Mark Dever: Was ist eine gesunde Gemeinde?

Als geborener Mennonit (falls es so etwas gibt), der seine theologischen und ekklesiologischen Wurzeln nicht verachtet, sondern studiert und viel darüber nachdenkt und überprüft, ist es mir immer wichtig gewesen, den Wert und die Bedeutung der Gemeinde hochzuhalten und in der Gemeinde aktiv mitzuarbeiten. Und so freue ich mich immer, wenn ich anderen Christen begegne, denen es ähnlich geht. Ich freu mich auch über jedes Buch, welches auf biblische Weise die Bedeutung und die Aufgabe der Gemeinde betont.

So war es für mich eine Pflicht, das Buch „Was ist eine gesunde Gemeinde? Gemeinde auf biblischem Weg“ von Mark Dever zu lesen. Ich kannte Mark Dever bereits von einigen seiner Vorträge bzw. Predigten, die er auf Konferenzen und in seiner Gemeinde hielt und war deshalb gespannt, sein Buch zu lesen.

Dever schreibt sein Buch in erster Linie nicht für Theologen, Pastoren oder Gemeindemitarbeiter, sondern zuerst für den „einfachen“ Christ. Er schreibt für Menschen, die in der Gemeinde sind, die eine Gemeinde suchen und für Christen, die ihre Gemeinde aus welchen Gründen auch immer wechseln wollen. Aus der Wahl der Zielgruppe ergibt sich ein leicht verständlicher Schreibstil und der Verzicht auf tiefgehende Begründungen. Das empfand ich jedoch nicht negativ, denn in seinem umfangreicheren Werk „9 Merkmale einer gesunden Gemeinde“, welches im September erscheint, wird er vermutlich gründlicher argumentieren.

Mark Dever beginnt sein Buch mit einem Gleichnis über Herr und Frau Hand, die sich mit Herrn Nase aus dem Leitungskreis über ihren baldigen Austritt aus der Gemeinde unterhalten. Sie äußern, was sie sonst selten tun, ihre Unzufriedenheit über verschiedene Bereiche in der Gemeine, ohne genau zu begründen, was ihnen fehlt. Das Gespräch wird abrupt beendet, weil das Parfum von Frau Hand beim Herrn Nase einen Niesreiz auslöst. Auf solche Mitglieder konnte Herr Nase getrost verzichten, aber auch die Familie Hand nahmen auf Herrn Nase wenig Rücksicht und brauchten die Funktionen der Nase anscheinend nicht.

Mark Dever möchte mit seinem Buch darauf aufmerksam machen, dass Christen nicht nur Anforderungen und Wünsche an die Gemeinde herantragen, sondern aktiv mitwirken sollten, vor allem weil Christen aufeinander angewiesen sind.

Kapitel 1 beginnt mit einem für Dever typischen Satz: „Wenn sie sich selbst als Christen bezeichnen, es aber keine Gemeinde gibt, der Sie sich zugehörig fühlen und die Sie regelmäßig besuchen, dann befürchte ich, dass Sie auf dem besten Weg in die Hölle sind.“ Schockierend aber absolut wahr. Das muss wieder laut gesagt werden: Ein Christ ohne Gemeinde ist auf einem gefährlichen Weg und gefährdet andere. Jeder Christ muss sich mit der Frage, was Gemeinde ist, beschäftigen (Kap. 2). Und jeder Christ muss sich einer Gemeinde anschließen, weil man sonst das ganze Neue Testament umdefinieren müsste. Gegenseitige Liebe, Fürsorge und Verantwortung muss praktisch im Rahmen der Gemeinde gelebt werden.

