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A Clear and Present Word

Heute möchte ich auf dieses kurze Büchlein aufmerksam machen, das Prolegomena für jedes hermeneutische Werk sein dürfte. Ich denke, das man heute über Hermeneutik so reden kann, dass der Eindruck entsteht, dass es eigentlich kaum möglich ist, die Bibel zu verstehen, und dass man zunächst unzählige hermeneutische Werkzeuge beherrschen muss, in die Kulturgeschichte zu investieren hat und eigentlich so wieso immer auf Experten angewiesen ist. Ohne diese Beiträge zu schmälern verteidigt Thompson in diesem Werk, das Lesen der Bibel in der Gegenwart Gottes.

Für mich ein äußerst zentrales Thema, das von vielen Seiten angegriffen wurde und angegriffen wird: Thompson arbeitet z.B. sauber heraus, dass die Debatte zwischen Erasmus und Luther über die Freiheit des Willens hinter dieser Frage vor allem ein Streit darüber ist, ob die Bibel klar und bestimmt verstanden werden kann. Erasmus sieht die Schrift als schwer verständlich, die nicht so ohne weiteres eindeutig z.B. über den Willen in Bezug auf das Heil spricht und er hat auch eine Lösung für das Problem: Die Kirche bringt Licht dafür, wie solche Themen zu verstehen sind. Diesem hält Luther die Klarheit der Schrift entgegen, ein Thema, das die Reformatoren von nun an häufig zu verteidigen hatten.

Heute jedoch sind die Angriffe auf die Klarheit der Schrift oft gänzlich anderer Natur. Die Auslegung der Schrift ist Gelehrtensache geworden und die Rolle des Papstes nimmt oft der Theologieprofessor (oder der Endzeitexperte) ein, der jederzeit mit päpstlicher Autorität festzulegen vermag, welche Auslegung den gerade gilt.

Das Wissen um die Klarheit der Schrift ermutigt die Bibel wieder in das Zentrum unseres Denkens und unserer Gespräche zu stellen. Mich zumindest bewegt und verändert dieses Thema wie kein zweites. Im Grunde ist es gar Grundlage meiner ganzen Bloggertätigkeit aber reicht noch viel weiter: So haben wir als Familie zunehmend Andachtsbücher reduziert und lesen direkt die Biblischen Geschichten. Es entstehen dann so häufig lebensverändernde Gespräche, dass wir vor dem Segen des Herrn nahezu erschlagen sind. Ich denke aber auch an unsere Gebete, in die wir nun nach unseren persönlichen Bitten immer noch Psalmen der Bibel beten. Wir merken, wie die biblischen Muster verinnerlicht werden.

Das die Schrift klar ist, bedeutet nicht, dass wir bei gleichgültigem und oberflächlichem Lesen diese verstehen können. Die Klarheit der Bibel schützt uns auch nicht davor, die Wahrheiten der Schrift zur unseren eigenem Vorteil hin, zu verdrehen. Ja, es ist gar möglich, dass die Schrift uns versperrt wird, weil wir in der Finsternis bleiben wollen. Man denke dafür nur an die Art wie Jesus seine Gleichnisse erklärt. Wir dürfen im Vertrauen auf einen Gnädigen Gott, der mit seinem Heiligen Geist in uns wohnt zur Schrift greifen. Der Autor arbeitet gut heraus, dass Stellen die oft gegen die Klarheit der Schrift vorgebracht werden, eher für diese sprechen. Man denke an das Gespräch des Philippus mit dem Kämmerer aus Äthiopien. Dieser verstand offensichtlich nicht und benötigte Erklärung. Aber genau das meint ja Klarheit, dass wir Erklärung in Gesprächen miteinander finden können. Dass wir bei Fragen nicht hoffnungslos verloren sind, sondern die Antworten im Text selbst finden können. Hier ist vielleicht das kleine Manko des Buches, dass der Autor neben vielen Anwendungen die er auflistet, zu wenig Augenmerk auf das gemeinsame Bibellesen macht.

Ich denke das Thema ist heute auch im Evangelikalismus unter Beschuss. Zu viele bauen auf die Privatmeinungen von Experten. Im Kern sehe ich gerade im Bezug auf diese Frage mein Hauptproblem mit dem Dispensationalismus. Nur die Experten wissen wie wann welches Symbol für welche Zeit warum zu deuten ist. Das scheint nicht die Art zu sein, wie Jesus und die Jünger die Bibel gelesen haben. Das die Schrift klar ist, ist für mich auch eine Ermutigung, sich eindeutig festzulegen. Das oder jenes darf das sein, was wir gelesen haben und es bedeutet auch.  Ist die Bibel klar, kann ich sie auch verstehen und Lehraussagen klar formulieren. Wohlgemerkt kann bei mir als sündigem Empfänger der Botschaft ein „Rauschen drauf“ sein. Aber sich aufgrund der Klarheit der Schrift und nicht Aufgrund eigener Expertise festzulegen, bedeutet eben gerade, dass man verbesserbar und korrigierbar bleibt. Sich wirklich auf die Wahrheit der Bibel festzulegen, bedeutet eben, der Glaubwürdigkeit, Genugsamkeit und Klarheit der Schrift zu vertrauen. Es gilt aufs neue wieder mehr darüber zu sprechen, was wir in der Bibel gelernt haben. Ich verstehe wohl, dass „Diesen Vers verstehe ich so“ oft genug oberflächliche Narzigese wurde, aber wie sollen wir sonst an die Schrift herangehen, als sie zunächst einmal zu lesen?

Insgesamt ist Thompsons Buch Pflichtlektüre bevor man zu einem hermeneutischem Handbuch greift.

 

 

2 Kommentare

  1. Vlad sagt

    Danke für die Empfehlung zu diesem Büchlein. Und dein Text hat mich nun auch angeregt die Andachtsbücher mit meiner Familie zu reduzieren.

  2. Sergej Pauli sagt

    Danke für deinen Kommentar, Vlad. Also ich habe neulich was ganz spannendes erlebt. Aktuell lesen wir immer einen Abschnitt mit den Kindern aus Markus, manchmal habe ich Teile übersprungen, die ich eher als zu kompliziert empfand. Aber neulich war ich mir sehr unsicher ob ich die Frage der Pharisäer über die Scheidung und Jesu antwort darauf lesen sollte. Habe es doch getan und es war nachher fast die bisher beste Gesprächsbasis, die Kinder waren sehr interessiert, wollten verstehen, warum es zu Scheidungen kommt, wer sich häufiger scheidet usw. und man konnte anhand der Bibel über das biblische Konzept der Familie sprechen, so dass die Kinder es auch verstehen.
    – Ein anderes Beispiel: Wie erkläre ich den Kindern die Dreieinigkeit. Ich habe mich schließlich dafür entschieden auf die ganzen Modelle zu verzichten, und einfach die Biblischen Geschichten dafür zu erzählen, z.b. bei der Taufe Jesu oder aber auch aus römer 8, dass sowohl der HG wie Jesus beim Vater für uns eintreten.

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