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Zwölf Perlenketten meiner Lektüre

Der Artikel „Meine persönliche „Top-Ten“ Auswahl christlicher Werke“ benötigt dringend eine Aktualisierung. Heute kann ich sie endlich liefern:

Zunächst möchte ich aufzeigen, wo die Grenzen meines bisherigen Artikels liegen.  Anschließend erläutere ich das Konzept, dass ich als „Perlenketten“ bezeichne: Das Konzept ermöglicht mir, sich mit zentralen Themen ausführlich zu befassen und doch unterschiedliche Perspektiven einzubinden. Die Frage, die ich dabei bespreche, ist, wie man eine hilfreiche Kette mit einem passenden „Anfangsknoten“ knüpft. Schließlich gewähre ich einen Blick in eine größere Auswahl an Perlenketten.

Was an meiner bisherigen Liste problematisch ist

Im Wesentlichen drei Dinge:

1) Es fehlte Struktur: Vor allem „heilige fromme“ Titel prägten mich, häufig ohne Folgen für das alltägliche Leben.

2) Fehlt Substanz: Vor 9 Jahren war ich einfach kein erfahrener Leser: So kannte ich außer Calvins Bibelkommentaren kaum einen anderen Kommentar. Und obwohl ich diese weiterhin für exzellent halte, denke ich, dass man weiser mit Kommentaren umgehen kann.

3) Ich konzentriere mich ausschließlich auf christliche Werke. Ein Schwerpunkt, der mein Leben auch weiterhin prägt, aber ich habe immer auch gerne Klassiker gelesen, die ich nun mit aufnehme.

Wie Perlenketten entstehen

Am Anfang einiger meiner Perlenketten steht der Predigtdienst von Tim Keller:  Immer wieder finden sich dann Beiträge, in denen er davon spricht, welche Autoren ihn geprägt haben. Er sagt, dass er sich in jungen Jahren mit der Frage konfrontiert sah, wie er Nicht-Christen erreichen kann. In Amerika könne man in vielen Bereichen immer noch die Kirchen voll mit Besuchern bekommen, weil viele noch über das christliche Vokabular verfügen. Er sah sich mit der Frage konfrontiert, wie er das Evangelium auch denen erzählen kann, die mit dem christlichen Konzept von Gott, Schöpfung und Erlösung nicht viel anfangen können und fand dabei viel Hilfe in den anglikanischen Evangelikalen Stott, Packer, Motyer, Lucas und weitere. Schon war mein erster Knoten geknüpft: Ich sehe in meinem Umfeld die gleiche Herausforderung, und ein Abgleichen meines Denkens an einer doch anderen Kultur der Briten der 50er bis 90er klingt verlockend.

Eine andere Kette habe ich durch John Frames „History of Western Philosophy and Theology“ entdeckt. Dadurch, dass er sehr intensiv mit dem Quellenmaterial arbeitet, Zitate anfügt auf frei zugängliche Werke verweist, lassen sich ausgehend von diesem Werk sicherlich viele Ketten knüpfen und schlagen. In meinem Fall war es vor allem das Werk von Poythress, auf dass mich der Autor aufmerksam gemacht hat. Poythress liest sich sehr einfach, wagt sich aber an ungewöhnliche Themen, z.B. schrieb er ein Buch darüber, wie wir als Christen über Mathematik nachdenken sollen. Vergleicht hier unser Interview mit V.S. Poythress.

An dieser Stelle zeigt sich, dass sich Perlenketten auch kreuzen können. In seinem Werk „Reading the Word of God in the Presence of God“, einem Hermeneutik-Primer, verweist Poythress immer wieder auf Edmund Clowney, einen Theologen von dem ich vorher nie etwas gehört habe, außer eben in den Predigten von Tim Keller. Auf diese Weise habe ich eine der besten frei zugänglichen Vorlesungen gefunden: „Preaching Christ in a Postmodern World“. Gehalten gleichzeitig von Keller und Clowney. Eine Google-Suche förderte dann sogar zwei Skripte zur Vorlesung zu Tage.

