Literatur
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„Was in meinem Haus klassisches Latein ist, bestimme ich“

Friedrich Dürrenmatt in Drama und Roman

Dür­ren­matt ist ein Schrift­stel­ler, der es mir in der Schul­zeit beson­ders ange­tan hat. Der Roman „Der Rich­ter und sein Hen­ker“ und die Komö­di­en „Die Phy­si­ker“ und „Der Besuch der alten Dame“ waren Pflicht­lek­tü­re. Im Ver­gleich zu Schil­ler schnitt Dür­ren­matt bei uns Schü­lern deut­lich bes­ser ab. Ich war damals so ange­tan von Dür­ren­matt, dass ich fast sein voll­stän­di­ges Werk durch­ge­ar­bei­tet habe. Die­ses gibt es übri­gens für wenig Geld zu erwer­ben oder in so gut wie jeder Biblio­thek (selbst in der Biblio­thek unse­rer tech­ni­schen Hoch­schu­le fand man die­se). Den­noch schlich sich mir mehr­fach der Ver­dacht auf, dass man gezielt die „kon­ser­va­ti­ve­ren“ Wer­ke Dür­ren­matts nicht in die Schul­lek­tü­re auf­nahm, wie die­ser kur­ze Über­blick zei­gen soll:

Prosa:

  • „Der Rich­ter und sein Hen­ker„ ‘ erzählt die Geschich­te von Kri­mi­nal­kom­mis­sar Bär­lach, der einen bis­her stän­dig davon gekom­me­nen Ver­bre­cher nicht anders zur Stre­cke brin­gen kann, als durch eine kom­pli­ziert Intri­ge. Gerech­tig­keit scheint sich auf lega­lem Wege nicht durch­set­zen zu kön­nen
  • Was vie­le nicht wis­sen ist, dass Komis­sar Bär­lach einen wei­te­ren Fall löst. (Ich hät­te es mir gewünscht, dass die Leh­rer­schaft wenigs­tens mit einem Satz dar­auf auf­merk­sam gemacht hät­te). In „Der Ver­dacht“ geht es um die Ent­lar­vung eines KZ-Arz­tes. Sicher­lich weni­ger tief­sin­nig als der ers­te Teil, dafür näher an der Rea­li­tät (zumin­dest der Nach­kriegs­zeit).
  • The­ma­tisch reiht sich der Roman „Das Ver­spre­chen“ an. Sehr sen­si­bel bespricht Dür­ren­matt das The­ma des Kin­des­miss­brauchs. Auch hier kommt ein Komis­sar nur „falsch ermit­telnd“ zum „rich­ti­gen Ergeb­nis“. An der sehr sehens­wer­ten Ver­fil­mung „Es geschah am hell­lich­ten Tage“ war Dür­ren­matt eben­falls betei­ligt.
  • Ich den­ke, in „Die Pan­ne“ wird Schuld uns Süh­ne, Ver­bre­chen und Stra­fe am tief­grün­digs­ten bespro­chen. Ein all­zu durch­schnitt­li­cher Ver­tre­ter kommt vor ein Gal­gen­ge­richt. Bereits auf den ers­ten Sei­ten erahnt man das tra­gi­sche Ende
  • In den spä­te­ren Jah­ren wird Dür­ren­matts Werk bizar­rer, was „Im Auf­trag oder Vom Beob­ach­ten des Beob­ach­ters der Beob­ach­ter“ beweist. 24 Kapi­tel: Jedes nur einen Spa­get­ti-Satz lang.
  • Schließ­lich muss noch das „Durch­ein­an­der­tal“ erwähnt wer­den. Vie­le Strän­ge füh­ren in ein klei­nes Schwei­zer Dorf. Doch die Idyl­le täuscht. Ein rie­si­ges Hotel benutzt der schmie­ri­ge Pre­di­ger „Moses Mel­ker“ (welch Iro­nie) dazu, den Rei­chen die­ser Welt die Armut zu zei­gen. Im Win­ter jedoch dient das Hotel als Ver­steck für ein Ver­bre­cher­syn­di­kat. Als ein 14jähriges Mäd­chen ver­ge­wal­tigt wird, sucht man nicht das Nahe lie­gen­de, son­dern ver­mu­tet lie­ber eine sowje­ti­sche Inva­si­on. So viel Cha­os kann natür­lich nur in einer schlimmst mög­li­chen Wen­dung enden.

