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Bis zum Bodensatz

Auf Siegfried Kettling bin ich durch Viktor von Christusallein.com gestoßen. Kettling, lutherischer Theologe, besitzt eine ungewöhnliche Ausdrucksweise, wahrscheinlich wohl etwas, das Lutheraner häufig auszeichnet. Hilfreich empfand ich seine Ausführungen zum Beten. Es ist ein größerer Abschnitt, denn ich unverändert wiedergeben möchte. Gefunden in: „Und der sagte ja“, ein nur noch antiquarisch erhältliches Werk:

Kürzlich habe ich ein Gebet gelesen. Es lautete etwa so: “ Gott, ich will dir sagen, wer du bist und wie du dich mir gegenüber benommen hast. Ich sage es dir mitten ins Gesicht, nehme kein Blatt vor den Mund. Mit glatten Worten bist du auf mich zugekommen wie ein junger Mann, der schön tut, wenn er ein ahnungsloses Mädchen beschwatzen will. Schließlich habe ich mich betören lassen, bin mir dir gegangen. Übel hast du mein Vertrauen missbraucht, mich brutal vergewaltigt und anschließend sitzengelassen. Nun stehen die Leute ringsum, halten sich den Bauch vor Lachen: „Schön dumm von Dir, auf den reinzufallen.“ Gott, ich sage es dir ins Gesicht – ein Verführer bist du!“

Ist das – ein Gebet? Nicht eher eine Gotteslästerung?`Sollten wir nicht nach der Polizei rufen? glücklicherweise ist Blasphemie strafbar. Welcher Lump redet so von Gott, und wer wagt so etwas abzudrucken?

Doch nun das Schockierende: Dies Gebet steht in der Bibel, und derjenige, der hier so schreit, ist einer der „Großen“ im Alten Testament, der Prophet Jeremia. Im Luthertext klingts allerdings harmloser („Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.“ Jer. 20,7).

Manchmal wird die erste Vershälfte sogar benutzt zur Aussendung eines Missionars oder zur Ordination eines Pastors. Doch was Jeremia meint, ist deutlich „Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin“, gellt es uns in den Ohren (Jer. 20,14). Der Prophet ist grenzenlos enttäuscht: Frohe Botschaft möchte er ausrichten. Worte sagen, die man gerne hört. Aber Gott nötigt ihn, stets „Wehe!“! zu rufen. „Es ist kein Frieden!“ „Grauen ringsum.“ Den will niemand hören, dafür gibts keinen Applaus, nur spöttisches Gelächter, zornige Worte, brutale Folterung (Jer. 20,1ff). „Gott“, schreit der verzweifelte Gottesmann, „ein Verführer bist du!“

„Fromme“ Karnevalsmasken

Mit Recht sind wir erschrocken: Darf man denn so beten? Der dänische Christ Sören Kierkegaard sagte einmal: Nirgendwo wird so deutlich, wie weit wir unter dem Niveau der biblischen Beter stehen, als daran, dass wir so nicht zu beten wagen – nicht so wie Jakob, der mit Gott einen Zweikampf riskiert (1. Mo 32,23ff), nicht so wie HIob (Hi 3), nicht so wie die Psalmbeter (Ps 73). Wohltemperiert sind unsere Gebete, oft voller Phrasen, ster4il, ohne Herzblut. Zu beten wie Jeremia – wer wollte das riskieren! Wohl möchten wir oft schreien „Gott, warum?“, aber da fällt uns ein: Wir sollten doch stets „wozu“ fragen. Dann schluckens wir´s runter und beten „anständig“.

Doch dieses Herunterschlucken kann tödlich sein. es frisst in uns weiter wie Salzsäure, zersetzt allen Glauben, spaltet unser Bewusstsein. „Gott sitzt im Regiment und führet alles wohl“, singen wir zur Orgelbegleitung, aber heimlich flüstert’s: „Bei mir hat er alles falsch gemacht.“  – „Herr, dein Wille geschehe“, beten wir mit der Gemeinde, doch unhörbar knirschen wir mit den Zähnen. Da setzen wir das strahlende Christenlächeln auf (man erwartet von uns „erlöster müßten die Christen aussehen…“), doch es ist nur eine „fromme“ Karnevalsmaske. Da entstehen „ekklesiogene Neurosen“, eine innere Blutvergiftung beginnt.

