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Russisch-Orthodoxe Seelsorge bei Starez Sossima
Aus die Brüder Karamasow von F.M. Dostojewski

„Die Brü­der Kara­ma­sow“ ist ein Meis­ter­werk in unter­schied­lichs­ter Hin­sicht. Viel­leicht ergibt sich auf die­sem Blog einst die Mög­lich­keit zu einer aus­führ­li­chen Bespre­chung die­ses letz­ten Romans von F.M. Dostojewski.

Im Zwei­ten Kapi­tel des zwei­ten Buches des Ers­ten Teils die­ses umfang­rei­chen Wer­kes (mein rus­si­sches Hör­buch ist über 45h lang) kön­nen wir Sta­rez Sossi­ma (Ein Sta­rez ist so etwas wie eine Art „Über-Abt“ eines ortho­do­xen Klos­ters) bei Gesprä­chen mit unter­schied­li­chen Rat­su­chen­den beob­ach­ten. Ich fin­de in sei­nen Ant­wor­ten viel Weis­heit, auch wenn man man­ches „ins Evan­ge­li­sche“ über­set­zen soll­te. Aus dem hal­ben Dut­zend Gesprä­chen (hier ab S. 34) habe ich drei ausgesucht.

Die Sze­nen sind in sich abge­schlos­sen, und bis auf eine haben sie auch kei­ne wei­te­re Bedeu­tung für den Ver­lauf des Romans, kön­nen also in sich gele­sen wer­den. Ich habe sehr aus­führ­li­che Zita­te gewählt, um auch die gezeich­ne­ten Rah­men­be­din­gun­gen aufzuzeigen:

Kann schwere Sünde vergeben werden?

Beach­tet das Fein­ge­fühl, mit dem der Sta­rez das Pri­va­te pri­vat sein lässt aber vor allem den Hin­weis auf das Evan­ge­li­um am Schluss. In Dos­to­jew­skis Bei­spie­len fin­det sich zudem immer ein Zusam­men­hang zwi­schen kör­per­li­chem und see­li­schem Leid.

„Der Sta­rez hat­te in der Men­ge bereits die glü­hen­den Augen einer abge­zehr­ten, offen­bar schwind­süch­ti­gen jun­gen Bäue­rin bemerkt. Schwei­gend sah sie ihn an, ihre Augen baten um etwas,aber sie schien sich zu fürch­ten, näher zu kommen.
»Was führt dich her, mei­ne Liebe?«

»Erlö­se mei­ne See­le, Vater!« sag­te sie lei­se und lang­sam, fiel auf die Knie und beug­te sich bis zu sei­nen Füßen. »Ich habe gesün­digt, Vater. Ich fürch­te mich wegen der Sünde.«

Der Sta­rez setz­te sich auf die unters­te Stu­fe, und die Frau näher­te sich ihm, ohne sich von den Knien zu erheben.

»Ich bin das drit­te Jahr Wit­we«, begann sie fast flüs­ternd und schien dabei am gan­zen Kör­per zu zit­tern. »Ich hat­te es schwer in der Ehe, er war alt und schlug mich. Dann lag er krank, ich sah ihn an und dach­te: Wenn er nun wie­der gesund wird und auf­steht, was dann? Und da kam mir die­ser Gedanke …«

»War­te!« sag­te der Sta­rez und brach­te sein Ohr ganz dicht an ihre Lip­pen. Die Frau sprach flüs­ternd wei­ter, so daß die ande­ren kaum ein Wort auf­fan­gen konn­ten. Sie war bald fertig.

»Das drit­te Jahr?« frag­te der Starez.