In Kapitel 3 begründet Dever die Wortwahl beim Titel des Buches: „Was ist eine gesunde Gemeinde?“. Das Wort „gesund“ erinnert an die Gesundheit eines Menschen, eines Körpers und ist gut geeignet mit der Gemeinde verglichen zu werden. Gesund heißt nicht perfekt. Dever gibt folgende Definition: „Eine gesunde Gemeinde ist eine Versammlung, die zunehmend Gottes Charakter wiederspiegelt, wie er in seinem Wort offenbart ist.“

Im 4. Kapitel wird der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen kontrastiert. Die Gläubigen charakterisiert, dass sie auf Gottes Wort hören und ihm gehorsam sind, und auf die Ungläubigen trifft dieses eben nicht zu. Anschließend zitiert Dever aus jedem Buch des Neuen Testaments und beweist damit, dass die Gemeinde aufgerufen wird auf das Wort Gottes zu hören und es zu tun. Übrigens ist Mark Dever genial, wenn er eine Übersicht erstellt oder ein Detail in einen größeren Zusammenhang darstellt.

Ab Kapitel 5 beginnt Mark Dever mit den neuen Merkmalen einer gesunden Gemeinde. Zu den grundlegenden Merkmalen gehören seiner Meinung nach 1.) bibelorientiertes Predigen, 2.) bibeltreue Theologie und 3.) ein biblisches Verständnis der Guten Nachricht. Weitere sechs wichtige Merkmale sind 4.) biblisches Verständnis von Bekehrung, 5.) biblisches Verständnis von Evangelisation, 6.) biblisches Verständnis von Gemeindemitgliedschaft, 7.) biblische Gemeindezucht, 8.) biblische Nachfolge und geistliches Wachstum und 9.) biblische Gemeindeleitung. Jedes Kapitel ist es wert, von jedem Christen gelesen zu werden.

Merkmale 2 und 3 scheinen sehr ähnlich zu sein. Dennoch unterscheidet Dever hier zu Recht. Bibeltreue Theologie ist wichtig für die Verkündigung im Rahmen der Gemeinde und zur Erbauung der Gläubigen. Ein biblisches Verständnis der Guten Nachricht ist nötig, um außenstehenden ein klares Zeugnis von der Erlösung zu geben, ohne etwas zu verschweigen. Vier Punkte sollten dabei immer beachtet werden: 1.) Gott, 2.) Mensch, 3.) Christus und 4.) die Reaktion darauf. Wer mehr wissen möchte sollte zu dem Buch „Persönliche Evangelisation“ von demselben Autor greifen.

Wenn man den Inhalt des Buches mit unseren Gemeinden vergleichen würde, würden wohl viele feststellen, dass wir noch stärker für die Gesundheit der Gemeinde zu kämpfen haben. Dieses Buch ermutigt „normale“ Gemeindemitglieder ihre Gemeinde mitzubauen, sich zu engagieren, nach der rechten Lehre und dem rechten Leben in der Gemeinde zu streben.

Es gibt aber auch zwei Aspekte, die mich an diesem Buch stören. Warum tauchen unter den Merkmalen einer gesunden Gemeinde nicht ein biblisches Verständnis der Taufe und des Abendmahls auf? Auf Seite 63 gibt es eine Antwort, die mich allerdings nicht zufriedenstellt. Dever hat diese Merkmale nicht in sein Buch aufgenommen, „weil praktisch jede Gemeinde zumindest die Absicht hat, diese zu praktizieren.“ Das wird auf die anderen Merkmale in der Regel auch zutreffen. Nach Apg 2,42 gehört das Abendmahl zu den drei Säulen des Gemeindelebens. Die Taufe gehört ebenfalls zu den grundlegendsten Praktiken der Gemeinde und sollte nicht ausgelassen, gerade weil in beiden Bereich viele Missstände zu beobachten sind, die es zu korrigieren gilt. Beide Themen wurden und werden kontrovers diskutiert, und fanden vielleicht deshalb nicht Einzug in dieses Buch. Das fand ich sehr schade.

Zweitens stößt man beim Lesen wiederholt auf Bemerkungen, die den Musikstil oder die Anbetungsform der Gemeinde betreffen. Der Autor meint, dass der Musikstil nicht als Kriterium herangezogen werden kann, eine Gemeinde zu beurteilen. Ich bin der Meinung, dass mit der Beliebigkeit in der Musik und im Gesang, es dem Satan gelungen ist die Gemeinden zu untergraben und Weltlichkeit einzuschleusen. Eine gesunde Gemeinde muss auch an ihrem Gesang, ihrer Musik erkannt werden. Für mich wäre es, im Gegensatz zu Dever (S. 33), durchaus ein Kriterium die Gemeinde zu wechseln, wenn der Musikstil nicht den biblischen Maßstäben entspricht (siehe dazu: Peter Masters: Worship in the melting pot).

