Biografien
Kommentare 1

Buchrezension: Abraham Kuyper – moderner Calvinist, christlicher Demokrat

von James D. Bratt

Abraham KuyperUm wen geht es in die­ser Bio­gra­fie? Bratt beschäf­tigt sich mit der schil­lern­den Grün­der­ge­stalt des nie­der­län­di­schen Neo-Cal­vi­nis­mus, Abra­ham Kuy­per (1837−1920). Es ist wahr­lich nicht ein­fach, ein Por­trait die­ses viel­schich­ti­gen Lebens nach­zu­zeich­nen. Der Theo­lo­gie, Jour­na­list und Poli­ti­ker hat nicht nur die ers­te poli­ti­sche Par­tei der Nie­der­lan­de gegrün­det. Eben­so hat er eine Abspal­tung von der nie­der­län­di­schen refor­mier­ten Kir­che (Her­vorm­de Kerk) ange­führt sowie die Ver­ei­ni­gung mit einem abge­spal­te­nen Teil mit vor­an­ge­trie­ben. Er grün­de­te die Freie Uni­ver­si­tät Ams­ter­dam und war dort lan­ge Zeit Pro­fes­sor für Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie. Als stän­di­ges Sprach­rohr dien­ten die Zei­tun­gen, für die er unauf­hör­lich Bei­trä­ge pro­du­zier­te. Kuy­per stammt aus dem Haus eines Theo­lo­gen und stu­dier­te selbst als „Pro­vinz­ler“ an der renom­mier­ten Uni­ver­si­tät Lei­den Theo­lo­gie.

Sei­ne Pro­mo­ti­on schrieb er über die Ekkle­sio­lo­gie des pol­ni­schen Refor­ma­tors Johan­nes à Las­co. Es han­del­te sich um die Erwei­te­rung eines Manu­skripts, für das er bereits frü­her einen Preis gewon­nen hat­te. Vor­aus­set­zung für die­ses Stu­di­um waren sei­ne aus­ge­zeich­ne­ten Kennt­nis­se der klas­si­schen Spra­chen, die ihn in die Lage ver­setz­ten ein Manu­skript in Latein zu ver­fas­sen. Wich­tig zu erwäh­nen ist sein Bekeh­rungs­er­leb­nis wäh­rend sei­nes ers­ten Pas­to­rats im länd­li­chen Beesd. Dass Kuy­per zum ortho­do­xen Cal­vi­nis­mus gefun­den hat und dort zur Ruhe gekom­men ist, stell­te den letz­ten Schritt einer reli­giö­sen Odys­see in sei­ner Jugend dar.

Wie ist das Buch auf­ge­baut? Bratt unter­teilt das Leben Kuy­pers in drei Abschnit­te. Zuerst geht es um die Grund­la­gen (Jugend, Stu­di­um, Pas­to­ra­te, jun­ger Poli­ti­ker). Im nächs­ten Teil wer­den die Jah­re des Auf- und Aus­baus in den ver­schie­de­nen Rol­len als poli­ti­scher Theo­re­ti­ker, Kir­chen­re­for­mer, Kir­chen­theo­lo­ge, Kul­tur­theo­lo­ge und –kri­ti­ker beschrie­ben. Aus dem über­aus reich­hal­ti­gen Werk Kuy­pers – er betreu­te über Jahr­zehn­te als Chef­re­dak­tor eine Tages- sowie eine Wochen­zei­tung – wer­den jeweils Zusam­men­fas­sun­gen der wich­tigs­ten Publi­ka­tio­nen gebo­ten. Ab und zu stö­ber­te ich im über 60-sei­ti­gen Anhang, wo Bratt zahl­rei­che Quel­len­hin­wei­se anbringt. Im drit­ten Teil wer­den die Wol­ken nach­ge­zeich­net, wel­che über den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten sei­nes Lebens hin­gen. Nach sei­ner vier­jäh­ri­gen Amts­zeit als Pre­mier­mi­nis­ter der Nie­der­lan­de (1901−1905) folg­ten schwie­ri­ge Jah­re, in denen Kuy­per sich zuneh­mend inner­halb sei­nes Freun­des­krei­ses und sei­ner Par­tei iso­lier­te.

