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„Bedingter Gehorsam? Unbedingt“

Ein herausfordernder Artikel in Fest und Treu

In der aktu­ells­ten Fest und Treu (Aus­ga­be 173, soweit ich ver­ste­he, noch nicht digi­tal erhält­lich) ist ein äußerst her­aus­for­dern­der „Kom­men­tar zur aktu­el­len Debat­te um das Ver­hält­nis von Christ und Staat“ von Fürch­te­gott Christ­lieb (Pseud­onym) erschienen.

Das durch füh­ren­de Grö­ßen in der Brü­der­be­we­gung vor allem durch den Kanal der KfG immer wie­der und aktu­ell ver­stärkt dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass man dem Staat unbe­dingt gehor­sam sein muss, ist auch mir, der ich das Gesche­hen in den Brü­der­ge­mein­den höchs­tens am Ran­de mit­ver­fol­ge, sau­er aufgestoßen.

Auf­ge­fal­len sind mir aber die Früch­te. So bringt man sich ja auch in der Cau­sa Lat­zel (ein wei­te­rer Arti­kel dazu wird mei­ner­seits fol­gen) schon sehr auf­fäl­lig in Sicher­heit. Freun­de und Ver­wand­te die der KfG nahe­ste­hen bekla­gen sich vor allem über das Fehl­ver­hal­ten der Mar­ti­ni-Gemein­de und sei­nes Pas­tors, weni­ger dar­über, dass es hier ange­bracht sein müss­te, als Chris­ten enger zusam­men­zu­rü­cken und zusam­men zu halten.

Ent­spre­chend begrü­ße ich den sehr deut­li­chen Kom­men­tar in der FuT. Ich möch­te mir die Frei­heit neh­men etwas aus­führ­li­cher zu zitieren:

„…und das deckt sich mit vie­len per­sön­li­chen Gesprä­chen in der letz­ten Zeit — dass die Grün­de, war­um der Staat gewis­se Ver­ord­nun­gen erlässt, eine ent­schei­den­de Rol­le im Hin­blick unse­rer Reak­ti­on dar­auf spie­len. Das ist offen­bar auch das Argu­ment zwei­er wei­te­rer Autoren (Hin­weis von mir: Das Zitat stammt aus der KfG 37, S. 30) (…): “ Es wur­den kei­ne Got­tes­dienst­häu­ser geschlos­sen, wäh­rend die Fuss­ball­sta­di­en offen blie­ben. Es wur­den kei­ne Tref­fen von Chris­ten unter­sagt, wäh­rend Par­ty Statt­fin­den durf­ten. Es gibt nicht den lei­ses­ten Ver­dacht, dass die Maß­nah­men ideo­lo­gisch geprägt waren. Alle Maß­nah­men gescha­hen aus der Sor­ge um das mensch­li­che Wohl.“ - Hier wird recht deut­lich zum Aus­druck gebracht, dass die Moti­va­ti­on des Staa­tes und/oder der Emp­fän­ger­kreis einer Ver­ord­nung ein ent­schei­den­der Fak­tor sei, der mit­be­stim­mend ist, ob wir einer Anord­nung Fol­ge leis­ten müs­sen oder nicht.

Mit Ver­laub, aber ich dan­ke, dass dies nicht biblisch ist. Wir haben uns solan­ge unter­zu­ord­nen, wie die Anord­nun­gen nicht ein­deu­tig gegen „den Wil­len Jesu“ ver­sto­ßen. Aber war­um die staat­li­chen Anord­nun­gen erlas­sen wur­den — und für wen sie sonst noch gel­ten — spielt im Hin­blick auf die Fra­ge der Unter­ord­nung aus bibli­scher Sicht über­haupt kei­ne Rol­le. Ob es sich um einen Unrechts- oder einen Sozi­al­staat, eine Demo­kra­tie oder eine Dik­ta­tur han­delt, ist egal. Ob der Staat Bür­ger schüt­zen, Ideo­lo­gien unter­drü­cken oder ein­fach nur eine Lob­by glück­lich machen will — sobald ein Ge- oder Ver­bot die „Ober­herr­schaft Got­tes ver­letzt“, darf ich als Christ kei­nen Gehor­sam mehr leis­ten. Egal , aus wel­cher Moti­va­ti­on der Staat han­delt und ob es den Klein­gar­ten­ver­ein genau­so betrifft wie uns. “ — Zitat Ende Wei­ter­le­sen

Matthew Henry

Eine Biographie von Allan Harman

Harman: Matthew HenryAll­an Har­man hat eine Bio­gra­phie über Mat­thew Hen­ry ver­fasst, die dank des 3L-Ver­lag auch deutsch­spra­chig erhält­lich ist.