Das funktioniert auch mit säkularer Literatur. Früher habe ich meine Bücher klassischer Literatur in zwei Rubriken sortiert: Zunächst einmal nach Entstehungsland, dann nach Entstehungsjahr. So kann ich heute schnell die Unterschiede von russischen zum z.B. englischen Realismus beschreiben und die Weiterentwicklung von Themen erkennen, was „ganz natürlich“ aus dem Lesefluss folgte.

In einer gewissen Weise sind Perlenketten irgendwann auch abgeschlossen. Als ich mich mit den Büchern Richter und Ruth befasste, fand ich solche Ketten, knüpfte sie mit Freude und Erfüllung und werde sicher irgendwann nach Jahren wieder zu diesen zurückgreifen.

Schließlich muss uns auch klar sein, dass wir nicht alle Ketten der Welt knüpfen können. Astronomie oder Kreationismus, aber auch die Lehre von der Kirche und viele zeitaktuelle Themen sind Beispiele für Themen, die einen großen Reiz entwickeln können (zumindest für mich), für die ich aber einfach keine Zeit mehr übrighabe.

Es gibt einen praktischen Grund seine Lektüre einzuschränken, und der liegt schlicht in der begrenzten Lebenszeit. In der folgenden Aufstellung entblöße ich mich selbst, auch dadurch, dass ich viele Ketten nicht geflochten habe, darunter zähle ich Biografien, sozialanalytische Schriften, moderne Literatur, wissenschaftliche Werke und viele mehr! Es gibt viel zu tun, packen wir es an!

Zwölf Perlenketten

Die Perlenketten sind nicht unbedingt in der Weise dargestellt, wie ich sie gelesen/gehört habe, sondern vor allem nach Zugänglichkeit und Schwierigkeitsgrad sortiert. Auch habe ich die zu den Anglikanern, wie bereits oben dargestellt hier nicht noch einmal gesondert aufgeführt:

Drei theologische Ketten

Hermeneutik

Hätte ich bloß Beynons und Sachs Buch Tiefer graben früher gekannt. Ich glaube, mit diesem Buch hat man einen guten Einstieg in die Werkzeuge für das Bibelverständnis. Vor allem die zahlreichen durchgearbeiteten Beispiele machen das Buch sehr überzeugend. Darauf aufbauend würde ich zur Introduction to Biblical Interpretation (Klein, Blomberg, Hubbard) greifen und natürlich zu Carsons Stolpersteine der Schriftauslegung. Als nicht der biblischen Sprachen mächtig habe ich eine natürliche Grenze für Werke in diesem Bereich, so dass die High-Level Bücher für mich hier ausscheiden. Ich würde aber jedem einen Grundstock an hermeneutischen Büchern empfehlen. Berkhofs Principles of Biblical Interpretation ist so z.B. auch frei im Web erhältlich. Sprachliche Herausforderungen können mit einem geeigneten Wörterbuch (ich greife hier für das NT auf das EWNT von Balz/Schneider zurück) gut abgefangen werden. Im Wesentlichen versuche ich pro Jahr ein Buch in diesem Themenfeld zu lesen und habe aktuell die Hermeneutical Spiral von Grant Osborne ausgepackt. Durch Carl Truemans Histories and Fallacies ist mir klar geworden, dass viele Methoden auch auf die Deutung der Geschichtsschreibung übertragen werden können.

