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Gedanken zum 25. Jahrestag des Mauerfalls

von Marko Wild

Zum 25. Jah­res­tag des Mau­er­falls hier der Ver­such eines Geden­kens aus ande­rer Sicht.
Ich bin 39 Jah­re alt, war also zur Wen­de 14, und hat­te die DDR bis dahin als Hort einer wohl­be­hü­te­ten, sehr erfüll­ten Kind­heit und Schul­zeit (in der es auch Pro­bleme gab) erlebt, ohne mit dem Bekannt­schaft gemacht zu haben, was für so vie­le Älte­re trau­ma­tisch gewirkt hat­te: die DDR als Unter­drü­ckungs­staat. Von daher ste­he ich die­sem Land ambi­va­lent gegen­über. Mei­ne direk­ten, rea­len Erfah­run­gen sind über­wie­gend und über­aus posi­tiv, mit dem Ver­stand erken­ne ich aber die Exis­tenz des Bösen an, ohne die­sem in sei­ner vol­len Aus­for­mung je selbst begeg­net zu sein. Es ist also ein theo­re­ti­sches Wis­sen um jenes Unrecht, wel­ches für mei­ne Eltern wie­derum sehr real war.

Nun mache ich lei­der fol­gende Beob­ach­tung: sehr vie­le, für die das Schlim­me am DDR-Sys­tem real war, erleb­ten den Wen­de-Moment als einen sie eupho­ri­sie­ren­den Kol­laps des Ihnen Ver­hass­ten. Die Ein­drü­cke von damals schei­nen sich aller­dings der­ar­tig „posi­tiv trau­ma­tisch“ in die Psy­che der Älte­ren ein­ge­brannt zu haben, dass sie qua­si in jenem Moment gefan­gen sind wie in einer Zeit­blase und nicht wie­der her­aus kön­nen.

Mög­li­cher­weise hat das Glück in zu kur­zer Zeit zu hell gestrahlt und die see­li­sche Netz­haut geblen­det, als hät­te man zu lan­ge in die Son­ne geschaut. Mög­li­cher­weise sind davon blin­de Fle­cke zurück geblie­ben. Denn man­cher wur­de in gewis­ser Wei­se unzu­gäng­lich für die sich seit damals voll­zie­hende Ent­wick­lung — spe­zi­ell der BRD. Wenn man jenen, die den Fall der DDR als ulti­ma­ti­ven, per­sön­li­chen Befrei­ungs­mo­ment ver­in­ner­licht haben, heu­te sag­te, die BRD exis­tiert im Grun­de gar nicht mehr bzw. die Zustän­de in der BRD sind teil­weise schon schlim­mer als jene in der DDR (ich sage aus­drück­lich: teil­weise!), ern­tet man immer wie­der ungläu­bi­ges Nicht-Hören-Wol­len oder ver­ächt­li­ches Schnau­fen nach dem Mot­to „was wisst ihr denn davon“.Des­halb soll hier ein­mal der Blick auf das gro­ße Phä­no­men DDR, Wen­de und die Zeit bis heu­te spe­zi­ell aus christ­li­cher Sicht gewor­fen wer­den. Denn die Chris­ten in der DDR sind über­wie­gend der Mei­nung, dass die Wen­de von Gott war und den Men­schen die Frei­heit gebracht hat. Dass die Wen­de dem­nach als gro­ßer Segen zu ver­ste­hen ist. Das stel­le ich in Fra­ge. Jedoch nicht aus Grün­den irgend­ei­ner nost­al­gi­schen Sehn­sucht nach den behü­te­ten Zustän­den mei­ner DDR-Kind­heit.
Wenn ein Christ, der in der DDR sozia­li­siert wur­de, sagt, die Wen­de war von Gott und hat uns die Frei­heit gebracht, was meint er dann damit? Was meint er mit „Frei­heit“? In ers­ter Linie ver­mut­lich Glau­bens-, Rede-, Mei­nungs– und Rei­se­frei­heit. In zwei­ter Linie wahr­schein­lich die Frei­heit von der all­täg­li­chen Not, dass es „nichts gab“. Zuletzt mög­li­cher­weise auch die Befrei­ung von einer Wäh­rung, die nichts wert war. Aus mensch­li­cher Sicht sind dies tat­säch­lich alle­samt Punk­te, die zum Wohl­be­fin­den im Leben bei­tra­gen. Die Fra­ge ist: wel­cher Punkt ist für einen Chris­ten der wirk­lich rele­vante? Berührt eine die­ser „Frei­hei­ten“ das Zen­trum des christ­li­chen Lebens?

