Rezensionen, Seelsorge
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„Wenn auch unser äußerer Mensch zugrunde geht…“

Ist das Gehirn schuld? von Ed Welch

„Dar­um las­sen wir uns nicht ent­mu­ti­gen; son­dern wenn auch unser äuße­rer Mensch zugrun­de geht, so wird doch der inne­re Tag für Tag erneu­ert“ („2. Kor 4,16). Das lesen der Bücher von Welch oder Powli­son erin­nert mich regel­mä­ßig an die Puri­ta­ner. War­um? Ähn­lich wie die Puri­ta­ner krei­sen die­se sehr lan­ge und inten­siv um ein­zel­ne weni­ge Bibel­ab­schnit­te. Etwas was ich zunächst als läs­tig und über­flüs­sig emp­fand, emp­fin­de ich nun zuneh­mend als hilf­reich. War­um? Weil es mir hilft in ers­ten über­wäl­ti­gen­den Situa­tio­nen den Über­blick zu behal­ten und einen Start­punkt zu haben: Es kommt jemand auf dich zu und über­schüt­tet dich mit einer Not­si­tua­ti­on, z.B. den Bericht über ADHS. In Kür­ze kom­men eine Men­ge viel­schich­ti­ger Pro­ble­me auf einen zu, so dass man kaum noch klar sehen kann. Sich in einer sol­chen Situa­ti­on an eine Schrift­stel­le fest­hal­ten zu kön­nen, ist wie die Erobe­rung eines Stück­chen „Lin­sen­feld“ (2. Sam. 23,11) in all dem Cha­os.

Dabei bie­tet das Buch von Welch weit­rei­chen­de Hil­fe für sehr unter­schied­li­che Situa­tio­nen. Vor allem sei­ne kon­se­quen­te Ver­tei­di­gung der bibli­schen Dicho­to­mie dürf­te eine not­wen­di­ge Hand­rei­chung sein. Die Unter­schei­dung zwi­schen kör­per­li­chen Gebre­chen und der Sün­de des Her­zens hält der Autor kon­se­quent durch:

„Was ist mit ande­ren Sym­pto­men, wie zum Bei­spiel Hal­lu­zi­na­tio­nen? Offen­ba­ren sie ein geis­ti­ges Pro­blem, ein kör­per­li­ches Pro­blem oder gar bei­des? Um die­se Fra­ge zu beant­wor­ten, wen­den Sie ein­fach einen Test an: Ver­bie­tet die Bibel Hal­lu­zi­na­tio­nen? Die kla­re Ant­wort ist: Nein. Des­we­gen ver­ur­tei­len wir die­se Men­schen nicht, son­dern drü­cken ihnen unser Mit­ge­fühl aus. Selbst wenn eini­ge durch ihre Hal­lu­zi­na­tio­nen in Sün­de fal­len oder die Hal­lu­zi­na­ti­on durch Sün­de, etwa das Ein­neh­men von Dro­gen, ent­stan­den ist: Hal­lu­zi­na­tio­nen für sich genom­men sind kei­ne Sün­de. Sie sind Ergeb­nis einer kör­per­li­chen Schwä­che“ (S. 39)

War­um erschre­cken wir als Chris­ten oft mehr vor der Hal­lu­zi­na­ti­on (oder ähn­lich: Schi­zo­phre­nie) mehr, als vor der Hilfs­be­dürf­ti­gen des Men­schen. Ich fürch­te Schi­zo­phre­ni­ker wird man in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen sel­ten mit dem Kreuz Chris­ti trös­ten, son­dern die­sen eher sogar die Tau­fe ver­sa­gen und sie erst­mal in einen Exor­zis­mus-Zyklus füh­ren. Auch dabei dürf­te die Ursa­che dar­in lie­gen, dass man nicht zwi­schen Sün­de (des Her­zens) und Schwä­che (des Lei­bes) unter­schei­det.

Welch bespricht in sei­nem Buch unter­schied­li­che Kate­go­ri­en soge­nann­ter zere­b­ra­ler Pro­ble­me aus Sicht der Bibel. Die­se unter­schei­det er in drei Kate­go­ri­en: Kla­re Fehl­funk­ti­on des Gehrns (Alz­hei­mer, Demenz und Kopf­ver­let­zun­gen), Mög­li­che Fehl­funk­ti­on des Gehirns (Depres­sio­nen und ADS/ADHS) und kei­ne Fehl­funk­ti­on des Gehirns (Homo­se­xua­li­tät und Alko­ho­lis­mus). Im Umgang mit Men­schen, die von einer kla­ren Fehl­funk­ti­on des Gehirns betrof­fen sind, habe ich mich dabei ertappt, dass ich nicht bereit bin, mit der nöti­gen Rück­sicht auf sol­che Leu­te zu zuge­hen. Ich wür­de davon aus­ge­hen, dass ich kein wei­te­res Mate­ri­al, kei­ne wei­te­re Unter­stüt­zung benö­ti­gen wür­de, um z.b. mit einem Demenz-Kran­ken klar zukom­men. Die­se ver­meint­li­che Sicher­heit ist aber eher auf Selbst­über­schät­zung zurück­zu­füh­ren.

