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Spurgeon  — wie ihn keiner kennt?

Ich möch­te auf zwei Zita­te auf­merk­sam machen, die man von Spur­ge­on wahr­schein­lich nicht erwar­ten wür­de: Das ers­te habe ich in der 7ten von ihm über­haupt schrift­lich ver­öf­fent­lich­ten Pre­digt zum The­ma „The Church of Christ“ gefun­den. Gera­de­zu pro­phe­tisch sieht Spur­ge­on die Zukunft Isra­els vor Augen. Neben einem offen­sicht­lich phy­si­schen Isra­el, das Spur­ge­on im Blick hat, fällt auch die posi­ti­ve Escha­to­lo­gie auf. Die Hoff­nung, dass schon bald die gan­ze Welt „evan­ge­li­ka­li­siert“ wird, erwies sich bekannt­lich als Trug­schluss und aus der über­aus posi­tiv enthu­si­as­ti­schen Pha­se, die sicher bis in den Anfang des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts unter Evan­ge­li­ka­len anhielt, folg­te spä­tes­tens nach dem ers­ten Welt­krieg eine frus­trie­ren­de Ernüch­te­rung. Das wäre sicher­lich eine inter­es­san­te Stu­die, in wie weit auch die Eupho­rie um Spur­ge­on zu die­ser Ent­wick­lung bei­getra­gen hat: „Not long shall it be ere they shall come-shall come from distant lands wher’er they rest or roam; and she who has been the off­s­cou­ring of all things, who­se name has been a pro­verb and a byword, shall beco­me the glo­ry of all lands. Dejec­ted Zion shall rai­se her head, shaking herself from dust, and darkness, and …

Wie können wir denn lesen? — Folge 2

Die­ser Arti­kel besitzt einen Vor­läu­fer. Lese hier. Es sind der Pre­dig­ten unzäh­li­ge, die nach unab­än­der­li­chem Mus­ter ablau­fen: Aus­ge­hend von einem Text wie z.B. Joh.10, der über die Zuver­läs­sig­keit und Ver­trau­ens­wür­dig­keit des guten Hir­ten Jesus spricht, kon­zen­trier­te sich der Pre­di­ger die zwan­zig bis drei­ßig Minu­ten sei­ner Pre­digt nahe­zu aus­schließ­lich dar­auf, zu erläu­tern, dass die­se Ver­hei­ßung uns nicht leicht­fer­tig machen soll, es vor allem dar­um geh, den guten Hir­ten zu hören und mit ewi­ger Heils­ge­wiss­heit hat die­ser Text sowie­so erst ein­mal nichts zu tun. An die­ser Stel­le möch­te man jedes Mal fra­gen: Wie­so steht nicht genau das im Text. Was nützt das Gere­de vom Sko­pus, wenn er dich über­haupt nicht inter­es­siert? Wie­so sagt Jesus, oder zumin­dest die Apos­tel an einer ande­ren Stel­le, als Dis­kus­si­on die­ser Bege­ben­heit, etwas dar­über, dass die Zuhö­rer doch bit­te mit all die­sen Ver­hei­ßun­gen nicht über­trei­ben sol­len. Das man die­sen Text schnell miss­brau­chen kann und dass man jetzt unbe­dingt hin­zu­fü­gen muss, dass es vor allem dar­um geht, aus­zu­hal­ten (und eben nicht um die Ver­trau­ens­wür­dig­keit des Hir­ten). Im Übri­gen, pas­siert das auf der ande­ren Seite …

„Alle hoffen, dass der Teufel jenseits des Meeres ist und wir Gott in der Tasche haben“

Eigent­lich ist es eine logi­sche Schluss­fol­ge­rung von Luthers rigo­ro­ser Ver­tei­di­gung von sola fide und sola gra­tia, dass man den Sinn des Geset­zes völ­lig in Fra­ge stellt. So tat es auf jeden Fall auch Johan­nes Agri­co­la, ein luthe­ri­scher Theo­lo­ge, auf den Luther so vie­le Hoff­nun­gen setz­te, dass er ihn in sei­nem Heim in Wit­ten­berg ließ, und sich von ihm selbst für Pre­dig­ten und Vor­le­sun­gen ver­tre­ten ließ. Agri­co­la war nun der Ansicht, dass die Pre­digt des Geset­zes für Chris­ten unnö­tig ist, da man nun im neu­en Bund, näm­lich im Bund der Gna­de lebt. Ent­spre­chend gehö­ren „das Gesetz Got­tes bzw. die Zehn Gebo­te aus der Kir­che (…) ver­sto­ßen und in das Rat­haus (…)ver­wie­sen;“ Wie aber soll­te die Pre­digt des Evan­ge­li­ums ohne Gesetz mög­lich sein? „Lie­ber Gott, kann man es denn nicht ertra­gen, dass die hei­li­ge Kir­che sich als Sün­de­rin erkennt, die an die Ver­ge­bung der Sün­den glaubt und dazu im Vater­un­ser um die Ver­ge­bung der Sün­den bit­tet? Woher weiß man aber, was Sün­de ist, wenn es das Gesetz und das Gewis­sen nicht gibt? Und woher will man ler­nen, was Chris­tus ist, …