Fazit: Mark Dever trifft mit seinem Buch den Nerv der Zeit, indem er neuen Merkmale nennt, an denen die Gesundheit einer Gemeinde gemessen werden kann und sollte. Er motiviert die Christenheit wieder in die Bibel zu schauen und zu entdecken, was Gott sich von einer Gemeinde wünscht und wie die Gemeinde wieder die „Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens wird (Hebr 1,3).“ Die Schwachstellen habe ich genannt, und hoffe, dass der Leser das Buch prüfend liest.

Leseproben gibt es hier:
Einleitung
Inhalt
Kapitel 1

 

Titel: Was ist eine gesunde Gemeinde? Gemeinde auf dem biblischen Weg
Autor: Mark Dever
Seiten: 138
Format: 18,5cm x 13,5cm
Einband: Hardcover
Jahr: 2008
Verlag:
cap-books
Preis: 9,95 Euro
erhältlich bei: cap-music.de

7 Kommentare zu „Mark Dever: Was ist eine gesunde Gemeinde?“

  1. Wenn sie sich selbst als Chris­ten bezeich­nen, es aber keine Gemeinde gibt, der Sie sich zuge­hö­rig füh­len und die Sie regel­mä­ßig besu­chen, dann befürchte ich, dass Sie auf dem bes­ten Weg in die Hölle sind.“ Scho­ckie­rend aber abso­lut wahr.

    Finde solche Aussagen absolut schockierend und nicht nachvollziehbar. Es gibt Menschen die in einer Gemeinde keinen Anschluss gefunden haben, oder die man dort einfach nicht haben wollte. Landen diese jetzt alle in der Hölle? Ich denke hierüber sollte der Herr urteilen, denn es heißt auch „Was ihr einem dieser meiner Geringsten getan habt, das habt ihr für mich getan.“

  2. Dieses Zitat finde ich auch schockierend, aber ich vermute, dass da etwas dran ist. Sicher gibt es Gemeinden, die nicht korrekt mit anderen Geschwistern umgehen. Es menschelt oft. Dennoch sollte man im näheren Umfeld eine Gemeinde finden, zu der man sich zugehörig fühlt. Selbstverständlich sollte man auch demütig genug sein, sich der eigenen Schwächen und Fehler bewusst zu werden und bereit sein, sich in eine Gemeinschaft einzuleben und auf eigene Privilegien und Forderungen zu verzichten. Ich wünsche dir, dass der HERR dich andere treue Christen finden lässt, mit denen du Gemeinschaft haben kannst. Falls du weitere Fragen hast, kannst du dich gerne über das Kontaktformular an mich wenden.

  3. Bin selber „geborener Mennonit“, heute aber bekennender Lutheraner. Auch wenn die Mennoniten keinesfalls besser sind als andere Christen, so habe ich doch nicht aus Enttäuschung über die Menschen, sondern aus theologischen Gründen gewechselt.

    Denn wie die röm.-kath. Kirche so glauben auch die allermeisten Evangelikalen (Mennoniten, Baptisten usw…) an die sichtbare Kirche Jesu auf Erden. Das ist aber keine biblische Lehre, Jesus sagt es eindeutig: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“

    Die wahre Gemeinde ist eine unsichtbare, eine geistliche Größe, im alten wie auch im neuen Bund. Schon im alten Israel war es immer eine kleine Minderheit innerhalb der Nation, die im lebendigen, rettenden Glauben stand. Nicht anders ist es in der 2000jährigen Kirchengeschichte: die wahren Gläubigen waren immer eine unsichtbare, kleine Minderheit innerhalb der sichtbaren, organisierten Kirche. Wenn ich also auf die sichtbare Kirche schaue, dann werde ich IMMER enttäuscht werden. Wer das nicht weiß, muß ja auch letztlich verzweifeln, denn wir bleiben ja alle Sünder.

