä­ter las ich Augus­tins »De spi­ri­tu et lit­te­ra«, wobei ich unver­hoff­ter­wei­se dar­auf stieß, daß auch er die Gerech­tig­keit Got­tes ähn­lich inter­pre­tiert: [als die Gerech­tig­keit], »mit der uns Gott beklei­det, indem er uns rechtfertigt«/1/. Und obwohl dies noch unvoll­kom­men gesagt ist und Augus­tin von der Anrech­nung [impu­ta­tio] nicht alles klar expli­ziert, gefiel es mir doch, daß die Gerech­tig­keit Got­tes gelehrt wird, mit der wir gerecht­fer­tigt wer­den“

1545, ein Jahr vor sei­nem Tod, wur­de eine Gesamt­aus­ga­be von Luthers Wer­ken ver­öf­fent­licht. Luther trug mit einer Ein­lei­tung dazu bei und blick­te dabei rück­bli­ckend auch auf sei­nen Durch­bruch zum neu­en Ver­ständ­nis der „Gerech­tig­keit Got­tes“.  Er selbst setzt dabei das Ereig­nis viel­leicht etwas über­ra­schend für das Jahr 1519 an, als er an der Aus­le­gung der Psal­men arbei­te­te.  Da Luther zwei Psal­men­vor­le­sun­gen, die ers­te 1513 bis 1515 und die zwei­te 1519 bis 1521 erar­bei­te­te, wur­de als Lösung regel­mä­ßig vor­ge­schla­gen, dass Luther hier die zwei­te Vor­le­sung mit der ers­ten rück­bli­ckend ver­wech­selt hät­te. So nennt z.B. R.H.Bainton in sei­ner zum Klas­si­ker gewor­de­nen Bio­gra­phie „Here I stand“ kein Datum, beschreibt aber das „Turm­er­leb­nis“ aus­führ­lich und expli­zit vor dem The­sen­an­schlag und ver­knüpft es mit Zita­ten aus der ers­ten Psal­men­vor­le­sung. (Ich habe sei­ne Bio­gra­phie schon län­ger im Bücher­re­gal, und war immer etwas ver­wun­dert über ein Por­trait von Luther, das gar nicht nach Luther aus­sah, bis ich ver­stand, dass die Abbil­dun­gen in der Bio­gra­phie vom Autor selbst stam­men). Ver­gleicht man zudem Luthers Rück­blick mit sei­nem Schrei­ben an Spen­lein 1516, fin­den sich span­nen­de Par­al­le­len. An Spen­lein schreibt Luther eine kla­re Bot­schaft des Evan­ge­li­ums, wie man sie sogar in sei­nem eige­nen Spät­werk oft ver­misst:

„Du leb­test hier bei uns auch in die­ser Mei­nung, viel­mehr, die­sem Irr­tum; und auch ich bin dar­in gewe­sen, ja, noch jetzt kämp­fe ich gegen die­sen Wahn und habe noch nicht aus­ge­kämpft. Dar­um, mein lie­ber Bru­der, ler­ne Chris­tus, und zwar den gekreu­zig­ten; ler­ne ihm sin­gen und in der Ver­zweif­lung an Dir selbst zu ihm zu sagen: ‚Du, Herr Jesus, bist mei­ne Gerech­tig­keit, ich aber bin Dei­ne Sün­de. Du hast auf Dich genom­men, was mein ist, und mir geschenkt, was Dein ist. Du hast auf Dich genom­men, was Du nicht warst und mir geschenkt, was ich nicht war.“

Eine frü­he Anset­zung, die auch Hein­rich Fausel in sei­nem Werk „D. Mar­tin Luther — Sein Leben und Werk“ mit 1513 angibt (Ähn­lich auch R. Frie­den­thal, der sogar eine noch frü­he­re Datie­rung dis­ku­tiert, als Luther sich aus­führ­lich mit Hebrä­isch und mit den Wer­ken Augus­tins beschäf­tigt) hat den Vor­teil, dass man von einer stil­len Rei­fe und Ent­wick­lung Luthers aus­ge­hen kann. Die Refor­ma­ti­on ist dann nicht ein plötz­li­cher Aus­bruch, der sich vor allem mit Pro­ble­men katho­li­scher Bräu­che, wie dem Ablaß­han­del aus­ein­an­der­setzt, son­dern an die Kern­fra­ge des Chris­ten­tums, ja aller Reli­gio­nen durch­dringt: Wie kann ich geret­tet wer­den?

Gegen eine frü­he Anset­zung spricht, dass Luther im Vor­wort der Gesamt­aus­ga­be sehr wohl eine rich­ti­ge Rei­hen­fol­ge der unter­schied­li­chen Vor­le­sun­gen angibt. Vom Römer­brief ging es über den Gala­ter­brief zum Hebrä­er­brief, dann schließ­lich zu den Psal­men (zum zwei­ten Mal).

Stel­len wir uns zudem die Fra­ge: „Wo war die Gemein­de vor der Refor­ma­ti­on?“, müs­sen wir letz­ten Endes zuge­ben, dass auch die mit­tel­al­ter­li­che Kir­che das Evan­ge­li­um kann­te. So berich­tet Luther regel­mä­ßig dar­über, wie sein Men­tor und Beicht­va­ter Johann von Stau­pitz, ihn immer wie­der zu Chris­tus führ­te.

