Kirchengeschichte, Rezensionen
Kommentare 3

Gesichter und Geschichten der Reformation (Roland Werner und Johannes Nehlsen (Hrsg.))

Eine Stellungnahme von Alexander Seibel

Gesichter-und-Geschichten-der-Reformation-1-3Die­se Stel­lung­nah­me war wirk­lich nicht geplant. Zunächst freu­te ich mich über die­se „dicke“ Weih­nachts­ga­be Gesich­ter und Geschich­ten der Refor­ma­ti­on, Fon­tis – Brun­nen Basel. Die­ses umfang­rei­che Werk ent­hält der Anzahl der Tage eines Jah­res ent­spre­chend 366 Kurz­bio­gra­phi­en chro­no­lo­gisch zusam­men­ge­stellt, die unter dem obi­gen Titel sub­su­miert sind.

Das Buch ist lese­freund­lich auf­ge­macht und täg­lich ver­mag man dem Umfang ca. einer Sei­te ent­spre­chend etwas über Män­ner und Frau­en sowie her­aus­ra­gen­de Per­sön­lich­kei­ten der Kir­chen­ge­schich­te zu erfah­ren. Das ist eine emp­feh­lens­wer­te Idee. Es sind vie­le Bei­trä­ge inspi­rie­rend und glau­bens­stär­kend. Es ist ermu­ti­gend, wenn man liest, wie unser gro­ßer Gott und Hei­land Jesus Chris­tus sich oft genug durch schwa­che Werk­zeu­ge ver­herr­licht hat. Doch je mehr ich hin­ein­schau­te und erken­nen muss­te, wer hier aller als Vor­bild und Bei­spiel por­trä­tiert wur­de, des­to frus­trier­ter, um nicht zu sagen ent­setz­ter, wur­de ich. Es fin­den sich in die­ser Zusam­men­stel­lung nicht nur die klas­si­schen Refor­ma­to­ren und so begna­de­te Mis­sio­na­re und geist­li­che Vor­bil­der wie Ado­ni­ram Jud­son, Hud­son Tay­lor, David Living­stone, Georg Mül­ler usw., son­dern auch Mys­ti­ker, Schwär­mer und Bibel­kri­ti­ker.

So habe ich mir nun schwe­ren Her­zens vor­ge­nom­men, auf eini­ge Bei­spie­le in die­sem Buch hin­zu­wei­sen, wo man mei­ner Erkennt­nis nach Licht mit ver­klei­de­ter Fins­ter­nis ver­wech­selt hat.

Vor­weg möch­te ich hier beto­nen, dass es nicht unse­re Auf­ga­be ist zu rich­ten. Die Moti­ve kennt allein der leben­di­ge Gott und in die­ser Samm­lung von Kurz­bio­gra­phi­en gibt es Men­schen, wie oben erwähnt, deren Nach­fol­ge und Eifer nicht hin­ter­fragt wer­den soll. Wer möch­te z.B. die kom­pro­miss­lo­se Hin­ga­be eines Sad­hu Sundar Singh bezwei­feln. Hier­in ist die­ser Mann nach wie vor vor­bild­lich. Doch wehe uns, wenn wir, beson­ders in die­sen Tagen, nicht die Geis­ter prü­fen, eigent­lich alles prü­fen, wie es uns ja auch befoh­len ist. Hier ist der Wer­de­gang von Sundar Singh beson­ders erschüt­ternd.

Was ich hier auf­lis­te ist natür­lich nicht voll­stän­dig, abge­se­hen davon, dass ich von etli­chen Namen noch nie etwas vor­her gehört habe. Die­se Stel­lung­nah­me bean­sprucht auch nicht in allen Berei­chen „hieb und stich­fest“ zu sein, das wäre bei die­sem umfang­rei­chen Buch nicht mög­lich, doch möch­te ich auf eini­ge mei­ner Erkennt­nis nach beson­ders ekla­tan­te Bei­spie­le hin­wei­sen. 

Bern­hard von Clairvaux (S. 12) ist untrenn­bar mit den schreck­li­chen Ver­ir­run­gen der Kreuz­zü­ge ver­bun­den und gehört somit zu den dun­kels­ten Blät­tern der Kir­chen­ge­schich­te. So for­mu­lier­te er: „Ein Rit­ter Chris­ti tötet mit gutem Gewis­sen; noch ruhi­ger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich sel­ber; wenn er tötet, nützt er Chris­tus.“ http://u01151612502.user.hosting-agency.de/malexwiki/index.php/Bernhard_von_Clairvaux

Das erin­nert eher an Dschi­had denn an neu­tes­ta­ment­li­ches Chris­ten­tum. Unse­re Geg­ner grei­fen auch ger­ne sol­che Zita­te auf, um bibel­treue Chris­ten und Sala­fis­ten in  die sel­be Schub­la­de zu ste­cken.

Berühmt wegen sei­ner gro­ßen Rede­ga­be, stell­te Bern­hard sie in die Anwer­bung für die Kreuz­zü­ge, für die er euro­pa­weit einen Rausch der Begeis­te­rung ent­fach­te. Er pries in Brie­fen und bei sei­nen Rei­sen durch Frank­reich, Flan­dern und Deutsch­land den Kreuz­zug als etwas Gerech­tes und sogar Hei­li­ges und mun­ter­te mit allen Regis­tern der Rhe­to­rik zur Gewalt ge   gen die „Hei­den“ auf. http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Bernhard_von_Clairvaux

Es erin­nert an Joh 16,2 – 3. Es kam 1147 zum 2. Kreuz­zug, der 1149 in einer Kata­stro­phe ende­te. Bern­hard galt als glü­hen­der Mari­en­ver­eh­rer, wes­we­gen er oft mit ihr dar­ge­stellt wird. Aus Sankt Bern­hards Her­zen ist erst­mals auch jenes klei­ne Mari­en­ge­bet geflos­sen, das seit­dem unge­zähl­te Mari­en­ver­eh­rer beglückt und begna­det hat. https://www.marianisches.de/heilige-und-selige/b/bernhard-von-clairvaux/

Er muss eine Per­son von gro­ßem Fas­zi­no­sum gewe­sen sein. Bereits 1174 wur­de er hei­lig gespro­chen. Auch wenn er in die­sem Lebens­bild  als „Cha­ris­ma­ti­ker“ bezeich­net wird, jemand, der durch Kreuz­zugs­be­geis­te­rung und süße Mari­en­ge­be­te bekannt ist, soll­te nicht unbe­dingt als ein Gesicht der Refor­ma­ti­on ange­prie­sen wer­den.

Franz von Assi­si (Sei­te 16) ist für mich eine tra­gi­sche Gestalt, die es sicher­lich von Her­zen gut mein­te.  Als er 1224 am Berg von Alver­na eine Visi­on des gekreu­zig­ten Chris­tus hat­te, waren bei ihm die Wund­ma­le zu sehen. Er war übri­gens der Ers­te, bei dem sol­che Stig­ma­ta auf­tra­ten. Er  füg­te zu den vie­len Irr­leh­ren Roms damals eine wei­te­re hin­zu. Es han­delt sich um einen Jesus, der immer noch lei­det, immer noch geop­fert wird, wie es die katho­li­sche Eucha­ris­tie lehrt, immer noch blu­tet bzw. blu­ten muss. Es ist ein völ­lig ande­rer, als der, den das Wort Got­tes offen­bart. In mei­nem Hei­mat­land Öster­reich waren es nach den Jesui­ten die Fran­zis­ka­ner, die am meis­ten die Refor­ma­ti­on bekämpf­ten und Pro­tes­tan­ten und Wie­der­täu­fer aus­tilg­ten.

Ein beson­ders schlim­mer Fehl­griff ist mei­ner Ansicht nach Meis­ter Eck­hart (S. 20). Von ihm gibt es eigent­lich schon blas­phe­mi­sche Zita­te: „Wenn Gott nicht wäre, so wäre ich nicht und wenn ich nicht wäre, so wäre Gott nicht.“ Die­ses Zitat ist eine „fata­le Umkeh­rung“ und lehrt, dass der „abso­lu­te Geist [Gott] im mensch­li­chen Geist zum Bewusst­sein sei­ner selbst kommt.“ Die Bibel jedoch lehrt, dass zwi­schen dem end­li­chen und unend­li­chen Geist, zwi­schen dem Men­schen und Gott, ein Gegen­satz besteht. Hel­mut Lam­par­ter, Prü­fet die Geis­ter, Aus­saat-Ver­lag, Wup­per­tal, 1961, S.75 – 76.

„Dar­um bit­te ich Gott, dass er mich Got­tes quitt mache, denn mein wesent­li­ches Sein ist ober­halb von Gott …“ Meis­ter Eck­hart, Q413,29, zitiert in Wil­li­gis Jäger, Wie­der­kehr der Mys­tik. Das Ewi­ge im Jetzt erfah­ren, Frei­burg im Breis­gau: Her­der, 2004, S. 152.

Er ist eine Art „Urva­ter“ der Mys­ti­ker, gemäß deren Ver­ständ­nis man Gott im Grun­de sei­ner See­le fin­det, tra­ge doch jeder Mensch den soge­nann­ten gött­li­chen Fun­ken in sich. Der Mys­ti­ker bzw. Schwär­mer kann sich ohne Wort Got­tes bei Gott „ando­cken“, er braucht sich nur in sich ver­sen­ken, um angeb­lich tie­fer mit Gott Gemein­schaft zu haben. Kon­tem­pla­ti­on und „Medi­ta­ti­on“ sind des­we­gen bevor­zug­te The­men inner­halb die­ser Strö­mun­gen. Emp­foh­len wer­den dann eine pas­si­ve Stil­le, Atem­übun­gen oder die Vor­stel­lung eines unend­li­chen Oze­ans, in den es ein­zu­tau­chen gilt.

Die Mys­ti­ker fin­den Gott nicht pri­mär in sei­nem Wort son­dern in ihrem tiefs­ten See­len­grund, in den gewöhn­lich über eine pas­si­ve Stil­le hin­ein­ge­taucht wird. Ein beson­ders extre­mes Bei­spiel ist Thors­ten Hebel. Er hat zwar inzwi­schen offen in sei­nem Buch „Frei­schwim­mer“ bekannt, wie er sei­nen Glau­ben an Gott ver­lo­ren hat, prak­ti­ziert nun dafür die Gegen­wart Got­tes durch Medi­ta­ti­on. „Nein, das ist christ­li­che Mys­tik. Ich neh­me mir jetzt etwa drei­mal die Woche medi­ta­ti­ve Aus­zei­ten. Ich… ver­su­che in mich hin­ein­zu­ge­hen. Ich bade in der Prä­senz Got­tes: Gott in dir und du in Gott. Es geht weni­ger um den Ver­stand, son­dern dar­um, die Prä­senz Got­tes zu spü­ren und zu erle­ben. … Ich rede über Sex mit Gott … dann kommt Gott ganz zärt­lich, es ist wie ein Kraft­strom.“ ide­aS­pek­trum 6/2016.

Der Mys­ti­ker möch­te Gott spü­ren, füh­len, manch­mal sogar rie­chen oder genie­ßen bzw. schau­en.

Die Refor­ma­ti­on stell­te das Wort wie­der­um in den Mit­tel­punkt. Der mys­ti­sche Schwär­mer sucht den Geist neben oder gar außer­halb der Bibel und ver­traut einem inne­ren Wort. Die von ihm emp­foh­le­ne Stil­le ist nicht ein inten­si­ves Nach­den­ken bzw. Medi­tie­ren über Got­tes Wort (Psalm 1), son­dern ein sich Ent­lee­ren mit einem pas­si­ven Ver­stand, oft ver­bun­den mit einer bestimm­ten Atem­tech­nik und der Auf­for­de­rung, die Gedan­ken abzu­stel­len. Aus dem per­sön­li­chen Gegen­über und der ver­trau­ten Zwie­spra­che mit dem leben­di­gen Gott wird eine Metho­de bzw. Tech­nik, zum Bei­spiel das Atem- oder Her­zens­ge­bet, das beson­ders Bru­der Lorenz emp­foh­len bzw. ange­wandt hat. Georg Wal­ter, Evan­ge­li­ka­le und die Mys­tik, Beta­ni­en-Ver­lag, 2013, S. 52. Die Gegen­wart Got­tes wird „prak­ti­ziert“ und man glei­tet damit ahnungs­los in ein magi­sches Welt­bild. Es erin­nert an Matth. 6,7 und ist jeden­falls das Gegen­teil von der Wach­sam­keit, zu der uns der Herr Jesus in sei­nen Abschieds­re­den so oft ermahnt (z.B. Mark 13,33 – 37).

Auf ähn­li­cher mys­ti­scher Wel­len­län­ge ist auch Johan­nes Tau­ler (S. 22), des­sen Leh­rer nie­mand ande­rer als der berühm­te Domi­ni­ka­ner Meis­ter Eck­hart war. „So pre­dig­te er die Ein­heit mit Gott im Sin­ne der Deut­schen Mys­tik“. Es ist dies übri­gens der typi­sche Klos­ter­geist, der inzwi­schen auch immer mehr im evan­ge­li­ka­len Lager beson­ders über Kom­mu­ni­tä­ten sich aus­brei­tet.

Als jemand, der sel­ber halb­in­tern im katho­li­schen Klos­ter war, ist mir die­se Atmo­sphä­re nicht unbe­kannt.

Eines der stärks­ten mys­ti­schen Medi­en ist für mich Tere­sa von Avi­la (S. 73), und die Tat­sa­che, dass sie nun auch im evan­ge­li­ka­len Lager immer mehr Bewun­de­rer und Anhän­ger fin­det, sehe ich mit wach­sen­der Sor­ge. Denn vie­le gro­ße »Hei­li­gen« der katho­li­schen Kir­che waren tat­säch­lich irre­ge­führ­te Medi­en einer frem­den Macht und hat­ten Sym­pto­me von (zeit­wei­li­ger) Beses­sen­heit. So litt Tere­sa von Avi­la dau­ernd an Ohren­sausen und Schwin­del­an­fäl­len; sie konn­te fast zwei Jahr­zehn­te kaum essen. Herz­at­ta­cken und Ner­ven­schmer­zen führ­ten nahe­zu zum Tode. Tere­sa hat­te Höl­len­vi­sio­nen. Eber­hard Straub, „Das Expe­ri­ment einer See­le mit Gott“, FAZ, 2. Okt. 1982, Nr. 228.