Ja, das drit­te. In der ers­ten Zeit dach­te ich nicht dar­an; doch dann wur­de ich krank und krän­ker und ver­lor mei­ne Ruhe.«
»Kommst du von weit her?«

»Fünf­hun­dert Werst.«

»Hast du es in der Beich­te gesagt?«

»Ja, ich habe es gesagt. Zwei­mal habe ich es gesagt.«

»Hat man dich zum Abend­mahl zugelassen?«

»Ja, man hat mich zuge­las­sen. Aber ich habe Angst. Ich fürch­te mich vor dem Tod.«

»Fürch­te dich vor nichts und fürch­te dich nie­mals, beun­ru­hi­ge dich nicht! Wenn die Reue in dei­nem Her­zen nicht schwä­cher wird, so wird Gott dir ver­zei­hen. Auf der gan­zen Erde ist kei­ne Sün­de, die Gott einem, der auf­rich­tig bereut, nicht ver­gibt. Der Mensch kann auch gar kei­ne so gro­ße Sün­de bege­hen, daß die unend­li­che Lie­be Got­tes durch sie erschöpft wür­de. Oder kann es eine so gro­ße Sün­de geben, daß sie über Got­tes Lie­be hin­aus­geht? Sor­ge nur, daß du bereust, ohne Unter­laß. Und ver­trei­be die Furcht! Glau­be, daß Gott dich unaus­denk­bar liebt, trotz dei­ner Sün­de und in dei­ner Sün­de. Steht doch schon in der Schrift, daß über einen Sün­der, der Buße tut, im Him­mel mehr Freu­de ist als über zehn Gerech­te. Gehe hin und fürch­te dich nicht mehr! Sei nicht erbit­tert wider die Men­schen und zür­ne nicht wegen erlit­te­ner Krän­kung! Ver­gib von gan­zem Her­zen dem Ver­stor­be­nen, was er dir Lei­des ange­tan hat, und ver­söh­ne dich mit ihm auf­rich­tig. Wenn du bereust, so liebst du auch. Liebst du aber, so gehörst du schon Gott. Durch Lie­be wird alles gut­ge­macht, alles geret­tet. Wenn ich, ein sün­di­ger Mensch wie du, schon über dich gerührt bin und Mit­leid emp­fin­de, um wie­viel mehr dann erst Gott? Die Lie­be ist ein uner­meß­li­cher Schatz, für den man die gan­ze Welt kau­fen kann. Nicht nur sei­ne eige­nen, auch frem­de Sün­den kann man damit los­kau­fen. Gehe hin und fürch­te dich nicht!«

Untröstlicher Kummer

Eine Dame klagt dem Sta­rez ihr Leid, dass nun auch ihr vier­tes Kind früh ver­stor­ben ist und nun kei­ne Kraft mehr zum Wei­ter­le­ben ist. Dabei wird schnell deut­lich, dass der Sohn nun im Him­mel ist, hilft der Frau nicht wei­ter. Auch wenn eini­ge theo­lo­gi­sche Begrün­dun­gen des Sta­rez unevan­ge­lisch sind, fand ich es stark, wie der Sta­rez die­se Frau ermu­tigt, die Umge­bung, ihre Arbeit, die Unter­stüt­zung ihres Man­nes posi­tiv zu sehen. Doch, das heißt auch recht kla­gen, „Lass dich nicht trös­ten, wei­ne nur“ sagt der Sta­rez. Zum Leben zurück­zu­fin­den bedeu­tet aber auch,dass er die Lei­den­de ermu­tigt eine schein­bar from­me Tat, eine Wahl­fahrt zu beenden: 

»Wir sind aus der Stadt, Vater, aus der Stadt; wir stam­men vom Land, aber wir sind jetzt Städ­ter, woh­nen in der Stadt. Um dich zu sehen, bin ich gekom­men, Vater. Wir haben von dir gehört, Vater, wir haben von dir gehört. Mein klei­nes Söhn­chen habe ich begra­ben, und da bin ich gegan­gen, zu Gott zu beten. In drei Klös­tern bin ich gewe­sen, und nun haben mir die Leu­te gera­ten: Geh auch noch dort­hin, Nastas­jusch­ka! Das heißt, zu Ihnen, Täub­chen, zu Ihnen. Da bin ich also her­ge­kom­men. Ges­tern war ich im Nacht­got­tes­dienst, und heu­te bin ich zu Ihnen gekommen.«