Biblische Theologie

Ich würde erst mit einem umfassenderen Werk anfangen, z.B. The King in His Beauty von Thomas Schreiner (Hier geht es zur 31-Teiligen Vorlesung vom Autor selbst), aber man könnte zu Jeffrey Niehaus‘ Biblical Theology greifen, auch hier findet sich eine Vorlesung im Web.  Etwas einfacher ist z.B. A House for My name von Peter Leithart. Damit dürfte man gerüstet sein auf das eher anspruchsvollere (aber grundlegendere) Werk vo Geerhardus Vos: Biblical Theology. Man könnte aber auch eher eine Theologie eines der Testamente betrachten, ich fand Egelkrauts Theologie des Alten Testaments dabei sehr hilfreich. In besonderer Weise erschüttert hat mich A Theology of the New Testament von G.E. Ladd. Mein Lieblingswerk eines arminianischen Dispensationalisten überhaupt (Lest hier den Artikel von Piper über Ladd). Das Buch hat mir geholfen das Neue Testament in seiner Ganzheit zu lesen, ein echter Augenöffner für viele Fragen!

Von dieser Basis ausgehend kann man sich weiter spezifizieren, z.B. From Paradise to the promised Land von T.Desmond Alexander, eine Theologie der Fünf Bücher Mose oder aber man greift zu den gegenwärtig 56 Bänden der Reihe New Studies in Biblical Theology. Ich versuche pro Jahr drei bis vier Bände dieser Reihe zu lesen und sie haben mich in meinem Verständnis der Bibel sehr bereichert.

Das Thema wird durch die Nutzung geeigneter Nachschlagewerke erweitert, z.B. das New Dictionary of Biblical Theology.

An dieser Stelle muss ich mich wohl entschuldigen, nur englische Bücher aufzulisten. Aber vielleicht wäre Jesus. Eine Weltgeschichte von M. Spieker ein passendes deutschsprachiges Werk für diese Rubrik.

Glaubenslehre

Ich finde es schwieriger in diesen Bereich einen Zugang zu bekommen als in die Biblische Theologie. Meine erste Dogmatik, die ich je gelesen habe, war die Biblische Dogmatik von Grudem, ich würde aber lieber Berkhofs Systematic Theology bevorzugen, nicht aber seine gekürzte Variante davon. Ich habe sehr von Eduard Böhls Dogmatik profitiert. Sowohl Böhl wie Berkhof finden sich kostenfrei im Web. Mit beiden ist man dann für das eher anspruchsvollere Werk von Bavinck Reformed Dogmatics gewappnet, die wohl demnächst auch auf Deutsch erscheinen soll.  Insgesamt fehlt mir hier wirklich etwas Aktuelleres und doch zugängliches, das sich nicht in endlosen akademischen Fragen verliert oder allzu sehr im amerikanischen Evangelikalismus verläuft. Mir scheint aber Basics of the Faith von Henry/Vanhoozer ein guter Startpunkt zu sein. Eine andere Strategie besteht im Studieren klassischer Bekenntnisse, häufig tragende Säule vieler Dogmatiken.

Hat man sich dann durch ein zusammenfassendes Gesamtwerk durchgekämpft steht die Tür offen für Bücher über dogmatische Themen, z.B. die Werke, die in der Reihe Contours of Christian Theology erscheinen. Es lässt sich nicht leugnen, das systematische Themen vernachlässigt werden, oder wann habt ihr es erlebt, dass die Dreieinigkeit aktiv in der Predigt eingebunden war, mit Ausnahme von Themenabenden zur Dreieinigkeit? Deswegen sind weniger steife Bücher mit systematischem Schwerpunkt oftmals sehr bereichernd, ich denke da an Essential Trinity von Trueman/Crowe oder an The Whole Christ von Ferguson.

