Leserunde: Lit!
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Leserunde: Lit! A Christian Guide To Reading Books (VIII)

Soll­te man, oder soll­te man lie­ber nicht? Tony Rein­ke sagt, man darf und man soll. Man soll als Christ Bücher aus dem Bereich der Bel­le­tris­tik lesen. „Und nicht nur christ­li­che Roma­ne sind wert­voll, son­dern auch klas­si­sche Roma­ne von Nicht­chris­ten.“ Kapi­tel 9 aus dem Buch Lit! A Chris­tian Gui­de To Rea­ding Books wird wahr­schein­lich die meis­ten Irri­ta­tio­nen, Dis­kus­sio­nen und Wider­sprü­che her­vor­ru­fen. Und wer meint, in die­sem Kapi­tel die Legi­ti­ma­ti­on für die Lek­tü­re leich­ter Roma­ne gefun­den zu haben, der hat Rein­ke sicher falsch ver­stan­den. Doch auch wenn man Rein­ke ver­sucht rich­tig zu ver­ste­hen, blei­ben immer noch Fra­gen offen. Tony Rein­ke schil­dert im 9. Kapi­tel Lite­ra­tur ist das Leben — Sich die Vor­tei­le von fik­tio­na­ler Lite­ra­tur erschlie­ßen sei­ne Bel­le­tris­tik-Ent­de­ckungs­rei­se. Man kann ihn auf die­ser Rei­se beglei­ten, nur muss man nicht zu den glei­chen Ergeb­nis­sen wie er kom­men.

Doch fan­gen wir mit einem Zitat von Leland Ryken — dem „Rei­se­füh­rer“ des Autors — an:

Lite­ra­tur ist eine Form der Ent­de­ckung, Wahr­neh­mung, Inten­si­vie­rung, Aus­drucks­wei­se, Inter­pre­ta­ti­on, Krea­ti­vi­tät, Schön­heit und des Ver­ste­hens. Das sind edle Akti­vi­tä­ten und Qua­li­tä­ten. Für einen Chris­ten kön­nen sie gott­ver­herr­li­chend sein, eine Gabe für den Men­schen von Gott, die man mit Wür­ze akzep­tie­ren soll.

Tony Rein­ke ent­fal­tet anschlie­ßend die­se The­se. Vor allem zwei Punk­te sind mir dabei wich­tig gewor­den.

1. Bel­le­tris­tik kann behilf­lich sein, abs­trak­te mensch­li­che Erfah­run­gen zu erfor­schen.

„Die bes­ten Roman­au­to­ren klei­den unse­re gewöhn­li­chen mensch­li­chen Erfah­run­gen auf eine Art und Wei­se in Wor­te, wie es bei ande­ren Schreib­sti­len kaum mög­lich ist. Man könn­te sogar sagen, dass fik­tio­na­le Lite­ra­tur manch­mal sogar wah­rer ist als nicht-fik­tio­na­le.  In Roma­nen besteht die Frei­heit sich weg­zu­be­we­gen von den ein­zel­nen Details der Geschich­te [engl. histo­ry] hin zum All­ge­mei­nen der mensch­li­chen Erfah­rung, ins­be­son­de­re zu den abs­trak­ten und phi­lo­so­phi­schen Aspek­ten wie Lie­be, Hass, das Gute und Böse.“

2. Bel­le­tris­tik erwei­tert unse­re Band­brei­te an Erfah­run­gen.

„Lite­ra­tur führt uns hin­ein in das Leben und die Erfah­run­gen, Gedan­ken und Gefüh­le von ande­ren, auch dann, wenn die­se Per­so­nen als Resul­tat der wil­den Vor­stel­lung eines Autors ent­sprin­gen. Dabei erwei­tert Lite­ra­tur unse­re eige­nen Erfah­run­gen und ver­an­lasst uns, Sym­pa­thie für ande­re zu ent­wi­ckeln.“

Wenn ich die Argu­men­ta­ti­on rich­tig erfasst habe, bie­ten Roma­ne und Erzäh­lun­gen die Mög­lich­keit, mehr zu erfah­ren, als wir je durch rea­le Begeg­nun­gen und eige­ne Erfah­run­gen  ler­nen könn­ten. Dass es durch­aus sinn­voll ist, den eige­nen Hori­zont zu erwei­tern, ist nach­voll­zieh­bar. Sym­pa­thie und Ver­ständ­nis für ande­re Men­schen, Kul­tu­ren, Län­der und Zei­ten zu ent­wi­ckeln, ist dabei min­des­tens so wert­voll, wie in der Erkennt­nis sei­ner selbst zu wach­sen und die Sehn­sucht nach Erlö­sung und Befrei­ung von irdi­schen und sün­di­gen Zwän­gen auf­recht­zu­hal­ten. Damit sind wir aber auch schon beim wich­tigs­ten Argu­ment gegen Roma­ne, Fan­ta­sy und Erzäh­lun­gen. Wie Tony Rein­ke rich­tig bemerkt, lässt sich Sün­de mit ihrer Aus­wir­kung und Fol­ge­er­schei­nung dra­ma­ti­scher dar­stel­len und oft ist es gera­de das Böse und sei­ne Bekämp­fung, das den Span­nungs­bo­gen her­stellt. Rein­ke schreibt:

„Das Böse ist dra­ma­tisch, leicht zu ver­mit­teln und für den Leser leicht zugäng­lich. Inte­gri­tät ist fein [oder: hin­ter­grün­dig], viel schwe­rer zu ver­mit­teln und ent­geht dem Leser oft unbe­merkt.“

Ist es erbau­lich, nütz­lich und gut sich so inten­siv mit der Sün­de zu beschäf­ti­gen? Ist nicht Inte­gri­tät, die Wahr­heit und das Gute, wonach wir uns als Chris­ten aus­stre­cken und wofür wir uns inter­es­sie­ren soll­ten? Das meint doch Pau­lus in Phil­ip­per 4,8: „Im übri­gen, ihr Brü­der, alles, was wahr­haf­tig, was ehr­bar, was gerecht, was rein, was lie­bens­wert, was irgend eine Tugend oder etwas Lobens­wer­tes ist, dar­auf seid bedacht!“  Doch in vie­len Roma­nen bemü­hen sich die Auto­ren sei­ten­wei­se, mit schil­lern­den Wor­ten das Böse und die Sün­de zu beschrei­ben.

Oder wenn ich das 5. Kapi­tel im Ephe­ser­brief lese, habe ich den Ein­druck, dass Pau­lus vie­le Roma­ne kate­go­risch ableh­nen wür­de:

(3.) Unzucht aber und alle Unrein­heit oder Hab­sucht, soll nicht ein­mal bei euch erwähnt wer­den, wie es Hei­li­gen geziemt; (4.) auch nicht Schänd­lich­kei­ten und alber­nes Geschwätz oder Wit­ze­lei­en, die sich nicht gehö­ren… (11.) …und habt kei­ne Gemein­schaft mit den unfrucht­ba­ren Wer­ken der Fins­ter­nis, deckt sie viel­mehr auf; (12.) denn was heim­lich von ihnen getan wird, ist schänd­lich auch nur zu sagen.

Tony Rein­ke erwähnt die­se Bibel­stel­len nicht. Und doch beschäf­tigt er sich mit die­ser Pro­ble­ma­tik. Wenn Sün­de in der Lite­ra­tur vor­kommt, heißt es noch lan­ge nicht, dass der Autor sie befür­wor­ten muss. In der Bibel wird Sün­de in eini­gen Fäl­len auch scho­nungs­los auf­ge­deckt. Auch Bru­ta­li­tät und Skru­pel­lo­sig­keit bleibt nicht uner­wähnt. Von daher ist weder die Bibel noch das Leben und auch Roma­ne sind nicht frei davon. Es gibt also kei­ne „sau­be­re“ Lite­ra­tur. Lite­ra­tur ist das Leben, wie es in der Über­schrift heißt. Unser Leben soll­te zwar frei davon sein, aber das Leben im All­ge­mei­nen ist nicht frei vom Bösen und Unge­rech­ten.

Wie viel Frei­heit soll­te also ein christ­li­cher Roman­au­tor für die Dar­stel­lung von Sün­de bekom­men? Die­se Fra­ge lässt sich schwer beant­wor­ten. Wie in so vie­len Berei­chen des Lebens, müs­sen auch sen­si­ble und anspruchs­vol­le Leser sorg­fäl­tig auf ihr Gewis­sen hören. (S. 124 – 125)

Die bes­ten Auto­ren hel­fen uns in der Lite­ra­tur Lie­be, Freu­de, Frie­den Geduld, Güte, Treue, Sanft­mut und Selbst­be­herr­schung zu sehen und zu schät­zen (Gal 5,22 – 23). Als christ­li­che Leser soll­ten wir mit Geduld lesen und mit der Fähig­keit, die hin­ter­grün­di­ge Güte Got­tes zu schät­zen, wenn sie in Erschei­nung tritt. (S. 126 – 127)

Damit sind bei mir zwar nicht alle Fra­gen beant­wor­tet. Lite­ra­tur soll­te auf jeden Fall nicht über- und auch nicht unter­be­wer­tet wer­den. Und irgend­wann kommt wahr­schein­lich jeder an den Punkt, wo er ent­we­der für sich selbst oder für sei­ne Kin­der ent­schei­den muss, was gele­sen wird. Und gera­de in der Schu­le blei­ben die Kin­der nicht ver­schont davor, Bücher von nicht­christ­li­chen Auto­ren zu lesen. Wie man die Kin­der dabei beglei­tet und ihnen hilft, von der Lek­tü­re zu pro­fi­tie­ren, das wer­de ich noch ler­nen müs­sen. Zum Glück sind es bis dahin noch eini­ge Jah­re.