»Wor­über weinst du denn?«

»Um mein Söhn­chen grä­me ich mich, Väter­chen. Bei­na­he drei Jah­re war es alt, es fehl­ten nur drei Mona­te. Um mein Söhn­chen quä­le ich mich, Vater, um mein Söhn­chen. Er war der letz­te Sohn, der mir geblie­ben war. Vier hat­ten wir, Niki­tusch­ka und ich. Aber die Kin­der­chen blei­ben nicht bei uns. Teu­ers­ter, sie blei­ben nicht. Die drei ers­ten habe ich begra­ben und mich nicht all­zu­sehr gegrämt, den letz­ten aber kann ich nicht ver­ges­sen. Er steht immer vor mir und weicht nicht. Er hat mir die See­le aus­ge­so­gen. Ich sehe sei­ne Wäsche an, sei­ne Hemd­chen oder sei­ne Stie­fel­chen und heu­le. Ich lege alles vor mich hin, was von ihm übrig­ge­blie­ben ist; jedes Stück, das ihm gehört hat, sehe ich an und
heu­le. Ich habe zu Niki­tusch­ka, mei­nem Mann, gesagt: ›Laß mich fort, lie­ber Mann, laß mich wall­fahr­ten gehen!‹ Er ist Drosch­ken­kut­scher, wir sind nicht arm, wir betrei­ben das Fuhr­ge­schäft selb­stän­dig, alles gehört uns, die Pfer­de und der Wagen. Aber was haben wir jetzt von unse­rem Hab und Gut? Er hat in mei­ner Abwe­sen­heit sicher ange­fan­gen zu trin­ken, mein Niki­tusch­ka, ganz sicher, das war auch frü­her schon so, kaum wand­te ich den Rücken, wur­de er schwach. Aber jetzt den­ke ich gar nicht an ihn. Jetzt bin ich schon drei Mona­te von Hau­se fort. Ich habe alles ver­ges­sen, alles ver­ges­sen und mag mich nicht erin­nern; was soll­te ich jetzt auch bei ihm? Ich habe mit ihm abge­schlos­sen, ganz und gar abge­schlos­sen, mit allen Men­schen habe ich abge­schlos­sen. Und ich möch­te jetzt mein Haus und mein Hab und Gut nicht sehen, am liebs­ten möch­te ich jetzt über­haupt nichts sehen!«

»Hör zu, Mut­ter!« sag­te der Sta­rez. »In alten Zei­ten sah ein­mal ein gro­ßer Hei­li­ger im Got­tes­haus so eine Mut­ter wie dich, die wein­te auch um ihr ein­zi­ges Kind, das Gott zu sich geru­fen hat­te. ›Weißt du denn nicht‹, sag­te der Hei­li­ge ›wie keck die­se Kind­lein vor Got­tes Thron sind? Nie­mand ist kecker als sie im Him­mel­reich. Du hast uns das Leben geschenkt, Herr, sagen sie zu Gott, aber kaum hat­ten wir es erschaut, hast du es uns schon wie­der genom­men! Und dann bit­ten und fle­hen sie so keck, daß ihnen der Herr ohne Ver­zug den Rang von Engeln ver­leiht. Und dar­um‹, sag­te der Hei­li­ge, ›freue auch du dich, Weib, und wei­ne nicht; denn auch dein Kind­lein ist jetzt beim Herrn in der Schar der Engel.‹So sprach in alten Zei­ten der Hei­li­ge zu der wei­nen­den Frau. Er war ein gro­ßer Hei­li­ger und konn­te unmög­lich die Unwahr­heit sagen. Daher wis­se auch du, Mut­ter, daß dein Kind­lein jetzt froh und hei­ter vor Got­tes Thron steht und für dich betet. Und dar­um wei­ne nicht, son­dern freue dich!«

