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Vom Glück, selbstlos zu leben

Ein kurzes Büchlein von Timothy Keller

Im kon­ser­va­ti­ven Milie­au ließt man Kel­ler natür­lich nur heim­lich. Jeder weiß dabei wohl wis­sent­lich, dass man „mit die­sem Pre­di­ger auf­pas­sen müs­se“. Man habe das ja in einem Arti­kel von Beta­ni­en gele­sen. Falls man jetzt denkt, dass das kei­ne sinn­vol­le Rezen­si­ons­ein­lei­tung ist; — auf­ge­passt! Ich erzäh­le regel­mä­ßig davon, dass ich Kel­lers Pre­dig­ten ger­ne höre und die Reak­ti­on von einem ganz bestimm­ten Typus Gesprächs­part­ner ist dabei immer iden­tisch (und so banal vor­her­sag­bar): „Was, Kel­ler? Ich habe da mal einen Arti­kel von Beta­ni­en gele­sen…“ Ich glau­be ich habe die­se Reak­ti­on schon ca. ein hal­bes Dut­zend mal erlebt. Ursprüng­lich ver­such­te ich zu argu­men­tie­ren, war­um ich Kel­ler den­noch für einen hilf­rei­chen Pre­di­ger und Autor hal­te, aber ich habe fest­ge­stellt, das sich die­se Ein­wän­de viel ein­fa­cher und ziel­füh­ren­der ent­kräf­ten las­sen, näm­lich durch die Fra­ge: „Was waren die genann­ten Ein­wän­de?“ Sie­he da! Kei­ner konn­te die­se wirk­lich nen­nen. Ich den­ke an die­ser Stel­le wird wirk­lich ein Pro­blem sicht­bar. Wir sind oft so not­geil dar­auf, Pro­ble­me und Schwie­rig­kei­ten der ande­ren zu erfah­ren und Feh­ler mit einem schwarz­licht-neon­far­be­nen Glit­zer­stift zu mar­kie­ren, damit ja kei­ner die­se über­se­hen kann.  War­um Kel­ler ein Pro­blem ist, konn­te kei­ner sagen, aber dass er eines ist, wuss­te man ganz bestimmt. Hmm…

Nun, ich will mit mei­nen sati­ri­schen Sei­ten­hie­ben (für die ein­zig ich die Ver­ant­wor­tung tra­ge) nicht auch die let­zen Leser von NIMM-LIES zur Weiß­glut brin­gen, aber ich glau­be die­se Ein­lei­tung ist genau die rich­ti­ge für die­ses kur­ze (gera­de mal 40S. lang) Büch­lein von Tim Kel­ler. So wie ich ver­ste­he han­delt es sich dabei um eine Pre­digt über den Text „1. Kor. 3,21−4.7): Pau­lus setzt sich mit dem Hoch­mut der Korin­ther aus­ein­an­der. Kel­ler gelingt an die­ser Stel­le wie so oft, die­sen Text in unse­re Zeit zu holen. Soll­te man jetzt viel von sich hal­ten um nicht an Min­der­wer­tig­keits­kom­ple­xen und den Urtei­len ande­ren zu lei­den? Doch was macht man dann mit sei­nem eige­nen täg­lich ankla­gen­den Urteil, dass „man nicht genü­ge“. Besteht die Lösung dann viel­leicht doch dar­in, dass man wenig und gering von sich denkt, die Schran­ke also nied­rig hält. Aber wer lässt sich mit gerin­gen Zie­len zufrie­den­stel­len? Täg­lich besitzt man den Ein­druck als wür­de man wie­der in den Gerichts­saal der Selbst­be­wer­tung hin­ein­ge­zo­gen (S. 38). Kel­ler schreibt: „Alles, was ich dazu sagen kann, ist: Wir müs­sen das Evan­ge­li­um immer wie­der neu erle­ben: mit jedem Gebet, mit jedem Got­tes­dienst. Wir müs­sen es immer wie­der neu durch­buch­sta­bie­ren und uns fra­gen: Was tue ich im Gerichts­saal? Ich soll­te nicht hier sein. Die Ver­hand­lung ist ver­tagt — Wir kön­nen mit Pau­lus nach­spre­chen: „Was ihr denkt, ist mir egal, und was ich den­ke, ist mir auch egal, Nicht egal ist mir, was Gott denkt.“ Und das hat er uns gesagt: „Wer mit Jesus Chris­tus ver­bun­den ist, wird nicht mehr ver­ur­teilt (…) Leben wir von die­sem Urteil. (S.39)“

Kel­ler weist dar­auf hin: Wir dre­hen uns zu viel um uns selbst. Durch­ge­hend arbei­ten wir an unse­rem Lebens­lauf und las­sen uns von unse­ren eige­nen Zie­len het­zen: „Viel­leicht gibt es uns Sicher­heit, wenn wir uns Eti­ket­ten auf­kle­ben: „guter Mensch“, „frei­er Mensch“, „reli­giö­ser Mensch“, „mora­li­scher Mensch“. Egal, wie sie lau­ten, es gilt immer das­sel­be: Das Urteil beruht auf dem, was wir dar­stel­len. (S. 36)“

Das ist der Lebens­stil von Pau­lus. Einer­seits ist er enorm cha­rak­ter­stark, hat­te unge­heu­ren Ein­fluss, unglaub­lich viel Selbst­ver­trau­en. Er pack­te die Din­ge an und nichts konn­te ihn ent­mu­ti­gen. Und doch sagt er im ers­ten Timo­theus­brief (1,15): „Jesus Chris­tus ist auf die­se Welt gekom­men, um uns gott­lo­se Men­schen zu ret­ten. Ich selbst bin der Schlimms­te von ihnen“. (…) Das passt nicht in unser Kon­zept. Wir sind es nicht gewohnt, dass ein Mensch mit unglaub­lich gro­ßem Selbst­ver­trau­en von sich sagt, er sei einer der Schlimms­ten. (S.26)“

Es geht um ein ver­än­der­tes Selbst­be­wusst­sein, um eine ver­än­der­te Sicht auf sich selbst. „Das ist Neu­land. Dies ist Demut im Sinn des Evan­ge­li­ums, das Glück der Selbst-Losig­keit. Nicht, wie in moder­nen Gesell­schaf­ten, höher von mir den­ken, oder, wie in tra­di­tio­nel­len Gesell­schaf­ten, gerin­ger. Ein­fach weni­ger an mich den­ken. (S.32)“

Per­fek­te Lese­lek­tü­re für Ego­is­ten, Per­fek­tio­nis­ten, Ver­zwei­fel­te, Ver­bit­ter­te und sons­tig unglück­lich in sich ver­krampf­te Men­schen.

Für 4,99EUR bei SCM erhält­lich.

 

1 Kommentare

  1. Sie haben einen inter­es­san­ten Blog. Ich hof­fe, dass es Ihnen trotz der aktu­el­len Kri­se gut geht.

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