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„Es gibt zahlreiche Probleme mit der zeitgenössischen Literatur“

Im Gespräch mit Leland Ryken

Leland Ryken ist Pro­fes­sor Emi­ri­tus am Whea­ton Col­le­ge. Er ist Exper­te für Mil­ton, Puri­ta­ner und bri­ti­sche Lite­ra­tur. Er ist Autor zahl­rei­cher Wer­ke über das Stu­di­um klas­si­scher Lite­ra­tur aus christ­li­cher Per­spek­ti­ve und arbei­te­te an der Eng­lish Stan­dard Ver­si­on, einer eng­li­schen Bibel­über­set­zung mit. Bekannt ist er zudem als Lieb­ha­ber von Lewis, wie auch als Bio­graph von J.I.Packer. Pro­fes­sor Ryken hat sich freund­li­cher­wei­se bereit erklärt, unse­re Fra­gen aus­führ­lich zu beant­wor­ten.

  1. Wann begann Ihre Lei­den­schaft für Lite­ra­tur?

Mei­ne Lei­den­schaft für Lite­ra­tur begann in der Kind­heit. Ich kom­me aus einer sehr ein­fa­chen Bau­ern­fa­mi­lie mit nie­der­län­di­schem Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Kei­ner mei­ner Eltern hat die Grund­schu­le been­den kön­nen, weil sie auf dem Hof arbei­ten muss­ten. In mei­nen ers­ten Lebens­jah­ren waren Fern­se­her noch nicht üblich. Lesen war das ein­zi­ge Ver­gnü­gen und mei­ne Eltern und mei­ne älte­re Schwes­ter waren lei­den­schaft­li­che Leser, so dass ich ein­fach ihrem Bei­spiel folg­te. Bezüg­lich mei­ner nun fünf­zig­jäh­ri­gen Lauf­bahn als Lite­ra­turdo­zent wur­de ich ein­fach in die­se Rich­tung gezo­gen, weil mei­ne Schwes­ter geplant hat, Eng­lisch­leh­re­rin an einer High School zu wer­den. Ich kann mich nicht erin­nern, mich bewusst für eine Beru­fung ent­schie­den zu haben; es ent­wi­ckel­te sich ein­fach so, wie die gött­li­che Vor­se­hung mein Leben gestal­te­te.

  1. Wie kann ein Christ von Lite­ra­tur pro­fi­tie­ren?

Ich unter­tei­le die­ses The­ma übli­cher­wei­se in drei Tei­le, basie­rend auf der drei­fa­chen Auf­ga­be eines Schrift­stel­lers. Die ers­te Auf­ga­be ist die Auf­zeich­nung oder Dar­stel­lung mensch­li­cher Erfah­rung. Das The­ma der Lite­ra­tur ist mensch­li­che Erfah­rung und die Wahr­heit, die Lite­ra­tur auf die­ser Ebe­ne ver­mit­telt, ist Lebens­wirk­lich­keit. Lite­ra­tur als Gan­zes ist das Zeug­nis der Mensch­heit über ihre eige­ne Erfah­rung. Ein prak­ti­scher Vor­teil, Lite­ra­tur zu lesen, ist, dass wir dazu geführt wer­den, mensch­li­che Erfah­rung zu betrach­ten. Wäh­rend wir die­se Erfah­rung auf die­se Wei­se betrach­ten, fan­gen wir an, sie kla­rer zu erken­nen. Ich bezeich­ne es als Wis­sen in Form von rich­ti­gem Erken­nen.

Zwei­tens zeich­nen Schrift­stel­ler mensch­li­che Erfah­rung nicht nur auf, son­dern bie­ten auch Inter­pre­ta­tio­nen der­sel­ben an. Das Ergeb­nis ist, dass Lite­ra­tur Ide­en oder The­men plas­tisch wer­den lässt. Die­se Ide­en kön­nen ent­we­der rich­tig oder falsch sein, somit müs­sen wir uns mit den Wahr­heits­an­sprü­chen in einem Lite­ra­tur­werk aus­ein­an­der­set­zen. Selbst wenn ein bestimm­tes lite­ra­ri­sches Werk der Wahr­heit, wie sie der christ­li­che Glau­be ver­tritt, nicht gerecht wird, ist der Pro­zess der Abwä­gung des Wahr­heits­an­spruchs eines Wer­kes selbst ein Antrieb für unser eige­nes Nach­den­ken über die Ide­en, die uns vor­ge­legt wer­den.