Ihre bekann­tes­te Visi­on war die soge­nann­te Trans­ver­be­ra­ti­on, die Durch­boh­rung ihres Her­zens. „Ich sah einen Engel neben mir, an mei­ner lin­ken Sei­te, und zwar in leib­li­cher Gestalt, was ich sonst kaum ein­mal sehe. […] Er war nicht groß, eher klein, sehr schön, mit einem so leuch­ten­den Ant­litz, daß er allem Anschein nach zu den ganz erha­be­nen Engeln gehör­te, die so aus­se­hen, als stün­den sie ganz in Flam­men. […] Ich sah in sei­nen Hän­den einen lan­gen gol­de­nen Pfeil, und an der Spit­ze die­ses Eisens schien ein wenig Feu­er zu zün­geln. Mir war, als stie­ße er es mir eini­ge Male ins Herz, und als wür­de es mir bis in die Ein­ge­wei­de vor­drin­gen. Als er es her­aus­zog, war mir, als wür­de er sie mit her­aus­rei­ßen und mich ganz und gar bren­nend vor star­ker Got­tes­lie­be zurück­las­sen. Der Schmerz war so stark, daß er mich […] Kla­gen aus­sto­ßen ließ, aber zugleich ist die Zärt­lich­keit, die die­ser unge­mein gro­ße Schmerz bei mir aus­löst, so über­wäl­ti­gend, daß noch nicht ein­mal der Wunsch hoch­kommt, er möge ver­ge­hen, noch daß sich die See­le mit weni­ger als Gott begnügt. Es ist dies kein leib­li­cher, son­dern ein geis­ti­ger Schmerz, auch wenn der Leib durch­aus Anteil dar­an hat, und sogar ziem­lich viel.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Teresa_von_%C3%81vila#Geistliche_Erfahrung

Ich bezweif­le kei­nen Moment die Fak­ti­zi­tät die­ser Erleb­nis­se. Mir ist es jedoch immer noch ein Rät­sel, wie man solch offen­sicht­li­che Phä­no­me­ne aus der Geis­ter­welt nicht durch­schau­en will und als gött­lich erklärt. Hier ist der „Engel des Lichts (2. Kor. 11,13 – 14) kaum getarnt.

„Sie erzähl­te u.a. dass sie das Gefühl über­mann­te, bei ihren Visio­nen stran­gu­liert zu wer­den. Als eif­ri­ge katho­li­sche Non­ne hat­te sie wenig Respekt für die Pro­tes­tan­ten. Sie war über­zeugt, dass die­se auf­grund ihrer Ableh­nung des Paps­tes und der katho­li­schen Mes­se ver­flucht sei­en.“ Georg  Wal­ter, Evan­ge­li­ka­le und die Mys­tik, Beta­ni­en-Ver­lag, 2013, S. 191.

Geor­ge Fox (S. 88) war ein beein­dru­cken­der Pio­nier in sei­nem Stre­ben nach reli­giö­ser Tole­ranz und Frei­heit, der ganz sicher­lich nach sei­nen Idea­len leben woll­te. Vie­les war in sei­nem Ver­hal­ten vor­bild­lich. Das ent­bin­det uns aber nicht von dem Auf­trag, sol­che Phä­no­me­ne zu prü­fen, die sich bei ihm öfters zeig­ten. So heißt es in die­sem Por­trät: Häu­fig, wenn der Geist über ihn kam, über­fiel ihn ein Zit­tern und er sprach ohne Rück­sicht auf Ort oder Zuhö­rer­schaft. Sei­ne Anhän­ger wur­den bald „qua­kers“ — „Zit­te­rer“ — genannt (S. 88).

Die Ver­fech­ter des Toron­to-Segens berie­fen sich mit ihren Phä­no­me­nen nur all­zu ger­ne auf die­sen Grün­der der Quä­ker, unter des­sen Ver­kün­di­gung Men­schen anfin­gen zu zit­tern und sich zu schüt­teln. Bei aller schon erwähn­ten Ach­tung vor der mora­li­schen Inte­gri­tät und dem sozia­len Anlie­gen die­ses Man­nes und sei­ner Anhän­ger, soll­te man aber auch wis­sen, dass Geor­ge Fox die Kir­che, das Amt und schließ­lich sogar die Bibel als Auto­ri­tät ver­wor­fen hat. Er war davon über­zeugt, dass nur eine „inne­re Sal­bung“ die Voll­macht zur Ver­kün­di­gung geben wür­de.

„Jesus Chris­tus wur­de ihm im Gegen­satz zum Auto­ri­täts­glau­ben an die Bibel der ech­te Leh­rer, der das inne­re Licht als die ‚Saat Got­tes‘ auf­ge­hen läßt. Die Frei­heit Got­tes, sich nach sei­nem Ermes­sen zu offen­ba­ren, hat (so Geor­ge Fox) die mensch­li­che Frei­heit von Bibel, Dog­ma und kirch­li­cher Insti­tu­ti­on zur Fol­ge. Ech­ter Got­tes­dienst kann nur im War­ten auf die unbe­re­chen­ba­re Offen­ba­rung bestehen.“ Die Reli­gi­on in Geschich­te und Gegen­wart“ Bd. 2, Mohr, Tübin­gen 1986, S. 1010 .

Auch hier zeigt sich, wie bedenk­lich es ist, Män­ner und Frau­en der Kir­chen­ge­schich­te unbe­küm­mert ob ihrer theo­lo­gi­schen Irr­tü­mer als Zeu­gen für ein „neu­es“ Phä­no­men zu zitie­ren.

Auch Ger­hard Ters­tee­gen kann­te so ein Zit­tern und wird des­we­gen ger­ne von Ver­tre­tern solch direk­ter Inspi­ra­tio­nen ange­führt.

Ernst Bud­de­berg hat wegen der damals in die Gemein­schafts­be­we­gung ein­ge­bro­che­nen Zun­gen-bewe­gung war­nend dar­ge­legt: Gott will durch sein offen­bar­tes Wort mit uns ver­keh­ren. — Die Schwär­me­rei will dar­über hin­aus „inne­res“ Wort Got­tes haben und rich­tet ein neu­es Pro­phe­ten­tum mit auto­ri­ta­ti­ver Gewalt auf. b) Gott will durch sei­nen Sohn mit uns ver­keh­ren. — Die Schwär­me­rei löst den Geist von der Per­son Chris­ti. f) Gott tut uns sei­nen Wil­len vor­nehm­lich kund durch sein Wort, durch die Lebens­füh­rung und durch erfah­re­ne Chris­ten- — Die Schwär­me­rei will nur unmit­tel­bar vom Geist gelei­tet wer­den.Zitiert bei Paul Fleisch: „Die Pfingst­be­we­gung in Deutsch­land“, Fee­sche Ver­lag Han­no­ver 1957, S. 170.

Mehr als frag­wür­dig ist für mich Jean­ne Marie Guyon (S. 96). Sie ver­trat eine eben­so mys­ti­sche wie stre­cken­wei­se gegen­re­for­ma­to­ri­sche Fröm­mig­keit. So war sie Vor­ste­he­rin eines Klos­ters in der Nähe von Genf, in dem pro­tes­tan­ti­sche Töch­ter und Neu­ka­tho­li­kin­nen im katho­li­schen Glau­ben (!) erzo­gen und gegrün­det wer­den soll­ten. Es ging von einem Klos­ter zum ande­ren.

In schwär­me­ri­scher Gefühlser­grif­fen­heit nann­te sie Jesus ihren divin epoux (himm­li­schen Bräu­ti­gam) ähn­lich wie die Mari­en­schwes­tern. Ent­schei­dend war für sie der Rat eines stark der Mys­tik erge­be­nen Fran­zis­ka­ners: Madam, das kommt daher, daß Sie drau­ßen suchen, was Sie in Ihrem Inne­ren haben. Gewöh­nen Sie sich dar­an, Gott in Ihrem Her­zen zu suchen, und Sie wer­den ihn dar­in fin­den.“ Aus Real-Enzy­klo­pä­die für pro­tes­tan­ti­sche Theo­lo­gie und Kir­che, Band 5, Leip­zig, 1879, S. 480.

Also Gno­sis oder wie man heu­te sagen wür­de, New Age. Wie oben dar­ge­legt, Gott als der Urgrund alles Seins und somit das Gegen­teil von Röm. 7,18.

In ihrer Auto­bio­gra­phie erklärt Madam Guyon: Ich schrei­be nicht aus mei­nem Geis­te, son­dern durch den inne­ren Geist. Griff ich zur Feder, so wuss­te ich kein Wort von dem, was ich schrei­ben wür­de; und auch nach­her nicht, was ich geschrie­ben hat­te. Es floß – im Strö­men des inne­ren Lichts – gleich­sam aus der Tie­fe her­vor. Und nahm nicht den Weg über den Kopf. Die Geschwin­dig­keit, mit der ich schrieb, war so groß, daß mein Arm anschwoll und ganz steif wur­de… Ich schrieb Tag und Nacht unun­ter­bro­chen, wobei die Hand kaum Schritt hal­ten konn­te mit dem dik­tie­ren­den Geist. Wäh­rend die­ser Arbeit benutz­te ich nie ein Buch. Ein Schrei­ber konn­te in fünf Tagen kaum abschrei­ben, was ich in einer ein­zi­gen Nacht geschrie­ben hat­te.“ „Wäh­rend ich schrieb, sah ich, daß ich über Din­ge schrieb, die ich nie gese­hen hat­te, und daß Schät­ze an Wis­sen und Erkennt­nis in mir schlum­mer­ten, von denen ich nichts ahn­te.“ Kurt Hut­ten, Seher Grüb­ler Enthu­si­as­ten, Quell Ver­lag Stutt­gart, 1982, S. 620.

Trotz die­ses so offen­sicht­lich klas­si­schen Phä­no­mens des auto­ma­ti­schen Schrei­bens, wie man es im from­men Spi­ri­tis­mus und eben nicht in der Bibel kennt, hat­te und hat sie noch immer gro­ßen Ein­fluss auf das pro­tes­tan­ti­sche und pie­tis­ti­sche Lager. Man wird an 2. Kor. 11,4 bzw. an Luk. 11,35 erin­nert.

Jona­than Paul (S. 364) war sicher­lich ein begna­de­ter Man und begab­ter Ver­kün­di­ger. Durch sei­nen gro­ßen Ein­fluss aller­dings kam es am Beginn des vori­gen Jahr­hun­derts nach dem Ein­bruch des Pfingst­geis­tes zu der Tren­nung von der Gemein­schafts­be­we­gung und zur Ent­ste­hung der Mühl­hei­mer Bewe­gung. Bekannt ist von ihm die Irr­leh­re des rei­nen Her­zens. Noch tra­gi­scher sind sei­ne letz­ten Wor­te, die sein Schwie­ger­sohn Hein­rich Vie­theer berich­tet. „Ehe Pas­tor Paul heim­ging, rief er uns und alle die Mis­si­ons­ge­schwis­ter, die gera­de in mei­nem Mis­si­ons­hau­se anwe­send waren, zusam­men und sag­te uns: Ich war am Bahn­hof der Ewig­keit, und die Tür war mir ver­schlos­sen, und es wur­de mir gesagt: Du hast von dem Gift der alten Schlan­ge getrun­ken.“ Hein­rich Vie­theer, Unter der guten Hand Got­tes, S. 152.

Smith Wiggles­worth (S. 378) war es, der über David du Ples­sis, genannt Mr. Pen­te­cost, 1936 weis­sag­te, er wer­de die Pfingst­bot­schaft in alle Kir­chen, ein­schließ­lich der Katho­li­schen tra­gen. Für die­sen Brü­cken­schlag nach Rom wur­de du Ples­sis von der dama­li­gen Pfingst­ge­mein­de aus­ge­schlos­sen. Zu jener Zeit wuss­te prak­tisch noch jeder aus dem nicht­ka­tho­li­schen Lager, dass die Papst­kir­che nicht die Kir­che Chris­ti sein kann und sol­che Füh­run­gen nicht vom Hei­li­gen Geist stam­men. Die­ses Wis­sen ist inzwi­schen immer mehr am Ver­duns­ten.

Sogar in die­sem Bei­trag wird zuge­ge­ben, dass Wiggles­worths Metho­den mit­un­ter unor­tho­dox waren. Gemäß „Apg. 19,12 seg­ne­te er Taschen­tü­cher, damit sie Kran­ken zu Hau­se auf­ge­legt wer­den kön­nen“ (S. 379). Ähn­li­ches prak­ti­ziert auch Peter Wenz in sei­nem Gos­pel Forum. „Ich ken­ne vie­le Bei­spie­le, wo wir den Kran­ken Tücher unter den Kopf leg­ten, und am nächs­ten Mor­gen waren sie gesund.“ ide­aS­pek­trum 46/2006

Es zeigt ein zutiefst magi­sches Ver­ständ­nis vom Wir­ken des angeb­lich Hei­li­gen Geis­tes.

In Wiggles­worths Bio­gra­phie wird berich­tet, wie er einer angeb­lich beses­se­nen Frau zwecks „Befrei­ung“ die Faust in den Magen schlug, mit dem Hin­weis, der Schlag gel­te nicht ihr, son­dern dem Dämon. Also die Ver­wechs­lung von Sicht­ba­rem mit Unsicht­ba­rem. Es erin­nert an heid­ni­sche Metho­den des Exor­zis­mus, wo man die­se armen Opfer noch phy­sisch miss­han­delt.

