Bibeln, Bücher zur Bibel, Literatur, Medien
Schreibe einen Kommentar

„Gelobt sei der Herr, der dir heute den Erlöser nicht versagt hat“

Skizzen zum Buch Ruth

Das Buch „Five Fes­tal Garments“ von B.G. Webb unter­sucht fünf Bücher des AT, die wir als Chris­ten häu­fi­ger ver­nach­läs­si­gen. Webbs Über­le­gun­gen waren unter ande­rem die Grund­la­gen für nach­fol­gen­de Skizzen:

1. Episodische Struktur:

Webb macht auf die Schön­heit des Auf­baus im Inne­ren des Werks auf­merk­sam. Es liegt eine struk­tu­rel­le Par­al­le­le mit gering­fü­gi­gen Vari­an­ten in Kapi­tel 2 und Kapi­tel 3 vor:

Kapi­tel 2: Kapi­tel 3:
1. Ruth bie­tet Nao­mi, ob sie gehen kann und sagt ihr was sie tun will. Nao­mi bie­tet Ruth zu gehen Nao­mi bie­tet Ruth zu gehen und sagt ihr, was sie zu tun hat.
2. Ruth geht 2. Ruth geht
3. Boas frägt, wer Ruth sei und es wird ihm erklärt 3. Boas frägt, wer Ruth sei und es wird ihm erklärt
4. Boas bit­tet Ruth zu blei­ben und sagt, dass „Sie seg­nens­wert sei“ und gibt ihr Nahrung 4. Boas sagt Ruth, dass „Sie seg­nens­wert sei“ und bit­tet sie zu blei­ben und gibt ihr Nahrung
5. Ruth spricht mit Nao­mi, erzählt ihr was pas­siert sei und bekommt von ihr Rat 5. Ruth spricht mit Nao­mi, erzählt ihr was pas­siert sei und bekommt von ihr Rat

Doch in die­ser Par­al­le­le ent­wi­ckelt sich wei­ter, so wie aus der Ern­te­zeit von Kapi­tel zwei die Dresch­zeit von Kapi­tel drei wird.

Die­ses Zen­trum wie­der­um ist flan­kiert von „Namens­lis­ten“: Zu Beginn fin­den wir min­des­tens drei Namen, die kei­ner­lei Rol­le mehr spie­len sol­len. Die Genea­lo­gie zum Schluß kann jedoch kaum bedeu­ten­der sein, ver­knüpft sie Ruth doch als Bin­de­glied zwi­schen der Mose-Rich­ter Zeit mit der Zeit des gro­ßen Königs Davids. Ent­spre­chend spie­geln auch die­se Namens­lis­ten die Ent­wick­lung von der Lee­re zur Fül­le wider, die Nao­mi und Ruth als Indi­vi­du­en wider­fährt für einen grö­ße­ren Kon­text wieder

2. Thematische Entwicklung und Kanonische Einbindung

Damit wären wir mit­ten im Plot des Buches. Wer Ruth als an Rich­ter anschlie­ßend liest, dem wird auf­fal­len, dass die zwei abschlie­ßen­den Hor­ror­ge­schich­ten des Rich­ter-Buches damit Anfan­gen, dass Jemand Beth­le­hem (= Haus des Bro­tes) ver­lässt ( Ri 17,9 und Ri 19,2 bzw. 19,18). Wer das Haus des Bro­tes ver­lässt, steht in der Gefahr eine Kata­stro­phe aus­zu­lö­sen. Ruth als Abschlie­ßen­der Teil die­ser Tri­lo­gie bie­tet nun die „Kon­tra-Erzäh­lung“ dafür. Dabei war die Iro­nie beson­ders groß, dass im „Haus des Bro­tes“ eine Hun­gers­not herrscht (Rt. 1,1). Im Übri­gen dür­fen wir auch sonst Umstän­de der Rich­ter-Zeit erwar­ten: Ein jeder tut was ihm recht vor Augen scheint. Das gera­de eine frem­de Migran­tin ein belieb­tes Opfer für ein kur­zes Sex­aben­teu­er wer­den kann, schei­nen Rt2,21 und Rt2,15 zumin­dest anzudeuten.

