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„Jeder tat, was ihn recht dünkte“

Judges For You (God's Word For You) (English Edition) von [Keller, Timothy]Da man derzeit auch Kinderstunde von zu Hause machen muss, habe ich mir überlegt, die Lektionen aus dem Buch Richter mit den Kindern zu besprechen. Ich bin darüber gestolpert, da das Buch Richter einfach als historische Tatsache wahrgenommen wird. Geistliche Lektion?- zumeist Fehlanzeige! Oder mal eine Predigt außerhalb der üblichen Zyklen Gideon und Simson gehört? Eine Ursache dürfte unsere moralistische Lesart sein: Die meisten Richter taugen höchstens als negatives Beispiel. Der Ansatz von Keller ist eine Wohltat. Richter ist hochaktuell für unsere Zeit: „Trotz der Lücke von mehr als drei Tausend Jahren, gibt es viele Parallelen zwischen unserer Situation und der Zeit des Buches der Richter (…) Es war eine Zeit des geistlichen Pluralismus“.  Eine düstere Geschichte – wo bleiben da die Helden?

Das Buch der Richter erzählt das Evangelium, die Bibel ist kein „Buch der Werte“: „Sie ist nicht voll inspirierender Erzählungen. Warum? Weil die Bibel (im Gegensatz zu den Büchern auf die sich andere Religionen berufen) nicht darüber handelt, wie man moralischen Beispielen nachfolgt. Sie handelt über einen Gott der Gnade und Langmut, der fortschreitend in und durch uns arbeitet, trotz unseres beständigen Widerstandes gegen seine Absichten. Letztlich gibt es nur einen Helden in diesem Buch und er ist göttlich. Wenn wir diesen Teil der Heiligen Schrift als einen historischen Bericht darüber lesen, wie Gott sein unwürdiges Volk durch und aus dem Dreck ihrere Sünde rettet und zu sich bringt, dann wird sie in unseren Köpfen und Herzen lebendig und spricht in unser Leben und in unsere Situation. „Richter“ ist keine leichte Kost. Doch eine essentiell wichtige für unsere Zeit.“

Im Einleitungskapitel bespricht Keller sechs Lektionen oder Leitthemen im Buch der Richter. Diese habe ich im folgenden übersetzt:

  1. Gott bietet seine Gnade unermüdlich Menschen an, die sie nicht verdienen, noch suchen oder sogar wertschätzen, nachdem sie durch diese gerettet wurden. Das Buch der Richter handelt nicht über eine Serie von Vorbildern. Obwohl es einige wenige gute Beispiele (z.B. Othniel und Deborah) gibt, kommen diese am Anfang des Buches und dominieren nicht die Erzählung. Der Punkt ist, dass der einzige wahre Retter der Herr ist. Letztlich geht es im Richterbuch um die überfließende Gnade für große Sünder. Gottes Gnade wird über die dämlichsten Taten triumphieren
  2. Gott möchte über unser ganzes Leben und nicht nur Teile davon regieren. Gott wollte, dass Israel das ganze Land Kanaan einnimmt, doch sie reinigen nur einige Bereiche und gewöhnen sich daran, mit Götzen in ihrer Mitte zu leben. Anders ausgedrückt: Sie lehnen weder Gott ganz ab, noch nehmen sie ihn ganz an. Diese halbherzige Jüngerschaft wird im Buch der Richter als ein unmögliches und unstabiles Gemisch dargestellt. Gott möchte unser ganzes Leben, nicht einfach nur einen Teil davon.
  3. Es gibt eine Spannung zwischen Gnade und Gesetz, zwischen Bedingung und Bedingungslosigkeit. Wir finden in Richter einen offensichtlichen Widerspruch. Auf der einen Seite, verlangt Gott Gehorsam, weil er heilig ist. Auf der anderen Seite macht er Versprechen der Hingabe und der Treue an sein Volk. Werden seine Heiligkeit und seine bedingten Befehle (Macht das und dann werde ich das tun) seine Versprechen überschreiben (Ich werde immer mit euch sein, egal was ihr tut) oder werden seine Versprechen seine Befehle überschreiben? Seht das einmal so: Sind seine Versprechen bedingt oder bedingungslos? Richter ist hierbei entscheidend, dass es zeigt, dass keine der Antworten auf diese Frage richtig ist. Fast alle Leser des Alten Testaments nehmen eine „liberale“ (Sicherlich wird Gott immer segnen, so lange es uns leid tut) oder eine konservative (Nein, Gott wird nur dann segnen, wenn wir gehorsam sind) Sicht ein. Richter lässt uns in einer Spannung, dass beides wahr ist, und dass beides nicht vollständig wahr ist. Es löst diese Spannung jedoch nicht auf. Doch genau diese Spannung treibt die Erzählung an. Nur das Evangelium des Neuen Testaments wird uns zeigen, wie diese beiden Seiten beide wahr sein können.
  4. Es besteht die Notwendigkeit einer beständigen geistlichen Erneuerung in unserem Leben auf dieser Erde und einen Weg, diese zu einer Realität werden zu lassen. Die Richter zeigen uns, dass der geistliche Verfall unvermeidlich ist, und dass geistliche Erneuerung somit zur beständigen Notwendigkeit wird. Wir werden im Folgenden wiederholte Zyklen der Abfall<->Erweckung lesen. Einige der Elemente in dieser Erneuerung beinhalten Buße, Gebet, die Zerstörung der Götzen und die Auswahl menschlicher Führer. Erneuerung geschieht, wenn wir unter dem richtigen Meister sind. Sklaverei findet statt, wenn wir unter dem falschen Meister sind. Richter ist das beste Buch des alten Testaments, um zu verstehen, wie Erneuerung und Erweckung funktionierten, ähnlich der Apostelgeschichte im Neuen Testament. Beachtet beim Lesen, dass diese Erweckungszyklen in Richter immer schwächer werden, während die Zeit voranschreitet, während sie in der Apostelgeschichte immer weiter und stärker wachsen.
  5. Wir benötigen einen echten Retter, auf den alle menschlichen Retter hinweisen, sowohl durch ihre Fehler, wie auch durch ihre Stärke. Wie wir unter Nr. 1 bemerkten, zeigt die zunehmende Stärke des Bösen und des Bruches in der Erzählung auf unsere Notwendigkeit nach einem Erretter, nicht nach einem Vorbild. Doch die abnehmende Effizienz der Erweckungszyklen und die abnehmende Qualität der Richter zeigt auf das Versagen eines jeden menschlichen Retters. Die Richter selbst fangen an, uns auf jemanden zu weisen, der über ihnen steht. Bei Othniel lernen wir, dass Gott durch alle retten kann, bei Deborah, dass er durch viele retten kann, bei Gideon, dass er durch wenige retten kann, und bei Simson, dass er durch einen retten kann. Gott wird retten, in dem er den Einen sendet.
  6. Gott hat das Kommando, egal wie es aussieht. Das allgegenwärtige Thema kann man auch am leichtesten übersehen! Gott scheint bei Richtern oft fast abwesend zu sein, aber er ist es nie. Er bewirkt seinen Willen durch schwache Menschen und trotz der schwachen Menschen. Seine Anliegen werden nie durchkreuzt, egal wie es sonst erscheint. Die Mühlen Gottes mögen langsam mahlen, doch sie mahlen außergewöhnlich fein.

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