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Wie können wir denn lesen? — Folge 2

Die­ser Arti­kel besitzt einen Vor­läu­fer. Lese hier.

Es sind der Pre­dig­ten unzäh­li­ge, die nach unab­än­der­li­chem Mus­ter ablau­fen: Aus­ge­hend von einem Text wie z.B. Joh.10, der über die Zuver­läs­sig­keit und Ver­trau­ens­wür­dig­keit des guten Hir­ten Jesus spricht, kon­zen­trier­te sich der Pre­di­ger die zwan­zig bis drei­ßig Minu­ten sei­ner Pre­digt nahe­zu aus­schließ­lich dar­auf, zu erläu­tern, dass die­se Ver­hei­ßung uns nicht leicht­fer­tig machen soll, es vor allem dar­um geh, den guten Hir­ten zu hören und mit ewi­ger Heils­ge­wiss­heit hat die­ser Text sowie­so erst ein­mal nichts zu tun. An die­ser Stel­le möch­te man jedes Mal fra­gen: Wie­so steht nicht genau das im Text. Was nützt das Gere­de vom Sko­pus, wenn er dich über­haupt nicht inter­es­siert? Wie­so sagt Jesus, oder zumin­dest die Apos­tel an einer ande­ren Stel­le, als Dis­kus­si­on die­ser Bege­ben­heit, etwas dar­über, dass die Zuhö­rer doch bit­te mit all die­sen Ver­hei­ßun­gen nicht über­trei­ben sol­len. Das man die­sen Text schnell miss­brau­chen kann und dass man jetzt unbe­dingt hin­zu­fü­gen muss, dass es vor allem dar­um geht, aus­zu­hal­ten (und eben nicht um die Ver­trau­ens­wür­dig­keit des Hirten).

Im Übri­gen, pas­siert das auf der ande­ren Sei­te des Spek­trums genau­so: Eher sel­te­ner pre­digt man über Tex­te, wie die berühm­te Stel­le in Hebrä­er 6. Aber jedes Mal, wenn sie genannt wird, ver­pass­te es bis­her kein Pre­di­ger, denn ich dazu (live) hören durf­te, anzu­mer­ken, dass es so „schlimm schon nicht sein wird“, und wir einen gnä­di­gen Gott haben, und die­ser Text womög­lich nicht unbe­dingt etwas in unse­re Krei­se sagt. Und ein end­gül­ti­ger Abfall jetzt so end­gül­tig womög­lich nicht ist. Und über­haupt, soll­ten wir uns alle nicht zu sehr beun­ru­hi­gen las­sen. Mei­ne Fra­ge wie­der: War­um nicht ein­fach von der end­gül­ti­gen Gefahr des Abfallens spre­chen, wie es der Text tut?

Bei­de obi­ge Bei­spie­le soll­ten zei­gen, dass es sich eben nicht um ein Cal­vi­nis­mus-Armi­nia­nis­mus-Pro­blem han­delt, denn bei­de Pro­ble­me habe ich sowohl im refor­mier­ten, wie im zeit­ge­nös­sisch evan­ge­li­ka­len Spek­trum beob­ach­tet: Kaum fin­det sich eine Trost­stel­le in der Bibel, kann man nicht mehr ernst genug über die Ver­ant­wor­tung spre­chen. Kaum fin­det sich eine mah­nen­de, gar dro­hen­de Stel­le, kann man nicht genug über die Gna­de Got­tes spre­chen. War­um kann man nicht ein­fach dar­über spre­chen, was im Text steht? Genau das mei­ne ich, wenn ich von den „Har­mo­ni­sie­rug­nen des Todes“ spre­chen möch­te. Also Erklä­run­gen, die den bibli­schen Text „deak­ti­vie­ren“, statt ihn zu „akti­vie­ren“. Spä­tes­tens, wenn man sich in die Lage eines ver­zwei­fel­ten, ver­ängs­tig­ten Zuhö­rers ver­setzt, der womög­lich unter völ­li­ger Ver­zweif­lung oder Ent­mu­ti­gung oder Ableh­nung lei­det: Wie viel könn­te man hier mit dem Ver­weis auf einen völ­lig zuver­läs­si­gen und mit­füh­len­den Hir­ten errei­chen? Und wie viel ver­passt man, weil man auch bei sol­chen Tex­ten nur bei der eige­nen Ver­ant­wor­tung bleibt? Abgrün­de tun sich hier auf, die einen erschau­dern lassen.