Doch zehn Jah­re nach Ver­las­sen des ver­hei­ße­nen Lan­des aus­ge­rech­net in Rich­tung Moab, muss Ruth Buße übend zurück­keh­ren und bekennt, als die Frau­en rufen: „Ist das die Naomi?“:

„Nennt mich nicht Naomi(Lieblich), son­dern Mara (Bit­ter). Denn der All­mäch­ti­ge hat mich sehr betrübt. Voll zog ich aus, aber leer hat mich der HERR wie­der heimgebracht.“ 

„Nao­mis Ver­las­sen von Beth­le­hem und die Rück­kehr zurück kann the­ma­tisch in Begrif­fen von Rebel­li­on und Buße ver­stan­den wer­den. Namoi kommt aus einem fer­nen Land als eine „ver­lo­re­ne Toch­ter“ zurück“ (Webb, S. 51)

In Nao­mis Begeg­nung begeg­nen wir dem, was aus dem israe­li­sche kom­pro­miss­lo­sen Mono­the­is­mus folgt. Denn wenn Gott über alle Din­ge sou­ve­rän ist, gibt es kei­ne end­gül­ti­ge oder ande­re Erklä­rung für das Lei­den, das einem wie­der­fährt. Den­noch irrt Nao­mi, wenn Sie sich als „Leer heim­ge­kom­men“ sieht. Selbst nach­dem ihrund Ruth uner­war­te­te Seg­nun­gen wie­der­fah­ren, müs­sen sie die neben­ste­hen­den Frau­en dar­an erin­nern, dass ihre „Schwie­ger­toch­ter, die sie liebt, ihr bes­ser ist als sie­ben Söh­ne“ (Rt. 4,15). Leer heim­ge­kom­men ist Sie also gar nicht und aus der bit­te­ren Vor­se­hung, die Sie emp­fin­det wird bald eine süße.

Ruth ist also ein Buch, das vom Lei­den-Glau­ben-Beloh­nun­g/­Se­gen berich­tet (so T. Schrei­ner in The King in His Beau­ty) oder von Lee­re-Suchen-Fin­den-Fül­le (so Webb)

The­ma­tisch führt auch ein ober­fläch­li­ches Lesen nicht darn vor­bei zu erken­nen, wie das Buch „Freund­lich­keit“ unter­streicht. Boas wird als Bei­spiel der Freund­lich­keit gegen­über Wit­wen, Wai­sen und Fremd­lin­gen unter­stri­chen. Ent­spre­chend lesen Juden das Buch Ruth zu Pfings­ten, im jüdi­schen Ver­ständ­nis ist Pfings­ten nicht nur das ers­te Ern­te­dank­fest, son­dern auch der 50 Tag nach dem Pas­sah­fest, der Tag, an dem Isra­el in der Wüs­te das Gesetz emp­fing. Dabei wer­den man­che Geset­ze eher frei­mü­tig über­gan­gen. Neben dem über­gan­gen ers­ten Erlö­ser ist dabei vor allem an die Ein­bin­dung der Moa­bi­ter zu den­ken, die nie­mals in die Gemein­de des Herrn kom­men dür­fen (5. Mo 23,3−6). Das Ruth Moa­bi­te­rin ist, wird dabei nie ver­schwie­gen son­dern eher beson­ders unter­stri­chen (6 Mal im Buch). Boas lebt also den Geist und nicht den Buch­sta­ben des Geset­zes aus. Aus­ge­rech­net eine Frau aus dem ver­bann­ten Stamm ist dabei eine ech­te „Israe­li­tin im Her­zen“. Das die hebräi­sche Kano­ni­sie­rung Ruth oft auch nach Sprü­che ein­ord­net stellt Ruth als DIE Frau nach Sprü­che 31 dar: Tugend­sam und freund­lich. Deut­lich wird das z.B. in Rt. 2,12−13:

„(Wor­te Boas zu Ruth): Der Herr ver­gel­te dir dei­ne Taut, und dein Lohn möge voll­kom­men sein bei dem Herrn, dem Gott Isra­els, zu dem du gekom­men bist, dass du unter sei­nen Flü­geln Zuflucht hät­test. Sie sprach: Lass mich Gna­de vor dei­nen Augen findn, mein herr, denn du hast mich getrös­tet und dei­ne Magd freund­lich angesprochen…“

Beach­tet, wie Ruth die Begrif­fe „freund­lich“ und „Gna­de“ mit­ein­an­der verknüpft.

3. Bezüge zum Neuen Testament

Das Ruth mit Büchern wie Esther oder Hohe­lied eher in unse­ren täg­li­chen Betrach­tun­gen unter­ge­hen liegt nicht nur an der Kür­ze der Bücher, son­dern auch dar­an, dass das NT rela­tiv wenig Bezü­ge zu die­sen Büchern nimmt. Zu Ruth fin­det sich aber in Mat­thä­us 1,5 ein span­nen­der Hin­weis. Bekannt­lich unter­streicht Mat­thä­us nebst Ruth auch die ande­ren heid­ni­schen Frau­en im Stamm­baum Jesu, aber nur hier fin­det sich die Info, dass die Mut­ter des Boas selbst nie­mand gerin­ge­res als Rahab sei. Das heißt der Mus­ter-Israe­lit schlecht hin hat eine kanaa­näi­sche Mut­ter und hei­ra­tet eine Mus­ter-Frau aus Moab. In Ruth fin­den wir so auf beson­de­re Wei­se deut­lich gebracht, dass der ein ech­ter Israe­lit sei, der es inwen­dig ist (Röm. 2,29).