Interview mit Robert Letham

Robert Letham ist Pro­fes­ser für sys­te­ma­ti­sche und his­to­ri­sche Theo­lo­gie an der Uni­on School of Theo­lo­gy in Wales. Er doziert zudem regel­mä­ßig am West­mins­ter Theo­lo­gi­cal Semi­na­ry. Er ist Autor von  The Work of Christ (in der Rei­he: Con­tours of Chris­ti­an Theo­lo­gy), Uni­on with Christ, The Holy Tri­ni­ty. 2019 erschien sei­ne Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie. Letham hat sich für ein Inter­view mit uns bereit erklärt.   S.P.: Sehr geehr­ter Prof. Letham. Vie­len Dank für die Zeit, die sie sich für unse­re Fra­gen neh­men! Kön­nen Sie dar­über berich­ten, wie Sie Christ wur­den? R.L.: Ich wuchs in einem christ­li­chen Eltern­haus auf, wur­de jedoch erst im Alter von 19 Jah­ren getauft. Es gab kei­ne unge­wöhn­li­che oder dra­ma­ti­sche Erfah­rung dabei. S.P.: Ihr letz­tes Werk war eine Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie (Erschie­nen Ende 2019). Auf­grund der Tat­sa­che, dass zahl­rei­che sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gien ver­füg­bar sind, was ist das Beson­de­re an Ihrem Werk? Es hat das Ziel katho­lisch zu sein und bin­det Figu­ren der Kir­chen­vä­ter, des Mit­tel­al­ters, der Refor­ma­ti­on und der Moder­ne unter­schied­li­chen Spek­trums in die Betrach­tung mit ein. Gleich­zei­tig ver­su­che ich die Sote­rio­lo­gie (Die Leh­re vom Heil) mit der Ekklesiologie …

Von Prinzessinnen, Prinzen und ihren Untertanen

Was für ein her­aus­for­dern­der Titel! Ich besit­ze das Vor­recht, Beat Tan­ner per­sön­lich zu ken­nen, einen Men­schen, der sich vor allem durch Freund­lich­keit und Mit­ge­fühl aus­zeich­net. Das er aber auch kla­re Töne fin­den kann, hat er nun mit die­sem hand­li­chen Rat­ge­ber bewie­sen. Gibt es aber nicht Erzie­hungs­rat­ge­ber, auch christ­li­che, in Hül­le und Fül­le? Sind wir nicht schon müs­sig gewor­den, die nächs­te neue Erzie­hungs­me­tho­de aus­zu­pro­bie­ren? Tan­ners Büch­lein erweist sich vor allem des­we­gen als erfri­schend, weil es wie­der ganz zurück, an den Anfang und Ursprung der Schrift führt. Die Lösung, die das Buch für das Gesell­schafts­phä­no­men Macht­um­kehr (zwi­schen Eltern und Kin­dern) anbie­tet, liegt in einer aus­führ­li­chen Bespre­chung von Eph. 6,1−4. Krei­send ent­wi­ckelt der Autor einen neu­en Zugang zu die­sen so alt­be­kann­ten aber wenig beach­te­ten Ver­sen. Wie oft hält man die­se Stel­le für ver­al­tet, und meint im gren­zen­lo­sen Wün­scheer­fül­len und Ver­wöh­nen der Kin­der einen bes­se­ren (und ein­fa­che­ren) Weg für die Erzie­hung gefun­den zu haben? Ich muss­te mich beim Lesen so oft an die eige­ne Nase packen, dass sie rot wur­de. Was bei den Kleins­ten noch als kon­trol­lier­bar erscheint, nimmt …