Und wäh­rend ich hier mei­nen Fin­ger ent­schie­den auf ande­re rich­te, wird mir bewusst, zei­gen vier ande­re auf mich. Wenn ich z.B. an mei­ne Lek­tü­re des Amos-Buches den­ke. Die gan­ze Zeit beklagt Amos sozia­le Unge­rech­tig­keit, Miss­brauch der Armen, Bie­gen des Geset­zes zu eige­nen Vor­tei­len usw. Was aber spür­te ich beim Lesen? Genau, gar nichts! Die Geschich­te war viel zu weit weg, bei­na­he 2700 Jah­re in der Ver­gan­gen­heit, in einem nicht mehr zurück­zu­brin­gen­den kul­tu­rel­len Milieu, mit einer ziem­lich ande­ren Gesetz­ge­bung, als der mei­nen. Es fiel mir unge­mein leicht, die­sen Text mit mei­nen eige­nen Vor­stel­lun­gen zu har­mo­ni­sie­ren, sprich ein­fach alles so zu las­sen, wie es ist. Schließ­lich hat­te Amos am Ende gar nichts zu mir zu sagen (Ich berich­te­te).  Am Ende ste­he ich in der Gefahr, die Bibel als ein Ora­kel-Buch zu lesen, dass mir Segen bringt, wenn ich täg­lich mei­ne Andacht ein­hal­te. Abgrün­de tun sich hier auf…

Und nein, es geht eben nicht nur um die klas­si­schen Fra­gen, wie Heil oder Unheil. Betrach­ten wir ein ande­res Bei­spiel: Finan­zen. Da steht der gut situ­ier­te Pre­di­ger auf der Kan­zel und spricht über Tex­te, die über die finan­zi­el­le Hin­ga­be an Gott spre­chen. Exakt jede Pre­digt, die ich zu die­sem The­ma gehört habe, schloss einen Ver­weis auf Abra­ham, Salo­mo und die ande­ren rei­chen Gläu­bi­gen des Alten Tes­ta­men­tes mit ein, um den euro­päi­schen Wohl­stand des heu­ti­gen Evan­ge­li­ka­lis­mus zu recht­fer­ti­gen. Das Gier und Neid ein Her­zens­pro­blem ist, das nur Chris­tus hei­len kann, wur­de dabei sel­te­ner, eigent­lich kaum erwähnt. In den meis­ten Pre­dig­ten ging es am Ende dar­um, dass Gott für unse­re mate­ri­el­le Ver­sor­gung schon  sor­gen wird, wenn wir ihm die­nen. Wol­len wir also ein siche­res Aus­kom­men im Alter, müs­sen wir in das Reich Got­tes inves­tie­ren. Fra­ge: Was ist hier das Ziel? Wor­in unter­schei­det sich die­se Bot­schaft vom Wohl­stands­evan­ge­li­um? Und war­um besa­ßen Petrus und Johan­nes so wenig, dass es noch nicht ein­mal für ein Almo­sen gereicht hät­te (Apg. 3,6)? Abgrün­de tun sich hier auf.…

Die­se endd­lo­se Har­mo­ni­sie­rung, führt letzt­lich dazu, dass so gut wie kein Vers der Bibel irgend­wie noch unser Leben errei­chen kann. Bei­spie­le habe ich en mas­se: Berg­pre­digt? — Ist ein Vor­pfingst­er­eig­nis und geht natür­lich nur Isra­el was an (selt­sa­mer­wei­se mit weni­gen Aus­nah­men, wie z.B. dem Schei­dungs­ge­bot, zu dem wir ger­ne noch etwas dazu­le­gen).  Gast­freund­schaft? — Ist ein altes Gebot aus der Zeit, als es kei­ne Hotels gab. Haus­ta­fel? — Heu­te gibt es kei­ne Skla­ven, und die Bibel spricht auch über Frau­en im Dienst (Apg. 21,8−9). In ähn­li­cher Wei­se habe ich z.B. noch nie erlebt, dass man über die Für­sor­ge Jesu für die gan­zen Beses­se­nen, Mond­süch­ti­gen, Epi­lep­ti­ker und Ver­rück­ten im Neu­en Tes­ta­ments, etwas auf unser Ver­hal­ten und unse­ren Umgang heu­te mit Psy­chisch-Kran­ken schließt. Hier ist so viel Not, an der wir gleich­gül­tig vor­bei­ge­hen! Ich fra­ge mich, ob wir wirk­lich zu unse­rem Ret­ter Jesus Chris­tus kom­men wol­len oder zu einer sys­te­ma­ti­schen Theo­lo­gie? Dabei will ich kei­nes­wegs die Not­wen­dig­keit und den Sinn einer Sys­te­ma­tik in irgend­ei­ner Wei­se in Fra­ge stel­len, es geht mir um die Ein­stel­lung, dass wir die Ant­wort auf eine Fra­ge schon wis­sen, bevor wir uns die­se gestellt haben. Bevor wir einen Vers über­haupt betrach­ten, haben wir die­sem ein theo­lo­gi­sches Sys­tem über­ge­stülpt. Die groß­ar­tigs­te lite­ra­ri­sche Meis­ter­leis­tung der gan­zen Welt­ge­schich­te ver­kommt so zu einem blo­ßen from­men Brauchtum.

