„Ungerechtigkeit irgendwo ist ein Angriff auf die Gerechtigkeit überall“

Durch eine Predigt von Tim Keller bin ich auf einen offenen Brief von Martin Luther King Jr. aufmerksam geworden, denn er am 16.04.1963 verfasst hat. Dieser Brief ist eine Reaktion auf einen Aufruf zur Einheit, den King ins Gefängnis geschmuggelt bekommen hat. Dort wurde er aufgefordert, den Kampf für Bürgerrechte ausschließlich vor Gericht und nicht auf der Straße zu führen. Mehr zu den Hintergründen findet sich auf Wikipedia.

Der vollständige Brief findet sich hier.

Ich habe einige Auszüge dieses Briefes übersetzt, mit dem King seinen Widerstand begründet. Ich glaube King bleibt für uns ein Lehrmeister.

Zunächst: King bleibt trotz Unverständnis und unter Druck sachlich und freundlich und doch bestimmt, wie die Einleitung seines Briefes zeigt:

„Meine lieben Mitpfarrer: Während meiner Verwahrung hier im Gefängnis von Birmingham City, stieß ich auf eure kürzliche Aussage, die meine letzten Tätigkeiten als „unweise und  unpassend verfrüht“ bezeichnet. Ich halte nur selten inne um auf Kritik an meiner Arbeit und meinen Ideen einzugehen. Wenn ich versuchen würde, alle Kritik zu beantworten, die an meinen Bürotisch gelangt, hätten meine Sekretäre kaum noch Zeit für etwas anderes, als für die Bearbeitung solcher Korrespondenz. Auch ich hätte keine Zeit für konstruktive Arbeit.

Doch weil ich spüre, dass ihr Menschen von echtem guten Willen seid und dass ihr eure Kritik aufrichtig darstellt, will ich versuchen, eure Stellungnahme in, wie ich hoffe geduldigen und vernünftigen Ausführungen, zu beantworten.“

King beschönigt im Verlauf des Schreibens die Situation der Schwarzen nicht:

„Wir haben seit mehr als 340 Jahren auf unsere bürgerlichen und gottgegebenen Rechte gewartet. Die Nationen Asiens und Afrikas bewegen sich gerade in Windeseile zu mehr politischer Unabhängigkeit, doch wir kriechen im Trabschritt auf die Aussicht hin, eine Tasse Kaffee  in der Kantine bestellen zu dürfen. Vielleicht ist es für die einfacher „Warte!“ zu rufen, die noch nie die stechenden Dornen der Segregation gespürt haben. Doch wenn ihr  gesehen hättet, wie bösartige Banden eure Mütter und Väter nach Belieben lynchen und eure Schwestern und Brüder nach Lust und Laune ertränken, wenn ihr gesehen hättet, wie  die hasserfüllten Polizisten eure schwarzen Brüder und Schwester verfluchen, treten und sogar töten, wenn ihr gesehen hättet, wie die überwiegende Mehrheit eurer zwanzig Millionen schwarzer Brüder im erdrückenden Zwang der Armut inmitten einer wohlhabenden Gesellschaft dahinsiechen; wenn eure Zunge plötzlich einen Knoten hat und ihr nach Wörtern suchend stammelt,um eurer sechs Jahre alten Tochter zu erklären, warum sie nicht in den öffentlichen Freizeitpark gehen darf, der gerade im Fernsehen beworben wurde, wenn ihr die Tränen sähen würdet, die aus ihren Augen kullern, wenn man ihr sagt, dass „Funtown“ für farbige Kinder geschlossen sei und dann beobachtet, wie ominöse Wolken der Unterlegenheit sich in ihrem kleinen mentalen Himmel formen, wenn ihr dann säht, wie sie ihre Persönlichkeit durcheinanderbringen, indem sich eine unbewusste Bitterkeit gegenüber weißen Menschen entwickelt, wenn ihr eine Antwort für die Frage eines fünfjährigen basteln müsstet, der frägt: „Daddy, warum behandeln weise Menschen die farbigen Menschen so gemein?“ ; wenn ihr das Land überqueren müsst und in den unbequemen Ecken eures Autos übernachten misst, weil kein Motel euch akzeptieren wird; wenn ihr tagaus, tagein dadurch gedemütigt werdet, dass ihr Schilder lesen müsst, die „weiß“ und „farbig“ lauten. Wenn dein erster Name „nigger“ ist, dein mittlerer Name „boy“ lautet(egal wie alt man ist) und dein letzter Name immer „John“ heißt und deine Frau und deine Mutter niemals den respektablen Titel „Mrs.“ zu hören bekommen; Wenn ihr tagsüber belästigt und nachts von der Tatsache verfolgt werdet, dass ihr „Negro“ seid, die immer auf Zehenspitzen zu gehen haben, nie genau wissend, was sie als nächstes zu erwarten haben, die  täglich innerlich mit Ängsten und äußerlich mit Verbitterung umgehen müssen, wenn ihr für alle Zeit gegen einen zerstörerischen Sinn der „Unexistenz“ kämpfen müsstet- dann würdet ihr verstehen, warum wir es als schwer empfinden, weiter zu warten. Irgendwann ist die Zeit da, in der das Fass der Geduld überläuft und die Menschen nicht mehr bereit sind, in den Abgrund der Verzweiflung gestoßen zu werden. Ich hoffe, liebe Herren, dass ihr unsere legitimierte und unvermeidliche Ungeduld verstehen könnt“

