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Wie falsche Theologie uns die Bibel stehlen kann

Hyperdispensationalistische Schreckgeister und andere Hindernisse

Mit Ent­set­zen aber gleich­zei­tig auch mit Freu­de ent­sin­ne ich mich an eine „christ­li­che“ und „bibel­treue“ Kon­fe­renz, auf der ich vor etwa zwei Jah­ren anwe­send war. Ich wer­de kei­ne Namen und Orte nen­nen, jedoch wird für den Ken­ner auch so offen­sicht­lich sein, wovon ich rede. Der Autor sprach über die Offen­ba­rung und sein Fazit war im Gro­ßen und Gan­zen, dass die Offen­ba­rung die Chris­ten nichts angeht, da der Inhalt nur die Juden betrifft, die nach der Ent­rü­ckung der Gemein­de zum Glau­ben kom­men wer­den. Es waren noch vie­le wei­te­re ver­wir­ren­de The­sen auf­ge­stellt wor­den, jedoch lag über allem der Unter­ton: Dies betrifft nur die Juden, und das betrifft nur die Juden, für die Gemein­de sind im Gro­ßen und Gan­zen nur die Pau­lus­brie­fe, und selbst hier nicht alle. Das war das Ent­set­zen! Es wur­de grö­ßer, als aus den Rei­hen der Zuhö­rer ver­ein­zelt Hal­le­lu­ja-Rufe erschall­ten über die­se „Fro­he Bot­schaft“. Der Red­ner hielt uns vor, dass Ver­se, wie „sei getreu bis zum Tod, so will ich dir die Kro­ne des Lebens geben“, nie­mals für Men­schen gemeint sein kön­nen, die unter der Gna­de leben, denn wir als Chris­ten wis­sen doch, dass wir so treu nicht sein kön­nen. Tja, die „Fro­he Bot­schaft“ des Red­ners  war viel mehr eine erbärm­li­che, trüb­sin­ni­ge und arm­se­li­ge Botschaft.

Nun zur Freu­de: Aus mei­ner Über­zeu­gung her­aus, dass uns alles zum Bes­ten die­nen kann, wenn wir nur den Herrn lie­ben, weiß ich heu­te, dass die­se Kon­fe­renz mir half end­gül­tig mit dis­pen­sa­tio­na­lis­ti­schem Schrift­ver­ständ­nis zu bre­chen. Mei­ne Leser mögen mich nicht falsch ver­ste­hen. Ich hof­fe dass die meis­ten in den Brü­der­ge­mein­den nicht so extrem aus­ge­prägt sind, wie oben beschrie­ben. Aber als russ­land­deut­scher Christ, wie ich es einer bin, ist man irgend­wie mehr oder weni­ger auto­ma­tisch dis­pen­sa­tio­na­lis­tisch geprägt. Nur bin ich über­zeugt davon, dass der Dis­pen­sa­tio­na­lis­mus ein Bestand­teil einer Ent­wick­lung ist, die man heu­te in Stu­di­en­bi­beln, Christ­li­chen Büchern und Bibel­kom­men­ta­ren beob­ach­ten kann. Ich möch­te die­se Ent­wick­lung „Rare­fi­zie­rung (Ver­dün­nung) der Schrift“ nen­nen. Hier sind vie­le Ent­wick­lun­gen zu beob­ach­ten und noch­mal betont: Der Dis­pen­sa­tio­na­lis­mus ist ein Teil davon, vie­le Ent­wick­lun­gen gehen Hand in Hand. Zusam­men­ge­nom­men ist die Wir­kung aber gewaltig.

Mein Sar­kas­mus kann für manch einen Dis­pen­sa­tio­na­lis­ten, den ich als Bru­der im Herrn ernst neh­me, schmerz­haft sein. Den­noch fin­de ich kei­nen Weg, ein Pro­blem dar­zu­stel­len, das um uns frisst, wie ein Krebs. Geschwis­ter, es geht um das teu­ers­te und das bes­te, was wir auf die­ser Erde haben: das Wort Got­tes. Vor Kur­zem durf­te ich die alten Doku­men­te zur „Down­gra­de-Kon­tro­ver­se“ von Spur­ge­on lesen. Immer wie­der beton­te Spur­ge­on dar­in, „dass für ihn Rein­heit vor Ein­heit kommt“. Somit möch­te ich eine Lan­ze auf­rich­ten gegen die vor­an­schrei­ten­de Aus­höh­lung bibli­scher Lehre.