Die dama­li­gen Lei­ter von Gna­dau hat­ten also Grund, vor die­sem Mann zu war­nen, in dem sich ganz offen­sicht­lich from­mer Spi­ri­tis­mus mit Bibel ver­misch­te. Doch wovor die Väter noch gewarnt haben, wird inzwi­schen in unse­ren Tagen von füh­ren­den Grö­ßen der Alli­anz will­kom­men gehei­ßen.

Albert Schweit­zer (S. 428) gehört mit sei­ner Geschich­te der Leben-Jesu-For­schung zu den schlimms­ten Bibel­kri­ti­kern über­haupt. Dazu nur ein Zitat aus die­sem Werk aus dem Jah­re 1906: „Der Jesus von Naza­reth, der als Mes­si­as auf­trat, die Sitt­lich­keit des Got­tes­rei­ches ver­kün­de­te, das Him­mel­reich auf Erden grün­de­te und starb, um sei­nem Wer­ke die Wei­he zu geben, hat nie exis­tiert. Es ist eine Gestalt, die vom Ratio­na­lis­mus ent­wor­fen, vom Libe­ra­lis­mus belebt und von der moder­nen Theo­lo­gie in ein geschicht­li­ches Gewand geklei­det wur­de“.

Schweit­zer war zwei­fel­los ein hoch­be­gab­ter Mann, doch dadurch wird er mit sei­ner rigo­ro­sen Kri­tik an Gott und sei­nem Wort nur gefähr­li­cher. Die Bibel nennt Men­schen mit solch einer Ein­stel­lung, auch wenn ihnen die Welt die aka­de­mi­schen Titel und sogar den Nobel­preis zu Füßen legt, die elends­ten unter den Men­schen­kin­dern (1. Kor. 15,19). Wel­che Maß­stä­be gel­ten heu­te unter den soge­nann­ten Evan­ge­li­ka­len? Wenn das Beur­tei­lungs­kri­te­ri­um ein vor­bild­li­ches Leben ist, das sich für ande­re ein­setzt, könn­te dann nicht auch Mahat­ma Gan­dhi unter den Gesich­tern der Refor­ma­ti­on  auf­schei­nen? Doch gera­de ein­ge­denk der vor 500 Jah­ren begin­nen­den Refor­ma­ti­on soll­te die Devi­se lau­ten „Die Schrift allein“, zurück zu Gott und sei­nem Wort.

Albert Schweit­zer in die­ser Auf­lis­tung zu fin­den, zeigt nur, wie sehr post­mo­der­nes und plu­ra­lis­ti­sches Den­ken bereits unse­re Rei­hen infil­triert hat, wie sehr, — jeden­falls bei eini­gen — huma­nis­ti­sche und nicht mehr geist­li­che, vom Wort allein her bestimm­te Maß­stä­be auch from­me Beur­tei­lung beein­flusst.

Ähn­lich über­rascht bis leicht fas­sungs­los war ich, als ich auf Pierre Teil­hard de Char­din (S. 450) stieß. Er gilt mit sei­nem Buch „Der Mensch im Kos­mos“ als der Vater der New Age-Bewe­gung. Gespeist von einer Visi­on einer bren­nen­den Hos­tie, die schließ­lich das gan­ze Uni­ver­sum erfasst und als gro­ßer Ver­eh­rer der katho­li­schen Maria pro­pa­gier­te die­ser jesui­ti­sche Pries­ter den kos­mi­schen Chris­tus. Es ist ein pan­the­is­ti­scher Jesus, der ein kos­mi­sches Bewusst­sein ver­mit­teln soll.

Teil­hard de Char­din lehr­te, dass Gott das Bewusst­sein des Uni­ver­sums sei, dass alles eins ist, und dass alles eine Evo­lu­ti­on zu einer grö­ße­ren Erleuch­tung hin, zu einem höchs­ten Punkt der Voll­kom­men­heit durch­macht. Er bezeich­ne­te die­se Voll­kom­men­heit als Chris­tus, den Geist der Erde, und als den Punkt Ome­ga. Er war glü­hen­der Evo­lu­tio­nist und sprach viel von Chris­tus, aber sein Chris­tus war nicht der Chris­tus der Bibel, also wie­der­um eine trau­ri­ge Erfül­lung von 2. Kor. 11,4. Teil­hard de Char­din ver­stand sich aber auch als Pan­the­ist. Durch sei­ne Wer­ke ver­mit­tel­te er die in der New Age-Bewe­gung um sich grei­fen­de Über­zeu­gung, auf die Mensch­heit war­te ein uni­ver­sel­ler evo­lu­tio­nä­rer Quan­ten­sprung, der sie auf mys­ti­scher Ebe­ne mit Gott, Natur, Mate­rie und auch mit sich selbst ver­eint.

Für Teil­hard war Mys­ti­zis­mus das Herz wah­rer Reli­gi­on und im Prin­zip ein pan­the­is­ti­scher Glau­be an die Ein­heit des Uni­ver­sums. „Ohne Mys­ti­zis­mus kann es kei­ne för­der­li­che Reli­gi­on geben: und es kann kei­nen gut begrün­de­ten Mys­ti­zis­mus ohne den Glau­ben an eine Ver­ei­ni­gung des Uni­ver­sums geben.“ “The Road of the West: To a New Mys­ti­cism,” cited from Ursa­la King, Spi­rit of Fire, S. 141

Teil­hard de Char­din beschrieb sei­ne Medi­ta­ti­ons­pra­xis als „in das inners­te Selbst ein­zu­ge­hen, in die tiefs­ten Abgrün­de. … Bei jedem Schritt in die Tie­fe wur­de eine neue Per­son in mir offen­bar, deren Namen ich mir nicht sicher war zu ken­nen, und die mir nicht län­ger gehorch­te.“ The Divi­ne Milieu, Ben­zin­ger, 1990, S. 76.

Mehr als deut­lich kann man hier erken­nen, wie die Mys­tik alle kon­fes­sio­nel­len und reli­giö­sen Gren­zen über­springt. Der Mys­ti­ker ist gewöhn­lich auch ein lei­den­schaft­li­cher “Pro­phet” der Ein­heit und dem­entspre­chend ist der “Tod­feind” der Mys­tik die bibli­sche Leh­re. Doch der Kampf um Dog­men ist heu­te mega­out und mit dem Hin­weis auf die Pha­ri­sä­er bzw. toten Buch­sta­ben­glau­ben wer­den War­nun­gen vor der Mys­tik und gewis­sen “bese­li­gen­den Erfah­run­gen” zurück­ge­wie­sen.

Zwar passt die Erwäh­nung von Teil­hard de Char­din in die­sem Buch eini­ger­ma­ßen zu dem der­zeit herr­schen­den auch evan­ge­li­ka­len Zeit­geist bzw. zu zuneh­men­der Durch­blicks­lo­sig­keit. Doch letzt­lich ist für mich sei­ne Anwe­sen­heit, ähn­lich wie die von Albert Schweit­zer, in einem Werk, das auch die begna­dets­ten Män­ner und Frau­en der Kir­chen­ge­schich­te auf­lis­tet, unge­fähr so, als wären in nahr­haf­ten Spei­sen nun etli­che Dosen von Zyan­ka­li bei­ge­mischt. Aller­dings ist es genau das, was sich heu­te auch in den meis­ten evan­ge­li­ka­len Ver­la­gen vor­fin­det. Von Vit­ami­nen bis Strych­nin, von geist­li­chen bis New Age-Büchern ist alles vor­han­den bzw. auf­ge­tischt.

Afri­ka­ni­scher Ani­mis­mus ver­mischt mit eini­gen Bibel­ver­sen ergibt recht schnell „cha­ris­ma­ti­sche“

Phä­no­me­ne. Der Vater der cha­ris­ma­ti­schen Bewe­gung auf deut­schem Boden, Arnold Bitt­lin­ger, mach­te fol­gen­de Beob­ach­tun­gen: Im Zuge mei­ner Nach­for­schun­gen begann ich mich für die afri­ka­ni­schen unab­hän­gi­gen Kir­chen zu inter­es­sie­ren, wo ich eine har­mo­ni­sche Ver­mi­schung von tra­di­tio­nel­len afri­ka­ni­schen und christ­li­chen Ele­men­ten vor­fand. Als ich ent­deck­te, daß vie­le cha­ris­ma­ti­sche Ele­men­te die­ser Kir­chen ihre Wur­zel in vor­christ­li­chen Tra­di­tio­nen hat­ten, begann ich auch nach cha­ris­ma­ti­schen Ele­men­ten in ande­ren Reli­gio­nen Aus­schau zu hal­ten. Ich ent­deck­te, daß vor allem die Cha­ris­ma­ta der „Hei­lung“ und der „Pro­phe­zei­ung“ in sol­chen Reli­gio­nen manch­mal über­zeu­gen­der waren als in der cha­ris­ma­ti­schen Erneue­rungs­be­we­gung — wenigs­tens soweit sie von der nord­ame­ri­ka­ni­schen Art des Chris­ten­tums beein­flußt ist. Im Scha­ma­nis­mus fand ich fas­zi­nie­ren­de Par­al­le­len zu dem Dienst Jesu, den ich immer mehr als einen Arche­ty­pus des Scha­ma­nen erkann­te. Bezüg­lich „Hei­lung“ war ich beson­ders beein­druckt durch den ganz­heit­li­chen Zugang zur Hei­lung, den ich unter den India­nern fand. Das hat mich moti­viert, solch einen Zugang auch für unse­re christ­li­chen Hei­lungs­diens­te zu ermög­li­chen. Arnold Bitt­lin­ger, Inte­gra­ting Other Reli­gious Tra­di­ti­ons into Wes­tern Chris­tia­ni­ty, S. 96-97.

Hier wird eigent­lich ziem­lich unge­schminkt fest­ge­stellt, aus wel­chen Quel­len die auch bei uns immer belieb­ter wer­den­den Hei­lungs­diens­te und pro­phe­ti­schen Gaben­auf­brü­che tat­säch­lich gespeist wer­den.

Jeden­falls wur­de ich an die­ses Zitat erin­nert, als ich den Bei­trag über Simon Kim­ban­gu (S. 470) las. Wenig Bibel­kennt­nis, dafür aber Visio­nen, Hand­auf­le­gun­gen und Hei­lun­gen, so, als wür­de man sol­che Phä­no­me­ne nicht zur Genü­ge bei den Zau­ber­pries­tern und Medi­zin­män­nern ken­nen. Dann jedoch scheint man beein­druckt von den gro­ßen Wachs­tums­zah­len. Eine Bewe­gung, die sogar Mil­lio­nen Anhän­ger um sich scha­ren konn­te, kann ja nur “die Kraft Got­tes, die gro­ße sein” (Apg. 8,10). Dass bei sol­chen häu­fig schnell­wach­sen­den Strö­mun­gen oft ein gro­ßes lehr­mä­ßi­ges Durch­ein­an­der herrscht, wird in die­sem Bei­trag sogar erwähnt. „In den letz­ten Jah­ren wird die­se Kir­che jedoch vom Macht­wahn ihrer Lei­ten­den, den Nach­kom­men Kim­ban­gus, gegän­gelt. Sie haben sich samt dem Grün­der zu Per­so­nen der gött­li­chen Drei­ei­nig­keit erklärt“ (S. 471).

Explo­si­ons­ar­ti­ges Wachs­tum ver­bun­den mit schlimms­ten Irr­leh­ren und Macht­ge­ba­ren, das kann man in die­sen Län­dern immer wie­der beob­ach­ten. Beson­ders beliebt ist die Bezeich­nung Pro­phet oder Apos­tel, getra­gen von einem beson­de­ren Sen­dungs­be­wusst­sein. Dem­entspre­chend groß ist die Ehr­furcht, die man ihnen ent­ge­gen­bringt. Wer nicht über die Hei­lungs­ga­be ver­fügt, hat so gut wie kei­ne Auto­ri­tät.

Wie ein Step­pen­brand brei­tet sich in sol­chen Län­dern das Wohl­stands­evan­ge­li­um aus, von Cha­ris­ma­ti­kern oft als Beleg gro­ßer Erwe­ckun­gen unse­rer Tage ange­se­hen, in Wirk­lich­keit ein ver­hee­ren­der Damm­bruch.

Sad­hu Sundar Singh (S. 484)

Als Jung­be­kehr­ter hat mich sei­ne Bio­gra­phie sehr beein­druckt. Sei­ne Nach­fol­ge war vor­bild­lich und er gilt in Indi­en für die Chris­ten die­ses Sub­kon­ti­nents als “Patron saint”, als Schutz­hei­li­ger.

Wegen die­ser unver­gleich­li­chen Hin­ga­be und des exem­pla­ri­schen Lebens­stils hielt man sei­ne außer­ge­wöhn­li­chen Erleb­nis­se, Träu­me, Visio­nen und Ent­rü­ckun­gen in die jen­sei­ti­ge Welt für gött­lich. Sein Buch “Gesich­te aus der jen­sei­ti­gen Welt” begeis­ter­te Evan­ge­li­ka­le, Pfingst­ler, aber auch die Anhän­ger der ‚Kir­che des neu­en Jeru­sa­lems‘. Sie schick­ten Sundar Singh die Bücher ihres Grün­ders und Geis­ter­se­hers Ema­nu­el Swe­den­borg, den man pro­blem­los als den Vater des moder­nen Spi­ri­tis­mus bezeich­nen kann, auf jeden Fall den größ­ten Spi­ri­tis­ten des 18. Jahr­hun­derts.

Sundar Singh war hoch­er­freut und ant­wor­te­te in einem Brief: Swe­den­borg war ein gro­ßer Mann, ein Phi­lo­soph, Wis­sen­schaft­ler und vor allem ein Seher kla­rer Gesich­te. Ich spre­che oft mit ihm in mei­nen Visio­nen. … Nach­dem ich sei­ne Bücher gele­sen habe und mit ihm in der geis­ti­gen Welt in per­sön­li­che Bezie­hung gekom­men bin, kann ich ihn unbe­dingt als einen gro­ßen Seher emp­feh­len.  In einem Brief vom 12. Nov. 1928 schrieb Sundar Singh: Ja, ich habe den ver­ehr­ten Swe­den­borg in mei­nen Gesich­ten mehr­mals gese­hen. Er ist eine sehr lie­bens­wer­te Per­sön­lich­keit und hat im Him­mel eine hohe Stel­lung inne; A.J. Appa­s­a­my, Sundar Singh, Ver­lag Fried­rich Rein­hardt AG., Basel, S. 271 u. 273.