„Den Dok­tor Stau­pitz muss ich rüh­men, dass er zual­ler­erst mein Vater in der Leh­re des Evan­ge­li­ums  war. Er hat mich in Chris­tus gebo­ren“ (Zitiert in Hans May­er, „Mar­tin Luther“, S. 39). In den Tisch­re­den erwähnt Luther zudem: „Ich habe mei­ne gan­ze Sache von Dok­tor Stau­pitz; der hat mir dazu ver­hol­fen“ (aus TR 1,173 vom Febraur/März 1532). Fausel führt in sei­ner Bio­gra­phie noch zahl­rei­che wei­te­re Kom­men­ta­re Luthers über den Ein­fluss Stau­pitzs her­aus. Kurz: Für Luther gab es immer ein Kon­ti­nu­um der evan­ge­li­schen Bot­schaft. Gleich­zei­tig war der Bruch auch radi­ka­ler, als es dem moder­nen Men­schen genehm ist. Dafür spricht die star­ke Pole­mik gegen Katho­li­ken (und viel­mehr auch die Ana­bap­tis­ten), aber auch die Zen­tra­li­tät sei­nes Wer­kes „vom unfrei­en Wil­len“, mit dem popu­lä­re Aus­ga­ben von Luthers Wer­ken oft so wenig anfan­gen kön­nen, dass sie es ein­fach nicht in die Samm­lung auf­neh­men, wie die sechs­bän­di­ge Aus­wahl von Karin Born­kamm oder auch die etwas älte­re zehn­bän­di­ge Cal­wer Aus­gabe zei­gen. Dabei hielt Luther sei­ne bei­den Kate­chis­men und das Buch vom unfrei­en Wil­len für sei­ne bes­ten Wer­ke.  Gleich­zei­tig erweist sich Luther als ein kon­ser­va­ti­ver Refor­mer, der vie­le Ände­run­gen Karl­stadts und Zwil­lings in Wit­ten­berg, die 152122 wäh­rend sei­nes Exils in der Wart­burg durch­ge­führt wer­den, rigi­de zurück­nimmt: Sogar der Got­tes­dienst bleibt zunächst latei­nisch. Ich den­ke, dass das sehr gut im 2003 erschie­nen Film „Luther“ fest­ge­hal­ten wird. Noch tief­grün­di­ger geht die 33 stün­di­ge „the Refor­ma­ti­on“ Vor­le­sung von Carl Tru­e­man!  Dass das Chris­ten­tum eine His­to­ri­sche Reli­gi­on ist, arbei­tet er auch sau­ber für Luthers Leben her­aus. Prä­di­kat: Sehr hörens­wert.

Dass der The­sen­an­schlag am 31ten Okto­ber nicht einen fer­ti­gen evan­ge­li­ka­len Luther bewegt, wird dadurch deut­lich, dass hier Luther weder das Papst­tum noch den Ablass selbst, son­dern vor allem den Miss­brauch des­sel­ben kri­ti­siert. Ins­ge­samt muss man sich etwas davon distan­zie­ren, dass bereits 1517 das Ide­al in Luthers Den­ken eine typisch frei­ki­rich­li­che Gemein­de des 21ten Jahr­hun­derts sei. Eine ech­te theo­lo­gi­sche Abrech­nung mit dem Katho­li­zis­mus fin­det in sei­nen drei bekann­ten Schrif­ten 1520 statt.

Ein letz­ter Hin­weis: In sei­ner lan­ge ver­schol­le­nen und iro­ni­scher­wei­se gera­de in der Biblio­thek des Vati­kan ent­deck­ten Vor­le­sung über den  Römer­brief von 15151516  bespricht Luther Römer 1,17 durch­aus evan­ge­lisch aber nicht mit dem Pathos sei­nes Rück­blicks von 1545. Er schreibt:

„Denn die Gerech­tig­keit Got­tes ist die Ursa­che des Heils, wie­der­um darf man hier unter der Gerech­tig­keit Got­tes nicht die ver­ste­hen, durch die er selbst gerecht ist in sich selbst, son­dern die, durch die wir von ihm her gerecht gemacht wer­den. Das geschieht durch den Glau­ben an das Evan­ge­li­um (…) Sie heißt Got­tes Gerech­tig­keit im Unter­schied zu der Men­schen­ge­rech­tig­keit, die aus den Wer­ken kommt“

Luthers „Turm­er­leb­nis“ ist mir  (und wahr­schein­lich vie­len Chris­ten) per­sön­lich höchst sym­pa­tisch: Jah­re­lang hader­te ich damit, dass das Evan­ge­li­um, eigent­lich noch här­te­re Ansprü­che, hat als das Gesetz. Wie kann man bloß ein voll­kom­me­nes Gewis­sen haben/fordern? Als eine Erlö­sung emp­fin­det man es dann, wenn aus vie­len „Schreck­ge­spens­tern der Bibel“ plötz­lich die schöns­ten Ver­hei­ßun­gen wer­den. Den­noch den­ke ich, dass wir Luthers Bekeh­rung zu sehr stra­pa­zie­ren, wenn wir hier eine plötz­li­che und end­gül­ti­ge Abwen­dung vom Katho­li­zis­mus zu einem „Ursprüng­li­che­ren, evan­ge­li­schem“ Glau­ben sehen. Im Grun­de rutscht er in eine Lawi­ne rein, deren Aus­maß ihm am 31 Okto­ber 1517 kaum zu erah­nen gewe­sen sein. Dass Luther aber nie ein geschmei­di­ger Evan­ge­li­ka­ler wird, wird auch aus sei­ner knall­har­ten Hal­tung zum Abend­mahl deut­lich.

Schließ­lich aber soll­te „Allein aus Glau­ben“ sein gan­zes Leben, so wie das vie­ler Chris­ten auf den Kopf stel­len. Somit den­ke ich, dass Luther 1545 rück­bli­ckend sehr wohl ein Ereig­nis sieht, des­sen end­gül­ti­ge Reich­wei­te ihm selbst erst 1519 klar wur­de.

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