Biblische Lehre
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Wo ist bloß die Vorsehung hin?

Immer wenn ich ein systematisches Thema aus mennonitisch-evangelikaler Sicht betrachten möchte, greife ich zur  Biblischen Glaubenslehre von Thiessen. Kein Wunder, ist doch dieses Buch Pflichtlektüre auf dem Laien-Prediger Seminar einer recht großen evangelikalen Vereinigung (Stichwort: Friedensstimme). So musste auch ich zu diesem Werk greifen und (obwohl die Laienkurse einige Jahre her sind) erschüttert mich ein bestimmter Punkt an diesem Werk in besonderer Weise. Tatsächlich finde ich zahlreiche problematische Punkte in Thiessens Systematik, ob nun die ohne Besprechung einfach übernommene Trichotomie des Menschen oder die doch abenteuerlichen Spekulationen über die Endzeit. Doch diese Punkte verblassen, wenn man realisiert, dass der Autor einfach darauf verzichtet, über Gottes Vorsehung zu reden.

Egal wie ich die Sache drehe und betrachte, ich kann mir einfach keinen Reim darüber machen, wie Thiessen in seiner Glaubenslehre einen derart wichtigen Lehrpunkt wie die „Lehre von der Vorsehung“ übersehen konnte (Eine Definition von „Vorsehung“ findet sich in einem Essay von Paul Helm).

So viele verpasste Möglichkeiten

Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Thiessen einen typisch reformierten Aufbau einer Dogmatik mit Themen wie „Ratschluß Gottes“ als spekulativ empfindet. Dennoch gibt es so viele Möglichkeiten, über Gottes Vorsehung zu reden. In Kap. 3.3 z.B. bespricht Thiessen die Schöpfung. Das es einen Zusammenhang zwischen der Schöpfung in 7 Tagen und dem Verhältnis von Gott zu seiner Schöpfung gibt, klingt für mich nach einem guten Startpunkt in das Thema. Doch leider Fehlanzeige. Es gebe die Möglichkeit im Rahmen von Kap. 7.2. (Gottes Verheißungen im Alten Testament) über den Heilsplan Gottes zu reden und darauf zu zeigen, wie unser dreieiniger Gott Herr der Geschichte bleibt. Auch bei 7.3 (Jesus Christus, der Erlöser der Menschen) sehe ich einen weiteren Berührungspunkt: Hat Gott es etwa bloß „gewusst“, das Jesus der Messias ist, oder ist es nicht viel mehr so, dass Gott seine Offenbarung in Jesus Christus aktiv geplant hat? Es geht also darum: Hat Gott einen Plan? Als Thiessen die Aufgaben des Heiligen Geistes bespricht (Kap. 7.4.10; S. 127), wird es recht spannend und nah am Thema Vorsehung: Gottes Herrschaft in der Gemeinde durch seinen Heiligen Geist! Die Aufzählung klingt umfassend, aber auch an dieser Stelle vermisse ich die Verbindung zu einem größeren Rahmen, der doch irgendwie in Gott selbst zu finden sein muss. Gott wirkt in seiner Gemeinde! Aber auch hier schweigt Thiessen gefühlt eisern.

Die „Biblische Glaubenslehre“ setzt einen Schwerpunkt auf die Endzeit. Spätestens bei diesem Thema dürfte alles nach Gottes Vorsehung schreien: Gott kennt die Zukunft. Sie ist jede Sekunde in der Hand Gottes. Alles was Gott verheißen hat, das wird geschehen. Alle Gerichte werden so eintreten wie angegeben! Ebenso alle Heilstaten. Jesus Christus herrscht als König – Halleluja, Amen. Doch auch hier wird kein größerer Wirkungsrahmen Gottes geschildert.

Man möge mich richtig verstehen. Ich würde sogar verstehen, wenn Thiessen den Begriff „Vorsehung“ als von Calvinisten zu sehr ausgelutscht betrachtet und nach einem alternativen Ausdruck suchen würde. Doch auch das findet nicht statt. Man hat beim Lesen einfach nicht das Gefühl, mit dem Wirken eines mächtigen und souveränen Gottes konfrontiert zu werden, sondern eher mit den Zahnrädern einer mächtigen Maschinerie, der sich selbst Gott fügt. Gibt es also ein oberes Prinzip über Gott? Sich an dieser Stelle nicht klar festzulegen, ist beklagenswert.