Das Buch ist gut über­setzt und lässt sich durch sei­ne Kür­ze rela­tiv schnell durch­le­sen. Eini­ge Lek­tio­nen, die ich mit­ge­nom­men habe:

  • Mat­thew Hen­ry hat fast alles bei sei­nem Vater Phil­ip Hen­ry gelernt: Als Non­kon­for­mis­ten war es ihm ver­wehrt, Theo­lo­gie zu stu­die­ren. Es blieb nur der Weg über Jura, der ihm den Zugang zu den anti­ken Spra­chen ermög­lich­te (obwohl er grie­chisch schon als Kind gelernt hat)
  • Es gab zwar wohl ein ille­ga­les theo­lo­gi­sches Semi­nar der Non­kon­for­mis­ten. Doch kaum hat Mat­thew mit dem Stu­di­um ange­fan­gen, wur­den fast alle Stu­die­ren­de krank an der Grip­pe (sie wohn­ten auf engs­tem Raum) und eini­ge ver­star­ben gar. Für Mat­thew bedeu­te­te es erst ein­mal das Ende sei­ner theo­lo­gi­schen Laufbahn
  • Er wird Pas­tor einer pres­by­te­ria­ni­schen Gemein­de und sucht stän­dig Kon­takt mit ande­ren Gemein­den, ja schreibt dar­über sogar ein Buch. Den­noch wird ihm die Annah­me durch die offi­zi­el­le Kir­che erst nach sei­nem Tode gewährt (er wird in einer angli­ka­ni­schen Kir­che bestattet)
  • Er arbei­tet unge­mein viel, pre­digt äußerst sys­te­ma­tisch und sein berühm­ter Kom­men­tar ent­steht im Grun­de beglei­tend zu sei­nen Predigtausarbeitungen.
  • Der Kom­men­tar ist zu sei­nen Leb­zei­ten noch recht wenig bekannt (und wird auch nicht voll­stän­dig von ihm selbst fer­tig­ge­stellt). Doch schon bald zieht er wei­te Krei­se. Har­man kann zei­gen, dass zahl­rei­che Lie­der Wes­leys (!) vom Bibel­kom­men­tar Hen­rys zehrt. Ja Wes­ley ver­öf­fent­licht sogar auf eige­ne Kos­ten eine gekürz­te Ver­si­on davon.

Das ein his­to­ri­scher Kom­men­tar so eine lan­ge Popu­la­ri­tät erlebt ist äußerst unge­wöhn­lich, bekannt­lich wur­de die deut­sche Über­set­zung erst kürz­lich fer­tig­ge­stellt. J.I. Packer schrieb ein­mal über Hen­rys Expo­si­ti­on:

„Weil sein Stil ein­fach und prak­tisch ist, obgleich der Inhalt sehr scharf­sin­nig und gut durch­dacht ist, wird der Kom­men­tar immer ein klas­si­sches Werk blei­ben, das mit Kopf und Schul­tern her­aus­ragt über jedes ande­re popu­lä­re Bibel­werk, das vor­her oder seit­her geschrie­ben wor­den ist.“

 

4 Blogs über den Tellerrand

Lutherisches Lärmen, TheoBlog, Philipp Keller und Unter dem Regenbogen

Es ist mir ja fast pein­lich, aber ich habe erst vor kur­zem ange­fan­gen Blog-Arti­kel zu lesen. Sie erset­zen zuneh­mend mei­ne Frus­tra­ti­on der täg­li­chen Nach­rich­ten­schau. Ent­spre­chend möch­te ich 4 mei­ner Neu-Ent­de­ckun­gen vor­stel­len, die alle­samt über mei­nen Tel­ler als Evan­ge­li­ums-Christ hinausgehen:

1. Lutherisches Lärmen

Es gibt vie­le Grün­de, war­um man die­sen sehr unge­wöhn­li­chen Blog lesen soll­te: Zunächst wird der Frei­kirch­li­che Leser damit kon­fron­tiert, dass Luther in eini­gen Punk­ten nicht so „evan­ge­li­kal“ war, wie wir es hof­fen wür­den (z.B. die­ser Arti­kel über das Über­ga­be­ge­bet) und ich habe eine gewis­se Freu­de am Zer­le­gen von Wort­haus(z.b. hier). Über­haupt ist es der Blog zu dem ich grei­fe, wenn ich wis­sen möch­te, wie eigent­lich Luthe­ra­ner das erklä­ren wür­den. Trotz der gene­rel­len Lese­emp­feh­lung bleibt zumin­dest für mich immer eine gewis­se Irri­ta­ti­on dar­über, dass es ja eigent­lich über­haupt kei­ne Bedeu­tung hät­te, den Autoren völ­lig recht zu geben. Fast bei jedem Arti­kel fra­ge ich mich: Ok, und jetzt? Ich wüss­te nicht wie es mög­lich sein soll­te, in Deutsch­land auf die­se Wei­se luthe­risch ortho­dox zu wer­den, wie die Autoren es schil­dern. Wenn es sowohl die EKD, die ja immer­hin Luthers offi­zi­el­ler Stell­ver­tre­ter ist und die Frei­kir­chen erst recht falsch machen, wie geht dann rich­tig? Irri­ta­tio­nen sind natür­lich immer guter Nähr­bo­den für auf­merk­sa­mes Lesen. Neu­er­dings bau­en die Autoren einen Pod­cast aus, denn ich mir auf die nächs­te Hör-Lis­te mit­ge­nom­men habe.