Die drit­te Auf­ga­be des Autors ist die Erschaf­fung von lite­ra­ri­scher Form, Schön­heit und Tech­nik zu unse­rer Freu­de und Bewun­de­rung zu kre­ieren. Gott will, dass wir Schön­heit in unse­rem Leben haben. Wir müs­sen gute Ver­wal­ter sowohl unse­rer Frei­zeit als auch unse­rer Arbeit sein.  Die Frei­zeit kann eine Wachs­tums­zeit für den mensch­li­chen Geist sein und das Lesen von Lite­ra­tur bie­tet dafür gute Mög­lich­kei­ten.

  1. Sie sind in beson­de­rer Wei­se von den Puri­ta­nern ein­ge­nom­men. War­um?

Ich wur­de durch mei­ne lite­ra­ri­sche Lauf­bahn zu einem Ken­ner der Puri­ta­ner. Mein Spe­zi­al­ge­biet in mei­nem Beruf als Lite­ra­tur­pro­fes­sor ist die Lyrik von John Mil­ton, dem Autor des Epos „Para­di­se Lost“. Mil­ton war Puri­ta­ner. Damit war der Grund­stein für mei­ne schrift­stel­le­ri­sche Kar­rie­re gelegt. Eine Ver­öf­fent­li­chung über die Puri­ta­ner führ­te zur nächs­ten. Dann ver­an­lass­te mich Gott, in gro­ßen Dimen­sio­nen zu den­ken und so schrieb ich ein gan­zes Buch über die Puri­ta­ner.  Es wur­de unter dem Titel World­ly Saints: The Puri­tans as They Real­ly Were[1] ver­öf­fent­licht. Als sich der Kreis schloss, wand­te ich mein Wis­sen über die Puri­ta­ner wie­der auf Mil­ton an und wur­de zu einem Spe­zia­lis­ten der puri­ta­ni­schen Aspek­te sei­ner Poe­sie, ins­be­son­de­re der Sonet­te.

  1. Wie haben Sie von C.S. Lewis pro­fi­tiert?

A Reader's Guide to Caspian: A Journey into C. S. Lewis's Narnia (English Edition) von [Leland Ryken, Marjorie Lamp Mead]Ich möch­te mei­ne Ant­wort mit der Bemer­kung ein­lei­ten, dass ich bei der Zusam­men­stel­lung der Ver­zeich­nis­se mei­ner Bücher über Lite­ra­tur aus christ­li­cher Per­spek­ti­ve fest­stel­le, dass es für C. S. Lewis mehr Ein­trä­ge gibt als für jeden ande­ren Autor.  Manch­mal, wenn ich vor einer Klas­se ste­he und im Begriff bin, C. S. Lewis zu zitie­ren, fra­ge ich: „Wer sag­te das?“. Die Stan­dard­ant­wort lau­tet dann: „C. S. Lewis“.  C. S. Lewis hat ein­fach so vie­le gute Din­ge über Lite­ra­tur und das christ­li­che Leben gesagt und er hat sie so gut gesagt, dass es nur natür­lich ist, sich stän­dig auf ihn zu beru­fen.  Es war in mei­nem Leben eine Fügung der Vor­se­hung, dass mir genau die rich­ti­gen Lewis-Bücher und ‑Essays genau zur rich­ti­gen Zeit vor­la­gen.

  1. Sie haben eine Bio­gra­phie über J.I. Packer geschrie­ben. (1) War­um haben Sie gera­de ihn gewählt? (2) Was kann die heu­ti­ge Kir­che von ihm ler­nen?

