Was ist denn, bitteschön, reformatorische Theologie? – eine Artikelreihe von Hanniel Strebel

Hanniel Strebel hat eine prägnante Artikelreihe für E21 erstellt, in der er der Frage nachgeht, was reformatorische Theologie sei! Ich bin sehr dankbar für den Artikel, da ich die letzten Monate vornehmlich mit der Frage verbracht habe, wie ich selbst meinen Glauben definieren sollte. Besonders positiv möchte ich seinen Ansatz hervorheben, weder eine konfessionsgebundene noch eine allzu allgemeine Stellung zu wählen (Hanniel schreibt selbst darüber). Ich kann innerhalb meiner theologischen Bubble nicht mit dem Westminster Bekenntnis in der Hand argumentieren, und sehe nur die Möglichkeit zurück zur Schrift zu gehen und Gottes Wort sprechen lassen.

Im wesentlichen Staune ich darüber, dass ich sowohl unabhängig und ziemlich anders geprägt, ja gar aus einem völlig anderen Kulturkreis, genau diese Entdeckungen im Erbe der Reformation gemacht habe, von denen Hanniel schwärmt (auch wenn ich weiterhin den Begriff „reformiert“ verwenden würde)

Ich möchte fünf Filet-Stücke seiner Reihe hervorheben:

Es geht um Gott

Ich erinnere mich noch, als ich das erste Mal den Westminster Katechismus las? Ich hätte niemals erwartet, dass der Hauptzweck des Menschen daran liegt, Gott zu verherrlichen und sich immerdar an ihm zu erfreuen. Das hat mein Weltbild elektrifiziert. Es geht also nicht darum, krampfhaft nach Gnadenerweisen zu suchen, oder nach einer Bestätigung in sich selbst, dass man Gott genügt. Meine Theologie erwies sich ganz ordentlich als reine Anthropologie und fing nicht mit Gott an.  Dabei ist christlicher Glaube ja auf Gott ausgerichtet: 

„Wörtlich bedeutet „Theologie“ schließlich die Lehre über Gott selbst. Das ist ihr vornehmster und gleichzeitig anspruchsvollster Part. Wir haben als erlöste Menschen Zugang zur Heiligen Schrift, der speziellen Offenbarung, erhalten. Dort stellt sich Gott durch seine Namen vor, etwa als „Allmächtiger“ oder „Herr der Heerscharen“. Zudem wird sein Wesen darin beschrieben. Manche dieser Adjektive lassen sich in der Doppelaussage „heilig-liebend“ zusammenfassen. Er offenbart sich zudem in seinen Taten. Deshalb lege ich, wenn ich die Bibel lese, besonderen Stellenwert auf alle Verben, die für das Wirken Gottes gebraucht werden. Neben den Namen, mit denen er sich vorstellt, den Adjektiven, die sein Wesen beschreiben und seinen Taten enthält die Bibel immer wieder Metaphern. David beispielsweise beschreibt Gott in Psalm 18,1 aus seiner eigenen Lebenserfahrung als „Fels“ oder „Schild“.“

Wieder lernen über Gott so zu sprechen, wie David es tat!

Christozentrisch aber nicht „Christusgebogen“

Ich teile die Einschätzung des Autors, dass die wahre Christozentrik der Bibel dann hervorkommt, wenn wir den Text so sprechen lassen, wie er in Raum und Zeit geschrieben wurde. Hanniel weist darauf hin:

„Ich bin in einem christlichen Umfeld aufgewachsen, das buchstäblich aus jedem Vers des Alten Testaments einen christologischen Bezugspunkt herausarbeiten wollte. Handlungen, Aussagen und sogar Gegenstände wurden – für einen unbedarften Leser der Bibel kaum nachvollziehbar – mit einer tieferen Bedeutung versehen. Dabei wurden einzelne Versteile zitiert und die Zuhörer ohne Begründung aufgefordert, den Christusbezug selbst zu bemerken. Das galt indirekt als Zeichen geistlicher Reife. Die reformatorische Theologie ist hingegen geprägt vom literalen (wörtlichen) Verständnis des Textes. Sie geht davon aus, dass der dreieinige Gott in eine bestimmte Situation hinein gesprochen hat. Diese Ansprache geschah zu einer bestimmten Zeit und zu einem bestimmten Publikum. Diesen Sinn gilt es zuerst zu erfassen. Innerhalb dieses Verständnisrahmens soll dann die ganze Schrift auf Christus hin gelesen werden. Er ist der Brennpunkt der Heilsgeschichte.“