2. TheoBlog

Die Blog­ger Hei­mat von Ron Kubsch, des wohl flei­ßigs­ten deutsch­spra­chi­gen Blog­gers über­haupt. Nahe­zu täg­lich fin­det sich ein neu­er Arti­kel aus den unter­schied­lichs­ten Berei­chen. Für mich geht er über des­we­gen über den Tel­ler­rand weil er reich­lich über Feul­le­ton und Poli­tik berich­tet. Der letz­te flei­ßi­ge Zei­tungs­le­ser schreibt aus­führ­lich über die Gen­der-Debat­te und Mei­nungs­frei­heit, stellt Bücher vor, skiz­ziert Kurz­bio­gra­phien, sam­melt Links zu inter­es­san­tem Mate­ri­al und lie­fert so einen der lesens­wer­tes­ten deut­schen Blogs über­haupt. Ein wei­te­rer Bon­bon: Es ist einer der weni­gen christ­li­chen Blogs die ich ken­ne, die einen regen, genutz­ten und nicht voll­ge­müll­ten Kom­men­tar­be­reich besit­zen. Kubschs‘ Leis­tung ist sicher­lich her­aus­for­dernd und vor­bild­haft für jeden christ­li­chen Blog­ger. Ach­tung: Man hat es hier mit einem Voll­blut-Aka­de­mi­ker zu tun!

3. Philipp Keller

Phil­ipp Kel­ler hat wie­der ange­fan­gen inten­siv zu blog­gen. ich wün­sche ihm, dass er (und sei­ne Frau) es nun lan­ge durch­zie­hen kön­nen! Eigent­lich war sein Blog der Aus­lö­ser, dass ich ange­fan­gen habe, mor­gens nicht mehr Nach­rich­ten son­dern mal einen Blog­ar­ti­kel (meist in der Kaf­fee-Pau­se) zu lesen. Die Stär­ke Phil­ipps (und sei­ner Frau) ist, dass vie­le The­men sehr aus­führ­lich über eine  län­ge­re The­men­rei­he ver­folgt wer­den, z.B. über das Gebet,  aber auch viel kras­ser, über Mini­ma­lis­mus. Es hat gedau­ert bis mir däm­mer­te, dass sie es wirk­lich ernst mei­nen. Kel­ler geht über mei­nen Tel­ler­rand, weil er Pfingst­ler (?, zumin­dest pfingst­le­ri­scher als ich) ist. Phil­ipp Kel­ler hilft uns Ces­sa­tio­nis­ten plum­pe Anti-Cha­ris­ma­tik abzu­le­gen und auf­ein­an­der zuzu­ge­hen (ja ich weiß, was ich gera­de schrei­be). Ein guter Ein­stiegs­ar­ti­kel han­delt über Erzie­hungs­bü­cher. 

4. Unter dem Regenbogen

Ich den­ke, der am meis­ten unter­schät­ze Blog dürf­te der von Ruth Metz­ger sein, eine Schwes­ter, die mich schon lan­ge mit Über­set­zun­gen unter­stützt (Hier eine Aus­wahl an Arti­keln). Wenn Phil­ipp Kel­ler dar­über berich­tet, Ruth als wei­se Lebens­be­ra­te­rin ken­nen­ge­lernt zu haben, dann deckt sich das mit mei­ner per­sön­li­chen Erfah­rung. Ihr Blog geht abso­lut über mei­nen Tel­ler­rand, könn­ten doch zwei Men­schen nicht anti­the­ti­scher sein. In Chris­tus aber, wer­den wir alle zu einer neu­en Krea­tur ver­ei­nigt. Mir ist beim Lesen der Kom­men­ta­re auf dem Blog auf­ge­fal­len, dass Ruth vor allem Leser hat, die in einer kom­plett ande­ren Bub­ble leben. Hier ist eine Frau im Ein­satz auf einem Acker, der für vie­le uner­reich­bar ist. Aus­gangs­punkt für die Leser ist sicher Ruths Lebens­ge­schich­te.

