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Bis zum Bodensatz

Auf Sieg­fried Kett­ling bin ich durch Vik­tor von Christusallein.com gesto­ßen. Kett­ling, luthe­ri­scher Theo­lo­ge, besitzt eine unge­wöhn­li­che Aus­drucks­wei­se, wahr­schein­lich wohl etwas, das Luthe­ra­ner häu­fig aus­zeich­net. Hilf­reich emp­fand ich sei­ne Aus­füh­run­gen zum Beten. Es ist ein grö­ße­rer Abschnitt, denn ich unver­än­dert wie­der­ge­ben möch­te. Gefun­den in: „Und der sag­te ja“, ein nur noch anti­qua­risch erhält­li­ches Werk: Kürz­lich habe ich ein Gebet gele­sen. Es lau­te­te etwa so: “ Gott, ich will dir sagen, wer du bist und wie du dich mir gegen­über benom­men hast. Ich sage es dir mit­ten ins Gesicht, neh­me kein Blatt vor den Mund. Mit glat­ten Wor­ten bist du auf mich zuge­kom­men wie ein jun­ger Mann, der schön tut, wenn er ein ahnungs­lo­ses Mäd­chen beschwat­zen will. Schließ­lich habe ich mich betö­ren las­sen, bin mir dir gegan­gen. Übel hast du mein Ver­trau­en miss­braucht, mich bru­tal ver­ge­wal­tigt und anschlie­ßend sit­zen­ge­las­sen. Nun ste­hen die Leu­te rings­um, hal­ten sich den Bauch vor Lachen: „Schön dumm von Dir, auf den rein­zu­fal­len.“ Gott, ich sage es dir ins Gesicht — ein Ver­füh­rer bist du!“ Ist das — ein Gebet? Nicht eher eine Gotteslästerung?‚Sollten wir nicht nach der …

Schmeckt und Seht

Zu Weih­nach­ten haben wir die­ses Andachts­buch von John Piper geschenkt bekom­men und hat­ten nun Zeit zum anle­sen. Das Buch, das der Autor für sei­ne Adop­tiv­toch­ter Tali­tha geschrie­ben hat, unter­schei­det sich wahr­schein­lich vor allem durch die Län­ge der „Arti­kel“ von ande­ren Andachts­bü­chern. Die ein­zel­nen Bei­trä­ge sind meis­tens drei Sei­ten lang, womög­lich zu lang, um den Text als kur­zen Andachts­text am Mor­gen zu lesen. Dafür sind es auch „nur“ ins­ge­samt 140 gewähl­te Tex­te. Man steht also nicht unter Druck, jeden Tag einen Arti­kel zu lesen. Im Grun­de fühlt es sich an, als wür­de man Blog-Arti­­kel von Desi­ring­God lesen. Ent­spre­chend bunt ist auch die Band­brei­te der Arti­kel ange­legt. Die Arti­kel rei­chen von „Gedan­ken nach dem 11. 09.2001“, über „Gebets­an­lie­gen von Pas­to­ren“, bis zu Lek­tio­nen, die Piper aus dem Leben ver­gan­ge­ner Chris­ten­ge­nera­tio­nen zieht, wie Brai­nerd, Sime­on, und bei Piper wohl fast obli­ga­to­risch, Jona­than Edwards.  In den meis­ten Arti­keln jedoch zieht uns der Autor in die Neu­ent­de­ckun­gen sei­ner per­sön­li­chen Bibel­le­se hin­ein. Vor allem wenn er über weni­ger beach­te­te Ver­se schreibt, wie z.B. Hi. 5,8−10 (Stau­nen über das Wun­der von Regen) …

„Mir scheint der Teil der christlichen Lehre welcher von der Prädestination handelt, nicht der schwierigste zu sein…“

