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Das bleibende Erbe des (frühen) Thomas Schirrmacher
Der Wert von "Ethik" und "Der Römerbrief"

Es gibt so viele Gründe, um sowohl über die mehrbändige Ethik wie den zweibändigen Römerbrief-Kommentar von Thomas Schirrmacher begeistert zu sein.  

Zunächst wäre zu bemerken, dass Schirrmacher einfach das Wort Gottes reden lässt. Es kommt regelmäßig vor, dass die Werke durch Seitenweisen Auflisten von Bibelversen zu bestimmten Themen durchzogen sind. So werden alle Verse des Neuen Testaments aufgelistet, die das Wort syneidesis („Mitwisser, Gewissen“) aufführen. Es gelingt Schirrmacher dabei immer, die Themen zu treffen, die debattiert werden, und so seine eigene Position zu verteidigen. In diesem Fall z.B. darum, um darzustellen, dass „das Gewissen jedoch nicht autonom, sondern „theonom, nicht dem eigenen, sondern dem göttlichen Gesetz unterstellt (ist)“ (Ethik, 2.32).  Oder man vergleiche die seitenweise aufgelisteten Bibelverse, die zum Thema Prädestination und Verantwortung zusammengetragen werden (frei zugänglich hier). Ich glaube, das kann einem manchmal kindisch, vielleicht auch töricht vorkommen, so als kennen wir Gottes Wort nicht. Aber wer sich wirklich auf Gottes Wort einlässt, und es sprechen lässt, wird immer bemerken, wie es nicht fruchtlos bleiben wird.

Vor allem bei seiner Ethik wird zudem die mutige Verteidigung und Einbindung des Alten Testaments sichtbar. Schirrmacher versucht immer, den ganzen Kanon einzubinden. Dabei geht es mir nicht nur um eher allgemein gehaltene Kapitel, wie z.B. Lektion 20 in Band 2, dass „die Gültigkeit des alttestamentlichen Moralgesetzes“ bespricht, sondern auch um detaillierte, wie herausfordernde Fragen, wie die „zur Sklaverei“ in Lektion 53 (Band 5). Da Schirrmacher auch hier genau auf den biblischen Text blickt, wie z.B. hier: “ Daneben wurde ein Zahlungsunfähiger jedoch vor allem durch Gerichtsbeschluss zum Sklaven. Die Sklaverei erfüllt also bei Delikten, die mit finanziellen Vergehen oder Folgen zu tun hatten, die Funktion, die die heutige Geld- und Gefängnisstrafe erfüllen sollen“ (Bd. 5, S. 233). Schirrmacher zeigt immer wieder auf, dass sich in der Bibel das beste Gesetz aller Zeiten finden lässt.

Auch in „Ethik“, wird das strukturierte vorgehen Schirrmachers deutlich. Eigentlich hat er immer eher große Linien im Blick, wie z.B. „der Bund Gottes oder „Weisheit und Gesetz“ oder die Beziehung von AT zum NT. Dabei ist er gleichzeitig in der Lage interessante Detailaspekte herauszupicken, ob es nun „Starke und Schwache in der Gemeinde“ oder um „die Kopfbedeckung der Frau“ geht. 

Diese drei oben genannten Punkte ermöglichen es, dass man kein Gelehrter sein muss, um mit den Argumenten von Schirrmacher mitzukommen. Die Ausführungen sind eben dadurch, dass er sowohl grobe Linien, wie Detailaspekte bespricht, wie die enge Einbeziehung von Bibelstellen für jeden zugänglich, der bereit ist, die Bibel zu lesen. Man muss nicht überall mit Schirrmacher einverstanden sein, man muss ihm aber zumindest eingestehen, dass er eine ganze Menge relevanter Fragen einbindet.