Das Weib hör­te ihn an mit gesenk­tem Kopf, die eine Wan­ge in die Hand gestützt. Sie seufz­te tief: »Genau­so hat mich Niki­tusch­ka getrös­tet; Wort für Wort wie du hat er gesagt: ›Du Unver­nünf­ti­ge, was weinst du? Unser Söhn­chen singt jetzt bei Gott dem Herrn zusam­men mit den Engeln.‹ Das sag­te er zu mir, aber er selbst weint, das sehe ich, er weint genau­so wie ich. ›Das weiß ich‹, sage ich,›Nikituschka. Wo soll­te er denn auch anders sein als bei Gott dem Herrn? Nur hier, hier bei uns ist er jetzt nicht, Niki­tusch­ka, hier neben uns, wo er frü­her saß!‹ Ach, wenn ich ihn doch nur ein ein­zi­ges Mal, nur einen ein­zi­gen Augen­blick wie­der sehen könn­te! Ich wür­de nicht zu ihm hin­ge­hen, wür­de kein Wort sagen, in einer Ecke wür­de ich mich ver­ste­cken. Nur ein ein­zi­ges Augen­blick­chen möch­te ich ihn sehen und hören, wie er auf dem Hof spielt und wie er dann gelau­fen kommt und mit sei­nem klei­nen Stimm­chen ruft: ›Müt­ter­chen, wo bist du?‹ Wenn ich nur ein ein­zi­ges Mal hören könn­te, wie er mit sei­nen Füßen tapp tapp durchs Zim­mer läuft, nur ein ein­zi­ges Mal! So schnell, so schnell kam er manch­mal zu mir gelau­fen und schrie und lach­te! Wenn ich doch nur sei­ne Füß­chen hören könn­te, ich wür­de sie gleich erken­nen! Aber er lebt nicht mehr, Väter­chen, ich wer­de ihn nie wie­der hören. Hier, das ist ein Gür­tel­chen, aber er selbst ist nicht mehr, ich wer­de ihn nie wie­der sehen und hören!«

Sie zog aus ihrem Busen ein klei­nes gestick­tes Gür­tel­chen, doch kaum hat­te sie einen Blick dar­auf gewor­fen, begann sie krampf­haft zu schluch­zen, sie bedeck­te die Augen mit den Fin­gern und konn­te die Trä­nen nicht halten.
»Das ist das alte Wort«, sag­te der Sta­rez, »Rahel beweint ihre Kin­der und will sich nicht trös­ten las­sen; denn es ist aus mit ihnen. Das ist nun ein­mal das Los, das euch Müt­tern auf­er­legt ist. Laß dich nicht trös­ten, du brauchst dich nicht trös­ten zu las­sen. Laß dich nicht trös­ten und wei­ne, nur erin­ne­re dich jedes­mal, wenn du weinst, daß dein Söhn­chen einer der Engel Got­tes ist und von dort auf dich her­ab­schaut, dich sieht, sich dei­ner Trä­nen freut und sie Gott dem Herrn zeigt. Noch lan­ge wird dir die­ses gro­ße müt­ter­li­che Wei­nen beschie­den sein; zuletzt aber wird es sich in eine stil­le Freu­de ver­wan­deln, und dei­ne bit­te­ren Trä­nen wer­den nur noch Trä­nen stil­ler Rüh­rung und der Läu­te­rung des Her­zens sein, die dich vor Sün­den bewahrt. Dei­nes Soh­nes aber wer­de ich in mei­nem Gebet geden­ken, ich will für die Ruhe sei­ner See­le beten. Wie hieß er denn?«