Wel­che Blogs lest ihr und warum?

A House for My Name

Überblick über das Alte Testament von Peter Leithart

Peter Leit­hart war mir bis­her vor allem als Autor von First­Things bekannt. Ger­ne möch­te ich an die­ser Stel­le auch auf einen Arti­kel von Leit­hart ver­wei­sen, der vor eini­gen Wochen bei E21 über­setzt erschie­nen ist: Wie man Kin­dern die Bibel nahe bringt. Der Arti­kel und mein Inter­es­se an „Bibli­schen Theo­lo­gien“ führ­te mich zu die­sem Buch.

Für knapp 250 Sei­ten äußerst kurz, ist Leit­hart den­noch ein gut aus­ge­ar­bei­te­tes und lesens­wer­tes Werk gelun­gen. Leit­hart gelingt es, zahl­rei­che the­ma­ti­sche Lini­en, die sich im alten Tes­ta­ment zuneh­mend wei­ter­ent­wi­ckeln auf sehr ver­ständ­li­che Wei­se dar­zu­stel­len, ohne lang­wei­lig oder wie­der­ho­lend zu wer­den. Ob nun die Ent­wick­lung der mes­sia­ni­schen Ver­hei­ßun­gen, die dich­te­ri­sche Wie­der­ho­lung der The­men wie Stadt Got­tes, Tem­pel, Opfer (die Ein­präg­sams­te Erklä­rung der ers­ten Kapi­tel Levi­ti­kus, die ich je gele­sen habe), Pries­ter­tum oder die Chro­no­lo­gie der Bibel, —  sau­ber arbei­tet der Autor an der Heils­ge­schich­te wei­ter. Fast auf jeder Sei­te habe ich eine wert­vol­le Mar­kie­rung hin­ter­legt. Wei­ter­le­sen

„Aber wer sich lange dumm stellt, wird vielleicht eines Tages wirklich dumm“

Aus Erich Kästner, die Schildbürger

Die Schild­bür­ger sind ursprüng­lich für ihre Klug­heit weit­hin bekannt und wer­den über­all in der Welt gefragt um mit ihrer Klug­heit die Din­ge zu regeln. Doch Schil­da, ihr Hei­mat­ort geht dadurch den Bach run­ter. Also muss etwas unter­nom­men wer­den. Die Schild­bür­ger neh­men sich nun vor, sich beson­ders dumm zu stel­len. Allen sagt der Plan zu, außer dem Leh­rer, der einwendet:

„Wer klug tut, wir davon noch lan­ge nicht klug.Aber wer sich lan­ge dumm stellt, wird viel­leicht eines Tages wirk­lich dumm“. Die ande­ren lach­ten ihn aus. „Seht, es fängt schon an.“ „Was?“, mein­te der Schmied neu­gie­rig. „Eure Dumm­heit“, rief der Leh­rer. Da lach­ten sie ihn alle aus.

Als ers­te Dumm­heit beschließt man den Bau eines drei­ecki­gen Rat­hau­ses ohne Fens­ter. Die­ser wird bald eine welt­be­kann­te Kurio­si­tät und spült Geld in die Stadtkasse:

>„So wur­den die Schild­bür­ger zwar nicht wegen ihres drei­ecki­gen Rat­hau­ses, son­dern viel­mehr wegen ihrer ver­ges­se­nen Fens­ter berühmt. Es dau­er­te nicht lan­ge, so kamen auch schon die ers­ten Rei­sen­den nach Schil­da, bestaun­ten die Ein­woh­ner, über­nach­te­ten und lie­ßen über­haupt ein gutes Stück Geld in der Stadt. „Seht ihr“, sag­te der Och­sen­wirt zu sei­nen Freun­den, „als wir gescheit waren, muss­ten wir das Geld in der Frem­de ver­die­nen. Jetzt, da wir dumm gewor­den sind, bringt man es uns ins Haus!“ 

Doch wie viel Dumm­heit ist eigent­lich ide­al? Als man Min­na, die Kuh des Bür­ger­meis­ters dazu brin­gen möch­te, das Gras auf einer Mau­er abzu­gra­sen und sie beim Hin­auf­hie­ven erstickt, bemerkt der Bür­ger­meis­ter voll Kummer:

„Lie­be Freun­de«, sag­te er zer­knirscht, »an Minnas vor­zei­ti­gem Able­ben ist ein­zig und allein unser Scharf­sinn und Ver­stand schuld. Hät­te ich das Gras auf der Mau­er nicht bemerkt und dar­aus gefol­gert, daß es nutz­brin­gend ver­wen­det wer­den müs­se, wäre das bra­ve Tier noch mun­ter und guter Din­ge. Ich fürch­te, wir sind noch immer nicht dumm genug.« Die ande­ren nick­ten nachdenklich.“