Die Web­sei­te Licht-und-Recht.de ist immer wie­der eine Quel­le für Neu­ent­de­ckun­gen. So habe ich neu­lich ein Schrei­ben von Ursi­nus an einen (zu die­sem Zeit­punkt) luthe­­risch-huma­­nis­­ti­­schen Theo­lo­gen namens Jakob Monau gefun­den, der sich mit der Leh­re von der Prä­de­sti­na­ti­on aus­ein­an­der­setzt. Gan­ze 14 DINA4-Sei­­ten ist der Brief lang und wur­de offen­sicht­lich in einer Nacht fer­tig­ge­stellt. Eine gan­ze Sei­te lang zitiert Ursi­nus Bibel­ver­se, wie Gott auch im „Bösen“ wirkt. Wie gesagt, ohne jeg­li­che digi­ta­len Mit­tel, im Grun­de aus dem Stand her­aus. Obwohl nicht immer ganz freund­lich im Ton, bleibt Ursi­nus sach­lich und leicht ver­ständ­lich. Er schreibt: „Mir scheint der Teil der christ­li­chen Leh­re wel­cher von der Prä­de­sti­na­ti­on han­delt, nicht, wie Du schreibst, der schwie­rigs­te zu sein; wofern wir nur die hei­li­ge Schrift ohne Vor­ur­tei­le lesen und­oh­ne Lei­den­schaft mit dem erns­ten Stre­ben, nicht etwa Gott nach unse­ren Phan­ta­sie­ge­bil­den umzu­ge­stal­ten, son­dern von Ihm selbst über Ihn zu ler­nen und ihm allein alle Ehre zu geben und von uns ab zu Ihm hin zu wen­den. So ist mir vie­les leicht gewor­den, was schwie­rig zu sein schien, so lan­ge ich auf das Ansehen …

Tertullian: Verteidigung

„Wenn der Tiber bis in die Stadt­mau­ern steigt, wenn der Nil nicht bis über die Feld­flu­ren steigt, wenn die Wit­te­rung nicht umschla­gen will, wenn die Erde bebt, wenn es eine Hun­gers­not, wenn es eine Seu­che gibt, sogleich wird das Geschrei gehört: „Die Chris­ten vor den Löwen!“ So vie­le vor einen?! Ich bit­te euch, wie vie­le Kala­mi­tä­ten haben nicht schon vor Tibe­ri­us, d.h. vor der Ankunft Chris­ti, den Erd­kreis und die Stadt betrof­fen?“ — Ter­tul­li­an in „Ver­tei­di­gung“. Es gibt vie­le Grün­de, war­um man Ter­tul­li­an lesen soll­te. Da wäre erst ein­mal die gene­rell anti- oder zumin­dest unchrist­li­che Atmo­sphä­re des zwei­ten Jahr­hun­derts, die unse­rer nicht unähn­lich ist. C. Tru­e­man bemerk­te mei­nes Erach­tens  zurecht, dass wir vor allem aus dem zwei­ten und drit­ten Jahr­hun­dert am meis­ten für unse­re Zeit schöp­fen kön­nen. Ähn­lich wie vor fast zwei­tau­send Jah­ren, wird das Chris­ten­tum nicht nur abge­lehnt, es gilt als unäs­the­tisch und wider­lich. Vom Markt­platz der zuläs­si­gen Mei­nun­gen ist es schon lan­ge aus­ge­schlo­ßen. Doch es liegt auch an Ter­tul­li­an per­sön­lich, war­um sei­ne „Ver­tei­di­gung des Chris­ten­tums“ ein guter Start­punkt ist, um die Lite­ra­tur der Kir­chen­vä­ter kennenzulernen. …

Das höchste Gut des Menschen

„Gott und Gott allein ist das höchs­te Gut des Men­schen. In einem all­ge­mei­nen Sin­ne kön­nen wir sagen, dass Gott das höchs­te Gut all sei­ner Krea­tu­ren ist. Denn Gott ist der Schöp­fer und Erhal­ter aller Din­ge, die Quel­le allen Seins und jeg­li­chen Lebens und die über­flie­ßen­de Quel­le allen Gutes. Jede Krea­tur schul­det jeden ein­zel­nen Augen­blick sei­ne gan­ze Exis­tenz ein­zig Ihm, der das Eine, Ewi­ge und All­ge­gen­wär­ti­ge Wesen ist. Doch das Kon­zept des höchs­ten Guts schließt übli­cher­wei­se auch den Gedan­ken mit ein, dass die­ses Gut von den Krea­tu­ren selbst erkannt und genos­sen wird. Und das kann natür­lich nicht der Fall für die leb­lo­se oder nicht-rati­o­­na­­le Schöp­fung sein. Die leb­lo­se Schöp­fung exis­tiert bloß und besitzt über­haupt kein Lebens­prin­zip. Die ande­ren Geschöp­fe, so wie die Pflan­zen besit­zen zwar ein Lebens­prin­zip, haben aber kei­ner­lei Emp­fin­den. Die Tie­re besit­zen zwar zusätz­lich zu ihrer Exis­tenz und ihrem Leben eine Art des Bewusst­seins, doch es ist ein Bewusst­sein, dass die Din­ge um sich durch Sin­nes­rei­ze wahr­nimmt. Sie sind sich der irdi­schen, aber nicht der himm­li­schen Din­ge bewusst. Sie sind sich der tat­säch­li­chen, der freudigen, …

Spurgeon  — wie ihn keiner kennt?