»Ale­xej, Väterchen.«

»Ein lie­ber Name. Nach Ale­xej, dem Gottesmann?«

»Ja, Väter­chen, nach Ale­xej, dem Gottesmann.«

»Das ist ein gro­ßer Hei­li­ger! Ich wer­de dei­nes Soh­nes in mei­nem Gebet geden­ken, Mut­ter, und dei­ner Trau­er wer­de ich geden­ke, und dei­nes Man­nes, daß er gesund blei­ben möge. Aber daß du ihn ver­läßt, ist eine Sün­de. Geh zu dei­nem Mann und behü­te ihn! Sonst wird dein Sohn von dort sehen, daß du sei­nen Vater ver­las­sen hast, und er wird über euch wei­nen. War­um willst du sei­ne Selig­keit stö­ren? Er lebt ja, er lebt; denn die See­le lebt ewig. Wenn er auch leib­lich nicht mehr im Hau­se weilt, ist er doch unsicht­bar um euch. Aber wie wird er ins Haus kom­men, wenn du sprichst, dir sei dein Haus ver­haßt gewor­den? Zu wem wird er kom­men, wenn er den Vater und die Mut­ter nicht zusam­men fin­det? Sieh, jetzt träumst du von ihm und quälst dich im Traum; dann aber wird er dir sanf­te Träu­me sen­den. Geh zurück zu dei­nem Mann, Mut­ter! Gleich heu­te geh zu ihm!«

»Ich wer­de zu ihm gehen, du mein Bes­ter, auf dein Wort hin wer­de ich zu ihm gehen. Du hast mein Herz ergrün­det. Niki­tusch­ka, du mein Niki­tusch­ka, du war­test ja auf mich, du war­test auf mich!« rede­te die Frau vor sich hin; doch der Sta­rez hat­te sich schon zu einer alten Frau gewandt…“

Über Kleinglaube und Nächstenliebe

Nun ein län­ge­rer Aus­zug, der nur in die­ser Län­ge sei­ne Kraft ent­fal­tet. Der Sta­rez ent­tarnt geschickt die vor­ge­brach­ten Argu­men­te als „Selbst­recht­fer­ti­gung“, und spricht auch das Heil nicht leicht­fer­tig zu. Geschickt ent­tarnt er das Pro­blem „vor­ge­scho­be­ner Men­schen­lie­be“. Die Inter­pre­ta­ti­on von Angst durch den Star­ze fin­de ich aber weni­ger gelungen::

Da Sie uns gütigst erlaubt haben, Sie heu­te noch ein­mal zu sehen, so hören Sie denn alles, was ich Ihnen das vori­ge Mal ver­schwie­gen habe, weil ich nicht den Mut hat­te, es Ihnen zu sagen: alles, wor­un­ter ich lei­de, schon lan­ge, lan­ge lei­de! Ich lei­de, ver­zei­hen Sie mir, ich leide …«

Unge­stüm fal­te­te sie ihre Hän­de vor ihm.

»Wor­in besteht Ihr Leiden?«

»Mein Lei­den besteht im Unglauben … «

»Im Unglau­ben an Gott?«

»O nein, so etwas wage ich gar nicht zu den­ken! Aber das zukünf­ti­ge Leben, das ist mir ein Rät­sel! Und nie­mand kann es mir lösen, die­ses Rät­sel! Hören Sie, Sie Heils­spen­der, Sie Ken­ner der mensch­li­chen See­le! Ich kann natür­lich nicht ver­lan­gen, daß Sie mir völ­lig glau­ben, aber ich ver­si­che­re Ihnen hoch und teu­er, daß ich nicht leicht­fer­tig zu Ihnen rede, daß mich viel­mehr der Gedan­ke an ein Leben nach dem Tode auf­regt bis zu tat­säch­li­chem Lei­den, ja bis zu Schre­cken und Angst … Ich weiß nicht, an wen ich mich wen­den soll. Ich hat­te mein Leben lang nicht den Mut. Und jetzt, jetzt wage ich es, mich an Sie zu wen­den … O Gott, wofür wer­den Sie mich hal­ten!« Sie schlug
die Hän­de zusammen.