    Das muß auch einmal gesagt werden: in die Gemeinschaft der Heiligen kommen Sünder, die begnadigt sind. Und sie bleiben jeden Augenblick auf die Gnade angewiesen – bis zum Tod. Die Bibel gibt uns doch die Antwort auf die Frage nach der „richtigen Gemeinde“, Gott selber hat die Gemeindewachstumsmittel doch gegeben: Taufe, Predigt, Abendmahl und Gebet. Was wollen wir denn mehr???

    Zudem bedenken die Evangelikalen kaum, dass es nur EINE wahre Gemeinde gibt: „Ein HERR, ein Glaube, eine Taufe.“ Viel wichtiger, ja entscheidend für die Ewigkeit ist deshalb nicht die Zugehörigkeit zu einer Ortsgemeinde, sondern dass ich zu dieser einzigen, wahren aber unsichtbaren Gemeinde Jesu gehöre. Was natürlich einschließt, dass ich mich auch möglichst an die sichtbare Kirche halte, wenn dort folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

    „“7. Von der Kirche

    Es wird auch gelehrt, daß allezeit e i n e heilige, christliche Kirche sein und bleiben müsse, welche die Versammlung aller Gläubigen ist, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut des Evangeliums gereicht werden. Denn dies ist genug zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirchen, daß da einträchtig nach reinem Verstand (Verständnis) das Evangelium gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und es ist nicht nötig zur wahren Einigkeit der christlichen Kirche, daß allenthalben gleichförmige Zeremonien, von den Menschen eingesetzt, gehalten werden, wie Paulus spricht zu den Ephesern (4‚5): »Ein Leib, ein Geist, wie ihr berufen seid zu einerlei Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe«.

    8. Was die Kirche sei

    Ferner, wiewohl die christliche Kirche eigentlich nichts anderes ist als die Versammlung aller Gläubigen und Heiligen, jedoch weil in diesem Leben viele falsche Christen und Heuchler, auch öffentliche Sünder unter den Frommen bleiben, so sind die Sakramente gleichwohl kräftig, obschon die Priester, wodurch sie gereicht werden, nicht fromm sind, wie denn Christus selbst anzeigt: »Auf dem Stuhl Moses sitzen die Pharisäer etc.« (Mt 23, 2).““
    (Das Augsburgische Bekenntnis)

    Ps: freut mich, dass Ihr auf dieser Seite so ernsthaft und ehrlich den christlichen Glauben beleuchtet.

  4. Hallo Eugen, danke für diesen umfangreichen Kommentar. Es geht zwar in manchen Evangelikalen Kreisen (und wahrscheinlich auch russlanddeutschen BAptisten, weil sie dann schließlich doch Mennoniten sind)verloren, aber gerade die BAPTISTEN haben immer die unsichtbare Gemeinde betont. Vergleiche hierfür (hoffentlich kannst du russisch), den Text hier:
    https://baptist.org.ru/faith/verouchenie
    oder hier:
    https://www.idea.de/frei-kirchen/detail/was-manche-baptisten-von-evangelikalen-unterscheidet-89997.html
    Ich finde gerade einen weiteren ARtikl nicht, in dem ich es in besonders prägnanter Weise gelesen habe, dass gerade die Baptisten immer an der unsichtbaren Gemeinde halten und diese deutlich betonen…Hier sind Baptisten also wie die Lutheraner…

  5. Hallo Sergej, erst einmal danke für Deine freundliche Antwort. Leider kann ich kein Russisch…

    Zunächst: ich lasse mich gerne eines besseren belehren, was das baptistische Gemeindeverständnis anbelangt.
    Allerdings „strotzt“ der vorliegende Artikel zu Mark Dever nur so von sichtbarer Gemeinde auf Erden. Alles dreht sich um die menschliche Organisation. Also wenn die Rezension seines Buches nicht völlig falsch liegt, vertritt Dever als Baptist sichtbare Gemeinde Jesu auf Erden.
    Zudem weist Eduard Klassen völlig zu Recht darauf hin, dass er Gottes „Gemeindewachstumsmittel“ Taufe und Abendmahl links liegen läßt und seine eigenen Mittel anpreist.