Sechs Ketten des christlichen Erbes

Kirchenväter

Die Bibliothek der Kirchenväter ist ein Schatz. Eine Masse an Kirchenvätern frei zugänglich für jedermann. In den meisten Fällen sind die Kirchenväter viel leichter zugänglich als man erwarten würde, in besonderer Weise schätze ich die rhetorischen Qualitäten von Tertullian. Möchte man etwas von der ganz frühen kirchlichen Zeit lesen, dann sind sicher die Korintherbriefe von Klemenz spannend. Ich habe nicht viel von Athanasius gelesen, fand ihn aber sehr leicht zugänglich. Überhaupt hat man immer das Gefühl, als hätte man es mit russlanddeutschen Christen zu tun, wenn man Kirchenväter liest: Eine klare Ausrichtung auf Andacht, dabei aber eher Abstriche bei der Gründlichkeit der Bibelauslegung. Aus diesem Grund fand ich die Predigten der Kirchenväter meist langweilig, das gilt aber nicht für ihre apologetischen Schriften und das auch nicht für die Predigten von Augustinus, wobei ich auch bei Ihm eher zu den „bekannteren Werken“ greifen würde, wie den Bekenntnissen oder Die Gabe des Ausharrens.

Luther und die Reformatoren

Wenn man nur einen Reformator lesen möchte, dann sollte man zu Luther greifen. Ich würde hier einige Einleitungen zu den Bibelbüchern lesen, einige Auslegungen seiner Psalmen, viele Briefe und schließlich „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, „Von den guten Werken“ aber auch die Thesen der Heidelberger Disputation. Ich glaube damit wäre Luthers Schwerpunkt auf Wort, Glaube, Heilsgewissheit und dem Konzept der Rechtfertigung gelegt. Ausgehend davon kann man zu den eher kontroverseren Schriften wie „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, „Ob man weltlicher Obrigkeit Gehorsam schuldig sei“ oder „De servo arbitrio“ greifen, aber auch zu seinen eher problematischeren Werken, wie z.B. denen über die Juden oder die Wiedertäufer. Das hilft diese Generation nicht in übertriebener Weise zu verherrlichen! Überhaupt ist es meine Überzeugung, dass wir mehr von den Reformatoren lesen würden, wenn wir sie nicht derart überhöhen würden (zum Guten oder Schlechten).

Ich persönlich habe mich in den letzten Jahren zunehmend von Luther dem Calvin zugewandt. Ich würde bei Calvin mit Vom Leben eines Christen anfangen, aber es führt irgendwann kein Weg an der Institutio vorbei. Sie ist leichter zugänglich als man denkt. Es ist überhaupt spannend Luthers Werke mit Calvins zu vergleichen. Bei Luther hat man eigentlich immer noch ganz klar den emotionalen Mann des Mittelalters, bei Calvin einen nüchternen Denker der Moderne. Mir gefallen beide Stile ganz gut, die Logik von Calvin ist aber doch weitreichender. Liest man dann noch Menno Simons hat man gleich drei protestantische Linien nebeneinander.

Viele der Werke finden sich auf der glaubensstimme.de.

Die bunte Welt der Puritaner

Dem 3L Verlag ist es in besonderer Weise zu verdanken, das Werke der Puritaner bereits seit Jahren neu aufgelegt werden. Ich finde sie eigentlich alle hilfreich, nur sehr häufig leicht umfangreich und umständlich. Es kommt häufig vor, dass man beim Lesen den Drang verspürt, zu schlafen. Das dürfte aber nicht nur etwas über die puritanischen Schriftumfänge aussagen, sondern auch über meinen geistlichen Zustand. Die Puritaner zielen immer auf das Herz. Es gibt aber Puritaner, die wirklich überraschend erfrischend sind, ich denke da vor allem an Thomas Watson. Ich würde bei den Puritanern immer mit Watsons Werken anfangen. Anschließend greife man zu Matthew Henry und darf den Abstecher zur Bunyans Pilgerreise nicht auslassen, aber auch zu seinem „Heiligen Krieg“ (oder seiner Autobiographie). Nicht alles von Bunyan erreicht ein hohes Niveau, aber es wäre z.B. auch sein von ihm selbst verfasstes (und leider nur wenig bekanntes) Glaubensbekenntnis zu nennen, dass ich als sehr gelungen empfinde. Irgendwann, und an dieser Phase befinde ich mich aktuell, wagt man sich dann auch an Charnock, Owen, Bosten und die vielen anderen.