»Sor­gen Sie sich nicht um mei­ne Mei­nung«, ant­wor­te­te der Sta­rez. »Ich glau­be durch­aus an die Auf­rich­tig­keit Ihres Kummers.«

»Oh, wie dank­bar bin ich Ihnen! Sehen Sie, ich schlie­ße oft die Augen und den­ke: Wie kommt es, daß alle Men­schen glau­ben? Es wird viel­fach gesagt, das habe sei­nen Ursprung in der Furcht vor schreck­li­chen Natur­er­schei­nun­gen, wei­ter gar nichts. Und nun den­ke ich: Wenn ich mein gan­zes Leben geglaubt habe und dann ster­be, und dann ist da nichts, und auf dem Gra­be wächst die Klet­te, wie ich bei einem Dich­ter las? Das wäre doch ent­setz­lich! Wodurch kann ich den Glau­ben wie­der­erlan­gen? Übri­gens habe ich nur geglaubt, als ich noch klein war, mecha­nisch, ohne etwas dabei zu den­ken. Aber wie und wodurch läßt sich das bewei­sen? Ich bin gekom­men, um vor Ihnen nie­der­zu­fal­len und Sie um Aus­kunft zu bit­ten. Denn wenn ich jetzt die Gele­gen­heit ver­strei­chen las­se, wird mir mein Leben lang nie­mand mehr mei­ne Fra­ge beant­wor­ten. Wie läßt es sich bewei­sen, wie kann man zur Über­zeu­gung gelan­gen? Oh, das ist mein Unglück! Ich ste­he da und sehe, daß allen oder fast allen rings um mich her die gan­ze Sache gleich­gül­tig ist und daß nie­mand sich dar­um Sor­ge macht – nur ich kann das nicht ertra­gen. Das rich­tet mich zugrun­de, völ­lig zugrunde!«

»Ohne Zwei­fel rich­tet das einen Men­schen zugrun­de. Bewei­sen läßt sich hier aller­dings nichts; doch zur Über­zeu­gung zu gelan­gen, das ist möglich.«

»Wie das? Wodurch?«

»Durch die Erfah­rung der täti­gen Lie­be. Bemü­hen Sie sich, Ihre Nächs­ten tätig und uner­müd­lich zu lie­ben! Je grö­ße­re Fort­schrit­te Sie in der Lie­be machen, des­to mehr wer­den Sie sich über­zeu­gen von dem Dasein Got­tes und von der Unsterb­lich­keit Ihrer See­le. Und wenn Sie in Ihrer Nächs­ten­lie­be bei völ­li­ger Selbst­ver­leug­nung ange­langt sind, dann wer­den Sie auch zuver­sicht­lich glau­ben, und kein Zwei­fel wird mehr in Ihre See­le Ein­gang fin­den. Das ist erprobt, das ist sicher.«

»Täti­ge Lie­be? Das ist auch wie­der eine Fra­ge, und zwar eine schwe­re, schwe­re Fra­ge! Sehen Sie, ich lie­be die Mensch­heit so sehr, daß ich – wer­den Sie mir das glau­ben? – manch­mal dar­an den­ke, alles, was ich besit­ze, von mir zu wer­fen, Lisa zu ver­las­sen und Barm­her­zi­ge Schwes­ter zu wer­den. Ich schlie­ße die Augen, den­ke und träu­me; in sol­chen Augen­bli­cken füh­le ich eine unwi­der­steh­li­che Kraft in mir. Kei­ne Wun­de, kein eitern­des Geschwür könn­te mich schre­cken. Ich wür­de sie ver­bin­den und mit mei­nen eige­nen Hän­den waschen, ich wür­de die Wär­te­rin die­ser Lei­den­den sein, ich wäre bereit, die­se Geschwü­re zu küssen.«

»Es ist schon viel und gut, wenn Ihr Geist davon träumt und nicht von etwas ande­rem. Nein, nein, Sie, wer­den wirk­lich eine gute Tat tun, bevor Sie sich des­sen versehen.«