Bei die­sen Aus­sa­gen nun hät­te man mer­ken kön­nen, dass die­ser hin­ge­ge­be­ne Zeu­ge Jesu dank sei­ner Ein­ge­bun­gen in dem Spi­ri­tis­mus ver­strickt war. Doch hat man die­se anstö­ßi­gen Stel­len in Bio­gra­phi­en gewöhn­lich weg­ge­las­sen und damit die arg­lo­sen Gläu­bi­gen ver­führt. Eine Fäl­schung, die das Ech­te genau­er imi­tiert, ist des­we­gen nicht bes­ser, son­dern nur gefähr­li­cher.

Hier zeigt sich nun am deut­lichs­ten der Unter­schied zwi­schen der Inten­ti­on jener neo-evan­ge­li­ka­len Her­aus­ge­ber die­ses hier rezen­sier­ten Buches und mei­ner Beto­nung. Es wer­den die­se Offen­ba­run­gen und Phä­no­me­ne ver­gli­chen mit den Erfah­run­gen des Apos­tels Pau­lus und als Begrün­dung wird gewöhn­lich eine Bibel­stel­le, hier 2. Kor. 12,2, ange­führt. Doch tat­säch­lich ist man in der Geis­ter­welt gelan­det, im blan­ken Spi­ri­tis­mus. Und das ist nun wirk­lich kei­ne Klei­nig­keit oder Neben­sa­che, ob am Ende des Lebens Para­dies oder Hades steht. Es geht letzt­lich um Höl­le oder Para­dies, Leben oder Tod. Wer hier ver­sucht zu ver­mit­teln oder Brü­cken zu bau­en, ist, auch bei bes­ten Absich­ten, die zu beur­tei­len uns nicht zusteht, letzt­lich ein Werk­zeug der Ver­füh­rung.

Doch ist dies lei­der ziem­lich genau das, was sich in unse­ren Tagen abspielt. Man hat Ein­ge­bun­gen und hört Stim­men, pro­pa­giert hören­des oder pro­phe­ti­sches Gebet und über­klebt es mit einer Bibel­stel­le. Man nennt es bei­spiels­wei­se die Gabe der Pro­phe­tie oder Erkennt­nis, wäh­rend es tat­säch­lich Hell­se­he­rei ist. Man spricht von Gabe der Hei­lung und „belegt“ sei­ne magi­schen Hei­lungs­hand­lun­gen mit 1. Kor. 12 oder Apg. 19,12 und in Wirk­lich­keit sind es die wirk­sa­men Kräf­te der Ver­füh­rung (2. Thess. 2,11).

Es ist schon Jah­re her, als ich Fried­rich Hänssler frag­te, war­um er die zwei­te Auf­la­ge von Fri­so Mel­zers Buch „Sad­hu Sundar Singh“ ver­hin­dern woll­te. Fri­so Mel­zer hat nicht zufäl­lig hier eine geis­ti­ge Ver­wandt­schaft mit die­sem indi­schen Hei­li­gen emp­fun­den. Die Ant­wort lau­te­te: „Ich muss­te fest­stel­len, dass den Löwen­an­teil die­ses Buches die Deut­sche Gesell­schaft für Para­psy­cho­lo­gie bestellt hat­te.“

Und ich möch­te all denen, die mei­nen, mit sol­chen Impul­sen und Ein­ge­bun­gen die Gemein­den zu berei­chern, ins Stamm­buch schrei­ben: Wenn Sundar Singh betro­gen wer­den konn­te, des­sen Hin­ga­be für mich immer noch bewun­derns­wert ist, dann kann auch jeder von uns ver­führt wer­den, falls wir so töricht sind, auf inne­re Bil­der, Ein­drü­cke, Träu­me und über­na­tür­li­che Erfah­run­gen zu ach­ten. Dies beson­ders in unse­ren Tagen, wo wir es mit einer regel­rech­ten Okkult­in­va­si­on zu tun haben. Dem­entspre­chend wer­den sol­che Ein­ge­bun­gen und „Inspi­ra­tio­nen“ immer belieb­ter, auch in unse­ren Krei­sen.

Fast pro­phe­tisch haben Evan Roberts und Jes­sie Penn-Lewis in dem Klas­si­ker „War on the Saints“ dies schon vor 100 Jah­ren vor­weg­ge­nom­men, was sich heu­te abspielt: Wie vie­le las­sen sich z.B. beim Beten in pas­si­ves, apa­thi­sches ‚War­ten auf Gott’  hin­ein­sin­ken oder brin­gen ihren Geist absicht­lich zum Schwei­gen, um ‚Ein­drü­cke von oben’ zu emp­fan­gen, die sie für gött­li­che Offen­ba­run­gen hal­ten. Jes­sie Penn-Lewis „Der bedroh­te Christ“, Exo­dus, S. 141 – 142.

Noch ein wei­te­res Zitat aus die­sem “Klas­si­ker”: Es gibt heu­te vie­le Betro­ge­ne unter den Auf­rich­tigs­ten und Bes­ten, weil sie nicht wis­sen, daß Satan ein Heer betrü­ge­ri­scher Geis­ter ent­sandt hat, um Got­tes Volk zu ver­füh­ren, und daß den geist­li­chen Glie­dern der Gemein­de eine beson­de­re Gefahr aus dem Bereich des Über­na­tür­li­chen droht. Denn von dort flüs­tern die Ver­füh­rer ihre „geist­li­chen“ Leh­ren allen denen zu, die „geist­lich“ d.h. für geist­li­che Din­ge offen sind, und beson­ders den zum Leh­ren Beru­fe­nen. Und sie suchen ihre Irr­tü­mer mit Wahr­heit zu ver­mi­schen, um sie glaub­wür­di­ger zu machen“ Jes­sie­Penn-Lewis, Evan Roberts, War on the Saints“,  »Kampf nicht mit Fleisch und Blut«, S. 22 – 23.

Vor Her­mann Zaiss (S. 486) haben die Väter noch deut­lich gewarnt. So schrieb der begna­de­te Ver­kün­di­ger Wil­helm Busch einen war­nen­den Arti­kel über den „Hei­lungs­die­ner“ Her­mann Zaiss, unter aus­drück­li­cher Beru­fung auf die Ber­li­ner Erklä­rung: „Die Brü­der haben damals in den Stür­men jener Zeit zwei­er­lei gelernt: 1. Der Teu­fel kann sich ver­stel­len in einen Engel des Lichts, wie die Bibel sagt. Es kann also gesche­hen, dass eine Bewe­gung den Namen ‚Jesus’ rühmt und doch einen ‚frem­den’ Geist, ein ‚frem­des’ Feu­er (3. Mose 10) hat. 2. Wun­der bewei­sen nichts. Denn nach Offen­ba­rung 13,13 tut auch der Geist aus dem Abgrund Wun­der… Nein! Mit die­sem Geist wol­len wir nichts zu tun haben … Unser Herz schreit nach Erwe­ckung. Aber nicht auf die­sem Weg der alten, wie­der neu auf­ge­leg­ten Pfingst­be­we­gung. Nein! Auf die­sem Wege nicht!“ Ger­hard Jor­dy, Die Brü­der­be­we­gung in Deutsch­land, Teil 2., Brock­haus Ver­lag, S. 80 – 81)

Doch wovor frü­her gewarnt wur­de, wird inzwi­schen hofiert bzw. ver­harm­lost. Ähn­li­ches hat sich im Bereich der Moral bzw. Ethik, die ja der wah­re Grad­mes­ser geist­li­cher Kraft sind, abge­spielt. Abtrei­bung und För­de­rung von Homo­se­xua­li­tät wur­den frü­her bestraft, heu­te belohnt. Inzwi­schen ist auch das evan­ge­li­ka­le Lager stre­cken­wei­se mora­lisch so dege­ne­riert, dass man dar­über ernst­haft debat­tie­ren muss, ob man prak­ti­zier­te Homo­se­xua­li­tät nicht nur tole­rie­ren, son­dern auch akzep­tie­ren soll­te.

In die­sem Bei­trag wer­den auch Zaiss‘ erstaun­li­chen Kran­ken­hei­lun­gen gewür­digt (S. 487). Der ehe­ma­li­ge Alli­anz­vor­sit­zen­de Dr. Rolf Hil­le erklär­te im Zusam­men­hang mit der Vor­stel­lung, im soge­nann­ten voll­mäch­ti­gen Evan­ge­li­um sei Hei­lung mit inbe­grif­fen: Zwar sei für Chris­ten die Schuld­fra­ge dadurch geklärt, dass Jesus Chris­tus Sün­den ver­ge­be, jedoch blei­be die Fra­ge nach Glück und Wohl­erge­hen im irdi­schen Leben offen. Die cha­ris­ma­ti­sche Bewe­gung sei für ihn in die­ser Hin­sicht „die tra­gischs­te Bewe­gung in der Geschich­te der Kir­che“, so Hil­le. Sie schei­te­re an einer feh­ler­haf­ten Bibel­aus­le­gung, da sie Hei­lung als Nor­mal­fall und Krank­heit als Aus­nah­me­fall anse­he. Der Wunsch nach Wie­der­her­stel­lung des Para­die­ses erfül­le sich jedoch nicht in die­sem Leben. ide­aS­pek­trum 362009, S. 14.

Mit die­ser lei­der tra­gischs­ten Bewe­gung der Kir­chen­ge­schich­te ver­sucht man nun auch immer mehr unse­re Krei­se zu „erwe­cken.“ Das soll mit kei­ner Sil­be hei­ßen, dass Gott nicht heu­te auch hei­len kann. Doch hier geht es um eine fal­sche Exege­se. Wie mir Hel­mut Hel­ling, der sel­ber 10 Jah­re Pas­tor einer Pfingst­ge­mein­de war und sich dann distan­zier­te, in einem pri­va­ten Gespräch wört­lich sag­te: „Ich kann­te vie­le, die an ihrem Glau­ben gestor­ben sind.“

Auf Sei­te 574 wird Mut­ter Basi­lea (Kla­ra Schlink) vor­ge­stellt. Wie­der­um wol­len wir deut­lich zwi­schen Per­son und Leh­re unter­schei­den, doch ich hal­te den von ihr gegrün­de­ten Orden für eine der schlimms­ten Psy­cho­sek­ten der Neu­zeit. Ehe­ma­li­ge Mit­glie­der haben bekannt­ge­ge­ben, was sich in den beson­de­ren Offen­ba­run­gen der „Licht­stun­den“ abspiel­te. So erklär­te die­ser „Jesus“ der Mari­en­schwes­tern angeb­lich von sei­ner Mut­ter Maria: Mei­ne Mut­ter ist wie eine gol­de­ne Brücke…Sie kennt die ver­bor­gens­ten Wege der Lie­be mei­nes Her­zens und bringt das auch den Men­schen nahe‘.“ „Und ich weiß, daß der Herr Jesus auch unter uns immer gebe­ten hat und gesagt: Mein Opfer genügt heu­te nicht mehr! Ich brau­che so vie­le Opfer­see­len noch dazu; die Sün­de und das Grau­en hat solch ein Aus­maß ange­nom­men.“ Wer redet da eigent­lich? Das Mini­mum des Evan­ge­li­ums besagt doch, dass mit dem „Es ist voll­bracht“ alles bezahlt wor­den ist.

An ande­rer Stel­le ermahnt die­ser „Jesus“: „Betet den Rosen­kranz!“. In einem Schluss­ge­bet vom 18. Mai 1982 sag­te Kla­ra Schlink: „Ja, wir dan­ken Dir auch, unse­rer Mut­ter Maria, daß Du so viel Schmer­zen jetzt durch­lei­dest, so viel Schmach…Dein Herz ist wirk­lich durch­bohrt und wund von lau­ter Lei­den und Schmer­zen. Du bist wirk­lich die Schmer­zens­mut­ter heu­te.“ Das alles ist nur die Spit­ze des Eis­ber­ges. (Alle Zita­te aus „Inter­ne Schrif­ten der Mari­en­schwes­tern­schaft“, die im Rah­men einer Staats­ar­beit zum Teil ver­öf­fent­licht wur­den unter dem Titel Christ­li­che Exis­tenz zwi­schen Evan­ge­li­um und Gesetz­lich­keit“, Mari­an­ne Jans­son  und Riit­ta Lem­me Tyinen, im Ver­lag Peter Lang / Euro­päi­scher Ver­lag der Wis­sen­schaf­ten, Ber­lin,  New York, Paris 1997).

Es ist ein­leuch­tend, war­um die Mari­en­schwes­tern mit gericht­li­cher Kla­ge droh­ten, falls die­se „Ein­ge­bun­gen“ und Chris­tus­vi­sio­nen, wie ursprüng­lich geplant, von idea doku­men­tiert wor­den wären. Auch der blau­äu­gigs­te Schwär­mer hät­te dann zur Kennt­nis neh­men müs­sen, dass dies nun doch nicht biblisch ist, auch bei groß­zü­gigs­ter öku­me­ni­scher Deu­tung. Jeder hät­te rea­li­sie­ren kön­nen, wie Mut­ter Basi­lea einem Irr­geist auf­ge­ses­sen ist.