Weil die Schild­bür­ger irgend­wann mit dem Umgang mit einem „Maus­hund“ über­for­dert sind, zün­den sie ihre gan­ze Stadt an und sind so gezwun­gen in die gan­ze Welt auszuwandern:

„Und so kommt es, daß es heut­zu­ta­ge die Stadt Schil­da nicht mehr gibt und die Schild­bür­ger auch nicht. Das heißt: Es gibt sie natür­lich noch. Nur ihre Enkel und Uren­kel und deren Enkel und Uren­kel leben über die gan­ze Erde ver­streut. Sie wis­sen gar nicht mehr, daß sie von den Schild­bür­gern abstam­men. Von Leu­ten also, die sich, um glück­lich zu wer­den, dumm stell­ten und dadurch ins Unglück gerie­ten, daß sie dumm wur­den. Und sie kön­nen es auch gar nicht wissen.

Denn heut­zu­ta­ge gelan­gen die Dum­men zu Ruhm und Rang, zu Geld und Glück genau­so wie die Geschei­ten. Wor­an soll­ten also die Dum­men auf unse­rer Erde mer­ken, daß sie dumm sind? Ein ein­zi­ges Merk­mal gibt es, wor­an man die Dum­men erkennt: Mit dem, was sie erreicht haben, sind sie sel­ten, aber mit sich sel­ber sind sie stets zufrie­den. Gebt also gut Obacht! Bei den ande­ren, und bei wem noch? Ganz recht,bei euch!“

Alle Zita­te aus Erich Käs­t­ner: Die Schildbürger.

Die Predigt des Reverend Sprague aus St. Petersburg

Aus "Die Abenteuer von Tom Sawyer"

In die Aben­teu­er von Tom Sawy­er hat Rever­end Spra­gue zwei Mal die Gele­gen­heit für eine Pre­digt. Das eine Mal spricht er über dies und das und das ande­re Mal ist er ein Tau­send­sas­sa um die Rea­li­tät in den gewünsch­ten Far­ben leuch­ten zu las­sen. Nichts neu­es im Wes­ten also.  Ganz zu Beginn des Buches erle­ben wir einen Sonn­tag von Tom (Her­vor­he­bun­gen von mir):

„Und jetzt kam die Pre­digt. Es war eine gute, leut­se­li­ge Pre­digt und ging bis ins ein­zel­ne. Sie beschäf­tig­te sich mit der Kir­che und mit den Kin­dern der Kir­che; mit den ande­ren Kir­chen des Dor­fes; mit dem Dor­fe selbst; mit dem Lan­de; mit dem Staat; mit den Behör­den der ein­zel­nen Staa­ten; mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten; mit dem Kon­greß; mit dem Prä­si­den­ten; mit den Staats­die­nern; mit den armen, sturmum­tos­ten See­fah­rern; mit den unter dem Joch ihrer Mon­ar­chen seuf­zen­den Mil­lio­nen Euro­pas und des Ori­ents; mit den Glück­li­chen und Rei­chen, die nicht Augen haben, zu sehen und Ohren, zu hören; mit den armen See­len auf fer­nen Inseln; und schloß mit der Bit­te, daß sei­ne Wor­te auf guten Boden fal­len und der­einst hun­dert­fäl­ti­ge Frucht tra­gen möch­ten. Amen

Der Kna­be, des­sen Geschich­te die­ses Buch ent­hält, hat­te kei­ne Freu­de an die­ser Pre­digt, er hör­te sie ein­fach an — und viel­leicht auch das nicht. Doch merk­te er sich ein­zel­ne Details dar­aus, ganz unbe­wußt, denn, wie gesagt, er ach­te­te kaum dar­auf, aber er kann­te den Ser­mon des Geistlichen
schon längst und bemerk­te es sofort, wenn mal irgend ein neu­er Pas­sus ein­ge­scho­ben war, und das emp­fand er dann unan­ge­nehm; er hielt Bei­sät­ze und Abwei­chun­gen von dem Alt­her­ge­brach­ten für unno­bel und unrecht“ (S. 33 aus die­ser Über­set­zung)

Wei­ter­le­sen

Ich will lieber ein prächtiger Meteor sein, als ein langlebiger verschlafener Planet

Ausflüge in Jack Londons Dichtung

Bleibt unnachahmlich: Jack London in seinem Haus in Glen Ellen, Kalifornien.