»Aber könn­te ich so ein Leben lan­ge füh­ren?« fuhr die Dame erregt, bei­na­he außer sich fort. »Das ist die Haupt­fra­ge, das ist die Fra­ge, die mich am meis­ten quält. Ich schlie­ße die Augen und fra­ge mich: Wür­dest du es lan­ge auf die­sem Weg aus­hal­ten? Und wenn der Kran­ke, des­sen Geschwü­re du wäschst, dies nicht sogleich durch Dank­bar­keit ver­gilt, son­dern dich im Gegen­teil anschreit, ohne dei­ne Men­schen­freund­lich­keit zu bemer­ken und zu wür­di­gen; wenn er in gro­bem Ton dies und das ver­langt und sich sogar bei den Vor­ge­setz­ten beschwert. Wie es bei Schwer­kran­ken häu­fig vor­kommt? Was dann? Wird dei­ne Lie­be fort­dau­ern oder nicht? Und den­ken Sie, ich habe mir mit Zit­tern und Zagen bereits die Ant­wort auf die­se Fra­ge gege­ben: Wenn irgend etwas mei­ne täti­ge Lie­be zur Mensch­heit sofort aus­lö­schen kann, so ist es ein­zig und allein der Undank. Ich bin eben eine Lohn­ar­bei­te­rin: ich for­de­re augen­blick­lich Bezah­lung, Lob und Ver­gel­tung mei­ner Lie­be durch
Gegen­lie­be. Anders kann ich nie­man­den lieben!«

Es war ein Anfall auf­rich­tigs­ter Selbst­an­kla­ge, und sie blick­te, als sie geen­det hat­te, den Sta­rez mit her­aus­for­dern­der Ent­schlos­sen­heit an.

»Genau das­sel­be hat mir schon vor lan­ger Zeit ein Arzt erzählt«, erwi­der­te der Sta­rez. »Er war ein schon bejahr­ter Mann und unstrei­tig klug. Er sprach eben­so offen wie Sie, zwar scher­zend, aber dabei trau­rig. ›Ich lie­be die Mensch­heit‹, sag­te er, ›aber ich wun­de­re mich über mich selbst: je mehr ich die Men­schen lie­be, des­to weni­ger lie­be ich den ein­zel­nen Men­schen, das Indi­vi­du­um. Wenn ich mich so mei­nen Träu­me­rei­en hin­gab‹, sag­te er, ›hat­te ich manch­mal die selt­sams­ten Absich­ten, der Mensch­heit zu die­nen. Ich wür­de mich viel­leicht für die Men­schen kreu­zi­gen las­sen, wenn das ein­mal irgend­wie nötig wäre – und dabei bin ich außer­stan­de, auch nur zwei Tage mit jemand das­sel­be Zim­mer zu tei­len. Ich weiß das aus Erfah­rung. Kaum kommt er mir nahe, ver­letzt sei­ne Per­sön­lich­keit schon mei­ne Eigen­lie­be und beein­träch­tigt mei­ne Frei­heit. Ein ein­zi­ger Tag genügt schon, mich den bes­ten Men­schen has­sen zu leh­ren: den einen, weil er mit­tags zu lang­sam ißt, den ande­ren, weil er Schnup­fen hat und sich fort­wäh­rend schneuzt. Sobald die Men­schen mit mir in Berüh­rung kom­men, wer­de ich ein Men­schen­feind‹, sag­te er. ›Und dabei wur­de mei­ne Lie­be zur Mensch­heit bis­her des­to flam­men­der, je mehr ich die ein­zel­nen Men­schen haßte.‹«

»Was aber soll man tun? Was soll man in sol­chen Fäl­len tun? Muß man da nicht verzweifeln?«