Die Ant­wort auf Ihre zwei­te Fra­ge, was Chris­ten von Packer ler­nen kön­nen, ist die glei­che wie die, die ich gera­de über C. S. Lewis gesagt habe, näm­lich, dass er in vie­len christ­li­chen Fra­gen das Rich­ti­ge gesagt hat und zwar mit unge­wöhn­li­cher Klar­heit.

Mei­ne ers­te Begeg­nung mit J. I. Packer kam zustan­de, als ich als Teen­ager in einen christ­li­chen Buch­la­den in mei­ner Hei­mat­stadt ging (ich leb­te tat­säch­lich auf einem Bau­ern­hof fünf Mei­len von der Stadt ent­fernt) und durch Got­tes Vor­se­hung ver­an­lasst wur­de, ein Taschen­buch­ex­em­plar von dem zu kau­fen, was, wie ich spä­ter erfuhr, Packers ers­tes ver­öf­fent­lich­tes Buch war.  Es trug den Titel Fun­da­men­ta­lism and the Word of God[2]. Bis zum heu­ti­gen Tag hal­te ich es für eines der fünf ein­fluss­reichs­ten Bücher in mei­nem Leben. Jah­re spä­ter, als ich mit mei­nem Buch über die Puri­ta­ner zum Abschluss kam, schrieb The ESV and the English Bible Legacy (English Edition) von [Leland Ryken]ich an Packer und bat ihn, ein Vor­wort dafür zu schrei­ben.  Zu mei­nem Erstau­nen stimm­te er zu. Viel spä­ter arbei­te­te ich mit Packer im Über­set­zungs­ko­mi­tee der Eng­lisch Stan­dard Ver­si­on (ESV) mit. Als ich mit Packer zwei Tage damit ver­brach­te, die Noti­zen durch­zu­ge­hen, die er zur Manu­skript­ver­si­on mei­ner Bio­gra­fie über ihn geschrie­ben hat­te, kann­te ich ihn bereits per­sön­lich und durch sei­ne Schrif­ten.

  1. Was ist in Ihren Augen der Haupt­man­gel zeit­ge­nös­si­scher Lite­ra­tur?

Es gibt zahl­rei­che Pro­ble­me mit der zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur. Vie­les davon ist zu ver­wir­rend, als dass sie gelin­gen könn­te. Gleich­zei­tig ist vie­les davon pro­pa­gan­dis­tisch und erman­gelt an künst­le­ri­schem Kön­nen. Fast alle gegen­wär­ti­ge Lite­ra­tur ist ein anhal­ten­der Angriff auf die christ­li­che Moral und den christ­li­chen Glau­ben. Wenn wir Fil­me, visu­el­le Medi­en und die Kate­go­rie der Pop­kul­tur dar­un­ter ein­schlie­ßen, wer­de ich nicht zögern zu sagen, dass ich die meis­ten gegen­wär­ti­gen Wer­ke für bil­lig und geschmack­los hal­te.

  1. War­um gibt es heut­zu­ta­ge so wenig krea­ti­ve Lite­ra­tur von Evan­ge­li­ka­len?

Es gibt kei­nen Man­gel an Lite­ra­tur, die von Evan­ge­li­ka­len ver­fasst wird, aber die Ver­lags­land­schaft ist so breit gefä­chert und viel­fäl­tig, dass es für ein­zel­ne Wer­ke schwie­rig ist, eine Posi­ti­on der Sicht­bar­keit und Akzep­tanz zu errei­chen. Es ist auch wahr, dass wenig aktu­el­le christ­li­che Lite­ra­tur mit den gro­ßen Wer­ken der Ver­gan­gen­heit mit­hal­ten kann. Das ist ein guter Anlass, Lite­ra­tur der Ver­gan­gen­heit nach Her­zens­lust zu lesen.


Down­load der Ant­wor­ten im Eng­li­schen.

[1] Zu deutsch etwa: Welt­li­che Hei­li­ge – Wie die Puri­ta­ner wirk­lich waren.

[2] Zu deut­sche etwa: Fun­da­men­ta­lis­mus und das Wort Got­tes

2 Kommentare

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  2. Sergej Pauli sagt

    ja das wäre tat­säch­lich eine wei­te­re Mög­lich­keit. Hof­fent­lich war das so.

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