Dabei hat­te Kla­ra Schlink ein­mal eif­rig begon­nen, beflü­gelt von dem Wunsch, Jesus ganz zu die­nen. Doch über Ters­tee­gens Buch Leben hei­li­ger See­len, wo lei­der vie­le katho­li­sche Mys­ti­ker als Vor­bil­der vor­ge­stellt wer­den und von die­sem pie­tis­tisch gepräg­ten Mys­ti­ker nicht durch­schaut wur­den, fas­zi­nier­te sie das Leben der Tere­sa von Avi­la, die sie zu imi­tie­ren such­te. Es ist eine tra­gi­sche Ent­wick­lung und sie ist nicht die ein­zi­ge, die über Ters­tee­gen in eine mys­ti­sche Rich­tung stol­per­te. Wie in dem Klas­si­ker „War on the Saints“ dar­ge­legt wird, sind vie­le Sek­ten und Irr­strö­mun­gen durch eif­ri­ge Män­ner und Frau­en ent­stan­den, von denen die ande­ren Gläu­bi­gen sinn­ge­mäß sag­ten, „der Bru­der oder die Schwes­ter sind so hin­ge­ge­ben an den Herrn, sie kön­nen nicht betro­gen sein.“

Kla­ra Schlink ent­wi­ckel­te eine Lei­dens­mys­tik, die sich immer mehr von der refor­ma­to­ri­schen Erkennt­nis der Erlö­sung aus Gna­de allein ent­fern­te. Etli­che Cha­ris­ma­ti­ker schwär­men jedoch bis heu­te von den Mari­en­schwes­tern und so heißt es auch in die­sem Buch zur Refor­ma­ti­on: Ihr Ver­mächt­nis ist von bren­nen­der Aktua­li­tät (S. 575).

Zwei ehe­ma­li­ge Mari­en­schwes­tern haben dann noch ein Buch ver­fasst „Wenn Mau­ern fal­len“, wo eben­falls auf­ge­zeigt wur­de, welch ein knech­ti­scher Geist in die­ser Kom­mu­ni­tät herrsch­te. Es ist eine Erfül­lung – lei­der – von 2. Kor. 11,4 und 11,20. Der dama­li­ge Alli­anz­vor­sit­zen­de Rolf Hil­le schrieb noch das Vor­wort zu die­sem Buch. Doch auch hier wie­der, wovon sich die Alli­anz noch vor rela­tiv kur­zer Zeit distan­zier­te, wird inzwi­schen von unse­rem post­mo­der­nen Zeit­geist will­kom­men gehei­ßen.

Wegen gewis­ser Par­al­le­len zu den Mari­en­schwes­tern neh­me ich den Bei­trag zu dem Ehe­paar Wal­ter und Han­na Hüm­mer (S. 604) vor­weg. Sie grün­de­ten 1949 die Chris­tus­bru­der­schaft Sel­bitz. Es wird die „pro­phe­ti­sche“ Gabe der Frau Hüm­mer erwähnt und wie man im Raum der Stil­le die Stim­me Got­tes hören kann.

Auch hier spiel­ten beson­de­re Offen­ba­run­gen bzw. Ein­ge­bun­gen der Frau Mut­ter, Han­na Hüm­mer, eine ent­schei­den­de Rol­le. So hieß es wört­lich im Zusam­men­hang mit den „Stil­len Zei­ten der Frau Mut­ter“: Direkt­wei­sung Got­tes. Sie kom­men senk­recht von oben, unmit­tel­bar, direkt. … Das ist ja das Unfass­ba­re: Gott ent­äu­ßert sich in die Stil­len Zei­ten der Frau Mut­ter hin­ein, in dies irde­ne Gefäß hin­ein. Ja man kann sagen, Gott nimmt Knechts­ge­stalt an und wird an Gebär­den wie ein Mensch. Got­tes Wort kommt über das irde­ne Gefäß der Frau Mut­ter. Sie ist nur Kanal, sie ist pas­siv. Bru­der Micha­el, Jung­ge­schwis­ter­stun­de, 31. 12. 74, The­ma: „Stil­le Zeit“

Also ähn­lich wie bei den Mari­en­schwes­tern mein­te man, unter der Lei­tung beson­ders begna­de­ter Gefä­ße des Herrn zu ste­hen. Die­sen Ein­ge­bun­gen darf auch nicht wider­spro­chen wer­den, habe doch der Herr direkt durch jene so ent­schie­den hin­ge­ge­be­nen Schwes­tern gere­det. Wer dann aller­dings die­se Beru­fun­gen bzw. Ein­ge­bun­gen in Fra­ge stellt, konn­te eine ande­re Sei­te der from­men Medail­le ken­nen­ler­nen. Es gibt ja kei­ne ande­re Erklä­rung als Unge­hor­sam, denn wie kann man dem wider­spre­chen, was Gott angeb­lich direkt mit­ge­teilt hat? Wie mir der Bru­der wört­lich sag­te, der eine Zeit­lang in Sel­bitz dabei war und mir die­se Kor­re­spon­denz und Unter­la­gen vor Jahr­zehn­ten in die Hand drück­te: „Sie haben Har­pu­nen in mei­ne See­le geschos­sen.“

White­field sag­te in einer im Jah­re 1746 ver­öf­fent­lich­ten Pre­digt  vor einer Gemein­de in Neu­eng­land:  Es macht das Wesen der Schwär­me­rei aus, daß sie vom Geist Got­tes ohne das Wort geführt sein will; Bene­dikt Peters, Geor­ge White­field, CLV, 1997, S. 221 Die Bibel dient dann oft nur als Fei­gen­blatt, das inne­re angeb­lich direk­te Wort hat viel mehr Gewicht und Über­zeu­gungs­kraft.

Sel­bitz hat auch vor eini­ger Zeit gemäß einer idea-Mel­dung gemein­sam mit ande­ren Kom­mu­ni­tä­ten erklärt, wie sie sich durch­aus den Papst als Ober­haupt der christ­li­chen Kir­che vor­stel­len kön­nen.  Also unge­schmink­te Gegen­re­for­ma­ti­on. Luther wür­de sich im Gra­be umdre­hen.

Fri­so Mel­zer (S. 598) befass­te sich sehr mit der Mys­tik und emp­fahl sei­nen Stu­den­ten an der dama­li­gen FETA sogar, die Exer­zi­ti­en des Igna­ti­us von Loyo­la zu prak­ti­zie­ren. Loyo­la war der Grün­der des Jesui­ten­or­dens, vol­ler Chris­tus- und Mari­en­vi­sio­nen, und wur­de zum schlimms­ten Werk­zeug der Gegen­re­for­ma­ti­on.

Das Rosen­kranz­ge­bet sah Mel­zer eher posi­tiv und schrieb dazu: „Viel­mehr lie­gen hier

Mög­lich­kei­ten des betrach­ten­den Gebets, das den Beter bis in die Medi­ta­ti­on hin­ein­füh­ren, in ihr erhal­ten kann.“ Medi­ta­ti­on in Ost und West, Stutt­gart 1957, Evan­ge­li­sches Ver­lags­werk, S. 99.

Mehr als unge­wöhn­lich sind sei­ne Vor­schlä­ge, auf einen Toten­schä­del zu medi­tie­ren: „Damit erschließt sich uns eine im Mit­tel­al­ter voll­zo­ge­ne Übung: Der From­me hat einen Toten­schä­del vor- sich hin­ge­stellt (damals war das noch mög­lich) — er tritt gegen Abend oder des Nachts vor ihn hin und prägt sich ein, daß auch von ihm ein­mal nichts wei­ter als sol­che Kno­chen übrig blei­ben wer­den. Aber — und das unter­schei­det ihn von Übun­gen ähn­li­cher Art, etwa im Bud­dhis­mus — er hat die­sen Toten­schä­del so auf­ge­stellt, daß er unter dem Cru­zi­fi­xus steht.“ Kon­zen­tra­ti­on Medi­ta­ti­on Kon­tem­pla­ti­on, Kas­sel 1974, Stau­da, S. 100.

Somit besteht der ein­zi­ge Unter­schied zu einer Übung, wie sie im Bud­dhis­mus häu­fig prak­ti­ziert wird, nur dar­in, dass ein Kru­zi­fix dar­über ange­bracht ist.

Für das Wort „Medi­ta­ti­on“ wähl­te er den Begriff „Inne­rung“. Er warnt bei sol­chen Tech­ni­ken vor einer fal­schen Art der Atmung und vor Gegen­stän­den, die als Objekt der Besin­nung nicht ange­bracht sei­en, etwa: „Was mir als Spit­ze gegen­über­steht, geht durch sol­che Übung in mich ein und stärkt das Spit­zi­ge in mir (ein Ergeb­nis, das doch gewiß nicht gewünscht ist).“ Kon­zen­tra­ti­on Medi­ta­ti­on Kon­tem­pla­ti­on, a.a.O., S. 33.

Fri­so Mel­zer war ein hoch­be­gab­ter und fas­zi­nie­ren­der Mann, der beson­ders in der Schweiz vie­le ent­schei­den­de Leu­te u.a. durch Bild­me­di­ta­ti­on zu einer öku­me­nisch mys­ti­schen bis cha­ris­ma­ti­schen Fröm­mig­keit „inspi­rier­te“. Sei­ne Tech­ni­ken ziel­ten viel eher in Rich­tung Gegen­re­for­ma­ti­on, man den­ke nur an die emp­foh­le­nen Exer­zi­ti­en eines Igna­ti­us von Loyo­la, denn Refor­ma­ti­on.

Sogar Hel­mut Goll­wit­zer (602) scheint in die­ser kun­ter­bun­ten Lis­te von Kurz­bio­gra­phi­en auf. Als Zeit­zeu­ge weiß ich noch, wie er bei der Beer­di­gung von Rudi Dutsch­ke sag­te: „Gott hat es gut mit dir gemeint!“

Viel­leicht bin ich schon zu alt, aber wie man so etwas von die­sem 68er-Chao­ten an sei­nem Lebens­en­de sagen kann und sich dabei als Pfar­rer und Christ ver­steht, bekom­me ich nun doch nicht auf die Rei­he. Georg Hun­te­mann nann­te die 68er-Revol­te den Auf­stand der Scham­lo­sen. Der Abschaum der Mensch­heit trat den lan­gen Marsch durch die Insti­tu­tio­nen an. Dass man laut Jesus „an der Frucht den Baum erkennt“, scheint in unse­rer Zeit der post­mo­der­nen Wei­te kaum von Bedeu­tung zu sein. Man fragt sich, wie weit die Ver­ne­be­lung in unse­ren Tagen und Rei­hen bereits fort­ge­schrit­ten ist.

Was wür­den wir sagen, wenn ein Pfar­rer am Gra­be von Roland Freis­ler erklärt hät­te: „Gott hat es gut mit dir gemeint!“? Aller­dings passt Goll­wit­zer immer bes­ser zu einer Chris­ten­heit, die viel­leicht noch pie­tis­tisch betet, aber mar­xis­tisch, auf jeden Fall huma­nis­tisch denkt.

Ähn­lich absurd ist für mich die Erwäh­nung von Mut­ter Tere­sa (S. 610). Sie lehn­te das Evan­ge­li­um ab und bestand dar­auf, dass jeder nach sei­ner eige­nen „Fas­son“ selig wer­den soll.

Mut­ter Tere­sa schrieb, „wir ver­such­ten nie, jene, die Hil­fe [von Mis­sio­na­ries of Cha­ri­ty] erhiel­ten, zum Chris­ten­tum zu bekeh­ren, son­dern wir geben in unse­ren Wer­ken Zeug­nis für die Lie­be von Got­tes Gegen­wart, und wenn Katho­li­ken, Pro­tes­tan­ten, Bud­dhis­ten oder Agnos­ti­ker des­we­gen bes­se­re Men­schen wer­den – ein­fach bes­ser – sind wir zufrie­den“ Mother Tere­sa, Life in the Spi­rit: Reflec­tions, Medi­ta­ti­ons and Pray­ers, pp 81 – 82.

Mut­ter Tere­sas Ein­satz für die Armen in Kal­kut­ta und vie­len ande­ren Orten ver­dient unse­re Ach­tung und unse­ren Respekt. Doch sie war völ­lig in die katho­li­schen Irr­leh­ren und dem­entspre­chen­den Aber­glau­ben ver­strickt. Die kon­ser­va­tiv-katho­li­sche Süd­ti­ro­ler Tages­zei­tung „Dolo­mi­ten“ zitier­te noch 1998 mit Stolz Mut­ter Tere­sa: „Ich habe mit Jesus einen Ver­trag abge­schlos­sen, daß er für jede Foto­gra­fie, die man von mir macht, eine See­le aus dem Fege­feu­er in den Him­mel holen muß. Er war damit ein­ver­stan­den.“ Mit die­ser Art „Evan­ge­li­um“ aller­dings haben die Hin­dus tat­säch­lich wenig Pro­ble­me.

Was jemand mit solch erz­ka­tho­li­schen Über­zeu­gun­gen in einem Buch zum The­ma Refor­ma­ti­on zu suchen hat, bleibt das Geheim­nis der neo-evan­ge­li­ka­len Her­aus­ge­ber bzw. Auto­ren.

Ähn­lich son­der­bar ist für mich die Erwäh­nung des Trap­pis­ten­mönchs Tho­mas Mer­ton (S. 634). Er war eigent­lich mehr Bud­dhist als Christ. Nun wird sogar in die­sem Werk erwähnt, dass er sich „um den Dia­log von Chris­ten­tum und öst­li­chen reli­giö­sen Tra­di­tio­nen bemüh­te“ (S. 635).

Vor allem die katho­li­schen Wüs­ten­vä­ter hat­ten Mer­ton fas­zi­niert. Er war einer der ers­ten katho­li­schen Mön­che in den USA, die den Zen Bud­dhis­mus sowie ande­re kon­tem­pla­ti­ve Metho­den und Phi­lo­so­phi­en des Ostens stu­dier­ten und eine Ver­bin­dung zu den katho­li­schen Wüs­ten­vä­tern her­stell­ten, die seit dem Ende des drit­ten nach­christ­li­chen Jahr­hun­derts gewirkt hat­ten. Mer­ton mach­te Aus­sa­gen wie „Ich sehe kei­nen Unter­schied zwi­schen dem Bud­dhis­mus und dem Chris­ten­tum… Ich will ein so guter Bud­dhist wie mög­lich wer­den.“ David Steindl-Rast, „Recollec­tion of Tho­mas Merton’s Last Days in the West“, Monastic Stu­dies, 7:10, 1969.

