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Not a Fan!

Ich habe mir schon län­ger über­legt über die­ses The­ma einen Arti­kel zu schrei­ben. Der Skan­dal um Ravi Zacha­ri­as macht mir deut­lich, dass ich eher unnö­tig lang gezö­gert habe:

Und sollt nie­mand Vater hei­ßen auf Erden, denn einer ist euer Vater, der im Him­mel ist. (Mt. 23,9)

Was kann aus Naza­reth schon Gutes kom­men? (Joh. 1,46)

Manch­mal fra­ge ich mich, ob gera­de die Abwe­sen­heit eines for­mel­len Papst­tums uns Evan­ge­li­ka­le der­art anfäl­lig für den Per­so­nen­kult macht? Bevor ich hier über­haupt wage, auf jemand ande­ren mit dem Fin­ger zu zei­gen, wird mir mein göt­zen­die­ne­ri­sches Herz auf beschä­men­de Wei­se bewusst.

Mir ist es neu­lich beim Lesen von„Schmeckt und Seht“ auf­ge­fal­len, dass John Piper völ­lig über­flüs­si­ge und unnö­ti­ge Hin­wei­se auf C.S. Lewis gibt. Auf S. 76 und 78 z.B. fin­det sich zuerst ein Ver­weis dar­über, wie wich­tig es ist über die „gewöhn­li­che all­täg­li­che Schöp­fung“, wie Bäu­me zu stau­nen, und im zwei­ten Fall, wie wich­tig es ist, gute Bücher zu lesen. In bei­den Fäl­len hielt Piper einen Ver­weis auf Lewis für not­wen­dig, obwohl der Arti­kel expli­zit über das Leben eines völ­lig ande­ren Theo­lo­gen han­del­te (Cly­de Kil­by). Ist das Stau­nen über Bäu­me des­we­gen so wich­tig, weil Lewis es tat? Ist das Lesen alter Bücher vor allem des­we­gen so nütz­lich, weil Lewis das nahe­legt? Mir ist beim Lesen auf­ge­fal­len, dass die bes­se­ren Argu­men­te dafür, war­um man bei­des (also Bäu­me bestau­nen und alte Bücher lesen) tun soll­te, dadurch nicht erwähnt wur­den, weil man sich auf einen Ver­weis auf eine Auto­ri­tät beschränk­te. Beim Lesen auf­ge­fal­len?! Eigent­lich ist mir das nur bewusst gewor­den, weil ich an dem Abend zu vie­le Nüs­se geges­sen habe, schlecht schla­fen konn­te und mir nachts der gele­se­ne Arti­kel immer wie­der vor Augen kam. Beim Lesen selbst war mein domi­nie­ren­der Gedan­ke: Ich muss unbe­dingt mehr von Lewis lesen, immer­hin schwärmt ja Piper von die­sem Autor!

Mir wird zuneh­mend bewusst, wie tief ver­wur­zelt die­ses Pro­blem ist und wie unfass­bar anfäl­lig wir (oder zumin­dest ich) für Per­so­nen­ver­eh­rung (eine modi­fi­zier­te Form der Men­schen­furcht) sind. Ich erin­ne­re mich dar­an, dass eine völ­lig bizar­re Pra­xis (Rasier­ge­bot für Män­ner) locker mit dem Satz abge­nickt wur­de: „Die Brü­der wer­den sich dabei etwas gedacht haben“. Aber auch hier bekla­ge ich das Trach­ten mei­nes Her­zens. Auf mich macht zwar das Rasier­ge­bot wenig Ein­druck, dafür mach­te der Ver­weis auf die „Gedan­ken der Brü­der“ umso mäch­ti­ger Ein­druck. Sei es auch nur,  dass dies im inver­sen Sin­ne geschah, dass ich mich über sol­che Gebo­te ärger­te, die von „solch geist­li­chen und erfah­re­nen Brü­dern“ zu kom­men schei­nen. Also selbst mei­ne Ableh­nung einer Mei­nung ist mit einem hin­ter­häl­ti­gen Per­so­nen­kult beschmutzt. Ich wür­de es mir wün­schen, dass „die besag­ten Brü­der“ eben eine zuver­läs­si­ge Auto­ri­tät wären, ein Leit­stern für mora­li­sche Ent­schei­dun­gen. Weil sie mei­nen Ansprü­chen nicht genüg­ten, war mei­ne Ableh­nung umso vernichtender.

In Gesprä­chen mit mei­nen Mit­chris­ten fällt mir immer wie­der auf, wie schäd­lich Per­so­nen­kult für sau­be­re Bibel­ar­beit ist. Eini­ge mei­ner Freun­de sind sehr von der Theo­lo­gie R. Lie­bis geprägt, was zunächst ein­mal kein gro­ßes Pro­blem ist. Pro­ble­ma­tisch ist es, wenn in Gesprä­chen über den Inhalt bibli­scher Tex­te weni­ger über die Bedeu­tung des Tex­tes gespro­chen wird, als dar­über, was Lie­bi (in ande­ren Deno­mi­na­tio­nen mit ande­ren Namen erset­zen bit­te!) dar­über denkt. Es ist ein­fach kei­ne gute Exege­se, wenn man auf eine Inter­pre­ta­ti­on nicht mit einer tie­fe­ren Bibel­ar­beit, son­dern mit dem Ver­weis „Lie­bi sagt aber so“ begnügt.