Fünf Finger zeigen zum Himmel

Seit Jahr­hun­der­ten tobt er, tau­sen­de von Sei­ten sind über ihn geschrie­ben und er war, ist und wird ein Dau­er­bren­ner unter Chris­ten blei­ben: Got­tes sou­ve­rä­ne Gna­den­wahl. Pfar­rer Cor­ne­li­us Son­ne­velt ist es in sei­nem Büch­lein „Fünf Fin­ger zei­gen zum Him­mel“ gelun­gen, klar und ein­fach die Tat­sa­chen der Bibel zu die­sem The­ma auf den Punkt zu brin­gen. Sonn­ne­velt behan­delt das soge­nann­te TULIP, die fünf zen­tra­len Punk­te des Cal­vi­nis­mus, und stellt die Leh­re von der frei­en und sou­ve­rä­nen Gna­de in kom­pri­mier­ter Form vor. Dies ist umso wich­ti­ger, denn „gera­de auch heu­te wird die bibli­sche Sicht über das sou­ve­rä­ne Heils­wir­ken Got­tes nicht gern gehört, sogar von Tei­len der evan­ge­li­schen Chris­ten­heit offen negiert“. Die Aus­füh­run­gen des Autoren sind anschau­lich, anspre­chend und vor allem ver­ständ­lich. Er argu­men­tiert immer aus­ge­hend von kla­ren Bibel­stel­len und scheut sich nicht, auch kri­ti­sche Anfra­gen an das „Lehr­sys­tem“ zuzu­las­sen. Ange­nehm emp­fand der Rezen­sent den Ton­fall, da er zwar bestim­mend, aber nicht ankla­gend oder ver­let­zen gegen­über ande­ren Sicht­wei­sen ist… Wei­ter­le­sen auf lesendglauben.de

Preis und Ehre dem dreieinigen Gott

Beim Lesen von Robert Lethams Werk über die Hei­li­ge Drei­ei­nig­keit Got­tes bin ich über die­sen Aus­zug des Pfingst­ge­bets der syrisch-ortho­­do­­xen Kir­che Süd­in­di­ens gesto­ßen. Die­se Chris­ten füh­ren ihre Grün­dung auf die Mis­si­ons­ar­beit von Tho­mas zurück! Die voll­stän­di­ge Lit­ur­gie zu Pfings­ten fin­det sich hier.  Typisch Ost­kir­che: „Gott, Erbar­me dich mei­ner!“. Auch Typisch Ost­kir­che (laut Letham): „Die Drei­ei­nig­keit ist zen­tra­ler für das Leben und die Anbe­tung der Gemein­de als im Wes­ten“. Die­ses Gebet bestä­tigt Lethams Annah­me: „Ehre sei Ihm, der unsicht­bar, ver­bor­gen und über allem mensch­li­chen Den­ken, Sin­nen und Ver­ständ­nis erha­ben ist. Er, selbst­exis­tent und selbst­ge­nüg­sam, Schöp­fer und Erhal­ter aller sicht­ba­ren und unsicht­ba­ren Din­ge hat kei­nen Anfang und wird immer­dar ohne Ende bestehen. Der ewi­ge, unver­gäng­li­che und uner­gründ­li­che eine wah­re Gott. Ein Wesen, eine Auto­ri­tät und ein Wil­le des Vaters, des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes. In ihm ist kein Name ohne eine Per­son und kei­ne Per­son ist jün­ger oder älter als die ande­re Per­son, noch gibt es einen Wan­del oder eine Ver­än­de­rung einer Per­son, ob zum Wachs­tum oder zur Ernied­ri­gung. Kein Name und kei­ne Per­son ist jünger …