Ich möch­te auf zwei Zita­te auf­merk­sam machen, die man von Spur­ge­on wahr­schein­lich nicht erwar­ten wür­de: Das ers­te habe ich in der 7ten von ihm über­haupt schrift­lich ver­öf­fent­lich­ten Pre­digt zum The­ma „The Church of Christ“ gefun­den. Gera­de­zu pro­phe­tisch sieht Spur­ge­on die Zukunft Isra­els vor Augen. Neben einem offen­sicht­lich phy­si­schen Isra­el, das Spur­ge­on im Blick hat, fällt auch die posi­ti­ve Escha­to­lo­gie auf. Die Hoff­nung, dass schon bald die gan­ze Welt „evan­ge­li­ka­li­siert“ wird, erwies sich bekannt­lich als Trug­schluss und aus der über­aus posi­tiv enthu­si­as­ti­schen Pha­se, die sicher bis in den Anfang des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts unter Evan­ge­li­ka­len anhielt, folg­te spä­tes­tens nach dem ers­ten Welt­krieg eine frus­trie­ren­de Ernüch­te­rung. Das wäre sicher­lich eine inter­es­san­te Stu­die, in wie weit auch die Eupho­rie um Spur­ge­on zu die­ser Ent­wick­lung bei­getra­gen hat: „Not long shall it be ere they shall come-shall come from distant lands wher’er they rest or roam; and she who has been the off­s­cou­ring of all things, who­se name has been a pro­verb and a byword, shall beco­me the glo­ry of all lands. Dejec­ted Zion shall rai­se her head, shaking herself from dust, and darkness, and …

Wie können wir denn lesen? — Folge 2

Die­ser Arti­kel besitzt einen Vor­läu­fer. Lese hier. Es sind der Pre­dig­ten unzäh­li­ge, die nach unab­än­der­li­chem Mus­ter ablau­fen: Aus­ge­hend von einem Text wie z.B. Joh.10, der über die Zuver­läs­sig­keit und Ver­trau­ens­wür­dig­keit des guten Hir­ten Jesus spricht, kon­zen­trier­te sich der Pre­di­ger die zwan­zig bis drei­ßig Minu­ten sei­ner Pre­digt nahe­zu aus­schließ­lich dar­auf, zu erläu­tern, dass die­se Ver­hei­ßung uns nicht leicht­fer­tig machen soll, es vor allem dar­um geh, den guten Hir­ten zu hören und mit ewi­ger Heils­ge­wiss­heit hat die­ser Text sowie­so erst ein­mal nichts zu tun. An die­ser Stel­le möch­te man jedes Mal fra­gen: Wie­so steht nicht genau das im Text. Was nützt das Gere­de vom Sko­pus, wenn er dich über­haupt nicht inter­es­siert? Wie­so sagt Jesus, oder zumin­dest die Apos­tel an einer ande­ren Stel­le, als Dis­kus­si­on die­ser Bege­ben­heit, etwas dar­über, dass die Zuhö­rer doch bit­te mit all die­sen Ver­hei­ßun­gen nicht über­trei­ben sol­len. Das man die­sen Text schnell miss­brau­chen kann und dass man jetzt unbe­dingt hin­zu­fü­gen muss, dass es vor allem dar­um geht, aus­zu­hal­ten (und eben nicht um die Ver­trau­ens­wür­dig­keit des Hir­ten). Im Übri­gen, pas­siert das auf der ande­ren Seite …

„Alle hoffen, dass der Teufel jenseits des Meeres ist und wir Gott in der Tasche haben“