Nach ihrer Begeg­nung mit dem Erlö­ser Boas, ler­nen Ruth und Nao­mi, dass sie „nicht leer“ daste­hen. Nein, Sie bekom­men die Fül­le, weil Sie zum Gott Isra­els umkeh­ren. Den­noch sehen Sie nur einen Teil der vor­se­hen­den Für­sor­ge Got­tes. Der Autor des Buches Ruth blickt wei­ter und hat David im Blick. Wenn sich spä­ter Mat­thä­us hin­setzt um sein Evan­ge­li­um zu ver­fas­sen, wird das klei­ne Buch zu einem Schlüs­sel­stein auf dem Weg Got­tes die Ver­hei­ßung des Schlan­gen­be­sie­gers aus 1. Mo. 3,15 zu erfüllen.

4. Lessons learned

Ich habe eini­ge Lek­tio­nen mit einem Freund geteilt. Bereits eini­ge weni­ge Stun­den Invest in das Buch haben mich uver­gleich­lich und unwi­der­ruf­lich bereichert:

  • So bin ich per­sön­lich ein Mensch, der sehr mit Fehl­ent­schei­dun­gen hadert. Mir ist es dabei kein Trost, dass in vie­len die­ser Fehl­ent­schei­dun­gen auch ande­re mit­ge­re­det haben. Ich kann mich hier mit Nao­mi aus Kapi­tel eins iden­ti­fi­zie­ren, die die Ver­ant­wor­tung Isra­el für Moab ein­zu­tau­schen, kom­plett auf sich nimmt. Dabei war Sie als Frau wahr­scheinlch eher ein­fach mit­ge­zo­gen mit ihrem Ehe­mann. Ich weiß, dass der Blick zurück auf (ver­meint­li­che) Fehl­ent­schei­dun­gen „unge­mein ver­bit­tern“ kann. Der Blick auf die Vor­se­hung Got­tes, die denen die Gott Lie­ben nur das Bes­te bie­tet, ist eine Lek­ti­on die ich mit Nao­mi ler­nen möch­te. Das was für uns nur Plan B oder C zu sei scheint, ist in Got­tes Augen Plan A. Wir dür­fen also auch unse­re Fehl­ent­schei­dun­gen ver­trau­ens­voll in Got­tes Hand legen.
  • Das aus­ge­rech­net eine Moa­bi­te­rin Gna­de wie­der­fährt ist etwas, dass den „über­schwäng­li­chen Reich­tum sei­ner Gna­de durch sei­ne Güte in Chris­tus Jesus“ aus­drückt (Eph. 2,7). Eigent­lich ist es nahe­zu bizarr, das Gott hier über das Gesetz hin gnä­dig ist. Aber ist nicht genau das, was uns am Kreuz Chris­ti begegnet?
  • Schließ­lich hat mich die Ehr­lich­keit des Buches beein­druckt. In Beth­le­hem ist eben wirk­lich Hun­gers­not, und es möge dabei hun­dert­fach „Brot­haus“ hei­ßen. Und auch in Isra­el besteht für eine jun­ge hüb­sche frem­de Wit­we die Gefahr, ver­ge­wal­tigt zu wer­den. Boas, Ruth und Nao­mi sind sich des­sen völ­lig klar bewusst. Aber Sie bli­cken auf weit­aus mehr, das die geo­gra­phi­schen Gren­zen und die poli­ti­sche Situa­ti­on Isra­els durch­bricht. „Die­se alle sind gestor­ben im Glaub­ne und haben die Ver­hie­ßun­gen nicht ergrif­fen, son­dern sie nur von fer­ne gese­hen udn gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäs­te und Fremd­lin­ge auf Erden sind“ (Heb. 11.13). Sie haben sich als Men­schen in einer Bun­des­be­zie­hung mit einem gnä­di­gen  Gott ver­stan­den. Die Freund­lich­keit mit der Ruth die Frem­de auf­ge­nom­men wird, zeigt schließ­lich nur auf die Freund­lich­keit mit der uns Gott annimmt. Pau­lus macht dar­aus in Titus 3,4 gar ein Wort­spiel, wenn er von der (en chrēsto­tē­ti) in Chris­tus Jesus (en Chris­tō)  spricht: „Als aber erschien die Freund­lich­keit und Men­schen­lie­be Got­tes, unse­res Hei­lands, mach­te er uns selig.“

5. Literaturhinweise:

Hinterlasse einen Kommentar!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.