Wes­halb habe ich das Buch gele­sen? Vor eini­gen Jah­ren las ich die ers­te Bio­gra­fie von Wil­helm Kolf­haus über Kuy­per. Ich war gefes­selt, obwohl das 1925 geschrie­be­ne Buch nicht frei von hagio­gra­fi­schen Zügen ist. Die neue Bio­gra­fie von Bratt bestell­te ich mir ohne Zögern. Nach­dem ich mich inten­siv mit Kuy­pers Weg­ge­nos­se Her­man Bavinck (1854−1921) beschäf­tigt hat­te, woll­te ich mein Hin­ter­grund­wis­sen ver­tie­fen. Kuy­per stand schon wäh­rend sei­ner Lebens­zeit ungleich stär­ker als Bavinck im Ram­pen­licht. Eini­ge Wer­ke sind bald in die eng­li­sche Spra­che über­setzt wor­den. Im angel­säch­si­schen Raum besteht nicht zuletzt dar­um eine Kuy­per-Rezep­ti­on. Kuy­per wur­de vor allem für sei­ne kul­tur-zuge­wand­ten Über­le­gun­gen geprie­sen. Nicht so stark im Fokus stan­den sei­ne erbau­li­chen Schrif­ten, wel­che eben­so zu Kuy­per gehö­ren.

Was hat mich irri­tiert? Es gibt eini­ge Stel­len des Buches, die mich befrem­det haben. Ich bin Bratt dank­bar, dass er sie nicht aus­liess. Kuy­per ent­schied sich früh für sei­ne spä­te­re Frau Jo – gegen den Wil­len bei­der Fami­li­en. Dass er sie wäh­rend eini­ger Zeit unter star­ken (geist­li­chen) Druck setz­te und sie zum Lesen zwang, gehört nicht zu den ruhm­rei­chen Fuss­no­ten sei­ner Bio­gra­fie. Aller­dings hat er dies spä­ter bereut und sei­ne Ver­lob­te um Ver­ge­bung gebe­ten.  Dass er nach den Jahr­zehn­ten am Zen­trum der Macht den Stab nicht an die nächs­te Gene­ra­ti­on wei­ter­rei­chen konn­te, fand ich bedau­erns­wert. Über Jah­re kri­ti­sier­te er öffent­lich sei­nen Par­tei­ge­nos­sen und Pre­mier Heems­kerk. Dies führ­te dazu, dass eini­ge Par­tei­ka­der 1915 eine öffent­li­che schrift­li­che Kri­tik anbrach­ten.

Was habe ich gelernt? Von beson­de­rem Inter­es­se waren für mich die drei län­ge­ren gesund­heit­li­chen Aus­fäl­le von Kuy­per. Wie ich es bei vie­len ande­ren Grös­sen der Geschich­te gelernt habe, war ihr Leben nicht frei von Schmer­zen und Ent­täu­schun­gen. Kuy­per arbei­te­te nicht nur wäh­rend sei­nes Stu­di­ums rast­los an sei­nem Auf­satz über à Las­co; wäh­rend der Auf­bau­pha­se der Par­tei und sei­nem ers­ten Par­la­ments­man­dat mach­te ihm sei­ne Gesund­heit einen Strich durch sämt­li­che Plä­ne. Dass er sich drei­mal wie­der auf­rap­pel­te, ist erstaun­lich. Sei­ne Aus­zei­ten im Aus­land nutz­te er nicht nur zur Rege­ne­ra­ti­on. Es ent­stan­den berüh­ren­de besinn­li­che Tex­te eben­so wie ein über 1000-sei­ti­ger Rei­se­be­richt. Von beson­de­rem Inter­es­se waren die „roten 1890er-Jah­re“, als Kuy­per sich inten­siv mit den Ide­en der Sozi­al­de­mo­kra­tie aus­ein­an­der­setz­te und eige­ne Schrif­ten dazu ver­fass­te. Kuy­pers Herz schlug stets für die „klei­nen Leu­te“.