Das Buch ist von zahl­rei­chen Pra­xis-Bei­spie­len durch­zo­gen. Beein­druckt hat mich, wie die beschrie­be­nen Fol­gen nach einer Kopf­ver­let­zung nahe­zu genau so auch in unse­rem fer­nen Freun­des­kreis erlebt wur­den. Die­se her­aus­for­dern­den Situa­tio­nen benö­ti­gen viel Unter­stüt­zung, auch von Gemein­de und Ver­wand­ten und Freun­den. Man soll­te nicht ein­fach so wei­ter­ma­chen wie bis­her.

In einem ande­ren Fall beschreibt Welch sehr ein­drück­lich, wie eine von Depres­sio­nen betrof­fe­ne Schwes­ter sich an die­sen fest­klam­mer­te, weil sie ihre Art der Selbst­süh­ne waren. In sol­chen Momen­ten wird der Kampf­platz des Her­zens in beson­de­rer Wei­se offen gelegt. In einem ande­ren Fall ist der Ver­weis auf eine Auf­merk­sam­keits­stö­rung ein ange­neh­mes Mit­tel der Selbst­recht­fer­ti­gung. Reagiert man hier nur mit bio­lo­gi­schen Lösun­gen, wird weder die eigent­li­che Not der Betrof­fe­nen gelöst, noch wirk­lich der Hei­li­gung nach­ge­jagt (Man erin­nert sich wie­der an die obi­ge Bibel­stel­le). Aus­ge­wo­gen­heit ist gefor­dert:

Es ist ein Unter­schied, ob Sie ihrem Kind sagen: „Räum dein Zim­mer auf!“ oder „Schlag dei­nen Bru­der nicht!“ Das Kind hat ein Gewis­sen und weiß intui­tiv, dass es ande­re auch in sei­ner Wut nicht schla­gen darf. Sol­ches Ver­hal­ten ist sogar dann noch falsch, wenn die Eltern nicht sagen: „Schlag ihn nicht!“ Aber das Kind hat kein Gewis­sen, das ihm sagt, es sei mora­lisch ver­werf­lich, ein unauf­ge­räum­tes Zim­mer zu hin­ter­las­sen. Eigent­lich ist das unauf­ge­räum­te Zim­mer eine Ver­let­zung des Gebo­tes, sei­nen Eltern zu gehor­chen, doch in man­chen Fäl­len ist Unge­hor­sam nicht die pas­sen­de bibli­sche Kate­go­rie. Ver­ständ­nis für das Herz des Kin­des könn­te auf eine kör­per­li­che Beschrän­kung (zum Bei­spiel Gedächt­nis­pro­ble­me) oder Unwis­sen­heit hin­wei­sen und nicht auf geist­li­che Rebel­li­on. Es gibt kei­ne Ent­schul­di­gung für Sün­de wie Wut und lieb­lo­ses Ver­hal­ten, aber manch­mal gibt es eine Ent­schul­di­gung für ein nicht auf­ge­räum­tes Zim­mer.“ (S. 124)

In ähn­li­cher Wei­se warnt Welch davor, Homo­se­xu­el­le mit ober­fläch­li­chen Ant­wor­ten abzu­spei­sen:

„Die Homo­se­xu­el­len sind in einer heik­len Posi­ti­on: Sie leh­nen sich gegen den hei­li­gen Gott auf, aber ihnen ist in gewis­ser Wei­se bewusst, dass sie in Sün­de leben und sie haben Angst vor Got­tes Zorn (Röm 1.).  Sie glau­ben nicht, dass Gott sich dazu brin­gen lässt, ihnen wirk­lich zu ver­ge­ben. (…) Es gibt kei­nen wich­ti­ge­ren Fak­tor in der Ver­än­de­rung eines Homo­se­xu­el­len als den siche­ren Glau­ben, dass ihre oder sei­ne Sün­de von der tiefs­ten Wur­zel an ver­ge­ben wor­den sind.“ (S.156)

Trotz der der­art unter­schied­li­chen The­men ist es Welch gelun­gen, die­se eng zusam­men­zu­hal­ten. Die Ant­wor­ten auf all die­se Fra­gen ist immer noch nicht ein­fach, aber es gibt sie: „Sie sind vor­han­den, wenn wir tie­fer in der Schrift gra­ben und ver­su­chen, neue Anwen­dun­gen für alte Wahr­hei­ten zu ent­wi­ckeln. Eine liegt uns seit Jah­ren vor: Wir sind als Ein­heit von Geist und Kör­per geschaf­fen. Ihre Anwen­dung hat schlicht auf die­se und ähn­li­che Fra­gen gewar­tet.“ (S.183).

Es ver­wun­dert ent­spre­chend nicht, dass die deut­sche Über­set­zung die­ses Wer­kes bereits in vier­ter Auf­la­ge vor­liegt.

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