In besonderer Weise sollten hier die Puritan Papers von Packer/Lloyd-Jones et Al erwähnt werden. Die Auswahl der Themen scheint mir bei diesem Werk viel besser gelungen zu sein als bei der Systematische Theologie der Puritaner von J.Beeke. Beekes Buch arbeitete sich zu sehr mit „Ach, wären wir alle großartig, wenn wir so wären wie die Puritaner“ und auch aufgrund seiner Überzeugung, dass er in besonderer Weise in den Fußspuren der Puritaner wandelt, ab und verliert so ein eigentlich gut vorhandenes Potential. Packers Essay Why we need the Puritans dürfte ein guter Startpunkt für die bunte Welt der Puritaner sein. Zumindest auf Englisch findet man sehr viele Werke kostenfrei auf monergism.com

Busch und die Perlenkette für schlechte Tage

Ausgehend von Wilhelm Buschs Plaudereien in meinem Studierzimmer, einem Werk in dem Busch über Autoren und Christen schreibt, die ihn prägten, hat man einen weiten Blick in die Schriften der Pietisten. Entsprechend kann ich die pietistische Prägung meines Glaubens nicht genug würdigen. Nach Buschs Plaudereien kann man eigentlich zu jedem Pietisten greifen. Ich greife sehr gerne zu den Predigten von Hofacker, der „Seelsorge“ von Blumhardt oder den Werken von Humburg.

Meine persönliche Beobachtung an mir selbst ist, dass wenn mir mal „wieder alles zu viel wird“ und des Büchermachens kein Ende ist und alles nur furchtbar verwirrend wirkt, ich wie automatisch zu den Werken der Pietisten greife und sehr schnell wieder still werde.

Bibellesen mit der Kirchengeschichte

Ein beachtlicher Teil meiner Empfehlungen des ursprünglichen Artikels fällt in diese Kategorie und ich halte weiterhin diese Bücher in allen Ehren: Ob Tozer, Nee, Hallesby, Lewis oder auch Gitt und Spurgeon: Ich mag die Bücher dieser Autoren weiterhin sehr gerne, weil es einem Freude bereitet zu sehen, wie jemand mit einer ganz anderen Prägung und aus einem ganz anderen Kulturkreis die Bibel verstand. Neuerdings habe ich erneut die Gründungsväter der russichen Evangeliums-Christen entdeckt und muss jedem z.B. Marzinkowskij  und Prokhanov (in the Cauldron of Russia, Autobiographie)  weiterempfehlen. Ich schätze diese Literatur weiterhin. So erfahre ich wie ein Skandinavier oder ein Amerikaner oder ein Chinese ihre Bibel gelesen haben und was sie dabei auf sich nahmen. Nicht alles ist so ohne weiteres übertragbar und ich würde auch beachtliche Teile nicht auf diese Weise ausdrücken, aber doch bleibt die mystische Gemeinschaft unter Brüdern, die hier aus jeder Zeile strömt.

Seelsorgerliche Literatur

Diese Kette ist leichter zu knüpfen als man denken könnte: Man nimmt ein Werk aus dem bereits großen Pool an „Seelsorge-Büchern“ des 3L-Verlags und arbeitet sich so Stück für Stück durch. Ich lese etwa ein Buch pro Jahr aus diesem Bereich. Anfangen würde ich tatsächlich aber entweder mit Jay Adams Handbuch der Seelsorge oder mit Heath Lamberts A Theology of Biblcal Counseling.

