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„Nicht den Gegenstand, der mir zum Falle wurde, nein, den Fall selbst liebte ich“

Augustinus berichtet über den Raub von Nachbars Birnen

Auf die­sen Aus­zug aus den Bekennt­nis­sen von Augus­ti­nus bin ich durch eine sehr gelun­gen Pre­digt von Paul Koch aus der St. Mar­ti­ni Kir­che in Bre­men auf­merk­sam gewor­den. Die­ser Text fin­det sich im Vier­ten Kapi­tel des zwei­ten Buches. Die deut­sche Über­set­zung der Con­fes­sio­nes  fin­det man lizenz­frei im Inter­net.

„Bekannt ist, dass dein Gesetz, o Herr, den Dieb­stahl bestraft, und zwar sogar das in die Her­zen der Men­schen ein­ge­gra­be­ne Natur­ge­setz, das nicht ein­mal ihre Bos­heit aus­zu­lö­schen ver­mag. Denn wel­cher Dieb ertrü­ge, auch wenn er begü­tert ist, gleich­mü­tig den Dieb­stahl eines, den Not dazu treibt? Ich aber woll­te einen Dieb­stahl bege­hen und habe ihn auch began­gen, nicht durch irgend­wel­che Not­wen­dig­keit ver­an­lasst: an Gerech­tig­keit fehl­te es mir, ja ich hat­te Ekel vor ihr, und vor Bos­heit erstick­te ich. Denn ich stahl, was ich im Über­fluß, ja noch viel bes­ser besaß. Auch woll­te ich nicht, was der Dieb­stahl mir ver­schaff­te, genie­ßen, son­dern den Dieb­stahl selbst und die Sün­de.

Nahe unserm Wein­berg stand ein Birn­baum mit zwar zahl­rei­chen, jedoch häß­li­chen und unschmack­haf­ten Früch­ten. Die­se abzu­schüt­teln und hin­weg­zu­schlep­pen, mach­ten wir jun­gen Leu­te uns ohne Scham- und Ehr­ge­fühl bei tie­fer Nacht auf — so lan­ge hat­ten wir unser ver­derb­li­ches Spiel auf dem Plat­ze getrie­ben — und tru­gen gewal­ti­ge Las­ten von dort hin­weg, nicht um sie zu essen, son­dern um sie den Schwei­nen vor­zu­wer­fen. Und wenn wir auch eine Klei­nig­keit davon aßen, so geschah es nur des­halb, weil wir damit etwas Uner­laub­tes tun konn­ten.

Sieh mein Herz, o mein Gott, sieh mein Herz, des­sen du dich erbarmt hast in der Tie­fe sei­ner Bos­heit. Sieh, mein Herz soll dir nun sagen, was es dort such­te, dass ich näm­lich ohne jeden Grund böse und mei­ner Bos­heit Grund nur die Bos­heit selbst war. Abscheu­lich war sie, und trotz­dem lieb­te ich sie, lieb­te mein Ver­der­ben, lieb­te mei­nen Fehl­tritt.; als ich in der Ver­wor­fen­heit mei­nes Gemü­tes. mich von dei­ner Grund­fes­te ins Ver­der­ben stürz­te, da begehr­te ich nicht schimpf­lich irgend­ei­nen Gegen­stand, son­dern die Schan­de selbst.“

Augus­ti­nus, der auch sei­ne sexu­el­len Aus­schwei­fun­gen vor sei­ner Bekeh­rung bereut, wählt doch gera­de ein Ereig­nis sei­ner Kind­heit als Gene­ra­lex­em­pel für sei­ne abgrund­tief böse Ver­an­la­gung. Tru­e­man weist in Grace Alo­ne  (S. 58, eige­ne Über­set­zung) zurecht dar­auf hin, dass, „die­se Pas­sa­ge eine wun­der­schö­ne Ver­ei­ni­gung aus Erzäh­lung und Theo­lo­gie ist. Die tri­via­len Details der Erzäh­lung zie­hen den Leser in die Bege­ben­heit hin­ein, ganz sub­til aber auch per­sön­lich. Hät­te Augus­ti­nus ein Schwer­ver­bre­chen, z.B. einen Mord, einen Raub­über­fall oder einen Staats­ver­rat, wäre der Leser wohl scho­ckiert, wür­de sich aber kaum mit dem Prot­ago­nis­ten iden­ti­fi­zie­ren. Nur weni­ge Leser hät­ten Erfah­rung gehabt sol­che Ver­bre­chen zu bege­hen noch das Ver­lan­gen gespürt so etwas zu tun. Doch die Hand­lung eines kind­li­chen Dieb­stahls ist die Art von Sün­de, die jedes Kind ent­we­der began­gen hat oder ver­sucht hat. Die Erzäh­lung zieht den Leser in etwas hin­ein, mit der er sich iden­ti­fi­zie­ren kann: Den Dieb­stahl einer Frucht vom Baum des Nach­barn. Wir lesen den Abschnitt und wir erken­nen etwas von uns selbst. Die Erzäh­lung stellt eine theo­lo­gi­sche Fal­le dar.“

 

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