Kirchengeschichte, Puritaner, Zitate
Kommentare 2

Ist der Glaube ein Geschenk von Gott?

eine unerwartete Entdeckung in den Artikeln der arminianischen Remonstranten

Es ist immer wie­der berei­chernd, manch­mal aber auch ernüch­ternd kon­fes­sio­nel­le Schrif­ten zu stu­die­ren. So bin ich erst jetzt dazu gekom­men, die fünf Punk­te der Remons­tran­ten von 1610 zu lesen und habe doch etwas uner­war­tet Über­ra­schen­des ent­deckt. Ich über­setz­te aus der latei­ni­schen und hol­län­di­schen Ver­si­on, die ich von P. Schaff besitze:

Dass der Men­sche den selig machen­den Glau­ben nicht aus sich sel­ber besitzt, noch aus Kraft sei­nes frei­en Wil­lens, da er im Zustand der Auf­leh­nung und der Sün­de nichts Gutes (was ja ins­be­son­de­re der selig­ma­chen­de Glau­be ist) aus sich her­aus den­ken, wol­len oder tun kann. Es ist aber not­wen­dig, dass er von Gott, in Chris­tus durch sei­nen Hei­li­gen Geist wie­der­ge­bo­ren und in der Wie­der­ge­burt, in Ver­nunft, den Affek­ten, des Wil­len und allen Kräf­ten neu belebt wird, damit er nach dem Wort Chris­ti rich­tig ver­ste­hen, den­ken, wol­len und das wah­re Gute voll­brin­gen kann. Wie auch Joh. 13,5 sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“

Bei der Recher­che ist mir auf­ge­fal­len, dass die eng­li­sche Über­set­zung von Schaff, die auch im Weg Grund­la­ge für zahl­rei­che ver­öf­fent­lich­te Ver­sio­nen ist, das hol­län­di­sche „´t salich­maecken­de Ghe­loo­ve“ (bzw. in der latei­ni­schen Fas­sung die­ser fünf Punk­te mit „sal­vi­fi­cam fidem“) inter­es­san­ter­wei­se mit „saving grace“ wie­der­gibt. Dadurch geht m.E. der doch wich­ti­ge Punkt ver­lo­ren, dass die Remons­tran­ten an die­ser Stel­le wirk­lich vom Glau­ben als Geschenk spra­chen. Latei­nisch, was auch so weit ich das ver­ste­he die Ver­öf­fent­li­chungs­spra­che war, ist die Sache ein­deu­tig aus­ge­drückt: „Homo sal­vi­fi­cam fidem non habet a se“ — Der Mensch hat den ret­ten­den Glau­ben nicht aus sich selbst.

Noch span­nen­der aber: Sie spre­chen davon, dass der Glau­be auf die Wie­der­ge­burt folgt.

Das bringt mich zu die­ser Über­le­gung: Was meint man eigent­lich damit, wenn man meint, dass man „sich nicht fest­le­gen möch­te“ und weder „Cal­vi­nist noch Armi­nia­ner“ sei, son­dern irgend­wo in der Mit­te ste­he, da man „bei­den Sei­ten der Medail­le“ recht geben möch­te. Die­se möch­te ich dann bit­ten mir zu sagen, war­um selbst die „armi­nia­ni­sche“ Posi­ti­on für sie zu deter­mi­nis­tisch ist?  (z.B. hier auf apologia.net). Natür­lich ist obi­ger Punkt auch im geschicht­li­chen Kon­text zu sehen, z.B. dar­in, dass die gan­ze Debat­te um die „Fünf Punk­te“ eigent­lich nur in einem refor­mier­ten Kon­text statt­fin­den kann, und der Armi­nia­nis­mus nur in einem sol­chen Kon­text ent­steht. Oder auch dar­in, dass die luthe­ri­sche Beto­nung der Gna­den­leh­re auf­grund der völ­li­gen Ver­derbt­heit hier ent­spre­chend eine Anschluß­punkt sah.

Was mir aber aufs neue auf­ging, wie furcht­bar ratio­nal wir von der frei­en Selbst­be­stim­mung des Men­schen aus­ge­hen. Der Mensch ist Herr über sein Schick­sal und selbst die Him­mel sol­len sich ihm fügen. Glau­be ein Geschenk? Wie­der­ge­burt als Grund­la­ge für irgend etwas Gutes? Im Bekennt­nis mei­ner Gemein­de klingt es anders. Hier ist die Rede davon, dass Gott uns die Wie­der­ge­burt schenkt, wenn wir uns zu ihm bekeh­ren. Ein Den­ken, dass im Evan­ge­li­ka­lis­mus weit ver­brei­tet sein dürf­te.  Ob wir dann noch Armi­nia­ner und nicht viel­mehr längst Pela­gia­ner ist dann  ja die eigent­li­che Frage.

„Homo sal­vi­fi­cam fidem non habet a se“ 

2 Kommentare

  1. Vlad sagt

    Also ich habe mich fest­ge­legt, und bin weder „Cal­vi­nist noch Arminianer“ 🙂
    Ich mag mich nicht auf Men­schen bezie­hen. Sola scrip­tu­ra reicht, die Hei­li­ge Schrift spricht doch recht genau wer einem die ret­ten­de Gna­de schenkt. Rede mal in Ruhe mit ech­ten Chris­ten die Ver­tre­ter die­ser wider­sprüch­li­chen Sicht­wei­se sind, das „Gott uns die Wie­der­ge­burt schenkt, wenn wir uns zu ihm bekeh­ren“, mit dem Römer­brief in der Hand und du wirst ent­de­cken das man vie­les unüber­legt nachplappert.

  2. Sergej Pauli sagt

    Dan­ke für dei­nen Kom­men­tar, den ich gut fin­de. Ich hof­fe doch, dass es auch mein Ziel ist, bibel­treu zu sein. Eine Fra­ge bleibt mei­ner­seits (völ­lig ernst­ge­meint): Wie wür­dest du die Begriff­lich­kei­ten im obi­gen Arti­kel wäh­len, um den dahin­ter­lie­gen­den Kon­flikt, bzw. die dahin­ter­ste­hen­de theo­lo­gi­sche Dis­kus­si­on, dar­zu­stel­len? Ich mag mich auch nicht auf Men­schen bezie­hen. was mir aber auf­fällt ist, dass man oft rös­sel­sprung­haft von der ana­ly­se bibli­scher Tex­te zu geschicht­li­chen Kon­fes­sio­nen springt und zurück, oft auch, um sich die Frei­heit zu las­sen „sich nicht fest­le­gen zu müssen“

Hinterlasse einen Kommentar!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.