 Drei Ketten klassischer Literatur

Mit der zeitgenössischen Literatur tue ich mich schwer, Klassiker habe ich meist im Unterricht der Oberstufe oder in langweiligen Vorlesungen gelesen, das ist mir sitzengeblieben:

  • Dass ich als Teenager irgendwann zur russischen Klassik griff, lag vor allem einfach daran, dass ich ein Russe (zumindest zur Hälfte) bin. Aber sie fesselte mich schnell. Sie (ich meine vor allem Literatur der Romantik und des Realismus) ist dramatischer als die britische, düsterer als die amerikanische und lebensnaher als die Deutsche. Zu Beginn würde ich zu Erzählungen von Turgenew (z.B. Asja, Mumu), Tschechow (produzierte massenweise kürzere Werke, weil er für längere nie die Zeit fand, nebst großer Familie und seiner Arbeit als Arzt) oder zu Novellen von Leskow (z.B. Die Lady Macbeth von Mzensk, Der Gaukler Pamphalon) greifen.  Anschließend dürfte man sich an die längeren Werke wagen. Natürlich führt kein Weg an Dostojewski und Tolstoi vorbei, aber ein Werk gab mir besonders zu denken: Fürst Serbreny von A.K.Tolstoi (nicht Lev Tolstoi). Das Buch beschreibt zwei Reaktionen auf einen Tyrannen: Einerseits den Ansatz der Rebellion der schließlich versandet und ins Exil führt, andrerseits den Ansatz, sich soweit es geht anzupassen, mit der Folge, dass man selbst mehr vom Tyrannen übernimmt, als einem recht wäre. Ein sehr ergreifendes und historisch genaues Werk über die Zeit von Zar Iwan dem Schrecklichen. – Hat man sich mit den Vertretern des russischen Realismus vertraut gemacht, muss man unbedingt noch weiter zurück, vor allem zu Gogol und Pushkin aber auch nach vorne in die Sowjetzeit. Ziemlich verrückt und extrem antisowjetisch ist dann Der Meister und Margarita. Ziemlich lustig und extrem prosowjetisch wären die Doppelautoren Ilf und Petrow zu nennen (Die zwölf Stühle, Das goldene Kalb).
  • Begeben wir uns auf heimischen Boden zurück. Irgendwie griffen bei mir vor allem die Autoren, die zwar deutschsprachig schrieben, aber aus anderen Ländern stammten, z.B. Gottfried Keller (Die Leute von Seldwyla, Sammlung von Erzählungen, ziemlich interessant ist „Der Schmied seines Glückes“), Friedrich Dürrenmatt (Klicken um zum gesonderten Artikel zu gelangen) aber auch Stefan Zweig. Überhaupt fing bei mir die Literatur der „neueren Klassik“ aus Deutschland besser zu gefallen, z.B. Thomas Mann (Mario und der Zauberer könnte ein guter Anfang sein für das gigantische Werk von Mann, mein Favorit ist aber Der Zauberberg). Kurt Tucholsky sackte bei mir gut, nicht aber sein einziger Roman. Von den klassischen Werken habe ich Der Schimmelreiter (Theodor Storm) bereits drei Mal gelesen: Ein brillanter Einzelgänger, der sich um eine einsame Frau und sein behindertes Kind kümmert, scheitert an der blanken Ablehnung der Gesellschaft. Also eine richtige Kette, an der ich mich entlanghangeln könnte, entstand hier aber bisher nicht. Aktuell bin ich übrigens mal wieder an einem Schweizer hängengeblieben und lese derzeit Werke von Jeremias Gotthelf.
  • Wenn wir Amerikanisch/Britisch werden sollten: Ich liebe „Den Flaschenteufel“ (auch als Flaschenkobold bekannt) von Robert Louis Stevenson. Viele schwärmen von anderen Werken des Autors, die mir aber dann weniger zugesagt haben. Wenn wir schon im britischen Naturalismus bleiben, dann bin ich absoluter Fan von Oscar Wilde. Ich glaube, ich habe von ihm nahezu alles gelesen, aber in besonderer Weise ist natürlich „Das Bildnis des Dorian Gray“, „The Importance of Being Earnest“ und seine leider viel zu wenig beachteten Märchen zu erwähnen. Immer wieder greife ich auch zu den bizarren Erzählungen von Poe zurück, wobei man natürlich seinen mystischen Stil mögen muss.