Die Ant­wort dar­auf fin­den wir, wenn wir uns ver­ge­gen­wär­ti­gen, was das Zen­trum des christ­li­chen Lebens und wie in die­ser Hin­sicht „Frei­heit“ zu ver­ste­hen ist. Das Zen­trum des Chris­ten ist sein Herr, Jesus Chris­tus. Und Frei­heit in Chris­tus bedeu­tet, von der Welt und vom eige­nen Ich erlöst zu sein. Nun — war es das, womit der Wes­ten warb, womit er lock­te, was die Mas­sen auf die Stra­ße trieb und sie sich nach dem Wes­ten aus­stre­cken ließ? Nein, ganz im Gegen­teil. Der Wes­ten warb nicht mit Frei­heit von der Welt und vom Ego, son­dern gera­de mit den Freu­den der Welt. Mit Wohl­stand, Mate­ria­lis­mus, Selbst­ver­wirk­li­chung, Geld und Ero­tik. Die Frei­heit des Wes­tens war die Befrei­ung zu Genuss und Hin­gabe an die Welt. Es war die Befrei­ung des Ich und des Flei­sches.

Doch: je mehr Frei­heit das Fleisch erlangt, des­to stär­ker wird der Geist zurück­ge­drängt.

DDR-Chris­ten haben das über­wie­gend nicht erkannt. Einer­seits, weil wohl der Lei­dens­druck in der DDR zu groß gewe­sen ist, ande­rer­seits, weil sie mög­li­cher­weise über­töl­pelt wur­den, denn die Wie­der­ver­ei­ni­gung war nicht obers­tes Ziel der Frie­dens­ge­bete und der ers­ten Demons­tra­tio­nen, son­dern es war die Ver­än­de­rung des Lan­des von innen her­aus gewe­sen. Wie schnell dann alles zusam­men­brach und wie über­ra­schend die Wie­der­ver­ei­ni­gung zustan­de kam, davon wur­den auch die Chris­ten selbst über­rannt. Von die­sem his­to­ri­schen Sog mit­ge­ris­sen fin­den sie bis heu­te kei­ne ande­re Erklä­rung, als dass es das über­na­tür­li­che Wir­ken Got­tes gewe­sen sein müs­se — obwohl die Auf­ar­bei­tung der tat­säch­li­chen Gescheh­nisse sowie deren hin­ter­grün­di­ges Zusam­men­wir­ken bis heu­te weder abge­schlos­sen noch über­haupt mit wirk­li­chem Ernst begon­nen wur­de.

Über vie­les gibt es bis heu­te kei­ne Akten­ein­sicht. Der schu­li­sche Geschichts­un­ter­richt endet in der Regel im Jah­re 1990 — als wäre damit die Geschich­te an ihr Ende gelangt. Das erweckt den Ein­druck, der DDR-Bür­ger wäre nach dem Ende des real exis­tie­ren­den Arbei­ter– und Bau­ern­staa­tes in eine Art irdi­sche Ewig­keit ein­ge­tre­ten, ein immer­wäh­ren­des Dahin­flie­ßen des Wohl­stan­des, der blü­hen­den Land­schaf­ten und des dau­er­haf­ten Frie­dens. Nichts liegt heu­te fer­ner. Was ist es also, wohin­ein der DDR-Christ kam?

Objek­tiv betrach­tet muss man fest­stel­len, dass die Chris­ten der DDR nicht von der Unter­drü­ckung in die Frei­heit kamen, son­dern eher vom Regen in die Trau­fe. Oder sogar schlim­mer. Denn für einen Chris­ten zählt der Ver­lust der irdi­schen Frei­hei­ten gegen­über dem Ver­lust des uner­schüt­ter­li­chen Gegrün­det-Seins in Chris­tus nur „Dreck“, wie Pau­lus sagen wür­de. Doch genau die­ser „Dreck“ ist es, dem die Chris­ten nach der Wen­de sofort nach­zu­ja­gen began­nen, der sie geist­lich gese­hen müde, saft– und kraft­los mach­te. Die Unter­drü­ckung in der DDR war für das Chris­ten­tum, wie bereits oben dar­ge­legt, ein Segen, weil die­se es zu einem star­ken Glau­ben zwang, die Gläu­bi­gen dazu nötig­te, das Wort — die Hei­lige Schrift — zu ken­nen und zu ver­ste­hen.