    Und gerade in dem Link von Idea spricht Professor Geldbach davon, dass die Baptisten schon immer genau diese Lehre vertreten würden. Sie unterscheiden zwischen gläubig und ungläubig, zwischen wiedergeboren und nicht wiedergeboren, wörtlich sagt er: „„Baptisten haben stets die sichtbare Kirche gelehrt, so Geldbach. Für sie bestehe die Kirche nur aus „sichtbaren Heiligen“.

    Die tiefste Ursache für diese Lehre liegt im Taufverständnis: Indem man konsequent die „Gläubigentaufe“ vertritt, geht man davon aus, dass man mit fast unfehlbarer Gewissheit auch nur wiedergeborene, gläubige Menschen tauft und in die Gemeinde aufnimmt.
    Was allerdings ein großer Trugschluß ist. Niemand kann in das Herz eines anderen schauen, niemand kann mit letzter Gewissheit den Glauben eines anderen beurteilen. Und es gibt ja nun genug Beispiele, dass Menschen, die sich als Erwachsene haben taufen lassen, auch wieder vom Glauben abfallen. Das war z.B. dann der Fall, wenn jemand heiraten wollte, aber eben nicht als Erwachsener getauft war. Um nun diese Hürde zu „überwinden“, hat man brav vor der Gemeinde ein „Zeugnis“ seines Glaubens abgegeben und sich taufen lassen. Und ward nach der Hochzeit nicht mehr in der Gemeinde gesehen…..

    Was ich damit sagen will: während ein Luther das „Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie…“ wörtlich genommen hat, sprich vom Säugling an sind ALLE eingeschlossen im Taufbefehl, vertritt der Baptismus die Lehre der „sichtbaren Gläubigen“. Also die sichtbare Gemeinde besteht aus echten, geprüften Gläubigen!???

    Das wirft ja ein weiteres Problem auf: der Mensch kommt nicht mehr als Sünder in den Gottesdienst, um Sonntag für Sonntag Vergebung und den Zuspruch der Gnade Gottes zu erhalten, sondern er ist schon recht gut!?? So habe ich persönlich von einem Baptisten gehört: „ich will nicht immer der kleine Sünder bleiben.“ Und ein anderer sagte mir auf meinen Vorschlag, vielleicht mal über die Beichte nachzudenken: „Bei MIR ist alles in Ordnung!“

    Hier wird das zutiefst reformatorische (eben biblische) „Sünder und Gerechter zugleich“ verworfen. Wo ich aber nicht in der ständigen Abhängigkeit von der Vergebung bleibe, verliere ich den ständigen Gnadenstrom Gottes, von dem ich bis ins Grab abhängig bleibe. Der Hochmut, der Gott ein Greuel ist, ist die Folge.

    Während man nach aller meiner eigenen Erfahrung und auch nach allem was ich höre beim Baptismus immer vom Menschen ausgeht, dachte Luther immer streng von der Schrift her: wo Gottes Wort rein gelehrt wird und wo die Sakramente diesem Wort gemäß ausgeteilt werden, da war für ihn Gemeinde/Kirche. Natürlich, ohne Glauben kein Christsein – das war auch für Luther klar.
    Aber es ist ja gerade die Predigt, das Wort, das den Glauben schafft. Deshalb muß das Wort vom Kreuz verkündigt werden. Die Leute sollen es hören, ob gläubig oder nicht. Dieses Wort schafft den Glauben und dieses Wort ist das Himmelsmanna, das wir ständig brauchen auf unserem Weg in die Ewigkeit.

    Und das ist auch eine unglaubliche Entlastung. Das bewahrt vor unzähligen Enttäuschungen, das befreit von den ständigen Gedanken über neue Methoden und Lieder, über Strategien zum Gemeindewachstum (was auch immer das ist. ich finde in der Bibel keine Lehre über Zahlen, sondern über ein Wachstum in der Lehre) Sicher muß der Gottesdienst auch „organisiert“ werden, der Tag, die Zeit, die Liturgie, Gesang, Konfirmation usw… Aber er braucht nicht ständig neu erfunden zu werden, denn Gottes Mittel sind zeitlos.