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NIMM UND LIES - dieser Aufforderung möchte ich selbst nachkommen und andere dazu motivieren und anleiten. NIMM UND LIES zuerst die Bibel und dann gute christliche Literatur. Denn beim Lesen lässt sich vortrefflich denken (nach Leo Tolstoi). Ich lebe mit meiner Frau und unseren vier Kindern in Baden-Württemberg.

4 Kommentare

  1. Rene sagt

    Über die­ses The­ma habe ich mir auch schon Gedan­ken gemacht. Vor allem in Bezug auf: „Wie viel Frei­heit soll­te also ein christ­li­cher Roman­au­tor für die Dar­stel­lung von Sün­de bekom­men?“

    Die Bibel scheint mir da in der Art, wie sie Sün­de schil­dert, einen guten Hin­weis zu geben: Got­tes Wort schreibt über Sün­de nie so, dass der Leser selbst zur Sün­de ver­führt wird. Trotz­dem nimmt sie kein Blatt vor dem Mund.

    Zum Bei­spiel ver­schweigt sie die Sün­de der Hure­rei nicht, geht aber auch nicht auf expli­zi­te Details ein, sodass die Fan­ta­sie des Lesers ange­regt wird. Sie schil­dert die Bos­heit und Bru­ta­li­tät des Men­schen, wei­det sich aber nicht an ihre Gewalt­tä­tig­keit — trotz gewis­ser expli­zi­ter Schil­de­run­gen.

    Got­tes Wort ver­mit­telt einer­seits nie den Ein­druck, dass es dem Autor eigent­lich heim­lich Freu­de macht über die Bos­heit zu schrei­ben. Ande­rer­seits tut die Bibel auch nie so, als ob es gar kei­ne Bos­heit gebe und dies auch kein The­ma sein müs­se.

    Ein christ­li­cher Roman­au­tor hat natür­lich die Frei­heit, wor­über er schreibt. Aber ich weiss nicht, wie erbau­lich ein Buch (nach Phil 4,8) ist, wenn es so tut, als gebe es ein Leben vol­ler Son­nen­schein und ohne Sün­de. Es sei denn, der Christ ent­schei­det sich, einen Roman über den Him­mel zu schrei­ben. 🙂

  2. eddi sagt

    Rene, du führst einen wich­ti­gen Gedan­ken an: Sün­de so zu beschrei­ben, dass sie nicht zur Sün­de führt. Und gewis­se Datails der Sün­de kön­nen ger­ne uner­wähnt blei­ben. Ich las näm­lich vor eini­ger Zeit einen his­to­ri­schen Roman, in dem die sexu­el­len Aus­schwei­fun­gen von Nero so aus­führ­lich und mit so vie­len Details ver­se­hen wur­den, dass mir fast schlecht wur­de. Da war für mich die Gren­ze deut­lich über­schrit­ten.

  3. Richard Kilian sagt

    Die best­mög­li­che Vor­la­ge für den Roman­au­tor, wie Böses / Sün­de ange­mes­sen dar­ge­stellt wer­den kann, ist sicher die Art und Wei­se, wie der Herr Jesus selbst dies in „Geschich­ten“, die er erzählt hat, tut. Ich den­ke z.B. an die Geschich­ten über den barm­her­zi­gen Sama­ri­ter (Luk. 10,30ff) und den ver­lo­re­nen Sohn (Luk. 15,11ff), die Gleich­nis­se vom Unkraut im Acker (Mat. 13,24ff) oder von dem Wein­berg­be­sit­zer, der sei­nen Wein­berg ver­pach­tet (Mat. 21,33ff). In fast jeder Geschich­te / jedem Gleich­nis gibt es etwas oder jemand Böses, einen Wider­stand gegen das Gute. Nur dadurch gibt es über­haupt eine Geschich­te, die erzählt wer­den kann, und einen Span­nungs­bo­gen. Und der Herr Jesus setzt die­sen Kon­flikt zwi­schen gut und böse auch aus rein „hand­werk­li­cher“ Sicht wahr­haft „meis­ter­lich“ ein. Nicht nur über das Wie der Dar­stel­lung von Bösem / von Sün­de, son­dern auch über das „Hand­werk“ des span­nen­den Erzäh­lens kann jeder (Roman-)Autor vom Herrn Jesus ler­nen. — Die­sen Maß­stab wird sicher selbst der bes­te Autor nie errei­chen, aber die­sen Maß­stab soll­te er anstre­ben.

  4. eddi sagt

    Es läuft dar­auf hin­aus, die Bibel als ulti­ma­ti­ve Norm und Mess­lat­te für das Schrei­ben zu akzep­tie­ren. Ein christ­li­cher Roman­au­tor soll­te also ein Bibel­le­ser sein. Das ist so ein­fach. Doch wenn man anfängt zu schrei­ben, ist es wahr­schein­lich sehr her­aus­for­dernd, wie Jesus zu den­ken und die eige­nen Ide­en gott­ge­mäß zu ver­schrift­li­chen. Richard Kili­an, dan­ke für dei­ne Gedan­ken!

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