„Ich will lie­ber Asche sein, als Staub!
Ich will lieber,
dass mein Lebens­fun­ke sich aus­brennt in einer hel­len Flamme,
als dass er in Fäul­nis erstickt.
Ich will lie­ber ein präch­ti­ger Mete­or sein
der in all sei­nen Ato­men zugleich verglüht,
als ein lang­le­bi­ger ver­schla­fe­ner Planet.
Der Mensch ist gemacht, damit er lebt; nicht damit er existiert.
Ich wer­de mei­ne Tage nicht damit ver­geu­den, dass ich sie zu ver­län­gern suche.
Ich wer­de mei­ne Zeit gebrauchen.“

In den nächs­ten Arti­keln möch­te ich ver­mehrt Klas­si­ker der Lite­ra­tur vor­stel­len und mir scheint Jack Lon­don ein guter Anfang zu sein. Ich lie­be das oben genann­te Zitat (hier ori­gi­nal). Aber ich glau­be, dass wir Lon­don unrecht tun, wenn wir in ihm einen Autor von Jugend­li­te­ra­tur sehen. Das hat meist die nega­ti­ve Fol­ge, dass man die Erzäh­lun­gen und Roma­ne Lon­dons nur in stark bear­bei­te­ten „jugend­li­chen“ Vari­an­ten kennt. Dabei ist natür­lich z.b. Alas­ka Kid ein gutes teen­ager­ge­rech­tes Ein­stiegs­werk. Bei Ruf der Wild­nis und Wolf­l­blut mag dies durch das sehr stark posi­ti­ve „para­die­si­sche“ Ende eben­falls zutref­fen. Es wird aber schon deut­lich düs­te­rer, wenn man „den See­wolf“ liest. Wei­ter­le­sen

Die verändernde Macht der Rechtfertigung aus Gnaden

Ein Beitrag von Miroslav Volf

„Vor kur­zem ging ich durch die Stra­ßen von Sand­town. Es fühl­te sich für mich wie das vom Krieg zer­stör­te Vuko­var an, nur dass die­se Zer­stö­rung nicht durch Krieg, son­dern durch ras­si­sche Span­nun­gen, Ver­bre­chen und wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang ver­ur­sacht wur­den. Es gab aber auch einen wei­te­ren wich­ti­gen Unter­schied. Zwölf Blö­cke der Stadt wur­den durch die New Song Com­mu­ni­ty zu einem Bereich der Lie­be Got­tes her­aus­ge­schnitzt. Tote Stra­ßen aufs neue mit Leben erfüllt.

Mark Gor­nik, Pas­tor der Gemein­de mach­te die Bemer­kung bei­na­he bei­läu­fig. Als er die Ver­nich­tung der Wohn­ge­bie­te erklär­te, mein­te er, dass die Leh­re von der Recht­fer­ti­gung aus Gna­den die not­wen­di­gen Res­sour­cen für Hei­lung ent­hält. Er muss es wohl wis­sen, dach­te ich, schließ­lich lebt und arbei­tet er hier in Sand­town schon seit mehr als zehn Jahren (…).

Doch für die meis­ten Theo­lo­gen ist die Recht­fer­ti­gung aus Gna­den eine lee­re Dok­trin. Man­che haben sie ver­las­sen und las­sen sie auf dem theo­lo­gi­schen Mist­hau­fen dahin­ros­ten; sie hal­ten sie im All­ge­mei­nen für nutz­los, ja selbst für deut­lich gerin­ge­re sozia­le Patho­lo­gien als wenig hilf­reich, geschwei­ge denn in Fra­gen von Armut, Gewalt und Hoff­nungs­lo­sig­keit. Ande­re ver­fol­gen eine Art anti­qua­ri­sches Inter­es­se an die­ser Leh­re. Sie unter­su­chen und polie­ren ein Arti­fakt des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts und zei­gen ihre Samm­lung stolz den sel­te­nen Besu­chern ihrer klei­nen Muse­en. Ob nun ros­tig oder poliert, die Leh­re von der Recht­fer­ti­gung aus Gna­den gam­melt dahin, leer und leb­los. Eine tote Lehre.

Könn­te die Hoff­nung für Innen­städ­te auch in der Wie­der­ent­de­ckung der Leh­re von der Recht­fer­ti­gung aus Gna­de lie­gen? Wie kön­nen tote Stra­ßen von einer toten Leh­re belebt werden?