  • Bru­der, du liest noch Jesa­ja und machst dir Gedan­ken dar­über, was dir die Schrift hier sagen möch­te? Ver­geu­de dei­ne Zeit nicht, denn es ist ja offen­sicht­lich, dass Jesa­ja fast nur vom tau­send­jäh­ri­gen Reich spricht. Das betrifft dich nicht, wenn du nur bekehrt bist. Dann wirst du vor der Trüb­sal vor­ent­rückt (nicht so wie die nord­ko­rea­ni­schen, ira­ki­schen und suda­ni­schen Chris­ten?!?) und das müs­sen dann die Scha­fe, die von den Böcken getrennt, sich zu Her­zen neh­men (oder sind es die mit dem kal­ten Glas Was­ser?). Und für Sacha­ria gilt natür­lich dasselbe.
  • Chris­ten, ihr lest das Gesetz Moses? Aber was hat es euch zu sagen, es sind doch nur Über­bleib­sel einer alten Haus­hal­tung. Wir sind befreit vom Gesetz!
  • Schwes­ter, du staunst über die Wun­der im ers­ten Buch Mose? Aber war­um nur! Jeder soll­te doch wis­sen, dass dies nur Legen­den sind, die sich Israe­lis an ihren Lager­feu­ern in der Wüs­te erzähl­ten. Mose schrieb nur sei­ne Ehr­furcht vor Gott nie­der, da er ein­fach kein Wis­sen­schaft­ler war. Der Sün­den­fall ist nur eine Legen­de, der Ver­such einer Erklä­rung für das Böse im Menschen.
  • Bru­der, du ließt die Geschich­ten in Köni­ge und Chro­ni­ka? So vie­le inter­es­san­te Bege­ben­hei­ten wer­den berich­tet. Scha­de, dass dies bloß nack­te His­to­rie ist, sonst könn­te man soviel dar­aus lernen …
  • Mut­ter, du nimmst für dein Lei­den das Buch Hiob zur Hand? Aber ver­giss bit­te nicht, dass es nur Pro­sa ist. Und Hiob und sei­ne Freun­de waren alles Pre­di­ger, die nie her­aus­fan­den war­um sie litten.
  • Hohe­lied ist ein schö­nes Buch, nicht wahr? Lei­der kann kei­ner wis­sen, wie es zu ver­ste­hen ist. Ist die „Freun­din“ jetzt das Volk Isra­el oder die Gemein­de. Die Juden dach­ten es wäre das Volk, die Urkir­che es wäre die Gemein­de. Und wir las­sen es mal so ste­hen. Nur nicht zur Anwen­dung kom­men lassen.
  • In den Psal­men klingt so vie­les nach Mes­si­as. Aber es sind nur Par­al­le­len die man zwi­schen David und Jesus zie­hen kann.
  • Die Brie­fe des Pau­lus  an Timo­theus und Titus übri­gens, du über­eif­ri­ger jun­ger Christ, sind natür­lich nur die per­sön­li­chen Rat­schlä­ge eines Apos­tels an sei­nen nächs­ten Mit­ar­bei­ter. Dem „Fuß­volk“ hat das kaum was zu sagen. Glei­ches gilt natür­lich für den zwei­ten und drit­ten Johannesbrief.
  • Wenn du die Evan­ge­li­en liest, du uner­fah­re­ner und jun­ger Christ, pass nur auf, dass du ja fein unter­schei­dest zwi­schen dem was Jesus zum uner­ret­te­ten (!) Volk des alten Bun­des (!) und was er zu sei­nen Jün­gern sagt. Nur das zwei­te hat wirk­lich Belang, und selbst da musst du prü­fen, ob es der spe­zi­el­le Auf­trag der Jün­ger ist oder eine all­ge­mei­ne Rede. Im Grun­de genom­men rei­chen die End­zeit­re­den Jesu. Aber hier pass nur auf, dass du nicht wie­der etwas beach­test, was nach dei­ner Ent­rü­ckung kommt.
  • Der Hebrä­er­brief sagt ja bereits durch sei­nen Titel an wen er gerich­tet ist.