Eigent­lich ist es eine logi­sche Schluss­fol­ge­rung von Luthers rigo­ro­ser Ver­tei­di­gung von sola fide und sola gra­tia, dass man den Sinn des Geset­zes völ­lig in Fra­ge stellt. So tat es auf jeden Fall auch Johan­nes Agri­co­la, ein luthe­ri­scher Theo­lo­ge, auf den Luther so vie­le Hoff­nun­gen setz­te, dass er ihn in sei­nem Heim in Wit­ten­berg ließ, und sich von ihm selbst für Pre­dig­ten und Vor­le­sun­gen ver­tre­ten ließ. Agri­co­la war nun der Ansicht, dass die Pre­digt des Geset­zes für Chris­ten unnö­tig ist, da man nun im neu­en Bund, näm­lich im Bund der Gna­de lebt. Ent­spre­chend gehö­ren „das Gesetz Got­tes bzw. die Zehn Gebo­te aus der Kir­che (…) ver­sto­ßen und in das Rat­haus (…)ver­wie­sen;“ Wie aber soll­te die Pre­digt des Evan­ge­li­ums ohne Gesetz mög­lich sein? „Lie­ber Gott, kann man es denn nicht ertra­gen, dass die hei­li­ge Kir­che sich als Sün­de­rin erkennt, die an die Ver­ge­bung der Sün­den glaubt und dazu im Vater­un­ser um die Ver­ge­bung der Sün­den bit­tet? Woher weiß man aber, was Sün­de ist, wenn es das Gesetz und das Gewis­sen nicht gibt? Und woher will man ler­nen, was Chris­tus ist, …

Interview mit Robert Letham

Robert Letham ist Pro­fes­ser für sys­te­ma­ti­sche und his­to­ri­sche Theo­lo­gie an der Uni­on School of Theo­lo­gy in Wales. Er doziert zudem regel­mä­ßig am West­mins­ter Theo­lo­gi­cal Semi­na­ry. Er ist Autor von  The Work of Christ (in der Rei­he: Con­tours of Chris­ti­an Theo­lo­gy), Uni­on with Christ, The Holy Tri­ni­ty. 2019 erschien sei­ne Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie. Letham hat sich für ein Inter­view mit uns bereit erklärt.   S.P.: Sehr geehr­ter Prof. Letham. Vie­len Dank für die Zeit, die sie sich für unse­re Fra­gen neh­men! Kön­nen Sie dar­über berich­ten, wie Sie Christ wur­den? R.L.: Ich wuchs in einem christ­li­chen Eltern­haus auf, wur­de jedoch erst im Alter von 19 Jah­ren getauft. Es gab kei­ne unge­wöhn­li­che oder dra­ma­ti­sche Erfah­rung dabei. S.P.: Ihr letz­tes Werk war eine Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie (Erschie­nen Ende 2019). Auf­grund der Tat­sa­che, dass zahl­rei­che sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gien ver­füg­bar sind, was ist das Beson­de­re an Ihrem Werk? Es hat das Ziel katho­lisch zu sein und bin­det Figu­ren der Kir­chen­vä­ter, des Mit­tel­al­ters, der Refor­ma­ti­on und der Moder­ne unter­schied­li­chen Spek­trums in die Betrach­tung mit ein. Gleich­zei­tig ver­su­che ich die Sote­rio­lo­gie (Die Leh­re vom Heil) mit der Ekklesiologie …

Von Prinzessinnen, Prinzen und ihren Untertanen

Was für ein her­aus­for­dern­der Titel! Ich besit­ze das Vor­recht, Beat Tan­ner per­sön­lich zu ken­nen, einen Men­schen, der sich vor allem durch Freund­lich­keit und Mit­ge­fühl aus­zeich­net. Das er aber auch kla­re Töne fin­den kann, hat er nun mit die­sem hand­li­chen Rat­ge­ber bewie­sen. Gibt es aber nicht Erzie­hungs­rat­ge­ber, auch christ­li­che, in Hül­le und Fül­le? Sind wir nicht schon müs­sig gewor­den, die nächs­te neue Erzie­hungs­me­tho­de aus­zu­pro­bie­ren? Tan­ners Büch­lein erweist sich vor allem des­we­gen als erfri­schend, weil es wie­der ganz zurück, an den Anfang und Ursprung der Schrift führt. Die Lösung, die das Buch für das Gesell­schafts­phä­no­men Macht­um­kehr (zwi­schen Eltern und Kin­dern) anbie­tet, liegt in einer aus­führ­li­chen Bespre­chung von Eph. 6,1−4. Krei­send ent­wi­ckelt der Autor einen neu­en Zugang zu die­sen so alt­be­kann­ten aber wenig beach­te­ten Ver­sen. Wie oft hält man die­se Stel­le für ver­al­tet, und meint im gren­zen­lo­sen Wün­scheer­fül­len und Ver­wöh­nen der Kin­der einen bes­se­ren (und ein­fa­che­ren) Weg für die Erzie­hung gefun­den zu haben? Ich muss­te mich beim Lesen so oft an die eige­ne Nase packen, dass sie rot wur­de. Was bei den Kleins­ten noch als kon­trol­lier­bar erscheint, nimmt …