Es gehört zu Bratts Stär­ken als His­to­ri­ker, ein­zel­ne Begrif­fe in ihrem geschicht­li­chen Zusam­men­hang zu erläu­tern. So erfährt man, dass das Motiv der (fran­zö­si­schen) Revo­lu­ti­on eng mit der Geschich­te der Nie­der­lan­de ver­knüpft ist, eben­so Kuy­pers berühm­tes Motiv der „Sphä­ren“. Zudem zeigt Bratt auf, wie Kuy­per ein fei­nes Gespür für die Umwäl­zun­gen sei­ner Zeit (Indus­tria­li­sie­rung, Demo­kra­ti­sie­rung) hat­te und die­se The­men nicht nur aufs Tapet brach­te, son­dern auch durch das Schaf­fen eige­ner Insti­tu­tio­nen mit­präg­te. Nicht umsonst wird Kuy­per dar­um als Demo­krat der Moder­ne beschrie­ben. Das leb­haf­te Rin­gen Kuy­pers mit den gesell­schaft­li­chen sowie den beglei­ten­den geist­li­chen Strö­mun­gen sei­ner Zeit mag ihn ent­schä­di­gen für die sei­ne manch­mal sehr gewag­ten (um nicht zu sagen spe­ku­la­ti­ven) Gedan­ken.

Gesamt­fa­zit: Bratt gelingt es das Bild­nis einer fas­zi­nie­ren­den Per­sön­lich­keit ein­zu­fan­gen und sie in ihrem geschicht­li­chen, theo­lo­gi­schen und bio­gra­fi­schen Kon­text ein­zu­bet­ten. Es sind so vie­le Strän­ge mit­ein­an­der ver­wo­ben, dass das Lesen nicht nur alle Kon­zen­tra­ti­on erfor­dert, son­dern ab und zu ein Zurück­blät­tern nötig macht. Ich habe die­ses Buch in drei Etap­pen gele­sen: Zuerst inter­es­sier­te mich das Kapi­tel „Höhe­punkt der Macht“ (Zeit als Minis­ter­prä­si­dent, 1901 – 1905) und Kuy­pers „Ver­dau­en“ der Wahl­nie­der­la­ge. In einem zwei­ten Anlauf las ich eini­ge Kapi­tel über sei­ne ers­te Lebens­hälf­te des Auf­baus (woher er sei­ne theo­lo­gi­schen und poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen bezog). Ich leg­te das Buch noch­mals zur Sei­te, um dann den Rest zu stu­die­ren.

Wer sich inhalt­lich wei­ter mit Kuy­per beschäf­ti­gen möch­te, dem sei der von Bratt zusam­men­ge­stell­te Kuy­per-Reader (Abra­ham Kuy­per: A Cen­ten­ni­al Reader. Eerd­mans: Grand Rapids 2002) emp­foh­len. Dort sind wich­ti­ge Reden und Aus­zü­ge aus dem umfang­rei­chen Werk Kuy­pers zusam­men­ge­stellt. In nächs­ter Zeit wird eine grös­se­re Kuy­per-Antho­lo­gie ver­öf­fent­licht wer­den. Wer bereits dar­in schnup­pern möch­te, kann sich für jeweils gut 2 Euro „Roo­ted and Groun­ded“ (Antritts­re­de Kuy­pers anläss­lich sei­nes Pas­to­rats in Ams­ter­dam 1869) und „Wis­dom and Won­der“ (Aus­zü­ge aus sei­nem drei­bän­di­gen Werk über die All­ge­mei­ne Gna­de über Wis­sen­schaft und Kunst, 1902 – 1905) her­un­ter­la­den. Ein Klas­si­ker sind zudem sei­ne Vor­le­sun­gen über den Cal­vi­nis­mus (deutsch „Refor­ma­ti­on wider Revo­lu­ti­on“) von 1898.

Han­ni­el Stre­bel

Titel: Abra­ham Kuy­per: Modern Cal­vi­nist, Chris­ti­an Demo­crat
Autor: James D. Bratt
Sei­ten: 455 Sei­ten
Jahr: 2013
Ver­lag: Eerd­mans: Grand Rapids
ISBN: 978−080286906−7
Preis: 21,80 EUR
erhält­lich bei: book­loo­ker, Ama­zon

Kategorie: Biografien

von

NIMM UND LIES - dieser Aufforderung möchte ich selbst nachkommen und andere dazu motivieren und anleiten. NIMM UND LIES zuerst die Bibel und dann gute christliche Literatur. Denn beim Lesen lässt sich vortrefflich denken (nach Leo Tolstoi). Ich lebe mit meiner Frau und unseren vier Kindern in Baden-Württemberg.

1 Kommentare

  1. Pingback: Abraham Kuyper: Ein Vordenker des Dominionismus (S.Schad) / Buchrezension: Abraham Kuyper – moderner Calvinist, christlicher Demokrat | dominionismus.info

Hinterlasse einen Kommentar!