»Nein, es genügt schon, daß Sie sich dar­um sor­gen. Tun Sie, was Sie kön­nen, und es wird Ihnen ange­rech­net wer­den. Sie haben schon viel dadurch getan, daß Sie sich selbst so tief und auf­rich­tig erken­nen lern­ten! Soll­ten Sie aber jetzt nur des­halb so offen mit mir gespro­chen haben, um wie jetzt ein Lob für Ihre Wahr­heits­lie­be zu emp­fan­gen, dann wer­den Sie es aller­dings in den Groß­ta­ten der täti­gen Lie­be zu nichts brin­gen; dann wird das alles nur Träu­me­rei für sie blei­ben und Ihr gan­zes Leben wird vor­über­huschen wie eine Visi­on. Dann wer­den Sie natür­lich auch das künf­ti­ge Leben ver­ges­sen und sich schließ­lich selbst auf irgend­ei­ne Wei­se beruhigen.«

»Sie haben mich zer­schmet­tert! Erst jetzt, wäh­rend Sie spra­chen, erkann­te ich, daß ich tat­säch­lich nur gehofft habe, Sie wür­den mich loben für mei­ne Offen­heit, mit der ich erzähl­te, daß ich Undank nicht ertra­gen kann. Sie haben mir gesagt, wie es in mir aus­sieht! Sie haben mich ertappt und mir mein inners­tes Wesen erklärt!«

»Ist das die Wahr­heit? Nun, nach einem sol­chen Bekennt­nis glau­be ich, daß Sie auf­rich­tig und von Her­zen gut sind. Wenn Sie das Glück nicht erlan­gen soll­ten, so blei­ben Sie des­sen ein­ge­denk, daß Sie auf gutem Wege sind, und hüten Sie sich, von ihm abzu­wei­chen. Vor allem hüten Sie sich vor der Lüge, beson­ders vor sich selbst. Geben Sie acht auf Ihre Lüge, behal­ten Sie sie zu jeder Stun­de, zu jeder Minu­te im Auge. Mei­den Sie auch den Ekel vor ande­ren wie vor sich selbst. Was Ihnen an Ihrem Innern häß­lich erscheint, wird allein schon dadurch, daß Sie es bemerk­ten, geläu­tert. Mei­den Sie fer­ner die Furcht, obgleich sie nur eine Fol­ge der Lüge ist. Erschre­cken Sie, wenn Sie nach Liebe
stre­ben, nie über Ihren eige­nen Klein­mut; erschre­cken Sie nicht ein­mal all­zu­sehr über die schlech­ten Hand­lun­gen, die Sie dabei bege­hen. Ich bedau­re, daß ich Ihnen nichts Tröst­li­che­res sagen kann, denn die täti­ge Lie­be ist im Ver­gleich zu der nur geträum­ten ein har­tes, schreck­li­ches Ding. Die träu­me­ri­sche Lie­be dürs­tet nach einer Groß­tat, rasch aus­ge­führt und von allen gese­hen. Es kommt so weit, daß man sogar sein Leben hin­gibt, nur wenn die Sache schnell erle­digt wird und so, daß alle es sehen und loben – wie auf der Büh­ne. Die täti­ge Lie­be dage­gen ist Arbeit und Geduld; sie ist für man­che Men­schen gewis­ser­ma­ßen eine rich­ti­ge Wis­sen­schaft. Ich kann es Ihnen im vor­aus sagen: Sobald Sie mit Schre­cken wahr­neh­men, daß Sie all Ihrem Bemü­hen zum Trotz dem Ziel nicht nur nicht näher kamen, son­dern sich schein­bar von ihm ent­fern­ten – in die­sem sel­ben Augen­blick, das pro­phe­zeie ich Ihnen, wer­den Sie plötz­lich das Ziel errei­chen und deut­lich Got­tes wun­der­tä­ti­ge Kraft erken­nen! Gott hat Sie die gan­ze Zeit geliebt, die gan­ze Zeit ins­ge­heim gelei­tet. Ver­zei­hen Sie, daß ich
mich Ihnen nicht län­ger wid­men kann; man erwar­tet mich. Auf Wiedersehen!«

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Hallo, ich bin Sergej und lese vor allem theologische Bücher reformierter Prägung. Als Familie wohnen wir im Südschwarzwald!

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