Neuanfang — von David Powlison

- Im Fol­gen­den eine Rezen­si­on von mei­nem Freund und Bru­der Vik­tor, der mir die Geneh­mi­gung erteilt hat, die­se Bespre­chung auch hier zu ver­öf­fent­li­chen. Wie Vik­tor rich­tig hin­weist, hat das Buch eine weit­aus grö­ße­re Ziel­grup­pe als Opfer sexu­el­ler Über­grif­fe. Für mich per­sön­lich war es in vie­len Berei­chen eine Hil­fe­stel­lung —  Ich möch­te in die­sem Arti­kel ein Buch von David Powli­son emp­feh­len, in dem es sowohl um sexu­el­le Über­tre­tung als auch um das dadurch ent­stan­de­ne Leid geht: Man­che Bücher sind mit der Absicht geschrie­ben wor­den, Men­schen im Kampf gegen ihre unmo­ra­li­schen sexu­el­len Impul­se zu hel­fen. Ande­re Bücher ver­fol­gen das Ziel, Men­schen in ihrem Kampf gegen die Aus­wir­kun­gen von sexu­el­ler Untreue, Beläs­ti­gung und Gewalt zu hel­fen. Doch die­ses Buch soll bewusst in bei­de Rich­tun­gen bli­cken. Sün­de und Leid sind zwei grund­le­gend unter­schied­li­che Din­ge. Was Sie tun und was Ihnen geschieht, könn­te nicht unter­schied­li­cher sein. Doch bei­des ver­mischt sich in der DNA der mensch­li­chen Natur. Alle mensch­li­che Erfah­rung ist von einer Dop­pel­he­lix der Fins­ter­nis durch­zo­gen. Die meis­ten Bücher über sexu­el­le Hei­li­gung behan­deln das Pro­blem der Sün­de und wid­men sich höchs­tens am Ran­de den …

Tal der Liebe

Gün­ther wird mit gro­ßen kör­per­li­chen Pro­ble­men in der Zeit des ers­ten Welt­krie­ges gebo­ren. Das ist eine Zeit, in der man kaum Zeit und Muße für die Schwächs­ten der Gesell­schaft besitzt. Das Urteil der Mit­men­schen, auch derer, die ihm hel­fen soll­ten, steht somit fest: „Der taugt zu nichts“. Die Mut­ter ist mit ihm über­for­dert und der Vater hat für ihn kei­ne Zeit. Die Oma „küm­mert“ sich um sei­ne Betreu­ung. Aber sie schämt sich sei­ner der­art, dass sie ihn in ein Zim­mer sperrt. Somit kann Gün­ther auch mit 6 Jah­ren noch kei­nen Laut von sich geben. Man schreibt ihn, nicht nur als kör­per­li­chen Krüp­pel, ab.  Als es Oma zu viel wird, lan­det der Jun­ge in Bethel. Hier erfährt Gün­ther zum ers­ten Mal Zuwen­dung, die uner­war­tet und zügig Früch­te bringt. Bald schon stellt sich her­aus, dass er ‚im Kopf“ völ­lig gesund ist, ja gera­de zu über­eif­rig dabei ist, etwas Neu­es zu ler­nen. Zunächst im Heim für Geis­­tig-Behin­­der­­te unter­ge­bracht, hört Gün­ther zum ers­ten Mal das Evan­ge­li­um. Bodel­schwingh und sei­ne Mit­ar­bei­ter schä­men sich nicht der vie­len kör­per­lich und geis­tig Behin­der­ten und …

„In deiner Gerechtigkeit erlöse mich“

„Nun fühl­te ich mich ganz und gar neu­ge­bo­ren und durch offe­ne Pfor­ten in das Para­dies selbst ein­ge­tre­ten. Da zeig­te sich mir sogleich die gan­ze Schrift von einer ande­ren Sei­te. Von daher durch­lief ich die Schrift, wie ich sie im Gedächt­nis hat­te, und las auch in ande­ren Aus­drü­cken die glei­che Struk­tur [ana­lo­gia], wie: >das Werk Got­tes<, d.h. was Gott in uns wirkt, >die Kraft Got­tes<, mit der er uns kräf­tig macht, >die Weis­heit Got­tes<, mit der er uns wei­se macht, >die Stär­ke Got­tes<, >das Heil Got­tes<, >die Herr­lich­keit Got­tes<. Nun, mit wie­viel Haß ich frü­her das Wort >Gerech­tig­keit Got­tes< geh­aßt hat­te, mit um so grö­ße­rer Lie­be pries ich die­ses Wort als das für mich süßes­te; so sehr war mir die­se Pau­lus­s­tel­le wirk­lich die Pfor­te zum Para­dies. Spä­ter las ich Augus­tins »De spi­ri­tu et lit­te­ra«, wobei ich unver­hoff­ter­wei­se dar­auf stieß, daß auch er die Gerech­tig­keit Got­tes ähn­lich inter­pre­tiert: [als die Gerech­tig­keit], »mit der uns Gott beklei­det, indem er uns rechtfertigt«/1/. Und obwohl dies noch unvoll­kom­men gesagt ist und Augus­tin von der Anrech­nung [impu­ta­tio] nicht alles klar expliziert, …