Damit spiegelt Thiessen auch das Denken seiner eigenen Zielgruppe nicht zufriedenstellend wieder

An dieser Stelle wird es meines Erachtens besonders kritisch. Man könnte nämlich einwenden, dass mennonitische und/oder anabaptistische  Kreise einfach keinen Wert auf Vorsehung legen. Doch das stimmt eben gerade nicht. Ich kann hier durchaus aus Erfahrung sprechen, da doch sehr ähnliche Kreise wie die von Thiessen meine Herkunft und weiterhin Heimat sind. Vorsehung ist mennonitischen Christen sehr wichtig. Man müsste sich dafür nur den Lebenslauf von Wanja Moissev vornehmen. Wie viel Trost dieser Märtyrer der Evangeliums-Christen aus der Gewissheit schöpfte, dass Gott der ultimative Herr der Geschichte ist, ist exemplarisch  und typisch für Christen in der Not. Was hält, wenn jede Stütze bricht? Natürlich nur Gott! Zudem dürfte es zur christlichen Allgemeinbildung gehören, dass man weiß, dass Themen wie „Führung“ und „Erkennen des Willen Gottes“ äußerst wichtige Bestandteile des mennonitischen und evangeliumschristenbaptistischen (ich habe das Wort nicht erfunden) Streben nach Heiligung sind. Wie aber ist „persönliche Führung“ möglich, ohne Gottes Vorsehung. Welche Rolle sollte das „Erkennen des Willen Gottes“ überhaupt spielen, wenn es gleichzeitig überhaupt keine Rolle zu spielen scheint, ob Gott einen Plan besitzt. Gerade Thiessen sollte doch genau diesen Punkt in besonderer Weise auch persönlich erlebt haben. Was, wenn nicht die Vorsehung Gottes hat Menschen mit Nachnamen wie Thiessen, Kroeker, Janzen & Co nach Paraguay gebracht. Etwa Zufall oder Schicksal? Wenn dieses Thema also gerade Thiessens Zielgruppe so wichtig ist, warum wird es dann nicht besprochen?

Man könnte einwenden, dass Thiessen dieses Thema meidet, um jegliche deterministischen Tendenzen in seinem Werk zu meiden. Doch es lassen sich zahlreiche Gegenbeispiele finden. Ich bin kein Systematiker, um hier einen großen Überblick geben zu können, aber ich denke hier z.B. an eine doch recht unreformierte Dogmatik aus der Feder von James Leo Garrett Jr.  Recht sauber arbeitet er Fragen über Vorsehung, Souveränität und Thoedizee im Rahmen von Kapitel 3 (Schöpfung, Vorsehung und übermenschliche Wesen) aus. Noch deutlicher wird das, wenn man sich Carl F. H. Henry (Mehr Dispensationalist als Calvinist) anschaut, der immerhin eine sechsbändige Systematik (mit dem Titel „God, Revelation and Authority“) verfasst hat, die leider viel zu wenig beachtet wird. Bereits die Untertitel dieser Werke sprechen eine klar andere Sprache. Zwei Beispiele: “ Über Gott, der spricht und zeigt“, „Über Gott, der steht und bleibt“. Obwohl bereits diese beiden Autoren nicht als besonders calvinistisch gelten sollten, können wir auch Norman L. Geisler betrachten. Geisler betrachtet in seiner Systematic Theology in one Volume z.B. die Vorsehung bereits bei den Eigenschaften Gottes („Gottes Weisheit ist die Grundlage für seine Vorsehung“).  An einer anderen Stelle legt Geisler starken Wert auf die Verteidigung der Schrift und setzt sich für die Vorsehung Gottes als entscheidendes Element in der Bewahrung des Wortes Gottes ein.

An dieser Stelle will ich gar nicht erst mit Thomas von Aquin anfangen. Es lassen sich offensichtlich zahlreiche Beispiele dafür finden, dass man kein Calvinist sein muss, um Vorsehung hoch in Ehren zu halten. Ich selbst bekenne an dieser Stelle gerne, dass ich den besten Vortrag, den ich jemals zum Thema Vorsehung gehört habe, von einem durch und durch arminianischen Bruder gehört habe. Somit schleicht sich mir ein Verdacht ein: Beim Lesen aktueller Verteidigungen des „Freien Willens“ habe ich zunehmend das Gefühl, dass es sich dabei um Ansichten und Darstellungen handelt, über die Arminianer wie Arminius selbst oder Wesley niemals zu Träumen gewagt hätten. Warum bezeichnet man diese innovativen Überlegungen dann als „traditionelles Christentum“? Was auch immer hier verkündigt wird, es ist weder mennonitisches noch evangeliumschristenbaptistisches Erbe.

Liegt das vielleicht an der Kürze des Buches?

Auch über diese Möglichkeit habe ich nachgedacht, halte sie aber aus unterschiedlichen Gründen für wenig plausibel. Von den etwas mehr als 200 Seiten Text werden über 40 Seiten für „die Biblische Lehre von der Endzeit“ benötigt. Ich habe bereits oben dargestellt, wie hier ein potentiell wichtiger (und notwendiger) Zusammenhang zum Thema Vorsehung möglich wäre. Gleichzeitig beweist Thiessen in seinem Literaturverzeichnis durchaus, dass er mit reformierten Schriften und Denken vertraut ist.

Reicht anticalvinistische Polemik als Definition von „Vorsehung“ aus?