Das Pro­blem reicht viel tie­fer in unser Leben, unse­re Exis­tenz hin­ein, als es mir oben gelingt, es zu schil­dern. Des­we­gen möch­te ich noch wei­te­re­Ein­mal sprach ich mit einem Pre­di­ger, über einen ande­ren, der doch tat­säch­lich den Text des Gebe­tes der Gemein­de für den inhaf­tier­ten Petrus als Start­ram­pe dafür nutz­te (Apg. 12), Got­tes Ant­wort auf unse­re Gebe­te mit einer Ampel zu ver­glei­chen. So wie die Ampel drei Far­ben besitzt, besitzt auch Gott drei Ant­wor­ten: Grün = Ja, Gelb = War­te, Rot = Nein. Das erklär­te er äußerst aus­führ­lich. Dabei, wäre es ein­fach gewe­sen, die Poin­te des Tex­tes zu erken­nen: Obwohl die Gemein­de inten­siv und ernst­lich für Petrus betet, erwar­tet sie kei­ne wun­der­sa­me Erhö­rung, ja lehnt sie zunächst ungläu­big ab. Leh­re: Welch Ermu­ti­gung für das Gebet, bei einem Gott, der mehr gibt, als wir zu bit­ten wagen! Doch es geht mir nicht vor­nehm­lich um die Leis­tung die­ses Pre­di­gers, als um die Reak­ti­on mei­nes Mit­bru­ders. Er blick­te mich ver­wun­dert an, war­um ich dar­über über­haupt einen Auf­riss mache, da doch die Pre­digt so oder so, gute Gedan­ken ent­hielt, zum Gebet anlei­te­te und über­haupt erklär­te, wie Bit­ten funk­tio­nie­ren. Es war ihm also ziem­lich egal, ob es wirk­lich im Text stand, so lan­ge die Erklä­rung per se erbau­lich ist. Fra­ge: Wer defi­niert in einem sol­chen Fall „erbau­lich“? Got­tes Wort kaum noch…

Auch hier zei­gen wie­der vier Fin­ger auf mich. Neu­lich habe ich mich kurz vor der Fami­li­en­an­dacht furcht­bar über etwas auf­ge­regt. Als es dann zum gemein­sa­men Gebet ging, konn­te ich nicht beten, ja mur­mel­te ein paar Sät­ze vor mich hin, und sag­te Amen. Eini­ge Zeit spä­ter konn­te ich mich selbst ohr­fei­gen. Gera­de vor­her habe ich beson­ders emo­ti­ons­ge­la­den Psal­men gele­sen (Ps. 38, Ps. 64 und Ps. 137) und sie fan­den NULL Anwen­dung in mei­nem Leben. Statt mei­ne Ver­bit­te­rung, mei­nen Ärger, mei­nen Hader und mei­nen Unglau­ben bei Jesus aus­zu­schüt­ten, begnüg­te ich mich mit einem from­men Formalismus.