Das ers­te, was den Chris­ten nach der Wen­de wie­der­fuhr, war — fast zwangs­läu­fig — dass ihr Glau­bens­fun­da­ment aus dem Wes­ten ange­grif­fen wur­de. Schwär­me­ri­sche Strö­mun­gen, die sich neben der Bibel auf zusätz­li­che „Offen­ba­run­gen“ berie­fen, Psy­cho­lo­gi­sie­rung des Glau­bens, Ent­ker­nung des Evan­ge­li­ums etwa durch öko­lo­gi­sche Strö­mun­gen, tran­ce­ar­ti­ger Lob­preis, die Rück­wen­dung zu Mys­tik (Visio­nen) und damit zum See­lisch-Fleisch­li­chen, Pre­di­ger aus Über­see, die sich selbst gegen­über Gehor­sam ein­for­der­ten und über­all, wo sie gegen Bares auf­tra­ten, eine „Sal­bung“ her­bei­re­de­ten und soge­nannte „Wun­der“ taten — dies alles in hoch­ge­sto­che­nen Wor­ten und beein­dru­cken­der Büh­nen­per­for­mance, von wel­chen sich die unbe­darf­ten DDR-Chris­ten täu­schen lie­ßen. Mir selbst wie­der­fuhr das eben­falls, doch es war mir ver­gönnt, unter gro­ßen Ent­täu­schun­gen den Irr­tum zu erken­nen.

Heu­te ist das Chris­ten­tum auf dem Gebiet der ehe­ma­li­gen DDR bei wei­tem kei­ne solch star­ke Bewe­gung mehr, wie es das zu DDR-Zei­ten gewe­sen ist. Des­halb steht es den momen­ta­nen Bedro­hun­gen auch nicht nur weit­ge­hend kraft­los, son­dern auch viel­fach blind gegen­über. Hat­ten die Chris­ten der DDR noch den kla­ren Blick für die Miss­stände des Sys­tems, hat­ten sie den Mut die­se zu benen­nen und dage­gen beken­nend auf­zu­ste­hen, so zie­hen sie sich heu­te in ihr durch den hin­zu­ge­won­ne­nen Wohl­stand errich­te­tes Pri­vat­reich zurück, sind bemüht, ihre Kre­dite zu bedie­nen und mög­lichst nichts vom erreich­ten Lebens­stan­dard ein­zu­bü­ßen.

Mit einem Bei­spiel will ich die Gefahr bzw. den Nie­der­gang, in wel­chem sich das Chris­ten­tum der­zeit befin­det, illus­trie­ren.

Eini­ge Zeit besuch­te ich eine klei­ne Gemein­de russ­land­deut­scher Aus­sied­ler. Alle Mit­glie­der waren alte Leu­te. Ich frag­te ein­mal, wo denn die gan­zen Jun­gen wären. Ach, begann ein all­ge­mei­nes Seuf­zen, das sei ihr größ­tes Leid über­haupt: die Kin­der sei­en alle weg vom Glau­ben. Weil die Alten über­aus from­me Men­schen waren, Luthe­ra­ner und aus der Brü­der­be­we­gung, wun­derte ich mich und frag­te, wie es denn dazu gekom­men sei.

Man erzähl­te mir fol­gen­des: Ab 1990 sei­en west­li­che Pre­di­ger nach Sibi­rien gekom­men und hät­ten ihnen gepre­digt, die Sowjet­union sei das Reich Satans und sie soll­ten doch in den Wes­ten kom­men. Dort wäre die Frei­heit. Sie frag­ten einen ihrer Ältes­ten, ob man in den Wes­ten gehen oder hier blei­ben sol­le. Der Alte hat­te ihnen geant­wor­tet: wenn ihr etwas für Gott tun wollt, dann bleibt hier, aber wenn ihr ein schö­nes Leben wollt, dann geht. Die meis­ten hät­ten sich dafür ent­schie­den, zu gehen. Die Fol­ge war, dass alle Kin­der vom Glau­ben abfie­len, weil ihnen das Leben im Wes­ten zu vie­le Mög­lich­kei­ten bot und der Glau­be für sie nicht mehr attrak­tiv war. Die alten, im Glau­ben Geprüf­ten, blie­ben zwar ihrem Herrn treu und leb­ten auch im Wes­ten ihr beschei­de­nes Leben wei­ter. Doch sie muss­ten mit anse­hen, wie Ihre Kin­der ver­lo­ren gin­gen. Eini­ge sei­en sogar schon wie­der nach Russ­land zurück­ge­kehrt. Vie­le, die wei­ter hier geblie­ben waren, wür­den es sehr bereu­en, in den Wes­ten gegan­gen zu sein … Die Leu­te hat­ten Trä­nen in den Augen, als sie davon erzähl­ten und sahen mich mit fra­gen­dem Blick an — als ob ich ihnen hel­fen könn­te.

Ich fra­ge mich: was unter­schei­det die DDR-Chris­ten eigent­lich von jenen Russ­land-Deut­schen?

Mein Fazit nach 25 Jah­ren Mau­er­fall lau­tet des­halb:

Bevor es einen Grund zum Fei­ern gibt, besteht hun­dert, ja tau­send­fach Grund, in Sack und Asche zu gehen und Buße zu tun.

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