Anders als Choräle

Doch Gott will das nicht. Auf keinen Fall! In Jes. 43,26 spricht Gott eine seltsame Aufforderung aus (ich übersetze frei): „Bitte erstatte Anklage gegen mich. Bring ans Licht der Öffentlichkeit, was du gegen mich hast. Und vergiss ja keines deiner Argumente, damit du den Prozess gewinnst.“ Das ist nicht ironisch gemeint. Gott liegt alles daran, dass es ehrlich zugeht zwischen ihm und uns. Was für ein seltsamer Gott! Er schreit nicht autoritär: „Halts Maul! Wie kannst du es wagen?“ Er bittet geradezu: „Nur Mut, heraus mit der Sprache.“ Da darf man sich Luft machen, das Herz ausschütten – mit dem scharfen, bitteren Bodensatz darin.

Das ist meine große Chance: Vor Gott darf ich ganz ich selbst sein – ohne fromme Maskerade. Alles soll heraus: Enttäuschung, Zweifel, Wut! Da kann es Gebete geben, die wie Gotteslästerung klingen. Aber, sagt Luther, sie sind Gott angenehmer als mancher schöne Choral. Alles soll heraus.

Auch die vitalen Argumente des Atheismus, die wir in uns verdrängt haben (Gott, wo bist du eigentlich? Zeig dich doch! – Gott, wie kannst du das zulasssen?). Aber entscheidend ist: Dieses „Ausspucken“ muss vor Gott geschehen. Ein Gebet soll daraus werden. Mit Anrede: „Gott, du…“ Entscheidend ist, dass wir uns an Gott festklammern wie Jakob im Zweikampf: „Ich lasse dich nicht…“

Frei von Streßparolen

Wer die Chance nutzt, vor Gott ganz ehrlich zu sein, der darf mithelfen, dass sich das Klima unter Christen erneuert, dass die Wahrheit einzieht wie Sauerstoff. Eine Studentin sagte kürzlich: „In unserem Kreis sind wir nicht ehrlich miteinander“ (Der Kreis bestand aus überzeugten jungen Christen!.) Wir haben ein bestimmtes Standardmodell: So muss ein Christ aussehen. Ein bestimmtes Niveau muss gehalten werden. Stets ist ein „Hoch“ vorgeschrieben, ein „tief ist nicht erlaubt“. „Ich habe Friede, Freude, Liebe in meinem Herzen… joy, joy, joy…“ Und wenn’s bei mir anders aussieht, dann spiele ich Operette: „… wies da drin aussieht, geht niemand was an.“ Wenigstens die Fassade muss stehen. Wenn ich unter Niveau bin, bin ich bei den anderen unten durch. Als Christ kann ich es mir vor den Mitchristen nicht leisten, schlapp zu machen. Also singe ich lauthals: „….joy, joy, joy in my heart.“ So können  Christen sich wechselseitig zur Heuchelei vergewaltigen. D. Bonhoeffer sagt: „Es fällt uns schwer, voreinander Ernst damit zu machen, dass die Gemeinde der Heiligen eine Gemeinde von Sündern ist.“

Wer vor Gott im Gebet ganz wahr wird, der kann in seiner Gruppe mithelfen zur Entkrampfung und zur Entgiftung. Da muss nicht mehr die Streßparole gelten: „Seid gefälligst high!“, da wird die nüchterne Hilfestellung des Paulus geübt: „Einer trage des anderen Last“ (Gal. 6,2). Dass jeder eine zu tragen hat, setzt Paulus voraus!

Mit der Bibel beten.

Eine Christin, die psychisch erkrankte (es soll tatsächlich Christen geben, die in solchem Fall auf Unglauben schließen!!) und häufig von Selbstmordgedanken überfallen wurde, erzählte nach ihrer Genesung: „In den ganz dunklen Augenblicken haben mir die Psalmen am meisten geholfen“ – . Gewiss, Jeremias Verzweiflungsschrei ist nicht einfach die Regel. Und in der Bibel stehen gewiss „schönere“ Gebete: Lob, Jubel, Anbetung. Und gewiss will Gott uns immer wieder zu Freude und Dank befreien. Aber dazu gehört, dass wir vor Gott auch klagen, weinen, schreien können, dass wir vor Gott und voreinander aufhören, Komödianten zu sein. Vor Gott – das ist der einzige Ort, wo ich ganz wahr sein kann, ganz ich selbst. Denn Gott kennt mich ohnehin – bis in die Abgründe meines Unbewussten. Und so wie er mich kennt, hat er mich lieb und ist mir gut. Das hat er durch Jesus bewiesen.

 

 

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