Auf die Gefahr hin, eini­ge Leser zu ver­lie­ren, muss ich sagen, dass ich kei­nen ken­ne, der die­se Har­mo­ni­sie­run­gen erfolg­rei­cher betreibt als Nor­bert Lieth. Ich berich­te­te vor eini­gen Jah­ren dar­über und ich bin bereit ein­zu­ge­ste­hen, dass ich damals das nöti­ge Fein­ge­fühl mis­sen las­sen habe. Was ich aber nie ein­se­hen wer­de, ist die­ses Rum­ge­ha­cke an Tex­ten, die plötz­lich dem Chris­ten von heu­te nichts mehr zu sagen haben, weil sie in irgend­ei­ner Wei­se, ob his­to­risch oder sys­te­ma­tisch oder biblisch­theo­lo­gisch har­mo­ni­siert wer­de. Oh, wir Men­schen sind da schon erfin­de­risch. Lieth hat dazu unter ande­rem auch das Vater Unser auf­ge­zählt, und die meis­ten Brie­fe, die sich gezielt NICHT an Hei­den-Chris­ten, sprich an die Gemein­de im Neu­en Bund wen­den. An sich, emp­fin­de ich es immer als eine sehr gering­fü­gi­ge Sache, ob man denn nun tat­säch­lich ein phy­si­sches Tau­send­jäh­ri­ges Reich erwar­tet oder nicht. Ähn­lich fin­de ich es auch mal gut, die Unter­schie­de zwi­schen Altem und Neu­en Bund zu unter­strei­chen. Aber es so weit zu füh­ren, dass ein Gros der Bibel, — bei Lieth natür­lich dann auch die War­nen­den Tex­te- uns nichts mehr zu sagen hat, was soll das ande­res sein als Bibel­kri­tik? Und, um im The­ma die­ses Arti­kels zu blei­ben: Die­ser Ver­such der end­lo­sen Har­mo­ni­sie­run­gen der bibli­schen Tex­te, bis sie nur noch uns als Leser bestä­ti­gen, was ist das ande­res als eine post­mo­der­ne rela­ti­vis­ti­sche Her­me­neu­tik, die aus­schließ­lich den Leser im Blick hat? Im Übri­gen, kann dies sehr wohl auch im Refor­mier­ten Kon­text gesche­hen, wenn man alle Tex­te so „chris­to­zen­trisch“ aus­legt, dass sie uns eh nichts mehr zu sagen haben, weil Jesus sie erfüllt hat (Piper berich­te­te). Und nein, es geht mir nicht dar­um, neue Fron­ten oder Kon­flik­te im Evan­ge­li­ka­lis­mus zu schü­ren. Es geht mir dar­um, dass ich es, um des Inhal­tes der Bibel für wert­hal­te, mit dem gan­zen Evan­ge­li­ka­lis­mus in Kon­flikt zu kommen.

Die Reich­wei­te die­ser Über­le­gung ist weit: Bli­cken wir doch nur auf die Per­son und das Werk Jesu: Zumeist beob­ach­te ich, dass man eben nicht sau­ber, zwi­schen Gott­heit und Mensch­heit Jesu unter­schei­det, was dazu führt, dass Jesu Anfech­tun­gen eigent­lich nur gespielt sind, sei­ne Emo­tio­nen nur vir­tu­ell blei­ben und auch sei­ne Gott­heit eher an die eines Halb­got­tes erin­nert, der dann sehr wohl erkennt, was sei­ne Ver­su­cher mei­nen, aber eben nicht, wie Gott vor Grund­le­gung der Welt, son­dern nur in der Situa­ti­on. Auf die­se Wei­se besitzt Jesus Chris­tus, wah­rer Mensch und wah­rer Gott, plötz­lich mehr Ähn­lich­keit mit Her­ku­les als mit Adam und JHWH.

Oder ich den­ke auch dar­an, wie schnell man dabei ist, die bibli­schen Geschich­ten zu ver­nied­li­chen, wenn man sie den Kin­dern berich­tet. Den­ken wir nur an Noah und die Arche. Aus dem bis­her fürch­ter­lichs­ten Gericht über die Schöp­fung über­haupt, wird plötz­lich eine nied­li­che Geschich­te über ein Boots­bau­pro­jekt, glück­li­che Tie­re, Ölzwei­ge und Regenbögen.

Um noch prak­ti­scher zu wer­den: Wann hat uns z.B. der Judas-Brief etwas gesagt, dass unser Leben erreicht. Die kras­sen Schil­de­run­gen der Irr­leh­rer wir­ken für uns so fremd, wenn nicht gar anstö­ßig. Beim Lesen schaf­fen wir es sel­ten eine Brü­cke zu unse­rem Leben zu schla­gen. Und so wie Judas sich aus­schließ­lich auf den Wan­del der Irr­leh­rer zu kon­zen­trie­ren, wer wür­de heu­te noch so argumentieren?

