Episoden aus Spurgeons Leben
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Durch viel Trübsal

Die Bekehrung von Charles H. Spurgeon

Spur­ge­on berich­tet immer wie­der von den tie­fen Gewis­sens­bis­sen, die ihn als Teen­ager und Jugend­li­chen plag­ten:

Mein Herz war Brach­land, mit Unkraut bedeckt, aber eines Tages kam der gro­ße Bräu­ti­gam und begann, mei­ne See­le zu pflü­gen. Er kam mit zehn schwar­zen Pfer­den, er benutz­te eine schar­fe Pflug­schar und zog tie­fe Fur­chen. Die schwar­zen Pfer­de, das waren die zehn Gebo­te, und es war die Gerech­tig­keit Got­tes, die mei­nen Geist wie eine Pflug­schar auf­riss. Ich war ver­dammt — hoff­nungs­los, hilf­los — ich dach­te, ich stün­de direkt vor der Höl­le. Dann kam eine neue Zeit des Pflü­gens in eine ande­re Rich­tung. Denn als ich das Evan­ge­li­um zu hören begann, trös­te­te es mich nicht. Ich wünsch­te wohl, dar­an Teil zu haben, aber ich fürch­te­te, eine sol­che Gna­de kom­me für mich nicht in Fra­ge.  Die aus­er­wähl­tes­ten Ver­hei­ßun­gen Got­tes blick­ten mich fins­ter an, und sei­ne Dro­hun­gen don­ner­ten auf mich her­ab. Ich bete­te, fand aber kei­ne Ant­wort des Frie­dens. Die­ser Zustand hielt lan­ge an.

Es quäl­te Spur­ge­on zutiefst, dass er kei­nen Frie­den mit Gott fin­den konn­te. Sei­ne tie­fen Erfah­run­gen waren für sein geist­li­ches Leben von gro­ßer Bedeu­tung. Denn ers­tens konn­te er dadurch umso mehr die Erret­tung erfah­ren und schät­zen und zwei­tens konn­te er auch als Evan­ge­list ein fein­füh­li­ger Seel­sor­ger wer­den. Er sel­ber sagt zu sei­nen Gewis­sens­qua­len:

Eine geist­li­che Erfah­rung, die sorg­sam durch­mischt ist mit dem tie­fen und bit­te­ren Geschmack der Sün­de, ist für den, der sie hat, von gro­ßem Wert. Es ist schwer, sie zu trin­ken, aber im gan­zen spä­te­ren Leben wirkt sie hei­lend. Unse­re vie­len Evan­ge­li­sa­tio­nen machen es den Men­schen leicht, Frie­den und Freu­de zu erlan­gen — ob hier der Grund für die ober­fläch­li­che Fröm­mig­keit liegt, die wir heu­te über­all beob­ach­ten? Damit wol­len wir über die moder­nen Bekehr­ten nicht urtei­len; aber wir zie­hen jene Form geist­li­cher Erfah­rung vor, die die See­le den Kreu­zes­weg des Wei­nens führt und ihr zuerst die eige­ne Schwär­ze zeigt, bevor sie ihr ver­si­chert, in jeder Hin­sicht rein zu sein. Zu vie­le den­ken ober­fläch­lich über Sün­den und genau­so auch über den Erlö­ser. Wer vor Gott gestan­den hat — über­führt und ver­dammt, mit dem Strick um den Hals-, der wird auch vor Freu­de wei­nen, wenn er Ver­ge­bung erhält; er wird das Böse has­sen, das ihm ver­ge­ben wur­de, und  er wird zur Ehre des Erlö­sers leben, durch des­sen Blut er gerei­nigt wur­de.

