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Ein Gedicht von Kurt Tucholsky
Augen in der Großstadt

Seit vor einigen Tagen die Maskenpflicht in einem Großteil der Innenräume gefallen ist, habe ich mich  wiederholt gefragt, wie ich das so einfach zulassen konnte, mit so einer Übermenge an irren und unmenschlichen Maßnahmen mitzumachen. Ich beobachte, wie ich gierig die Gesichter meines Gegenüber lesen will und wie sehr mir das die letzten zwei Jahre gefehlt hat. – Gefehlt hat? Ist es nicht ein Stückweit die anonyme Individualität der Verstädterung die in der Gesichtsvermummung vollendet wird? Ich auf jeden Fall, entdecke die Freiheit aufs Neue, auch dem hässlichen, unangenehmen, böse drein blickenden Bürger frisch entgegenzublicken und zu rufen: „Grüß Gott“, „Das Leben ist schön“, „Hallo“, „Jesus lebt“ oder was auch immer. Wie sehr hat mir das gefehlt! Ein Grund Freiheit radikal neu zu entdecken! Das wiederum erinnert mich besonders an das Gedicht „Augen in der Großstadt“. Unter den vielen prägnanten und ausdrucksvollen Gedichten und Prosatexten Tucholskys (eine gute Auswahl findet sich hier), passt das heute besonders gut.. Kurt Tucholsky, der die Katastrophe des Nationalsozialismus nahezu prophetisch bevorsah, überlebte seine Enttäuschung am Untergang seines Vaterlandes nicht, …