Ein letz­tes Bei­spiel will ich nicht vor­ent­hal­ten. Unser Umgang mit Ps. 51.13b: „Nimm dei­nen hei­li­gen Geist nicht von mir.“ Auch hier fin­de ich die Argu­men­ta­ti­on derer, die eigent­lich mit mir das „Aus­har­ren der Hei­li­gen“ ver­tei­di­gen, ein­fach ober­fläch­lich und nicht zufrie­den­stel­lend. Fast immer wird dar­auf ver­wie­sen, dass es hier um das Wir­ken des Hei­li­gen Geis­tes im Alten Bund han­delt und in die­sem galt das Prin­zip des „Aus­har­ren des Hei­li­gen“ in die­ser Wei­se nicht wie im Neu­en Bund, und über­haupt wirk­te der Hei­li­gen Geist im Alten Bund in den Gläu­bi­gen anders. Plötz­lich wird eine Bit­te, die in der Angst vor dem Abfal­len geäu­ßert wur­de, eine gera­de­zu zen­tra­le Stel­le für eine theo­lo­gi­sche Debat­te. Was aber schlim­mer ist: Jeg­li­cher Trost, denn die Zuver­läs­sig­keit des Wer­kes Chris­ti für sein erwähl­tes Volk anbie­tet, wird durch die Argu­men­ta­ti­ons­wei­se anni­hi­liert. Denn genau die­ses Gefühl Davids spü­ren doch vie­le Chris­ten sehr häu­fig.. In meh­re­ren Büchern schreibt z.B. Piper dar­über, dass er mit zuneh­men­dem Altem eine Angst vor dem Abfal­len ver­spürt und er spricht mir dabei total aus der See­le. Ich ken­ne mein irre­füh­ren­des, abtrün­ni­ges und göt­zen­fa­bri­zie­ren­des Herz! Gib mir fes­ten Halt, Pre­di­ger! Lass mich zu mei­nem Herrn um Bewah­rung und Schutz schrei­en! Lass mich mei­ne Angst vor dem Ver­lust des Hei­li­gen Geis­tes vor Gott aus­schüt­ten! Deak­ti­vie­re nicht die­se Bit­te aus dem Abgrund der Todes­angst durch einen rie­si­gen Berg theo­lo­gi­scher Dis­kus­sio­nen! Übri­gens: Weder Cal­vin, noch Hen­ry oder Spur­ge­on haben dies mit die­ser Stel­le getan! Die Geschich­te szeht auf mei­ner Seite.

Fazit: Wenn die­se Har­mo­ni­sie­run­gen so oft statt­fin­den, dann müs­sen sie für uns sehr nahe­lie­gend sein.. Kein Wun­der, ist unse­rem Herz doch nur zu miss­trau­en, selbst wenn es uns nicht irri­tiert. Ver­trau­en aber dür­fen wir dem Wor­te Got­tes selbst dann, wenn es uns irri­tiert.

2 Kommentare

  1. Clemens sagt

    Ich fand die­sen Arti­kel ziem­lich gut – bis der Name Nor­bert Lieth fiel. Denn was Lieth macht, ist m.E. genau das Gegen­teil von Har­mo­ni­sie­rung. Unter Har­mo­ni­sie­rung wür­de ich ver­ste­hen, dass man einen Bibel­text, der zu einem ande­ren in Span­nung steht, so zurecht­biegt, dass die Span­nung irgend­wie ver­schwin­det. Wenn z.B. Pau­lus die Recht­fer­ti­gung aus Glau­ben lehrt, Jako­bus aber die Recht­fer­ti­gung aus Wer­ken, dann wird in der Regel Jako­bus so umge­deu­tet, dass er zu Pau­lus passt (jeden­falls wenn der Aus­le­ger refor­ma­to­risch ist; bei Katho­li­ken und Armi­nia­nern läuft es wahr­schein­lich umge­kehrt). Oder wenn Jesus in der Berg­pre­digt sagt, Gott wer­de uns nur dann ver­ge­ben, wenn wir ande­ren Men­schen ver­ge­ben, Pau­lus die Rei­hen­fol­ge aber umkehrt und uns ermahnt, ande­ren Men­schen so zu ver­ge­ben, wie Chris­tus uns ver­ge­ben hat, dann wird die­se Dis­kre­panz irgend­wie pas­send gemacht – natür­lich aus dem ehren­wer­ten Anlie­gen her­aus, dass die Bibel kei­ne Wider­sprü­che ent­hal­ten darf, aber dem ein­zel­nen Text wird man damit m.E. nicht gerecht, weil man ihn nicht so nimmt, wie er dasteht, son­dern ihn „im Lich­te“ eines ande­ren Tex­tes uminterpretiert.