Ein New Age Gelehr­ter, der Mer­ton bewun­dert, sag­te: „Der Gott, den er [Mer­ton] im Gebet erkann­te, ist der glei­che Gott, den Bud­dhis­ten in ihrer Erleuch­tung erfah­ren.“ Bri­an C. Tay­lor, Set­ting the Gos­pel Free, New York, NY: Con­ti­nu­um Publi­shing, 1996, p. 76.

Wie­der­um stellt sich die Fra­ge, was ein vom Bud­dhis­mus mys­tisch erleuch­te­ter Mönch in einem Buch zum The­ma Refor­ma­ti­on zu suchen hat? Was wür­den wir dazu sagen, wenn der SPD-Vor­sit­zen­de in die Gale­rie gro­ßer Sozi­al­de­mo­kra­ten Franz Josef Strauß ein­füg­te?

Tho­mas Mer­ton ist aller­dings in gewis­ser Hin­sicht nicht zu tren­nen von Hen­ri Nou­wen (S. 706),

der zwar in der Auf­lis­tung des bespro­che­nen Buches spä­ter folgt, doch wegen der Geis­tes­ver­wandt­schaft hier nach­fol­gend erwähnt wird. Nou­wen war ein katho­li­scher Mys­ti­ker des 20. Jahr­hun­derts, der auch fern­öst­li­che Medi­ta­ti­on bejah­te und über­zeugt war, dass Men­schen auch ohne Glau­ben an Jesus Chris­tus geret­tet wür­den.

Nou­wen ver­fass­te ein Buch über sei­nen gro­ßen Men­tor mit dem Titel Tho­mas Mer­ton: Con­tem­pla­ti­ve Cri­tic. Dar­in erwähnt er die „neue Sicht“, zu der ihm Mer­ton ver­hol­fen hat und erläu­tert, dass Mer­ton und sein Werk „einen der­ar­ti­gen Ein­fluss“ auf sein Leben hat­te, dass er die Per­son war, die ihn am meis­ten inspi­rier­te.Hen­ri J.M. Nou­wen, Thomas Mer­ton: Con­tem­pla­ti­ve Cri­tic, San Fran­cis­co, CA: Har­per & Row Publishers, 1991, Tri­umph Books Edi­ti­on, p. 3.

Nicht zuletzt durch den Ein­fluss von von Tho­mas Mer­ton kommt Hen­ri Nou­wen zu der Erkennt­nis:

„Der Gott, der in unse­rem inne­ren Hei­lig­tum wohnt, ist der­sel­be, der im inne­ren Hei­lig­tum eines jeden Men­schen wohnt.“ Hen­ri Nou­wen, Here and Now — Living in the Spi­rit, Cross­road Publi­shing Co., S.22 „Heu­te glau­be ich, obwohl Jesus kam, um die Tür zu Got­tes Haus zu öff­nen, dass alle Men­schen durch die­se Tür gehen kön­nen, ob sie Jesus ken­nen oder nicht. Heu­te sehe ich es als mei­ne Beru­fung, jeder Per­son zu hel­fen, ihren eige­nen Weg zu Gott in Anspruch zu neh­men.“ Hen­ri Nou­wen, Sab­ba­ti­cal Jour­ney, 1998, S.51.

Man kann es immer wie­der beob­ach­ten: Mys­ti­zis­mus neu­tra­li­siert die Unter­schie­de in der Leh­re, indem man die Wahr­heit der Schrift auf dem Altar mys­ti­scher Erfah­run­gen opfert. Mys­ti­zis­mus bie­tet eine gemein­sa­me Grund­la­ge, und angeb­lich ist die Gött­lich­keit in allem das ver­bin­den­de Ele­ment. Im Prin­zip ein ver­schie­den stark gefärb­ter Pan­the­is­mus.

Nou­wen erläu­tert nun, dass Mer­ton von dem LSD-abhän­gi­gen Autor Aldous Hux­ley beein­flusst wur­de, der „ihn auf eine höhe­re Erkennt­nis­ebe­ne“ brach­te und „einer von Mer­tons Lieb­lings-auto­ren“ war. Hen­ri J.M. Nou­wen, Thomas Mer­ton: Con­tem­pla­ti­ve Cri­tic, San Fran­cis­co, CA: Har­per & Row Publishers, 1991, Tri­umph Books Edi­ti­on, p. 19 – 20.

Hux­leys Buch, Ends and Means, brach­te Mer­ton zum ers­ten Mal „in Kon­takt mit dem Mys­ti­zis­mus.“ Ibid., p. 20. Mer­ton schreibt: „Er [Hux­ley] war sehr bele­sen und hat­te eine tie­fe und scharf­sin­ni­ge Ein­sicht in alle Arten christ­li­cher und ori­en­ta­li­scher Lite­ra­tur über Mys­tik, und er kam zu der erstaun­li­chen Ein­sicht, dass all dies weit davon ent­fernt war, ledig­lich Träu­me­rei oder Magie oder Schar­la­ta­ne­rie zu sein, son­dern es war sehr real und sehr auf­schluss­reich.“ibid.

Aldous Hux­ley gilt auch als Vater der Dro­ge, beson­ders für die stu­den­ti­sche Welt, durch sein Essay „The Doors of Per­cep­ti­on“ (Die Pfor­ten der Wahr­neh­mung). Er beschreibt in die­sem 1954 erschie­ne­nen Werk die Aus­wir­kun­gen von hal­lu­zi­no­ge­nen Dro­gen wie LSD und Mes­ka­lin auf das mensch­li­che Bewusst­sein und öff­ne­te sich inten­siv für die Mys­tik.

Der Mann, der Aldous Hux­ley mit der Dro­ge in Ver­bin­dung brach­te, war Aleis­ter Crow­ley, der als der größ­te Satans­ma­gi­er des 20. Jahr­hun­derts gilt. Hux­ley wur­de 1929 von ihm in den „Isis-Ura­nia Temp­le of Her­metic Stu­dents of the Gol­den Dawn“ ein­ge­führt. Kurz vor sei­nem Tod ließ sich Aldous Hux­ley von sei­ner zwei­ten Ehe­frau Lau­ra 100 Mikro­gramm LSD ver­ab­rei­chen. Er woll­te auf einem Trip ster­ben. Sei­ne Frau las ihm dabei aus dem Tibe­ta­ni­schen Toten­buch vor.

Man kann es tat­säch­lich beob­ach­ten, was sich in unse­ren Tagen aus­brei­tet! Dro­ge, Magie, Okkul­tis­mus und Per­ver­si­on auf der einen, Mys­tik und zuneh­men­de „Erleuch­tun­gen“, Pro­phe­zei­un­gen und schwär­me­ri­sche „Erwe­ckun­gen“ auf der andern Sei­te.

Hen­ri Nou­wen hat­te bis an sein Lebens­en­de mit Depres­sio­nen zu kämp­fen und er war einer der ers­ten katho­li­schen Pries­ter, der homo­se­xu­el­le Emp­fin­dun­gen ver­tei­dig­te. Der Bio­graph Micha­el Ford kommt zu dem Schluss, dass der Pries­ter Nou­wen auch kli­ni­scher Psy­cho­lo­ge war und „Carl Jungs Sicht ver­stand, dass homo­se­xu­el­le Men­schen oft vol­ler reli­giö­ser Gefüh­le waren, was eine Spi­ri­tua­li­tät schuf, die sie für Offen­ba­rung sen­si­bel mach­te.“ Micha­el Ford, Woun­ded Pro­phet — A Por­trait of Hen­ri J. M. Nou­wen, Dart­man, Long­man and Todd, Lon­don, 1999, S.226.

Auch der Ver­such, sei­ne homo­se­xu­el­len Gefüh­le und Nei­gun­gen mit Hil­fe der Ver­sen­kung in eine Iko­ne „für Chris­tus zu hei­li­gen“, konn­ten ihn nie ganz von sei­nen Nei­gun­gen befrei­en.Micha­el Ford, Woun­ded Pro­phet — A Por­trait of Hen­ri J. M. Nou­wen, Dart­man, Long­man and Todd, Lon­don, 1999, S.154

Maria nimmt für Nou­wens geist­li­ches Leben eine beson­de­re Stel­le ein. Der popu­lä­re

Bene­dik­ti­ner­pa­ter Anselm Grün schreibt im Vor­wort zu Nou­wens Buch Unser hei­li­ges Zen­trum fin­den über des­sen Ver­hält­nis zu Maria: „Für Hen­ri Nou­wen ist Maria Beglei­te­rin auf dem Weg zum inne­ren Zen­trum, zum inne­ren Ort der Stil­le und des Schwei­gens, zum Ort, in dem Jesus wohnt, zum Ort, in dem Gott in uns gebo­ren wird.“ Hen­ri J. M. Nou­wen, Unser Hei­li­ges Zen­trum fin­den, Vier-Tür­me-Ver­lag, Müns­ter­schwarz­bach, 2008, S. 8 – 9, 11.

Hen­ri Nou­wen, der eine „natür­li­che Affi­ni­tät zur Spi­ri­tua­li­tät und Kul­tur der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kir­che“  Micha­el Ford, Woun­ded Pro­phet — A Por­trait of Hen­ri J. M. Nou­wen, Dart­man, Long­man and Todd, Lon­don, 1999, S.21 hat­te, war in Bezug auf die Evan­ge­li­ka­len der Ansicht, dass es ihnen an der „mys­ti­schen Dimen­si­on des spi­ri­tu­el­len Lebens fehl­te, obgleich sie eif­rig, hin­ge­ge­ben und Wort-zen­triert waren.“ (Ebd. S. 47) In der Spi­ri­tua­li­tät Nou­wens spiel­ten Iko­nen eine beson­de­re Rol­le: „Iko­nen schu­fen für ihn einen Ein­blick in den Him­mel. Wie die west­li­che Spi­ri­tua­li­tät durch den Hei­li­gen Bene­dikt das Hören beton­te, stell­te die öst­li­che Spi­ri­tua­li­tät durch die byzan­ti­ni­schen Väter das Betrach­ten in den Mit­tel­punkt: das Anschau­en die­ser hei­li­gen Bil­der eines ewi­gen Geheim­nis­ses mit gan­zer Aufmerksamkeit.“(Ebd. S. 158)

In einem Rund­brief der Jesus-Bru­der­schaft Gna­den­thal heißt es unter der Über­schrift „Iko­nen-Malen“: „Wer die Iko­ne schaut, schaut in ihr Chris­tus.“ Kom­mu­ni­tät Gna­den­thal „Haus der Stil­le“ Jah­res­plan 1991 Das ist natür­lich ein ande­rer Chris­tus, als der des Wor­tes. Die Bibel kennt nicht zufäl­lig das Bil­der­ver­bot.

Es erin­nert an eine Aus­sa­ge Luthers: „Denn wo man das Wort fal­len läßt und außer dem Wort nach Chris­tus tap­pet, so ergreift man den Teu­fel.“ Luther zur Mari­en­ver­eh­rung, aus Signal Nr. 139, S. 10.

Hen­ri Nou­wen ist viel­leicht der ein­fluss­reichs­te katho­li­sche Pries­ter über­haupt, auch im evan­ge­li­ka­len Raum. Des­we­gen habe ich hier aus­führ­li­cher eini­ge Zita­te zusam­men­ge­stellt.

Im Jah­re 1994 erreich­te die Popu­la­ri­tät Nou­wens unter Pro­tes­tan­ten offen­kun­dig einen Höhe­punkt. „In einer Umfra­ge einer Zeit­schrift in Van­cou­ver wur­den 3400 pro­tes­tan­ti­sche Füh­rer befragt, wer sie am meis­ten beein­flusst hat­te. Die Umfra­ge ergab, dass Nou­wen Platz 2 ein­nahm, Lyle Schal­ler, ein Spe­zia­list für Gemein­de­wachs­tum war auf Platz 1, und Bil­ly Gra­ham kam auf Platz 3.„Deirdre LaNoue, The Spi­ri­tu­al Lega­cy of Hen­ry Nou­wen, Con­ti­nu­um, New York/London, 2001, S.49.

Dem­entspre­chend sieht die evan­ge­li­ka­le Welt aus und die­ser Geist der katho­li­schen Mys­tik schwappt nun auch immer mehr in unse­re eige­nen Rei­hen.

Zu Recht fragt Geor­ge Wal­ter: War­um also soll­te man einem Mann und sei­nen kon­tem­pla­ti­ven Leh­ren fol­gen, der bis an sein Lebens­en­de kei­nen Frie­den fand, weil er Frie­den such­te, wo wah­rer Frie­de nicht zu fin­den ist? War­um soll­te man den Wer­ken eines Man­nes Ver­trau­en schen­ken, der vom Geist des Katho­li­zis­mus beseelt war und das bibli­sche mit dem psy­cho­lo­gi­schen Men­schen- und Welt­bild ver­misch­te und ver­wäs­ser­te? War­um soll­te man sich für einen Autor begeis­tern, der Befrei­ungs­theo­lo­gie, Uni­ver­sa­lis­mus und Mari­en­kult befür­wor­tet? Dass Nou­wen auch hie und da gute Gedan­ken zum Aus­druck brach­te, die auch ein Evan­ge­li­ka­ler beja­hen kann, darf nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass Nou­wens Gesamt­werk den­noch mit nahe­zu allen zen­tra­len Leh­ren des tra­di­tio­nel­len Evan­ge­li­ka­lis­mus unver­ein­bar ist. http://distomos.blogspot.de/2012/11/henri-j-m-nouwen.html

Doch beson­ders die Zeit­schrift Auf­at­men, eine Art Flagg­schiff der moder­nen mys­tisch-öku­me­nisch- cha­ris­ma­ti­schen Spi­ri­tua­li­tät, hat uns die­sen ruhe- und fried­lo­sen Men­schen als eine Art Vor­bild hin­ge­stellt. Für vie­le Evan­ge­li­ka­le ist Hen­ri Nou­wen wie eine Iko­ne gewor­den und ihn zu zitie­ren scheint beson­ders pro­gres­siv. Doch der Mensch braucht, wie Vishal Man­gal­wa­di ange­sichts der indi­schen Spi­ri­tua­li­tät betont, nicht Erleuch­tung son­dern Ver­ge­bung. Dem­entspre­chend wer­den in den Send­schrei­ben nicht etwa mehr Spi­ri­tua­li­tät, Sakra­men­te, Geis­tes­tau­fe, Cha­ris­men oder Stil­le­übun­gen  ange­bo­ten, son­dern zur Buße auf­ge­ru­fen. Doch dies ist im Zeit­al­ter der Selbst­ver­wirk­li­chung nicht so gefragt.