Was bleibt? Es blei­ben eini­ge Brie­fe des Pau­lus. Nun, fein geur­teilt. Nur habe ich in letz­ter Zeit immer wie­der gehört (wahr­lich unge­lo­gen): „Oh Bru­der, da musst du auf­pas­sen, über den Römer­brief ab Kap. 8, da dür­fen eigent­lich nur Brü­der etwas sagen, die Jahr­zehn­te Erfah­rung haben. Nur Ältes­te soll­ten sich da äußern“. Aus Leh­re wird also immer mehr eine Lee­re. Und Lee­re ist der Mensch oft schnell dabei zu fül­len. Viel­leicht ist das der Grund das Prog­ma­tis­mus und ande­re Exo­ti­sche Prak­ti­ken in der Gemein­de wuchern wie es in 2000 Jah­ren Kir­chen­ge­schich­te nie vor­ge­kom­men ist.

Und, dann gibt es noch den Klas­si­ker: Ent­we­der musst du über­all, wo von Erwäh­lung, Beru­fung, Vor­se­hung oder Vor­her­be­stim­mung die Rede ist, die­se Wor­te strei­chen und durch „gläu­big sein“ erset­zen oder du musst an jeden Vers, der „nur“ vom Glau­ben, oder von Lie­be zu Gott redet, oder von Nach­fol­ge oder von Hei­li­gung noch ein „nach Got­tes Erwäh­lung“ dran­hän­gen. Erst dann bist du auf dem wah­ren Weg. Es gibt nur zwei Extre­men. Was, und du erfrechst dich noch, an die Schrift zu glau­ben, wie Sie ist?

Was bleibt dann mir? Hin­fort mit den Geis­tern, die mir die Schrift rau­ben. Hin­fort mit Aus­le­gun­gen ohne Anwen­dung. Weg mit einem Über­bau an tech­ni­schen und his­to­ri­schen Infos, die das per­sön­li­che der Schrift rau­ben. Ich bin Gott dank­bar, dass wir mit mei­ner Frau in dem letz­ten hal­ben Jahr soviel aus dem Alten Tes­ta­ment ent­neh­men konn­ten, das tat­säch­lich zeigt, wie viel Chris­tus in der Bibel ist. Und wo Chris­tus ist, da möch­te ich sein. Chris­tus ist da, wenn Josua das ver­hei­ße­ne Land erforscht. Chris­tus ist im Sünd­op­fer und im Brand­op­fer. Chris­tus ist in den Gewän­dern des Pries­ters. Chris­tus ist in der Stifts­hüt­te. Chris­tus ist bei der Schöp­fung anwe­send. Chris­tus ist der Engel des Herrn der Bileam ver­warnt. Chris­tus ist der Fels, aus dem Was­ser fließt. Chris­tus ist der wei­se Frie­de­fürst. Chris­tus ist der Geweih­te, der uns in Sim­son dar­ge­stellt wird, und der Wei­se, den wir in Salo­mo fin­den. Chris­tus ist die Erfül­lung der Pro­phe­tie und nicht das tau­send­jäh­ri­ge Reich!

Somit: Herr wohin sol­len wir gehen? Du hast Wor­te des Lebens!

P.S.: Da ich ver­mei­den möch­te, von einer ande­ren Sei­te vom Pferd zu fal­len, wer­de ich in den nächs­ten Wochen einen Arti­kel ver­öf­fent­li­chen, der die Vor­zü­ge und die hohe Qua­li­tät der Brü­der­be­we­gung prei­sen wird.

P.P.S.: Außer­dem soll­te ich als ehe­mals radi­ka­ler Armi­nia­ner beken­nen, dass ich nur über den Umweg des Dis­pen­sa­tio­na­lis­mus zu der refor­miert-bap­tis­ti­schen Denk­wei­se gekom­men bin. Hier bin ich also Brü­dern wie W. Büh­ne oder W. Mac­Do­nald mei­nen Dank schuldig.

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