Kontra Wohlstandsevangelium

Die Betonung der Souveränität Gottes (Teil 3) verknüpft mit dem Sohn Gottes am Kreuz, als Mittelpunkt der Gottesoffenbarung führt natürlich zu einer völlig unerwarteten Bewertung von Erfolg, Werk, Stand, Leid:

“ Es geht um die Theologie des Leidens. Die Theologie des Kreuzes (theologia crucis) wurde sowohl von Luther wie von Calvin gelehrt. Wer sich mehr damit beschäftigen möchte, dem sei der Psalmenkommentar von Johannes Calvin ans Herz gelegt. Die bewusste Zuwendung zum Leid innerhalb des christlichen Lebens steht im Gegensatz zur Lehre des Säkularismus, der im Westen dominanten Sichtweise, der im Denken und Handeln von Gott entwöhnt ist. Dem Leid zu entfliehen, es zumindest auszublenden oder es zu betäuben ist das Gebot der Zeit. Dies ist verbunden mit dem Anspruch auf eine vollständige und unmittelbare Befriedigung. Im Neuen Testament werden wir eines Besseren belehrt.“

Die Rechtfertigung aus Gnaden allein befreit mich davon, „Erfolg liefern zu müssen“

Gesetz UND Evangelium = Gnade

Kann man Gnade und Heiligung gleichzeitig betonen? Hanniel findet neue passende Begriffe für die dreifache Funktion des Gesetzes Gottes:

„Ein zweites Modell unterscheidet den sogenannten dreifachen Gebrauch des Gesetzes:

  • Zuerst dient das Gesetz als Spiegel für den nichterlösten Menschen. Es treibt diesen als ein Zuchtmeister zu Christus (vgl. Gal 3,24).
  • Weiter erweist es sich als ein Riegel für die nichterlösten Menschen. Überall dort, wo in staatlichen Gesetzen bzw. in der Umsetzung der staatlichen Ordnung Gottes Gesetze (z.B. gegen Diebstahl oder Mord) beachtet und respektiert werden, kann damit Sünde begrenzt werden. Das Gesetz ist demnach Spiegel für den nichterlösten Menschen, worin er – gewirkt durch den Heiligen Geist – seine Verfehlungen erkennt, und ein Riegel für die gesamten Völker zur Begrenzung der Sünde.
  • Drittens ist das Gesetz eine Regel für den erlösten Menschen. Das durch den Heiligen Geist erneuerte Verlangen zielt dahin, dem Gesetz Gottes nachzustreben (vgl. Röm 8,3–4). Insofern war auch der zweite Adam nicht gekommen, um das Gesetz abzuschaffen, sondern seine eigentliche Bedeutung zu klären und es selbst in seiner Fülle vorzuleben (vgl. Mt 5,17ff).“

Eine reife Darstelung der Mitteldinge

Ich glaube der 7 Teil dieser Reihe ist der reifste dieser Reihe, es geht um Mitteldinge. Wohlwollend stellt hier Hanniel gerade die Positionen dar, die er selbst nicht vertritt, z.b. in Frage der Taufe:

„Es geht um die Frage der Taufe. Die Reformatoren praktizierten die Bundestaufe Die Taufe wird dabei als neutestamentliches Gegenstück zur Beschneidung verstanden, die Gottes Bundestreue ausdrückt und deshalb auch an Kindern vollzogen wird. Manchmal wird auch von der Säuglingstaufe gesprochen. Das ist nicht ganz korrekt, denn eigentlich ist diese Sichtweise stark verbunden mit dem heilsgeschichtlichen Denken eines Bundes in zwei Administrationen, wie ich es im Artikel „Christus = Mitte der Schrift“ dargelegt habe. Die Glaubenstaufe wurde später im Verlauf des 17. Jahrhunderts mit einer reformierten Heilslehre kombiniert. Ihre Vertreter verstehen die Taufe als sichtbares Zeichen und Symbol der Wiedergeburt, des Einsseins mit Christus und damit der Rettung, die nur auf die Gläubigen zutrifft und darum auf den Glauben folgt. Diese Sicht wird im Baptistischen Bekenntnis von 1689, einer veränderten Version des Westminster Bekenntnisses von 1647, dargelegt.“

Insgesamt eine gelungene Darstellung, die sich weder in Details verliert, noch reformierte Theologie zu einem historischen Relikt scholastischer Debatten verkommen lässt. 

 

 

 

1 Kommentar zu „Was ist denn, bitteschön, reformatorische Theologie? – eine Artikelreihe von Hanniel Strebel“

  1. Pingback: Input: Begründung für die Taufe von Kindern – Hanniel bloggt.

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