    Genau das ver­su­chen Lieth und ande­re kon­se­quen­te Dis­pen­sa­tio­na­lis­ten mit ihrem Ansatz aber zu ver­mei­den. Indem sie die Tex­te ver­schie­de­nen Adres­sa­ten zuord­nen, las­sen sie sie das sagen, was sie offen­sicht­lich sagen wol­len, nur eben unter­schied­li­chen Ziel­grup­pen. Das Ergeb­nis ist m.E. eine viel logi­sche­re, stim­mi­ge­re, wider­spruchs­freie­re Bibel­aus­le­gung, als wir es von den „Har­mo­ni­sie­rern“ gewöhnt sind. Ich brau­che mir dann nicht mehr den Kopf dar­über zu zer­bre­chen, war­um Jesus in den syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en offen­bar das Hal­ten des Geset­zes als Weg zum ewi­gen Leben ansieht, war­um in den Pre­dig­ten der Apos­tel­ge­schich­te so gut wie nie das Erlö­sungs­werk Jesu am Kreuz vor­kommt (also das Evan­ge­li­um in der Form, wie wir es heu­te ver­kün­di­gen) oder war­um in den Send­schrei­ben das Heil anschei­nend vom „Über­win­den“ abhän­gig gemacht wird. Wer die­se Tex­te dage­gen mit­ein­an­der zu ver­ein­ba­ren ver­sucht, sodass sie alle von und zu uns spre­chen, lan­det in dem dif­fu­sen Kud­del­mud­del, das heu­te in from­men Krei­sen gang und gäbe ist. Man muss dann angeb­lich „die Span­nun­gen aus­hal­ten“, mit dem „Sowohl-als-auch“ leben, das „Schon-jetzt-noch-nicht“ akzep­tie­ren und was der­glei­chen from­me Rede­wen­dun­gen mehr sein mögen. Oder, noch schlim­mer, man biegt die Tex­te gewalt­sam zuein­an­der hin und merkt noch nicht ein­mal, dass man damit den Lite­ral­sinn auf­gibt. DAS ist Har­mo­ni­sie­rung! Wie viel kla­rer, ein­fa­cher und intel­lek­tu­ell befrie­di­gen­der ein kon­se­quen­ter dis­pen­sa­tio­na­lis­ti­scher Ansatz ist, ist mir eigent­lich erst durch Lieth (und ande­re) deut­lich geworden.

  2. Sergej Pauli sagt

    Dan­ke für dei­nen Kom­men­tar Clemens,
    Ein stück weit kann ich dei­ne Argu­men­ta­ti­on nach­voll­zie­hen. Zu viel „Span­nung aus­hal­ten“, kann auch nicht das rech­te sein. Das Nor­bert Lieth auch im Dis­pen­sa­tio­na­lis­mus aus dem Rah­men fällt, stellt selbst ein Dis­pen­sa­tio­na­list, näm­lich Eberts­häu­ser fest: https://das-wort-der-wahrheit.de/2015/04/die-auseinandersetzung-um-norbert-lieth-und-seine-neuen-lehren-in-eigener-sache/ (nur ein Arti­kel von mehreren)
    Das der Vor­trag von Lieth 2015 zur Neu­jahrs­kon­fe­renz selbst unter treu­en Mit­ter­nachts­ruf-Freun­den für Beden­ken aus­ge­löst hat, dürf­te erklä­ren dass das dar­auf­fol­gen­de Heft des Mit­ter­nachts­rufs aus­führ­lich ver­such­te zu beschwich­ti­gen, auch mit einem Arti­kel zu: „Müs­sen wir wirk­lich hei­lig sein?“ (Das Heft hat­te den selt­sa­men Cover eines jun­gen Man­nes mit Hei­li­gen­schein). — Nur um zwei Bei­spie­le zu nen­nen. Nach­zu­hö­ren kann man sei­nen Bei­trag hier: https://www.youtube.com/watch?v=mB2h-xnjNKg…Die The­se mit das Vater Unser ist ja nichts für Chris­ten und Co…naja dass ist für mich Para­de­bei­spiel der Har­mo­ni­sie­rung des Todes…Immer wie­der spricht Lieth mit Annah­men von The­sen: Mehr­fach heißt es: Weil die­ser Vers ja nicht das bedeu­ten kann…weil es ja klar ist…deswgen muss es dass hei­ßen und des­we­gen heißt es auch an die­ser STel­le was ande­res und über­haupt usw…
    Sor­ry aber gera­de Lieths Stil habe ich immer als furcht­bar „dif­fu­sen Kud­del­mud­del“ (um dei­ne Wort­wahl zu gebrau­chen) empfunden…

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