Ich muss mei­ne Über­le­gun­gen mit drei Punk­ten ein­gren­zen und klar stellen:

Ers­tens, wer­den wir nicht frei vom Per­so­nen­kult, wenn wir ein­fach das Erbe der Kir­chen­ge­schich­te oder die wert­vol­le Arbeit der Leh­rer der Gemein­de, die Gott ein­ge­setzt hat, strei­chen oder igno­rie­ren.  Es geht wirk­lich um ange­mes­se­ne, got­tes­fürch­ti­ge Aner­ken­nung der­sel­ben. Es geht nicht dar­um, nicht mehr „zu zitie­ren“! Des­we­gen ist es kei­ne Lösung „nichts als die Bibel zu lesen“, oder nur ver­schlei­ert „zu zitie­ren“.  Häu­fig ver­steckt sich so der törich­tes­te Per­so­nen­kult, den es gibt, die nar­ziss­ti­sche Begeis­te­rung von sich selbst. Im Kon­text star­ker, gro­ßer und domi­nan­ter christ­li­cher Fami­li­en habe ich z.B. häu­fig beob­ach­tet, dass man die Ansich­ten eines Vaters, Onkels, Opas (oder eben der Leit­fi­gur der Fami­lie) man­tra­ar­tig mit hei­li­ger Wür­de wie­der­hol­te, oft­mals noch Jahr­zehn­te nach­dem die­se Leit­fi­gur ver­starb (oder anders­wei­tig als nicht zuver­läs­sig erkannt wur­de). Es wird auch klar, ent­täuscht uns ein „Häupt­ling“, suchen wir uns den nächs­ten. Schuld am Per­so­nen­kult ist vor allem unser sün­di­ges Herz.

Zwei­tens gibt es den Bezug auf eine „Insi­der-Cli­que“, des christ­li­chen Tri­ba­lis­mus. Hier hat man weni­ger einen ein­zel­nen Men­schen im Blick als eine Strö­mung. Nur die die­ser ange­hö­ren, gel­ten dann als zuver­läs­sig. Dass ande­re, nicht ein­mal die lei­ses­te Mög­lich­keit besa­ßen, zu die­sen Insi­dern zu gehö­ren, wird geflis­sent­lich über­se­hen. Das pas­siert mir immer wie­der, wenn ich einen Kom­men­tar, eine bibli­sche Theo­lo­gie o. Ä schon des­we­gen für gut hal­te, weil sie „refor­miert“ ist. Immer wie­der muss­te ich fest­stel­len, dass man so zahl­rei­che kost­ba­re Per­len über­se­hen hat.

Schließ­lich darf auch der his­to­ri­sche Per­so­nen­kult nicht uner­wähnt blei­ben. Natür­lich bin ich Mar­tin Luther Fan, womög­lich bin ich gar Cryp­to-Luthe­ra­ner . Einen unse­ren Söh­ne haben wir sogar Mar­tin Luther genannt. Mir wird immer wie­der bewusst, wie weit mein Per­so­nen­kult hier geht, wenn ich Luthers völ­lig bizar­rer Abend­mahls­leh­re (und ihrer unchrist­li­chen Ver­tei­di­gung) nur des­we­gen mit Ver­ständ­nis begeg­ne, weil sie eben von Luther stammt. Wür­de ein ganz gewöhn­li­cher Christ dar­auf kom­men, könn­te ich höchs­tens dar­über spot­ten. So wird der hit­zigs­te Bekämp­fer des Papst­stum zum Ersatzpapst.

Luther ist ein gutes Bei­spiel um mit die­sem The­ma abzu­schlie­ßen. Ein Christ ist immer simul jus­tus et pec­ca­tor (Gleich­zei­tig gerecht und Sün­der). Ver­schlie­ßen wir nicht die Augen, weder vor sei­ner bril­lan­ten Leis­tung, die er durch die Gna­de Got­tes in vie­len Berei­chen wir­ken konn­te, aber auch nicht vor den furcht­ba­ren, kaum zu ertra­gen­den Posi­tio­nen die die­ser hoff­nungs­lo­se Sün­der vertratt.

Übri­gens: Das ein­zig wirk­sa­me Gegen­gift gegen den Per­so­nen­kult ist radi­ka­le Umkehr zum Christuskult.

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    „Wer­den Sie nie der Jün­ger eines Autors — einer­lei, wie hilf­reich er Ihnen gewe­sen sein mag; son­dern suchen Sie nach Schrei­bern, deren Bot­schaft Ihnen hilft, die Bibel bes­ser zu ver­ste­hen, sodass Sie als Per­sön­lich­keit rei­fer wer­den, im Bibel­stu­di­um geist­lich wach­sen und im Dienst für den Herrn vorankommen.“
    ― War­ren Wiers­be, Im Dienst des bes­ten Herrn, S. 103

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