Doch der einfache Zugang zum Werk Schirrmachers darf keinesfalls über die breite Belesenheit des Autors hinwegtäuschen. Schirrmacher bindet sehr weitreichende Quellen und Bezüge in sein Werk rein. Besonders interessant ist aus dem heutigen Blickwinkel sicherlich seine Kenntnisse des eher radikal-calvinistischen „Christian Reconstuctionism“. Schirrmacher steht eigentlich immer im Dialog mit vielen anderen Autoren. Z.B. zitiert er an einer Stelle (leider konnte ich die exakte Stelle nicht mehr ausfindig machen) Arnold Fruchtenbaum, der von den 613 Gesetzen des Alten Testaments spricht, um in einer Fußnote anzumerken, dass die Tradition, von 613 Gesetzen auszugehen, ihren Anfang in einer mittelalterlichen jüdischen Auslegung nahm. Die besondere Glanzleistung Schirrmachers ist, dass er auch Quellen nachgeht, die nicht schriftlich verfasst wird. So muss er in Lektion 32 „wie erkenne ich den Willen Gottes?“ eingestehen, dass es kaum Ausarbeitungen darüber gibt, „wie man sich vom Geist leiten lässt“ und das doch in vielen Kreisen eine verbreitete Haltung ist. Also bespricht er kurzerhand seitenweise Beispiele. Da wäre z.B. „die Führung, um den Ehepartner zu besprechen“, wo er die Geschichte eines Einsamen Mannes bespricht, der ganz sicher weiß, dass eine Frau seine Frau ist, obwohl sie bereits verheiratet ist. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, um zu warten, bis diese Frau Witwe wird. Oder wie sich Prediger vom „Geist zum Dienst leiten lassen“. Hier lässt Schirrmacher kurzerhand niemand anderen als H.L. Heijkoop zu Wort kommen, um eine Position der „Geistesleitung auf das Gemeindeleben“ darzustellen, die Schirrmacher selbst ablehnt:

„Doch unterwegs sagte der Herr zu mir: Du musst da- und dorthin gehen. Das war ein völlig anderer Ort… In diesem Augenblick sagte der Herr zu mir – es war Freitagabend 21 Uhr- : In diesem Ort in Holland musst du Sonntag sein. … Ich sagte zu meinem Sohn: Ruf sofort Bruder Heijkoop an. Mein Sohn antwortete darauf: Das tue ich nicht; wenn der Herr Bruder Heijkoop hier haben will, wird Er ihn schicken. Ich fragte: Herr, willst Du mich gebrauchen? Ja, sagte der Herr. Ich fraget weiter: Über diesen Abschnitt? Ja, sagte der Herr wiederum. Soll ich ihn lesen? Da sagte der Herr: Nein. …. (als ein anderer den Text gelesen hatte,) sagte der Herr zu mir: Jetzt ist der Zeitpunkt für dich. Ich habe das den Geschwistern dann sogleich berichtet.“

Was ist dabei das Problem, das Schirrmacher sieht? Er schreibt „Die Geistesleitung des Gottesdienstes wird dabei nicht als Möglichkeit gesehen, sondern als ein Muss. Ein Verstoß dagegen kann nur Sünde sein…“ 

Ich habe diese letzte Beispiele auch deswegen so ausführlich illustriert, um Schirrmachers Vorgehensweise deutlicher zu machen. Auch wenn die meisten meiner Zitate sich auf „Ethik“ beziehen, ist die gleiche Arbeitsweise auch bei „Der Römerbrief“ zu sehen. Überhaupt sind sich die Werke ähnlich, einige Exkurse überschneiden sich gar. Beide Werke sind ursprünglich als Material für ein theologisches Fernstudium angelegt und sind durch „Kursmaterial“ ergänzt, also durch Fragen und Aufgabenstellungen für das Selbststudium. Beim Römerbrief-Kommentar brilliert der Autor auch durch die Satzstruktur des kompletten Textes des Römerbriefs, denn er ausarbeitet. 