Ein Haupteinwand lag im brechen Vorhandener Gesetze. Ist Widerstand dann legitim?King antwortet darauf

„Die Antwort liegt im der Tatsache, dass es zwei arten von Gesetzen gibt: gerecht und ungerecht. Ich wäre der erste, der sich für den Gehorsam gegenüber gerechten Gesetzen einsetzt. Ein Mensch besitzt nicht nur eine rechtliche, sondern eine moralische Verantwortung des Gehorsams dem Gesetz gegenüber. Umgekehrt jedoch, besitzt man die moralische Verantwortung sich ungerechten Gesetzen zu widersetzen Ich würde St. Augustinus recht geben, dass „ein ungerechtes Gesetz überhaupt kein Gesetz ist“.

Doch was ist der Unterschied zwischen diesen beiden? Wie soll man bestimmen können, ob ein Gesetz gerecht oder ungerecht ist? Ein gerechtes Gesetz ist ein menschen gemachter Codex, der mit dem Moralgesetz oder dem Gesetz Gottes übereinstimmt. Ein ungerechtes Gesetz ist ein Kodex, der mit dem Moralgesetz nicht harmonisiert. Um es mit den Worten St. Thomas von Aquins auszudrücken: Ein ungerechtes Gesetz ist ein menschliches Gesetz, dass nicht im ewigen Gesetz und im Naturgesetz verwurzelt ist. Jedes Gesetz, dass die menschliche Persönlichkeit erhebt/ auferbaut ist gerecht. Jedes Gesetz, dass die menschliche Persönlichkeit degradiert ist ungerecht. Jegliche Art der Segregation (= Rassentrennung) ist ungerecht, weil die Segregation die Seele durcheinanderbringt und die Persönlichkeit beschädigt (…)

Lasst uns ein konkretes Beispiel dafür betrachten, was gerechte und ungerechte Gesetze ausmacht. Ein ungerechtes Gesetz ist ein Kodex, den eine zahlenmäßig oder politisch überlegene Gruppe einer Minderheit zum Gehorsam auferlegt, dieses jedoch selbst nicht befolgt. Das bedeutet nichts anderes, als Ungleichheit zur Rechtmäßigkeit zu erklären. Gleich gemünzt ist somit ein Kodex dann ein gerechtes Gesetz, das eine Mehrheit einer Minderheit auferlegt und welches diese ebenfalls befolgen will. Das bedeutet die Gleichheit zur Rechtmäßigkeit zu erklären. (…) 

Wir sollten niemals vergessen, dass alles was Adolf Hitler in Deutschland getan hat „legal“ war und alles was die ungarischen Freiheitskämpfer in Ungarn taten „illegal“ war. Es war „illegal“ einem Juden in Nazi-Deutschland zu helfen und diesen zu unterstützen. Eben so, bin ich gewiss, dass wenn ich in dieser Zeit in Deutschland gelebt hätte, ich meine jüdischen Brüder unterstützt und getröstet hätte. Wenn ich heute in einem kommunistischen Land gelebt hätte, in dem bestimmte Prinzipien, die dm Christlichen Glauben kostbar sind, unterdrückt werden, wäre ich ein offener Befürworter des Ungehorsams gegenüber den anti religösen Gesetzen dieses Landes“

In diesem Brief findet sich auch die bekannte Aussage:

„Ungerechtigkeit irgendwo ist ein Angriff auf die Gerechtigkeit überall“


Tim Keller weist in seiner Predigt zu Recht darauf hin, dass das Wissen um eine verbindlich geltende „Rechtsmaxime“ unserer Kultur verloren gegangen ist. Wir wissen nicht mehr, wie man „gut“ und „böse“ definieren soll.

 

 

 

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