Stell dir ein­mal vor, du hast kei­ne Arbeit, kein Geld und bist von der rest­li­chen Gesell­schaft abge­schnit­ten in einer Welt, die von Armut, Gewalt beherrsch ist (…) Dich umgibt dabei eine Gesell­schaft, die vom eiser­nen Gesetz des Erfolgs regiert wird. Sei­ne glit­zern­den Güter jagen an dei­nen Augen vor­bei, wenn du fern­siehst und auf tau­send­fa­che Wei­se sagt die Gesell­schaft dir tag­aus und tag­ein, dass du wert­los bist, weil du nichts erreicht hast. Du bist ein Ver­sa­ger und du weißt ganz genau, dass du auch wei­ter­hin ein Ver­sa­ger blei­ben wirst, weil es kei­ne Mög­lich­kei­ten gibt, mor­gen das zu errei­chen, was du heu­te nicht erreicht hast. Dei­ne Wür­de ist zer­stört und dei­ne See­le ist gefan­gen in der Fins­ter­nis der Verzweiflung.

Doch das Evan­ge­li­um sagt dir, dass du nicht durch außen­ste­hen­de Kräf­te defi­niert wirst. Es sagt dir, dass du bedin­gungs­los ange­nom­men, ja viel mehr, bedin­gungs­los und unend­lich geliebt wirst, völ­lig unab­hän­gig von dem, was du erreicht hast oder nicht errei­chen konntest. (…)

Stell dir nun vor, dass die­ses Evan­ge­li­um von einer Gemein­schaft nicht bloß ver­kün­digt, son­dern ver­kör­pert wird, die nicht das „Ergeb­nis von Wer­ken“ ist, son­dern eine Gemein­schaft ist, die „in Chris­tus zu guten Wer­ken geschaf­fen wur­de“ (Eph. 2,10). Durch gren­zen­lo­se Gna­de gerecht­fer­tigt, sucht sie die „Recht­fer­ti­gung“ durch Gna­de derer, die durch das unan­ge­brach­te Leis­tungs­ge­setz der Gesell­schaft „unge­recht gemacht wur­den“. (…) Das ist Recht­fer­ti­gung aus Gna­den, ver­kün­digt und gelebt. Eine tote Leh­re? Wohl kaum!“ (…)

Got­tes Lie­be ist die­se unent­behr­li­che Für­sor­ge für die mensch­li­che See­le, von der der Pro­phet spricht, wenn er aus­ruft: „Wohl­an, alle, die ihr durs­tig seid, kommt her zum Was­ser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! (Jes 55,1)“


Aus „Against the Tide“ — Love in a Time of Pet­ty Dreams and Per­sis­ting Enmi­ties von Mir­so­lav Volf (Kind­le Posi­tio­nen 1406 — 1431) — eige­ne Übersetzung

Von der ewigen Vorherbestimmung Gottes

Ein Buch von Johannes Calvin

Cal­vin wid­me­te die­se Schrif­te, deren Tei­le spä­ter auch in die 1559- Auf­la­ge der Insti­tu­tio bil­de­ten, der Stadt Genf. Die Schrift wur­de Anfang 1552 als gemein­sa­me Erklä­rung der Gen­fer Pas­to­ren. Cal­vin setzt sich mit die­ser Schrift mit zwei katho­li­schen Wider­sa­chern, Pig­hi­us und Sicu­lus aus­ein­an­der, aber er stellt sich auch der Ableh­nung der dop­pel­ten Prä­de­sti­na­ti­on im pro­tes­tan­ti­schen Lager. Die Schrift, ist in 47 klei­ne­re Abschnit­te ein­ge­teilt, die immer wie­der für ein „Deja-Vu“ gesorgt haben. Immer wie­der ernüch­ternd fest­zu­stel­len, wie uralt „moder­ne“ Ein­wän­de gegen die Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re sind.

Das Buch ist sicher­lich eines der anspruchs­volls­ten Bücher, die ich in letz­ter Zeit gele­sen habe, das aber weni­ger durch das gewähl­te The­ma zurück­zu­füh­ren ist, als dar­auf, dass Cal­vin stän­dig Bezug auf die The­sen sei­ner Kri­ti­ker Pig­hi­us und Sicu­lus nimmt. Man müss­te eigent­lich ihre Wer­ke eben­falls zur Hand haben. Aus die­sem Grun­de muss­te ich regel­mä­ßig Abschnit­te wie­der­holt durch­le­sen und kam rela­tiv lang­sam durch das Werk voran.