Ich möchte zum Schluss die problematischen Punkte ansprechen, die es einem gegenwärtig schwer machen könnten, in Schirrmachers Werk zu lesen. Lasst mich dafür ein Beispiel heranziehen:  In Kapitel 47 (Bd.4) findet sich eine recht konservative aber entschiedene Positionierung zum Thema Homosexualität (3 erw. Auflage vom Jahr 2002, wenn das jemand genauer wissen möchte). Doch in seinem Interview mit Chrismon aus dem Jahr 2019 (hier nachzulesen) klingt das alles andere als bestimmt. Nun kann ja durchaus ein Gesinnungswandel durch theologische Neubetrachtungen stattgefunden haben. Doch wenn Schirrmacher hier seine Meinung geändert hat, dann bliebe ja immer noch die Frage, was, außer der Gesellschaftliche Druck nach Akzeptanz „alternativer Lebensformen“ hat hier zum Umdenken geführt? Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes? Neuentdeckung von historischen Zusammenhängen bei der Entstehung des Kanons? Eine Seitenweise Auflistung von Bibelversen? Ich fürchte, kaum. Und das verunsichert sicherlich schon, auch deswegen, weil Schirrmacher eben an so vielen Stellen in seinem Werk sich nicht fürchtet in einer Unmenge an Themen klar und durchaus kontrovers Stellung zu beziehen. Ich meine er schreibt knallhart aus seiner reformierten Perspektive, im Entstehungsjahr der Ethik eine sehr seltene Randposition in Deutschland. Fängt man an der Position zur Homosexualität an zu rütteln, dann kann man einige weitere Kapitel aus der Ethik streichen, sei es nun die Behauptung dass Mann und Frau „gleichwertig aber nicht gleichartig seien“ oder die Einbeziehung von Fruchtbarkeit als Segen der Sexualität. Ich meine, man stelle sich vor, wie ein Pfarrer die Haustafel aus Epheser 5,21-33 vorließt bevor er das gleichgeschlechtliche Paar segnet. (Manchmal frage ich mich, ob Schirrmacher es gelegentlich selbst bereut, die Bibel früher so genau genommen zu haben). Auch hier gilt, dass ich dieses eine Beispiel als Illustration gewählt habe, warum es mir schwer fällt, Schirrmachers Werk im Angesicht seiner eigenen Positionen zu bewerten. Es lassen sich sicher andere Beispiele finden: Immer wieder fällt auf, dass Schirrmacher vor allem die evangelikalen Positionen kritisiert. Manchmal in übertriebener Weise: So ist der Sprung, den Schirrmacher von frauenfeindlichen Texten im Talmud über die Anwendung der liberalen Theologie und den Einfluss von beidem auf die Auslegung von 1 Kor 11, 2-16 (Kopfbedeckung der Frau) in konservativen evangelikalen Kreisen deutlich und unrealistisch überspannt. Schirrmacher dürfte doch viel häufiger als ich Gemeinden im Ausland besucht haben, um zu wissen, dass es Traditionen der Hauptbedeckung der Frau auch in orthodoxen, katholischen und anglikanischen Gemeinden gibt. 

Worauf ich hinaus möchte ist, dass man manchmal einen deutlichen Schmerz im Brustkorb spürt (im Sinne von: „Glaubt er das heute eigentlich selber noch?“), wenn man sich mit Schirrmachers Werk auseinandersetzt, und doch gleichzeitig häufig von seinem systematischen, bibeltreuen und breit aufgestelltem Vorgehen profitiert. Und vielleicht macht gerade diese ungewöhnliche Mischung das Werk um so fruchtbarer?

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Hallo, ich bin Sergej und lese vor allem theologische Bücher reformierter Prägung. Als Familie wohnen wir im Südschwarzwald!

2 Kommentare

  1. Leider gibt es auch eine Liste von Artikel von denen er sich disdanziert. Die Liste hat er im Internet veröffentlicht.

  2. Sergej Pauli sagt

    ja, habe ich gelesen, einiges ist ja in dieser REvoco nachvollziehaber, hält sich glaub insgesamt in Grenzen,

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