    Fazit: die Baptisten (auch Mennoniten) betonen die Gläubigentaufe. Sie können aber eben nicht mit letzter Gewissheit den Glauben eines Menschen beurteilen. Das brauchen sie auch nicht. Denn die Taufe ist ja kein Bekenntnisakt des Menschen, sondern wird auf den Namen des dreieinigen Gottes vollzogen. Damit ist sie gültig – egal, ob der Taufende oder der Täufling selber glaubt. Dass die Taufe ohne Glauben am Ende nichts nützt, steht auf einem anderen Blatt.
    Wo Gottes Wort verkündigt wird ohne Abstriche und Zusätze, wo Taufe und Abendmahl gemäß Jesu Einsetzung praktiziert werden, da ist Gemeinde. Wo das nicht ist, kann es noch so eine harmonische Gemeinschaft geben, noch so viele gute WErke getan werden, noch so schöne und kreative Gottesdienste gehalten werden – es keine Gemeinde Jesu.

    Wie gesagt: lasse mich gerne eines besseren belehren, aber nach aller meiner eigenen Erfahrung, und nach dem Taufverständnis der Baptisten, ja überhaupt wie sich alles um die Verwirklichung der Gemeinde dreht (die wir ja gar nicht verwirklichen müssen und auch gar nicht können, da es ja allein Christus ist, der Seine Gemeinde baut, Er fügt hinzu) kann ich zu keinem anderen Schluß kommen, als dass die Baptisten ebenso wie die Mennoniten sichtbare Kirche auf Erden lehren und praktizieren. Meiner Überzeugung nach hat auch genau das zu unzähligen Spaltungen und Wanderungsbewegungen geführt.
    Bleiben wir doch beim schlichten Wort, bei der Verkündigung von Gesetz und Evangelium, Taufe und Abendmahl – das andere wird Gott tun. Wir sind nur Seine Haushalter, nicht Seine Verbesserer, wir sind Seine Boten, nicht die Botschaft selbst. Genau das war die wirklich weltbewegende Wirkung eines Martin Luther: Das Wort sollte es ausrichten, nicht seine Klugheit oder sein Fleiß. Nicht irgendwelche Methoden, sondern die Schrift allein!!!

  6. Danke Eugen für die Schilderung deines Weges. Ich schätze deine Offenheit. Ich kenne mich leider im Lutheranismus zu wenig aus, um irgendwie ein abschließendes Urteil treffen zu können. Meine sporadischen Berührungspunkte mit den Lutheranern irritierten mich eigentlich immer im selben Punkt. Der Schwerpunkt und die Definition dessen, was „Gewissheit“ und was „Geheimnis Gottes“ bleibt. ich sehe diesen im Lutheranismus zu sehr in Richtung des „Geheimen“ verschoben. Obwohl das Buch aus einem ganz anderen Zusammenhang kommt, habe ich hierfür ein gutes Beispiel bei Carson gefunden, in seinem Werk: „Ach Herr, wie lange noch“: „Ein Glaube, der aus lauter Gewißheiten besteht, macht überheblich, starr und unbeugsam. Schlimmer noch: Der Glaubende, dessen WEltbild wegen der Wechselfälle des Lebens ins Wanken gerät, wird quälenden Zweifeln ausgeliefert. Gott ist nicht groß genug, dass wir uns, wenn wir bis zum Hals in SChmerzen und Niederlagen stecken, nicht auf ihn verlassen können. Umgekehrt gilt aber auch: Besteht unser Glaube nur noch aus Geheimnissen, dann haben wir keine feste, verbindliche Botschaft mehr. Ein solcher Glaube unterscheidet sich nicht von naiver Leichtgläubigkeit.“ (in: „Ach Herr wie lange noch, S. 25 )
    Ich würde eingestehen, dass der fundamentalistische Evangelikalismus zu sehr in die Richtung der „Gewissheiten“ ausschlägt, aber im Lutheranismus verunsichert mich die andere Schlagseite!

  7. Luther hat ja gesagt: „Nimm die  sicheren Gewißheiten weg,  und du hast das Christentum weggenommen
    Gerade Luther hat die Glaubensgewißheit betont. Frage mich,  was Du da für ein Luthertum kennengelernt  hast….

