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Eine komplexe und vielfältige Geschichte

Je mehr ich mich mit dem Buch Rich­ter befas­se, des­to mehr stau­ne ich über die lite­ra­ri­sche Kom­ple­xi­tät die­ses Genie­streichs hebräi­scher Geschichts­schrei­bung. Ein Hin­weis von A.E. Cund­all, den ich mit euch tei­len möch­te: „Wir soll­ten dar­auf ach­ten, dass wir nicht auf leicht­fer­ti­ge Wei­se unse­re west­li­chen Beob­­ach­­tungs- und Ana­­ly­­se-Metho­­den in das Stu­di­um anti­ker Nah­öst­li­cher Doku­men­te impor­tie­ren. Zum Bei­spiel wer­den im Buch Rich­ter nicht weni­ger als fünf Grün­de dafür ange­ge­ben, war­um Isra­el dar­an schei­tert, das Land Kana­an ein­zu­neh­men. Es lag an den über­le­ge­nen Waf­fen und Befes­ti­gungs­an­la­gen der Kanaa­ni­ter (1,19), es lag an Isra­els Nei­gung, mit den Ein­woh­nern des Lan­des Bünd­nis­se zu schlie­ßen (2,1−5). Ein Grund lag in der Sün­de Isra­els und der not­wen­di­gen Bestra­fung dafür (2,20−21). Auch woll­te Gott Isra­els Treue tes­ten (2,22−23; 3,4). Schließ­lich soll­te Isra­el auch Kriegs­tech­nik erler­nen. (3,1−3). Anzu­neh­men, dass hier­in eine Inkon­sis­tenz vor­liegt, wür­de bedeu­ten, dass man den grund­le­gen­den hebräi­schen Ent­wurf des Lebens ver­wirft, der ein hoch ent­wi­ckel­tes Kon­zept der Sou­ve­r­än­ti­tät Got­tes besaß. Isra­el ver­sag­te bei der Erobe­rung aus sehr kla­ren Grün­den und so blie­ben die ursprüng­li­chen Eiw­n­oh­ner im Land, doch Gott „über­steu­er­te“ selbst …

Right in Their Own Eyes

Mit Freu­den habe ich Geor­ge Schwabs muti­gen Kom­men­tar über das Buch der Rich­ter gele­sen. Der Kom­men­tar besitzt eine span­nen­de Eröff­nung über Sim­son: Wie­so befällt der Geist Got­tes Sim­son gera­de dann, als er gegen ein Löwen­jun­ges kämpft. Wenn man bedenkt wie sel­ten im Alten Tes­ta­ment der Geist Got­tes auf Men­schen fällt, fin­det hier etwas außer­ge­wöhn­li­ches statt und ist dabei doch so tri­vi­al. Schwab öff­ne­te mir die Augen für die Kom­pe­xi­tät und die Kunst­fer­tig­keit des Buches Rich­ters. Der Autor berich­tet zuver­läs­si­ge Geschich­te, aber er berich­tet sie nicht so, wie wir das als West­ler gewöhnt sind. So ist die Chro­no­lo­gie der Ereig­nis­se unwe­sent­lich, wäh­rend die Rich­ter selbst nach den Stäm­men (12 an der Zahl, von jedem Stamm einer), und dann auch eher geo­gra­phisch sor­tiert, bespro­chen wer­den. Den vor allem unge­wöhn­li­chen und pro­ble­ma­ti­schen Kan­di­da­ten gilt dabei der beson­de­re Augen­merk. Dass es mehr als unna­tür­lich ist, dass Bie­nen in einem toten Kada­ver leben ist nur ein Hin­weis dar­auf, dass das Volk Got­tes im Land wo Honig fließt, umge­ben von toten Hei­den­völ­kern lebt. 

„Jeder tat, was ihn recht dünkte“

Da man der­zeit auch Kin­der­stun­de von zu Hau­se machen muss, habe ich mir über­legt, die Lek­tio­nen aus dem Buch Rich­ter mit den Kin­dern zu bespre­chen. Ich bin dar­über gestol­pert, da das Buch Rich­ter ein­fach als his­to­ri­sche Tat­sa­che wahr­ge­nom­men wird. Geist­li­che Lek­ti­on?- zumeist Fehl­an­zei­ge! Oder mal eine Pre­digt außer­halb der übli­chen Zyklen Gide­on und Sim­son gehört? Eine Ursa­che dürf­te unse­re mora­lis­ti­sche Les­art sein: Die meis­ten Rich­ter tau­gen höchs­tens als nega­ti­ves Bei­spiel. Der Ansatz von Kel­ler ist eine Wohl­tat. Rich­ter ist hoch­ak­tu­ell für unse­re Zeit: „Trotz der Lücke von mehr als drei Tau­send Jah­ren, gibt es vie­le Par­al­le­len zwi­schen unse­rer Situa­ti­on und der Zeit des Buches der Rich­ter (…) Es war eine Zeit des geist­li­chen Plu­ra­lis­mus“.  Eine düs­te­re Geschich­te — wo blei­ben da die Hel­den? Das Buch der Rich­ter erzählt das Evan­ge­li­um, die Bibel ist kein „Buch der Wer­te“: „Sie ist nicht voll inspi­rie­ren­der Erzäh­lun­gen. War­um? Weil die Bibel (im Gegen­satz zu den Büchern auf die sich ande­re Reli­gio­nen beru­fen) nicht dar­über han­delt, wie man mora­li­schen Bei­spie­len nach­folgt. Sie han­delt über einen Gott der Gna­de und Lang­mut, der fortschreitend …