Theaterstücke

  • „Die Phy­si­ker“: Sind Ein­stein, New­ton und Möbi­us (mit sie­ner Welt­for­mel) eine Gefahr oder bleibt Ihnen nichts ande­res übrig als sich vor den Ver­bre­chern die­ser Welt in einem Irren­haus zu ver­ste­cken. Erst­auf­ge­führt 1962 als sich die Gro­ßen Staa­ten die­ser Welt von einer Mega­bom­be zur Nächs­ten stei­ger­ten.
  • „Der Besuch der alten Dame“. Die Bür­ger eines her­un­ter­ge­kom­men Schwei­zer Ortes wer­den doch nicht so gie­rig sein, jeg­li­che Tugend zu ver­ges­sen, um an eine Groß­zü­gi­ge Spen­de der alten Dame zu kom­men? Lei­der ja!
  • „Romu­lus der Gro­ße“. Die letz­ten bei­den Tage des römi­schen Rei­ches ver­bringt der Kai­ser Romu­lus lie­ber mit Hüh­ner­zucht. Man kommt nicht umhin Sym­pa­thie mit einem Tyrann zu ent­wi­ckeln.

Hörspiele:

Die Nach­kriegs­zeit war die Blü­te­zeit des Hör­spiels. Für Fern­se­her gab es (noch) nicht genug Geld, dafür war jeder mit Radi­os ver­sorgt. Auch Dür­ren­matt betei­lig­te sich kräf­tig, da vie­les im öffent­li­chen Rund­funk erschien, fin­den sich vie­le Hör­spie­le immer noch auf you­tube. Zumeist han­delt es sich um Bear­bei­tun­gen von vor­her oder par­al­lel erschie­nen Thea­ter­stü­cken.

  • Der Pro­zess um des Esels Schat­ten: Ein Esels­trei­ber kann es nicht dul­den, dass man auch den Schat­ten sei­nes Esels nut­zen will. Gier ver­mehrt sich bekannt­lich schnell und endet in einer grau­si­gen Zer­stö­rung.
  • Stra­nitz­ky und der Natio­nal­held. Der Kriegs­in­va­li­de Adolf Josef Stra­nitz­ky sieht sei­ne gro­ße Chan­ce der Macht­über­nah­me, als der Natio­nal­held Möwe aus­sät­zig wird.
  • Her­ku­les und der Stall des Augi­as: Der altern­de und von Gerüch­ten und Schul­den umge­be­ne Her­ku­les schei­tert dar­an, die Statt Elis vom Pfer­de­mist zu befrei­en.
  • Abend­stun­de im Spät­herbst: Ein span­nen­der kurz­wei­li­ger Kri­mi für zwi­schen­durch.
  • Auch „die Pan­ne“ und „Romu­lus der Gro­ße“ und „der Besuch der alten Dame“ wur­den von Dür­ren­matt höchst­per­sön­lich als Hör­spie­le rea­li­siert.

Besprechung

Eine aus­führ­li­che Doku­men­ta­ti­on über Dür­ren­matt fin­det sich auf you­tube.

Dür­ren­matt schaut tief in die mensch­li­che See­le: Regel­mä­ßig deckt er auf, dass in jedem auch so „from­men“ Spieß­bür­ger ein Tyrann steckt. Selbst wenn man die­se inne­woh­nen­de Tyran­nei hin­ter gro­ßem Durch­ein­an­der und vie­len Argu­men­ten ver­ste­cken möch­te, kann man vor Schuld nicht weg­lau­fen.  Vie­le der Prot­ago­nis­ten unter­neh­men die ver­rück­tes­ten Din­ge um ihren Schein und Namen zu wah­ren. Alles also all­zu mensch­lich. Wie oft­mals wagt sich auch in die­sem Fall ein Nicht­christ an eine auf­rich­ti­ge­re Ana­ly­se, als vie­le Chris­ten es tun wür­den. Defi­ni­tiv wird es dem Werk Dür­ren­matts nicht gerecht, die Schuld­fra­ge auf die Gesche­hen des drit­ten Reichs zu redu­zie­ren.

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