    Von ihm stammt  ja der Satz „Nimm die  sicheren Gewißheiten weg,  und du hast das Christentum weggenommen.“

    Das ist  ein Punkt, der den christlichen Glaubens fundamental von den anderen Religionen  unterscheidet. In KEINER Religion gibt es Gewißheit! 

    Die Frage ist aber, WORAUF sich die Gewißheit gründet! Und genau da unterscheidet sich das „echte“ Luthertum vom Evangeikalismus: während der evangelikale Christ zwar auch die Bibel betont, daneben aber seine Entscheidung, sein Erleben, seine stille Zeit, seine Erfahrungen mit  Gott, bleibt der „echte“ Lutheraner ALLEIN bei der Schrift. Er verweist auf ihre Zusagen und  Verheißungen. Er ist zufrieden, wenn er dieses Wort hört, daran hängt er sich – „Sola scriptura“ eben. 

    Nichts ist so trügerisch wie Gefühle, aber genau darauf baut der Evangelikalismus. Die Schrift aber, das lebendige Wort Gottes ist so fest und gewiß, daß  es nie vergeht.

    Dementsprechend hat Luther gesagt: „der Glaube (an das Wort  der Schrift) soll kein Stück nachgeben oder weichen. Wer hier auch nur etwas zurückweicht, verliert alles.“ (sinngemäß)

    Also wenn wer nach Paulus die Glaubensgewißheit vertreten hat, dann war es Luther!

    Was Du mit „Geheim“ meinst, so denke ich jetzt mal, ist Luthers Verständnis über die menschliche Vernunft. Es ist leider calvinistisches, evangelikales Denken, daß die Vernunft das Wort Gottes beurteilen kann. Calvin Grundsatz war ja, daß  Gott uns nichts zu glauben aufgibt, was wir nicht  verstehen können. 

    Das aber widerspricht im Grunde so ziemlich allem, was die  Bibel lehrt.  Oder können wir die Jungfrauengeburt, die Dreieinigkeit, die Auferstehung, um nur ein paar Beispiele zu nennen,  mit unserer Vernunft be-greifen?

    Für Luther war die Vernunft eine Hure, die eben nichts vom Reden Gottes versteht.

    Nein, die Bibel war für ihn ein Buch, daß nicht verstanden werden, sondern Nur GEGLAUBT werden konnte! 

    SOLA SCRIPTURA auch hier – und eben nicht auch noch die  Vernunft, die Tradition, die Erfahrung usw…

    Dabei galt für ihn: die Schrift ist ABSOLUT  klar  – das Problem ist die menschliche  Vernunft, die mit dem Sündenfall total verdorben ist und deshalb nichts versteht. Es braucht den Heiligen Geist, der uns durch  das Evangelium ERLEUCHTET, damit dieses lebendige Wort zu uns spricht.

    Abschließend: die Glaubensgewißheit  war für Luther unabdingbar. Allerdings beruhte diese Gewißheit ALLEIN in den Verheißungen  des Wortes Gottes und nicht in Erfahrungen, Traditionen, Entscheidungen. 

    Geheimnisse gab es für ihn keine mehr, denn was sollte noch geheim sein, nachdem Christus offenbart ist, in dem ALLE Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen liegen.  Diese echte Gewißheit ist deshalb eben nicht den Wechselfällen des Lebens ausgeliefert, sondern hält an den unverbrüchlichen Zusagen Gottes in Seinem Wort fest.

    Der Fundamentalismus im Evangelikalismus ist etwas ganz anderes und hat nichts mit der biblischen Glaubensgewißheit zu tun. Sehr empfehlenswert  ist hier eine Ausarbeitung von Jobst Schöne:

    Die Irrlehre des Fundamentalismus im Gegensatz zum lutherischen Schriftverständnis. In: Jürgen Diestelmann (Hrsg.): Treue zu Schrift und Bekenntnis (FS Wolfgang Büscher). Braunschweig 1994, S. 171–183.

    Findet man im Internet auch als Pdf- Download, einfach „Jobst Schöne Die Irrlehre des Fundamentalismus “ eingeben.

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