Den­noch emp­fin­de ich das Buch in mehr­fa­cher Hin­sicht als Bereicherung:

1.Wenn Cal­vin davon spricht, dass „Augus­ti­nus totus nos­ter“ (Augus­ti­nus völ­lig unser) sei, dann ist das weni­ger ein Schmü­cken mit Federn der Kichen­vä­tern son­dern tat­säch­lich sat­tel­fes­te Kennt­nis der unter­schied­lichs­ten Wer­ke von Augus­ti­nus. Bestimmt nimmt er etwa hun­dert Mal Bezug zu den Wer­ken Augus­tins. Das spie­gelt auch Cal­vins Absicht wie­der, kei­ne ori­gi­nel­len theo­lo­gi­schen Kon­zep­te ent­wi­ckeln zu wol­len, son­dern „klas­si­sches Chris­ten­tum“ zu ver­mit­teln. Eine Köst­lich­keit aus Augustinus´Enchiridion, dass ich durch Cal­vins Werk ent­deckt habe:

„Es geschieht also nichts, wenn nicht der All­mäch­ti­ge will, dass es geschieht, sei es, indem er zulässt, dass es geschieht, oder indem er es selbst tut (…) Und man darf nicht zwei­feln, dass Gott gut tut, indem er gesche­hen lässt, was Böses geschieht. Denn er lässt es nur nach gerech­tem Gerich­te zu… Obgleich also nun das Böse, inso­fern es böse ist, nicht gut ist, so ist es den­noch gut, dass es nicht nur Gutes, son­dern auch Böses gibt. Denn wenn es nicht gut wäre, dass auch Böses ist, so wür­de auf kei­ne Wei­se von dem guten All­mäch­ti­gen zuge­las­sen wer­den, dass Böses wäre. Ihm ist es ohne Zwei­fel eben­so leicht, zu tun, was er will, wie nicht zuzu­las­sen, was er nicht will. wenn wir dies nicht glau­ben, so ist der Anfang unse­res Glau­bens selbst in Gefahr, mit dem wir an den all­mäch­ti­gen Gott zu glau­ben bekennen.“

Nach der Lek­tü­re habe ich unter­schied­li­che Wer­ke von Augus­ti­nus auf mei­ne Lese­lis­te genom­men. Wei­ter­le­sen

Stories with Intent

Ein Handbuch der Gleichnisse Christi von Klyne Snodgrass

Gegrif­fen habe ich zu die­sem Buch, weil mir auf­fiel, wie häu­fig Jona­than Edwards über Gleich­nis­se pre­dig­te und ich mich hier zunächst sel­ber damit aus­ein­an­der­set­zen woll­te. Das Buch ist Teil mei­ner Logos Biblio­thek und so ist mir womög­lich nicht gleich auf­ge­fal­len, was für ein dicker Wäl­zer das ist. Das ist aber bereits mein ers­tes Lob für die­ses Werk: Es ist wirk­lich com­pre­hen­si­ve, also ver­ständ­lich und leicht zu lesen. Bereits nach weni­gen Tagen habe ich einen Groß­teil des Ein­lei­tungs­ka­pi­tels durch­ge­le­sen sowie die Bespre­chung meh­re­rer Gleichnisse.

Das Buch besteht aus vier Tei­len: In der Ein­füh­rung bespricht der Autor die Aus­le­gungs­ge­schich­te der Gleich­nis­se, die von zwei Extre­men geprägt ist Einer­seits ein rigo­ro­ses Alle­go­ri­sie­ren aller ein­zel­nen Ele­men­te in einem Gleich­nis. Berühmt dürf­te hier Augus­ti­nus Aus­le­gung des Gleich­nis­ses vom Barm­her­zi­gen Sama­ri­ter sein: Jeri­cho (= Mond) steht für unse­re Sterb­lich­keit und Jeru­sa­lem ist die himm­li­sche Stadt. Der Über­fal­le­ne ist Adam und die Räu­ber sind der Satan und sei­ne Dämo­nen. Der gute Sama­ri­ter ist Chris­tus und der Wirt Apos­tel Pau­lus. (Übri­gens: Snod­grass weist dar­auf hin, dass das Alle­go­ri­sie­ren der Kir­chen­vä­ter im Rah­men der damals übli­chen vier­fa­chen Aus­le­gung statt­fand und nicht als Grund­la­ge für dog­ma­ti­sche Posi­tio­nen). Auf der ande­ren Sei­te steht der Ratio­na­lis­mus, der sich wei­ger­te, Alle­go­rie in der Bibel per se anzu­er­ken­nen. Ein Über­rest die­ser Posi­ti­on ist noch in der Mei­nung zu fin­den, in jedem Gleich­nis gibt es nur einen Haupt­ge­dan­ken! Das führt oft dazu, dass man ein kom­ple­xe­res Fazit über­sieht. In die­sem Kapi­tel geht der Autor der Fra­ge nach was eine Alle­go­rie ist, bespricht Her­an­ge­hens­wei­sen an Alle­go­rien, aber auch die Rezep­ti­on der Gleich­nis­se in der his­to­risch-kri­ti­schen Metho­de. Wei­ter­le­sen