Obwohl Spur­ge­on jedoch bibel­treue Wahr­hei­ten hört, kann er nicht in das Reich Got­tes durch­drin­gen. Vie­le Fra­gen und Pro­ble­me quä­len ihn:

Wenn das Gesetz sag­te: „Du sollst nicht steh­len“, und ich ant­wor­te­te: „Nun, ich habe nie etwas gestoh­len“, dann ent­deck­te ich, dass selbst das Ver­lan­gen nach dem, was nicht mein Eigen­tum  war, Sün­de ist. Die geis­ti­ge Natur des Geset­zes ver­blüff­te mich. Was für eine Hoff­nung hat­te ich, einem Gesetz wie die­sem zu ent­kom­men? Ich sah mich in den Hän­den von einem, der kei­ne Gna­de zeig­te. (…) Bevor ich zu Chris­tus kam, sag­te ich mir: „Es kann ja nicht wahr sein, dass ich, so wie ich bin, nur an Jesus glau­ben muss und dann geret­tet bin. Ich muss etwas füh­len; ich muss etwas tun.“ Ich könn­te mich vor Scham ver­krie­chen, wenn ich dar­über nach­den­ke, was für gute Ent­schlüs­se ich fass­te!“

Auch kommt er in ver­schie­de­ne Anfech­tun­gen, unter ande­rem befällt ihn der Gedan­ke, dass er die unver­geb­ba­re Sün­de began­gen habe. Wie jedoch hat sich sei­ne Bekeh­rung abge­spielt? Bis an sein Lebens­en­de hat er die Plötz­lich­keit sei­ner Bekeh­rung in einer metho­dis­ti­schen Kapel­le genutzt, um zu erklä­ren, dass sich unse­re Bezie­hung mit Gott in einem ein­zi­gen Augen­blick für alle Ewig­keit ändern kann. Es war Sonn­tag und das Wet­ter war rau an die­sem Janu­ar­tag 1850. So schaff­te es Spur­ge­on nicht in den Got­tes­dienst wo er eigent­lich hin woll­te und hielt in einer Kapel­le der Pri­mi­ti­ve Metho­dists an. Hier geschah es:

In der Kapel­le saßen etwa fünf­zehn bis zwan­zig Men­schen. Ich hat­te von den Metho­dis­ten schon gehört, sie wür­den so laut sin­gen, dass man Kopf­schmer­zen davon bekä­me. Aber das stör­te mich nicht. Ich woll­te wis­sen, wie ich geret­tet wer­den kön­ne, und wenn sie es mir sagen konn­ten, waren mir die Kopf­schmer­zen egal. An die­sem Mor­gen kam der Pre­di­ger nicht, ver­mut­lich weil er ein­ge­schneit war. Schließ­lich stand ein sehr schmal aus­se­hen­der Mann auf und ging nach vor­ne auf die Kan­zel, um zu pre­di­gen. Die­ser Mann war wirk­lich ein­fäl­tig. Er muss­te bei sei­nem Text blei­ben, denn er hat­te wenig dar­über hin­aus zu sagen. Der Text war: “ Schaut auf mich, und ihr wer­det geret­tet wer­den, all ihr Enden der Erde.“ Er sprach nicht ein­mal die Wor­te rich­tig aus, aber das war unwich­tig. Da lag, so dach­te ich, ein Hoff­nungs­schim­mer in die­sem Text. Der Red­ner begann: „Mei­ne lie­ben Freun­de, dies ist in der Tat ein sehr ein­fa­cher Text. Er sagt: „Schaut“. Nun ist Schau­en nicht all­zu schmerz­haft und anstren­gend. Du musst nicht ein­mal dei­nen Fin­ger oder dei­nen Fuß dafür heben. Nur „Schaut“. Nun, ein Mensch muss nicht zur Uni­ver­si­tät gehen, um Sehen zu ler­nen. Du kannst der größ­te Trot­tel sein, und doch kannst du sehen. Ein Mensch muss auch nicht Tau­sen­de im Jahr ver­die­nen, um sehen zu kön­nen. Jeder kann sehen, sogar ein Kind kann sehen. Aber dann sagt der Text: „Schaut auf mich“. „Nun“, fuhr der Mann in sei­nem brei­ten Ess­e­xer Dia­lekt fort, „vie­le von euch schau­en auf sich selbst, aber es hat kei­nen Sinn, dahin zu bli­cken. In euch wer­det ihr nie irgend­ei­nen Trost fin­den. Eini­ge schau­en auf Gott, den Vater. Nein, schaut immer mehr auf ihn! Jesus Chris­tus sagt: „Schaut auf mich.“ Eini­ge unter euch sagen: „Wir müs­sen war­ten, bis der Geist an uns arbei­tet.“ Küm­me­re dich jetzt nicht dar­um. Schau auf Chris­tus. Der Text sagt, „Schaut auf mich.““ Auf die­se Art und wei­se ging es wei­ter: „Schaut auf mich, ich schwit­ze gro­ße Bluts­trop­fen. Schaut auf mich, ich hän­ge an dem Kreuz (…). Als er bis hier­her gekom­men war und es geschafft hat­te, etwa zehn Minu­ten zu fül­len, war er am Ende mit sei­nem Latein. Dann sah er mich, wie ich unter der Gale­rie saß. Sicher wuss­te er bei so weni­gen Anwe­sen­den, dass ich ein Frem­der war. Er rich­te­te sein Auge auf mich, als wür­de er mein gan­zes Herz ken­nen, und sag­te:

„Jun­ger Mann, Sie sehen sehr elend aus…“ Ja, das tat ich, aber ich war es nicht gewohnt, von der Kan­zel her direkt auf mein per­sön­li­ches Aus­se­hen ange­spro­chen zu wer­den. Wie dem auch sei, es war ein Voll­tref­fer. Er fuhr fort:“…und Sie wer­den immer elend sein — elend im Leben und elend im Tode — wenn Sie mei­nem Text nicht gehor­chen. Aber wenn Sie jetzt, in die­sem Moment, gehor­sam wer­den, dann wer­den Sie geret­tet.“ Dann, mit hoch erho­be­nen Hän­den, rief er, wie dies viel­leicht nur ein ein­fa­cher Metho­dist tun kann: „Jun­ger Mann, schau auf Jesus Chris­tus. Schau! Schau! Schau! Du musst nichts tun, als nur schau­en, und du wirst leben.“ Plötz­lich und auf ein­mal sah ich den Weg der Erlö­sung. ich weiß nicht mehr, was er noch sag­te — ich habe nicht so sehr dar­auf geach­tet-, ich war ganz und gar erfüllt von die­sem einen Gedan­ken. Genau­so war es doch mit der eher­nen Schlan­ge gewe­sen, als sie erhöht wor­den war, muss­ten die Leu­te nur auf sie schau­en, und sie wur­den geret­tet. So war es auch mit mir. Ich hat­te erwar­tet, fünf­zig Din­ge tun zu müs­sen, aber als ich die­ses Wort hörte:„Schau“, da schien es für mich das schöns­te Wort der Welt zu sein! Ach, ich hät­te mir die Augen aus dem Kopf schau­en kön­nen. An die­sem Ort und in die­sem Augen­blick wich der Schlei­er (…). Ich hät­te auf­ste­hen kön­nen und mit den enthu­si­as­tischs­ten Metho­dis­ten von dem kost­ba­ren Blut Chris­ti und dem ein­fa­chen Glau­ben sin­gen kön­nen, der nur auf ihn schaut. Wenn mir das doch nur vor­her jemand gesagt hät­te: „Ver­lass dich auf Chris­tus, und du sollst geret­tet wer­den.“ Ich konn­te jetzt John Bun­yan ver­ste­hen, der sag­te, er habe den Krä­hen auf dem Acker alles über sei­ne Bekeh­rung erzäh­len wol­len. Er war zu voll davon, um es für sich zu behal­ten.

Übri­gens, genau sechs Jah­re spä­ter hat Spur­ge­on über den sel­ben Vers gepre­digt, den wir übri­gens in Jesa­ja, Kapi­tel 14 Vers 22 fin­den:

Wen­det euch zu mir, so wer­det ihr selig, aller Welt Enden; denn ich bin Gott, und kei­ner mehr.

Die Zita­te stam­men aus der Auto­bio­gra­fie Alles zur Ehre Got­tes.

 

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