Auf Sei­te 642 wird der Grün­der von Tai­zé Frè­re Roger Schutz vor­ge­stellt. Es han­delt sich um einen zutiefst gegen­re­for­ma­to­ri­schen Orden. Auf die Fra­ge, war­um er (Schutz) nicht gleich nach Rom über­wech­selt, war sei­ne Ant­wort: „Ich wür­de jetzt zu wenig Scha­fe mit­neh­men.“

Wie alle Mys­ti­ker war für ihn nicht das Wort ent­schei­dend, was eigent­lich das Wesen der Refor­ma­ti­on aus­mach­te, son­dern das Ver­sen­ken in jene Stil­le, wo wir angeb­lich Gott begeg­nen.

»Um nicht in der Tro­cken­heit des Schwei­gens ste­hen­zu­blei­ben, soll­ten wir sehen, daß das Schwei­gen Wege zu unbe­kann­ten schöp­fe­ri­schen Mög­lich­kei­ten eröff­net. In der wei­ten Tie­fen­schicht der mensch­li­chen Per­son, im Unter­be­wußt­sein, betet Chris­tus weit mehr, als wir es uns vor­stel­len kön­nen. Ver­gli­chen mit der Uner­meß­lich­keit die­ses ver­bor­ge­nen Betens Chris­ti in uns, ist unser arti­ku­lier­tes Gebet nur ein klei­ner Teil. Das Wesent­li­che des Gebets voll­zieht sich vor allem in einem gro­ßen Schwei­gen.« Jakob Hitz, „Ent­spricht Tai­zé dem Evan­ge­li­um?“, Schwen­ge­ler-Ver­lag, 1978, S. 28 – 29.

Als typi­scher Mys­ti­ker erklär­te er bei dem Tai­zé-Tref­fen in Stutt­gart öffent­lich: In jedem mensch­li­chen Wesen wohnt der Hei­li­ge Geist. idea spek­trum Nr. 597, S. 4 Dies hat mit New Age sehr viel, mit dem bibli­schen Men­schen­bild sehr wenig zu tun.

Auch hier kann man nur sagen: „Sieh zu, dass das Licht in dir nicht Fins­ter­nis ist“ (Luk. 11,35).

Man wird an die Fest­stel­lung Georg Hun­te­manns erin­nert „Die­se Gene­ra­ti­on kann einen nüch­ter­nen Glau­bens­wan­del nicht mehr ertra­gen. Sie braucht eine reli­giö­se Sinn­lich­keit bzw. sinn­li­che Reli­gio­si­tät“. Gera­de dies wird ihr heu­te über­reich­lich ange­bo­ten.

In einer idea-Mel­dung vom 2. Jan.1985 war zu lesen: Schutz kün­dig­te für den 2. Juli die­ses Jah­res eine Zusam­men­kunft mit dem Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen, Pérez de Cuél­lar, an, bei der er einen Auf­ruf zu welt­wei­ter Abrüs­tung und zur Ein­set­zung einer Welt­au­to­ri­tät über­rei­chen will. So eine Welt­au­to­ri­tät wird es tat­säch­lich ein­mal geben, aller­dings nicht von oben, son­dern von unten.

Es wird in unse­ren Tagen immer offen­sicht­li­cher, wie durch cha­ris­ma­ti­sche, eigent­lich mys­ti­sche Erfah­run­gen, katho­li­sche Fröm­mig­keit — beson­ders in Kom­mu­ni­tä­ten sich zuneh­men­der Sym­pa­thie erfreut — immer belieb­ter wird. Die mys­ti­sche Sakra­ments­leh­re des Katho­li­zis­mus geht völ­lig par­al­lel mit den cha­ris­ma­ti­schen Erleb­nis­sen. »Die Erfah­rung zeigt, dass vie­le Chris­ten auf­grund ihrer cha­ris­ma­ti­schen Erfah­rung eine tie­fe­re Bezie­hung zu den Sakra­men­ten, vor allem zur Eucha­ris­tie, gewin­nen.« »Erneue­rung in Kir­che und Gesell­schaft«, Ver­lag Erneue­rung, Heft 10, 1981, S. 9.

Auf Sei­te 674 stößt man auf Paul Toas­pern. Er war Lei­ter der Geist­li­chen Gemein­de-Erneue­rung in der evan­ge­li­schen Kir­che der DDR. Ich erin­ne­re mich noch gut, wie die Brü­der in der dama­li­gen DDR über sei­ne Ver­brei­tung cha­ris­ma­ti­scher Son­der­leh­ren klag­ten. Wie es in die­sem Buch heißt: „Nach einer tief prä­gen­den geist­li­chen Erfah­rung in Ungarn öff­ne­te er sich ganz dem Wir­ken des Hei­li­gen Geis­tes“ (S. 675).

Was war gesche­hen? So berich­tet er mit eige­nen Wor­ten über den Emp­fang von Bot­schaf­ten nach einer Hand­auf­le­gung durch Ste­ve Light­le: »Nach einer Gewit­ter­nacht wur­de ich … wach und fühl­te es wie einen Befehl, etwas auf­zu­schrei­ben. Das Nie­der­schrei­ben, bei dem mir kein Reflek­tie­ren oder Unter­mi­schen eige­ner Gedan­ken erlaubt war, geschah in einer drän­gen­den Eile, in etwa zwölf bis vier­zehn Minu­ten … Gegen den Inhalt eines der Abschnit­te und gegen einen Begriff woll­te ich mich sträu­ben, aber ich hat­te nur auf­zu­schrei­ben und wuss­te genau, was zu schrei­ben war. Das war eine Erfah­rung, die ich bis­her nicht kann­te. Nach Nie­der­schrift des letz­ten Sat­zes war dann plötz­lich der Strom wie abge­schal­tet. Am Abend haben dann mei­ne Frau und ich das in der gro­ßen Eile nie­der­ge­schrie­be­ne fast ein­ein­halb Stun­den lang ent­zif­fert und in Rein­schrift geschrie­ben. …“. Und dann beginnt es: „So spricht der Herr: Ich bin der Herr, der leben­di­ge, hei­li­ge, ewi­ge Gott, der dich, mein Volk, liebt mit unver­brüch­li­cher Treue, …“.« Paul Toas­pern, Rund­brief vom 10. April 1976, S. 1.

Das sind wie­der­um die klas­si­schen Sym­pto­me des auto­ma­ti­schen Schrei­bens, wie man es im Spi­ri­tis­mus und der Künst­ler­welt zur Genü­ge kennt, abge­se­hen davon, dass die For­mu­lie­rung “So spricht der Herr“ dem NT fremd ist. Ste­ve Light­le von den Geschäfts­leu­ten des vol­len Evan­ge­li­ums, heu­te „Chris­ten im Beruf“, wur­de beson­ders durch sei­ne Pro­phe­zei­un­gen über den angeb­li­chen Exo­dus der Juden aus Russ­land über Finn­land und Deutsch­land bekannt. Pro­phe­zei­un­gen, die sich so nicht erfüllt haben.

Das war lei­der nicht das Wir­ken des hei­li­gen, son­dern eines ver­füh­re­ri­schen Geis­tes. Toas­perns  soge­nann­te Geis­tes­tau­fe war lei­der eine Geis­ter­tau­fe.

Durch das Buch von David Wil­ker­son (S. 702) Das Kreuz und die Mess­er­hel­den wur­de ich sel­ber am meis­ten betro­gen und öff­ne­te mich durch die­sen Best­sel­ler der pfingst­li­chen Leh­re der Geis­tes­tau­fe. Doch Wil­ker­son wur­de mir je län­ger je mehr sym­pa­thisch, trotz man­cher Pro­phe­zei­un­gen aus sei­nem Mun­de, die sich nicht erfüllt haben. Er trat mutig gegen die Ver­welt­li­chung sei­ner cha­ris­ma­ti­schen Freun­de auf und nann­te beson­ders bei dem Wohl­stands­evan­ge­li­um Ross und Rei­ter, sehr zum Ärger­nis man­cher „Gesalb­ten des Herrn“.

Gegen Ende sei­nes Wir­kens dul­de­te er in sei­ner Times Squa­re Church in New York kein öffent­li­ches Zun­gen­re­den mehr, wie mir Dave Hunt erzähl­te. Sei­ne Begrün­dung, „it is always so dis­rup­ti­ve!“ (es ist immer so stö­rend). In man­chen Berei­chen fand ich sein Ver­hal­ten vor­bild­lich, beson­ders sei­ne seel­sor­ger­li­che Anteil­nah­me. Im Prin­zip hat­te er sich je län­ger je mehr von dem distan­ziert, womit man heu­te in man­chen Krei­sen die Gemein­den erneu­ern möch­te.

Lei­der wird gegen Ende des Buches sogar noch John Wim­ber (S. 718) als voll­mäch­ti­ges Werk­zeug, des­sen Dienst Zei­chen und Wun­der beglei­te­te, vor­ge­stellt. Dabei könn­te man Bücher, wie Dave Hunt sag­te, mit sei­nen fal­schen Pro­phe­zei­un­gen fül­len. TBC, März 1997 Er ist eine Art Para­de­bei­spiel für Falsch­pro­phe­tie. Wenn man ihn schon erwähnt, dann als Kron­zeu­ge für Pseu­do­pro­phe­ten wie ein Mon­ta­nus, Niko­laus Storch oder Edward Irving.

Keith Par­ker zähl­te sich vor Jah­ren zum cha­ris­ma­ti­schen Lager. Er muss­te resi­gniert fest­stel­len: „Auf der Rück­sei­te von John Wim­bers Maga­zin war eine Erklä­rung abge­druckt, die besag­te, daß wäh­rend einer bestimm­ten Zeit in Eng­land eine Erwe­ckung aus­bre­chen wür­de, wäh­rend sein Team in Lon­don arbei­te­te. Der Ter­min kam und ging. Es gab kei­ne Erwe­ckung. Anstatt zu beken­nen, er habe das Volk Got­tes ver­führt, leug­ne­te er, daß die­se Vor­aus­sa­ge gemacht wor­den war oder daß wir falsch ver­stan­den hät­ten, was dort geschrie­ben war. Danach gewann ich den Ein­druck, daß Wim­ber und die ‚Pro­phe­ten‘ sich selbst dis­qua­li­fi­ziert hat­ten; und ich fühl­te mich berech­tigt, alles zu igno­rie­ren, was aus die­ser Quel­le kam.“ Keith Par­ker, „Pro­phets — True or Fal­se? Signs and Won­ders — Real or Bogus?“, Stel­lung­nah­me vom 22. Juli 1994, S. 2.

Er hat­te die typi­schen Phä­no­me­ne der Geist­hei­ler, aber eben nun in from­mer Ver­pa­ckung. Dazu gehört das Emp­fin­den von Wär­me, gewöhn­lich im Zusam­men­hang mit kör­per­li­chen Berüh­run­gen. So schreibt sei­ne Frau Carol über das Kom­men des angeb­li­chen Hei­li­gen Geis­tes:

»Aber ich wuß­te, daß Gott zu uns gekom­men war. Ich war sehr glück­lich, denn ich hat­te so lan­ge um Got­tes Kraft gebe­tet. Ich hat­te es mir etwas anders vor­ge­stellt, aber Gott gab uns sei­ne Kraft eben auf die­se Wei­se. Ich stand auf, ging umher und hielt mei­ne Hän­de in die Nähe der Men­schen, die auf der Erde lagen. Ich konn­te die Kraft spü­ren, die von ihren Kör­pern aus­ging, es war so etwas wie Hit­ze oder Elek­tri­zi­tät.« John Wimber/Kevin Sprin­ger, „Die Drit­te Wel­le des Hei­li­gen Geis­tes“, Pro­jek­ti­on J Ver­lag 1988, S. 42.

Der Ent­wick­ler des Alpha-Kur­ses beschreibt, wie John Wim­ber für ihn bete­te: „Nicky Gum­bel, Vikar in einer angli­ka­ni­schen Kir­che in Eng­land, wur­de von John Wim­ber in die­sen neu­en ‚Auf­bruch des Hei­li­gen Geis­tes’ gezo­gen. Gum­bel bezeugt, er habe ‚etwas wie 10.000 Volt’ elek­tri­sche Span­nung durch sei­nen Kör­per strö­men gefühlt, als Wim­ber für ihn bete­te.“ ‚More Power‘ (mehr Kraft) war das ein­zi­ge, wor­um gebe­tet wur­de.“ Dave Hunt, „Die okkul­te Inva­si­on“, CLV, S. 14.

Von daher über­rascht es nicht, wenn im Alpha-Kurs sel­ber nach­zu­le­sen ist: „Per­so­nen aus der New

Age-Bewe­gung dage­gen stel­len fest …, dass sie bei dem gemein­sa­men Wochen­en­de  bekann­tes Ter­ri­to­ri­um betre­ten, wenn es dar­um geht, vom Hei­li­gen Geist erfüllt zu wer­den.“ Alpha-Leit­fa­den: Start­hil­fe für Alpha-Kur­se, Erfah­rungs­be­rich­te und Tipps, Pro­jek­ti­on J, 1997, S. 31.