Mir wird regelmäßig vorgeworfen, dass ich ein unbiblisches Model der Vorsehung vertrete, da ich dieses fast ausschließlich aus reformierten Quellen beziehe. Nun stimmt der Vorwurf der Quellen durchaus, also griff ich zu Thiessen, auf der Suche nach einer potentiell „anderen“ (sprich: bibeltreuen) Darstellung. Das dürfte den Narren erklären, denn ich an diesem Buch gefressen habe. Doch bei Thiessen fand ich keine Erklärung. Was ich natürlich fand, war ausreichend anticalvinistische Polemik über Themen wie Erwählung, Vorherbestimmung und Bewahrung der Heiligen. Wie aber kann man über Vorherbestimmung reden, ohne vorher Vorsehung definiert und besprochen zu haben? Das macht für mich einfach keinen Sinn. Eine ähnliche Strategie scheint man derzeit regelmäßig anzutreffen. Man denke hier nur an Wilfried Plock und seine Webseite „Calvinismus – Check“. Ein anticalvinistischer Artikel reiht sich hier an den nächsten. „Satan sei im Calvinismus überflüssig“ , Calvinismus „sehr problematisch“ und „manche halten (diesen) sogar für eine Irrlehre“. An anderer Stelle weist man sehr elegant darauf hin, dass das „traditionelle Christentum“ immer die Liebe Gottes in den Vordergrund gestellt hat, etc. etc.  Wenn man den Absichten dieser Seite gut gesinnt sein möchte, könnte man diese meines Erachtens so zusammen fassen: „Ihr Calvinisten, ihr habt überhaupt keine Ahnung, was für ein komplexes Thema die Vorsehung, Vorherbestimmung und Erwählung ist; Ihr macht es euch viel zu einfach!“ – Darauf kann man aber doch nur so erwidern: „Wohl gesprochen! Wir haben wirklich wenig Ahnung vom Mysterium der Vorsehung, wir haben Mühe Gottes Wort in seiner Tiefe zu erfassen! Dann lass uns aber doch alle Kraft einsetzen, Gottes Wort besser und klarer zu verstehen.“ Hier aber findet sich plötzlich nur eine Leere. Keine Definition zur Vorsehung, keine tiefreichende Exegese, kein Ringen um die kaum zu erfassenden Reichweiten von Begriffen wie „Vorsehung“ oder „Erwählung“. Ich kann gut verstehen, dass Thiessen Themen wie „Ratschluß Gottes“ oder „Vorherbestimmung“ als calvnisitisches Rumgehacke versteht. Warum aber gibt er uns nicht bessere Erklärungen dafür? Ist das Ignorieren eines Themas in irgendeiner Weise eine Erklärung? Ich denke ja! Doch leider selten eine gute!

Thiessen bestätigt mich somit  in besonderer Weise: Anticalvinistische Polemik reicht niemals aus, um Vorsehung, Souveränität oder Vorherbestimmung angemessen wiederzugeben. In der Tat scheint es sogar fahrlässig zu sein, auf saubere Definitionen zu verzichten. Gibt man dieser in allem Recht, steht man in der Gefahr am Ende nichts zu besitzen. Man weiß ja schließlich nur, was „falsch“ ist, kaum etwas darüber was „richtig“ ist.

Die Gefahr hinter dieser Verkürzung

Verkümmern Themen wie Souveränität und Vorsehung Gottes, sehe ich eine deutliche Gefahr. Welches Thema dürfte für unsere Zeit wichtiger und notwendiger sein, als Autorität? Wäre es hier nicht besser wie Henry auf die endgültige Autorität Gottes hinzuweisen? Wie heile ich eine Menschen, der in seiner sündigen Selbstbestimmung todkrank ist? Etwa mit dem Verweis auf seine Selbstbestimmung? Was sollte unsere Zeit besser aufrütten können, als eine neue Erkenntnis eines souveränen und zornigen Gottes? Einen Gottes, der unsere Sünde so sehr hasst, dass er seinen eigenen Sohnes nicht schont, um seine Gemeinde zu erlösen, damit sein Sohn, mit einer für ihn zubereiteten Braut für alle Ewigkeit geehrt wird? Berkhof beklagte bereits in seiner bald 100 Jahre alten Systematic Theology mehrfach die zunehmende anthropologische Deutung der Theologie. Immer mehr Fragen werden anthropologisch statt theologisch betrachtet. Ich fürchte, diesem Fehler ist auch Thiessen mit seiner Biblischen Glaubenslehre erlegen.


Hinweis: Dies ist ein recht kritischer Artikel, an dem ich die alleinige Verantwortung besitze!

1 Kommentare

  1. Vlad sagt

    Vielleicht hat er das Thema quasi als basics vorausgesetzt? Wo ich zum ersten Mal bewusst mitbekommen habe das es Diskussionen zu diesen Themen unter Christen gibt da war ich echt erstaunt.

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