Es gibt dabei einen Bruch, die Sexualisierung der Literatur, der seit etwa den 60ern viele Werke unleserlich macht. Ich denke hier an die schulische Zwangslektüre von Homo Faber oder Der Vorleser. Dabei darf man aber nicht in die andere Falle verfallen und z.B. durch Pauschalurteile Lektüre der Klassik komplett meiden. Obwohl Hermann Hesse sicherlich kein Christ ist, finde ich sein Unterm Rad in mehrfacher Hinsicht als sehr gelungenes Werk, gerade auch aufgrund der feinen Kritik, die er hier am Evangelikalismus übt.

Perlenketten, die keines Einsatzes wert sind

Es gibt Werke oder ganze Werkreihen, die ich persönlich vollständig meide. Darunter gehören:

  • Polemisch apologetische Werke. Was ich damit meine, sind Bücher wie (fiktive und doch reale Titel) „Warum Rockmusik aus der Hölle kommt“, „Der ultimative Beweis, dass alle Calvinisten hochmütig sind“, „Warum Arminianer an einen anderen Gott glauben“ oder „10 Gründe, warum Johannes Hartl der schlimmste Irrlehrer seit Grundlegung der Welt ist“. Ich habe nie den Mehrwert solcher Bücher verstanden, obwohl ich mir selbst eingestehen muss, mich in der Kritik russlanddeutscher Frömmigkeit der Methoden bedient zu haben, die ich hier so entschieden ablehne!  Falls ich jemals Zweifel am Wert solcher Werte besaß, wurde dieser durch das Erbe einer Bibliothek mit einem beachtlichen Bestandteil solcher Werke aus den 70ern und 80ern Jahren genährt. Ich kann euch sagen, kein einziges Buch davon hat heute noch irgendeinen bleibenden Wert! – Hier darf man innehalten: Vieles davon wird auch wirklich wenig gelesen, aber massiger Weise auf YouTube gehört! Kaufe die Zeit aus, mein Bruder!
  • Bücher, Vorträge die Randthemen zum Zentrum des christlichen Glaubens erklären. Ich begnüge mich hier auch mit fiktiven Titeln, aber z.B. sowas wie „Warum nur Frauen mit Kopfbedeckung den ganzen Ratschluss Gottes erfüllen“, „Die sekündliche Uhr der Endzeit schlägt gerade heute im In der Sowjetunion, im Irakkrieg, in der Flüchtlingskrise, in der Corona-Krise..“, „Wie das Schnabeltier vom Ararat nach Tasmanien kam… – 10 Wissenschaftler entdecken die ganze Wahrheit“, „Warum du niemals eine andere Übersetzung lesen darfst!“, „Wenn du dieses Lied eines möglichen Charismatikers singst, bist du bei der Entrückung vielleicht nicht dabei“. Ich glaube wir kennen solche Werke zu genüge und es ist gegen die Lehre Christi, das Wichtige aufgrund von Randthemen zu vernachlässigen.
  • Schließlich bin ich auch immer noch skeptisch bei Ratgebern, die Weisheit durch Regeln ausheben. Ich glaube, dass es in einer Menge von Fragen auf die Weisheit ankommt. Ich würde in diesen Fällen das Lesen des Buches Sprüche immer detaillierten Ratgebern wie „Deine Kinder müssen immer vor 7 Uhr im Bett sein, wenn du willst, dass sie erfolgreich, gesund, klug, christlich und gesegnet sind…“., vorziehen.

Zum Schluss: Bleib offen für Empfehlungen deiner Brüder und Schwestern und auch für die Führung Gottes.

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