Zu Wim­bers frag­wür­di­gen Leh­ren bzw. Prak­ti­ken lis­tet Dr. John D. Han­nah u.a. auf: Er betet über Objek­ten, daß sie „geheilt“ (über­na­tür­lich repa­riert) wer­den, z.B. Kühl­schrän­ken, Autos, Wasch­ma­schi­nen  etc. …  Auch ruft John Wim­ber den Hei­li­gen Geist, um auf beson­de­re Leu­te in einer Ver­samm­lung her­ab­zu­kom­men. Dr. John D. Han­nah, „The Signs and Won­ders Move­ment, The Viney­ard Move­ment or The Third Wave“, Les­son 30, S. 14.

Wim­ber wur­de bekannt durch sei­ne media­len Steue­run­gen, angeb­li­che Wor­te der Erkennt­nis, und erhielt Ein­drü­cke und auch Bil­der über Per­so­nen, die in sexu­el­len Sün­den ver­strickt waren. »Manch­mal bekom­me ich Schmer­zen in ver­schie­de­nen Tei­len mei­nes Kör­pers. Das zeigt mir an, wel­che Krank­hei­ten Gott bei ande­ren hei­len will.«John Wimber/Kevin Sprin­ger, ibid, S. 69.

Auch das sind die bald klas­si­schen Phä­no­me­ne der Geist­hei­ler. Ich erin­ne­re mich noch gut, wie mir der dama­li­ge Alli­anz­vor­sit­zen­de Dr. Fritz Lau­bach von solch einer Hei­lungs­ver­an­stal­tung mit John Wim­ber berich­te­te, die er besuch­te. Die Art und Wei­se, wie Wim­ber sei­ne inne­ren Bil­der, Ein­ge­bun­gen und Impul­se schil­der­te, emp­fand er als ungeist­lich und absto­ßend.

Typisch für die fal­schen Pro­phe­ten ist das Fal­len auf den Rücken (Jes. 28,13). Ich sag­te zu Carol: ›Ich den­ke, etwas geschieht mit uns‹, und kaum hat­te ich das gesagt, saus­te ich schon zu Boden! … Ein Mäd­chen fiel so hart, ich dach­te: O nein, sie stirbt ja! Sie schlug mit ihrem Kopf auf den Stuhl, Tisch und Boden auf. Bam! Bam! Bam! … Dann brauch­ten wir eben Auf­fän­ger.« John Wim­ber, Vor­trag in Yor­ba Lin­da 1980 über sei­ne Arbeit, Kas­set­ten­auf­nah­me.

Doch in einem post­fak­ti­schen Zeit­al­ter zählt das äuße­re Erschei­nungs­bild, und sein gro­ßer Charme über­tünch­te mög­li­che Beden­ken bezüg­lich merk­wür­di­ger Phä­no­me­ne. Als Zeit­zeu­ge weiß ich noch genau, wie die dama­li­ge pfingst­li­che und cha­ris­ma­ti­sche Welt ihm zu Füßen lag. Eine Art Vor­zei­gei­ko­ne für „voll­mäch­ti­ges“ Wir­ken. Es ist für mich nur ein wei­te­rer Beweis, wie die­se Strö­mun­gen in Erfül­lung von Matth. 24,11 von einem Irr­geist ver­schie­den stark gesteu­ert wer­den.

Muss man in die­ser Gale­rie angeb­lich refor­ma­to­ri­scher Gestal­ten auch noch Lar­ry Nor­man (S. 734), den “Vater der christ­li­chen Rock­mu­sik“ auf­lis­ten? Der Mann, der etli­che außer­ehe­li­che Affä­ren hat­te, dar­un­ter mit der Frau sei­nes bes­ten Freun­des und sich bis zu sei­nem Lebens­en­de wei­ger­te, die Vater­schaft eines Kin­des einer aus­tra­li­schen Ex-Ver­lob­ten anzu­er­ken­nen? Wahr­lich kein Ruh­mes­blatt. Über die­se dunk­le und erschüt­tern­de Sei­te Normans ist sogar ein Film “Fal­len Angel” gedreht wor­den. Dar­über soll­te man lie­ber den Man­tel des Schwei­gens brei­ten, als ihn in so einem Buch mit der­ar­tig anspruchs­vol­lem Titel zu erwäh­nen. Noch dazu wird im Vor­wort (S. 5) Hebr. 13,7 Schaut euch ihr Lebens­en­de an! zitiert. Wie ist so eine Zusam­men­stel­lung mög­lich?

Doch im Zeit­al­ter des zuneh­men­den Plu­ra­lis­mus scheint es kaum noch Abgren­zun­gen zu geben.

Bei Her­aus­ge­ber Roland Wer­ner — Johan­nes Nehlsen ist mir kein Begriff — bin ich natür­lich über eini­ge sol­cher Ver­wechs­lun­gen bzw. Ver­wir­rung der Geis­ter nicht über­rascht. Roland Wer­ner ist ein bril­lan­ter und sym­pa­thi­scher Bru­der, der die Nach­fol­ge Chris­ti zwei­fel­los ernst meint. Als Cha­ris­ma­ti­ker jedoch beur­teil­te er den Toron­to-Segen zu Beginn posi­tiv. Als dama­li­ger Chris­ti­val-Vor­sit­zen­der kom­men­tier­te er nach sei­nem Besuch der Lon­do­ner angli­ka­ni­schen Gemein­de „Holy Tri­ni­ty Bromp­ton“ (wo die­ser „Segen“ beson­ders um sich griff): „Die­se Sache ist echt, da ist wirk­lich etwas auf­ge­bro­chen, es ist auf­re­gend!“ dran, Nr. 794 Noch eupho­ri­scher kom­men­tier­te Ulrich Eggers in der­sel­ben Num­mer die­sen Auf­bruch: „Über eine Vier­tel­mil­li­on Men­schen sind bis­her zu den Tref­fen in der Toron­to Viney­ard oder in Bap­tis­ten­ge­mein­den der Umge­bung gekom­men, um an die­sem beson­de­ren Segen teil­zu­ha­ben. Das Schö­ne dar­an ist, daß dies alles wirk­lich über­ge­meind­lich ist, es geht weit über die Gren­zen von Deno­mi­na­tio­nen hin­aus, hat alles erfaßt. Eine Erneue­rung der Hin­ga­be und Beru­fung, eine Erwei­te­rung der geist­li­chen Visi­on und neu­ent­flamm­te Lei­den­schaft für Jesus und das Reich Got­tes ist zu sehen.“

Wer besag­ten Toron­to-Segen so kom­men­tiert mag zwar gute Absich­ten haben, ist aber diakri­tisch

lei­der völ­lig neben der Spur. Kaum getarn­ter from­mer Spi­ri­tis­mus wird als Wir­ken des Hei­li­gen Geis­tes pro­kla­miert. Elke Wer­ner prak­ti­ziert das hören­de Gebet und behaup­tet sogar, dass sie über die Jah­re nun gelernt hat, Got­tes Stim­me zu erken­nen und sie könn­te sie aus dem all­ge­mei­nen Stim­men­ge­wirr so deut­lich erken­nen wie die Stim­me ihres Man­nes. Klaus-Gün­ther Pache u. Elke Wer­ner, Stil­le: 40 Tage Gott erle­ben, Bemer­kung in einem FEG-Haus­kreis bei Betrach­tung ihres Buches.

Was man bei Cha­ris­ma­ti­kern immer wie­der beob­ach­ten kann: Es sind oft ganz lie­be Men­schen, ihr Ein­satz nicht sel­ten vor­bild­lich, aller­dings wenn die­sen „Gaben­trä­gern“ etwas man­gelt, dann ist es die Gabe der Geis­ter­un­ter­schei­dung. Anstatt in unse­ren Tagen beson­ders wach­sam zu sein, sind sie beson­ders gut­gläu­big und neh­men oft die bizarrs­ten Wun­der­ge­schich­ten, Toten­auf­er­we­ckun­gen ect. für bare Mün­ze. Inzwi­schen gibt es eine gan­ze Nah­tod­in­dus­trie und Bücher über Jen­seits­er­leb­nis­se sind Best­sel­ler, auch wenn alles nur erfun­den ist oder ganz offen der Bibel wider­spricht.

Es offen­bart sich das Sze­na­rio, das Pau­lus in 2. Kor. 6,14 — 7,1 skiz­ziert. Eine Gene­ra­ti­on wächst her­an, die an Fleisch und Geist (Kap. 7,1) besu­delt ist. Stich­wort, Frühse­xua­li­sie­rung, nun sogar von staat­li­chen Stel­len bis in die Grund­schu­len hin­ein. Wer hat heu­te kei­ne Por­no­fil­me gese­hen? Gleich­zei­tig eine Explo­si­on okkul­ter und magi­scher Prak­ti­ken bzw. Eso­te­ri­sie­rung der Gesell­schaft, wie es eine welt­li­che Zeit­schrift nann­te. Der­ar­tig geprägt hat man immer weni­ger Pro­ble­me, Chris­tus und Beli­al, Gläu­bi­ge und Ungläu­bi­ge, Licht und Fins­ter­nis zu ver­mi­schen (Kap. 6,14 — 15).  Beson­ders die nun so aktu­el­le Mys­tik macht es mög­lich. Inso­fern ent­spricht die­se Auf­lis­tung von Gesich­tern und Gestal­ten viel­mehr dem Zeit­geist als dem hei­li­gen Geist der Abson­de­rung (Kap. 6,17). Berüh­rungs­ängs­te sind die­ser Gene­ra­ti­on ziem­lich fremd gewor­den.

Die­ses Buch spie­gelt aller­dings zutref­fend den Zustand der der­zei­ti­gen soge­nann­ten evan­ge­li­ka­len Welt, die längst immer mehr öku­me­nisch mys­tisch denn evan­ge­li­kal im ursprüng­li­chen Sin­ne ist. Es passt in eine Zeit, wo das Andachts­buch der Sarah Young, in dem ein über Chan­ne­ling kon­tak­tier­ter „Jesus“ sich in direk­ter Rede mel­det, seit Jah­ren auf der Best­sel­ler­lis­te der moder­nen Evan­ge­li­ka­len zu fin­den ist. Inner­halb der deut­schen Evan­ge­li­ka­len ist Anselm Grün der meist­ge­le­se­ne Autor, ein katho­li­scher Mys­ti­ker, der über das Kreuz unse­rer Erlö­sung spot­tet. In man­chen Köp­fen schwirrt noch immer die Idee her­um, dass Gott sei­nen Sohn ster­ben lässt, um unse­re Sün­den zu ver­ge­ben. Doch was ist das für ein Gott, der den Tod sei­nes Soh­nes nötig hat, um uns ver­ge­ben zu kön­nen? „Erlö­sung“, Kreuz-Ver­lag 2004, S. 7.

Doch die Refor­ma­ti­on begann nicht damit, dass ein Mann ins Klos­ter ging, wie die heu­ti­ge mys­ti­sche Fröm­mig­keit immer wie­der nahe­legt, son­dern dadurch, dass ein Mann aus dem Klos­ter aus­trat und all die­sen sub­jek­ti­ven Erleb­nis­sen die Auto­ri­tät des Wor­tes Got­tes ent­ge­gen­hielt: »Die Schrift allein.«

Man kann abschlie­ßend Jung Stil­ling, der auch in dem hier bespro­che­nen Buch auf­ge­lis­tet ist (S. 152), in die­sem diakri­ti­schen Cha­os besag­ten Wer­kes zitie­ren: Mir sind vie­le männ­li­che und weib­li­che Per­so­nen bekannt gewor­den, die auch sol­che Zuckun­gen beka­men, dann in eine Ent­zü­ckung gerie­ten und so die herr­lichs­ten und hei­ligs­ten Bibel­wahr­hei­ten auf die schöns­te und hei­ligs­te Wei­se aus­spre­chen, sogar künf­ti­ge Din­ge vor­aus­sag­ten, die pünkt­lich ein­tra­fen. Aber all­mäh­lich und am Ende ging es kläg­lich und oft schänd­lich aus, und nun zeig­te es sich, daß sich ein fal­scher Geist in einen Engel des Lichts ver­stellt hat­te… Nichts in der Welt ist gefähr­li­cher als Inspi­ra­ti­on, sie ist eine offe­ne Tür für fal­sche Geis­ter. Die Bibel, die Bibel ist unser ein­zi­ger Leit­stern, der uns zu Jesus Chris­tus führt. Er sei und blei­be uns alles in allem.« »Die Gna­de bricht durch«, Jakob Schmitt, Brun­nen-Ver­lag, Sei­te 121 – 122.

Nach all­dem, was in die­sem Buch emp­foh­len wird, wäre ein ande­rer Titel womög­lich zutref­fen­der:

Gesich­ter und Geschich­ten der Refor­ma­ti­on und der mys­ti­schen öku­me­ni­schen Gegen­re­for­ma­ti­on

                                                                                                                                 Alex­an­der Sei­bel

3 Kommentare

  1. Sergej Pauli sagt

    Wow, eine gewal­ti­ge Rezen­si­on.
    Sehr sau­ber aus­ge­ar­bei­tet, Hut ab

  2. Lutz Grubbert sagt

    Die­ses ist kei­ne gewal­ti­ge Rezen­si­on. Hier bringt Alex­an­der Sei­bel sei­ne bekann­ten Mei­nun­gen und Ansich­ten zur Cha­ris­ma­ti­sche /Pfingstbewegung mal wie­der unters Volk.Im Gegen­satz zu die­sem Pam­phlet von Alex­an­der Sei­bel ste­hen die hilf­rei­chen Bücher wie das von R.Holzhauer „Ver­füh­rungs­prin­zi­pen“ oder das von John MacAr­thur „Frem­des Feu­er. Nur so am Ran­de in der Ber­li­ner Erklä­rung von 1909 geht es nicht nur um die Gabe des Zun­gen­re­dens, der Punkt.4 die­ser ist der umfang­reichs­te, geht es um die Leh­re vom soge­nann­ten „rei­nen Her­zen“!

Hinterlasse einen Kommentar!