Zitate
Schreibe einen Kommentar

Ist es nützlich, bestimmte Wahrheiten zu unterdrücken?

Aus der Auseinandersetzung zwischen Erasmus von Rotterdam und Martin Luther

Für die Ver­öf­fent­li­chung vom „Vom unfrei­en Wil­len“ bin ich dem Beta­ni­en Ver­lag sehr dank­bar. Dies ist die Ant­wort Luthers auf unter­schied­li­che Argu­men­te des Eras­mus von Rot­ter­dam, der (ent­ge­gen der dama­li­gen offi­zi­el­len katho­li­schen Mei­nung) für den Frei­en Wil­len schrieb, vor allem aber die Gele­gen­heit nutz­te, Luther und Kon­sor­ten zu denun­zie­ren. In sei­ner Argu­men­ta­ti­on führt Eras­mus unter ande­rem aus: „Es gibt eini­ge Din­ge, die von sol­cher Art sind, dass es nicht rat­sam wäre, sie den Ohren des gemei­nen Vol­kes preis­zu­ge­ben – selbst wenn sie wahr wären und man sie wis­sen könn­te.“ 

Luther erwi­dert:

Doch auch die­ses Bei­spiel behan­delst du nicht recht und ver­dammst es als unnütz, dar­über öffent­lich zu dis­pu­tie­ren – ob Gott in einer Höh­le oder in einer Kloa­ke sei; denn du denkst zu mensch­lich von Gott. Ich geste­he zwar, dass es eini­ge leicht­fer­ti­ge Pre­di­ger gibt, die ohne Got­tes­furcht und Fröm­mig­keit höchst leicht­fer­tig schwat­zen oder scher­zen – sei es aus Ruhm­sucht oder dem Bestre­ben, etwas Neu­es her­vor­zu­brin­gen, oder weil sie schlicht den Mund nicht hal­ten kön­nen. Sol­che Leu­te aber gefal­len weder Gott noch Men­schen, selbst wenn sie fest behaup­ten wür­den, dass Gott im höchs­ten Him­mel sei. – Wo aber erns­te und from­me Pre­di­ger mit beschei­de­nen, rei­nen und ver­nünf­ti­gen Wor­ten leh­ren, da ist es ohne Gefahr, son­dern von gro­ßem Nut­zen, wenn sie sol­ches öffent­lich leh­ren.

Müs­sen wir nicht alle leh­ren, dass der Sohn Got­tes im Schoß der Jung­frau gewe­sen ist und aus ihrem Unter­leib gebo­ren wur­de? Inwie­weit aber unter­schei­det sich der mensch­li­che Unter­leib von irgend­ei­nem ande­ren unrei­nen Ort? Und wer könn­te nicht schänd­lich oder schmut­zig davon reden? Sol­che Leu­te aber ver­dam­men wir mit Recht, denn es gibt mehr als genug rei­ne Wor­te, um von die­sem not­wen­di­gen Vor­gang auch mit Wür­de und Anstand zu reden. Auch Chris­ti Leib war ein mensch­li­cher Leib wie der uns­ri­ge; was aber ist unrei­ner als die­ser? Soll­ten wir des­halb etwa leug­nen, dass Gott leib­haf­tig in ihm gewohnt habe, was Pau­lus doch sagt (Kol 2,9)? Was ist unrei­ner als der Tod? Was schreck­li­cher als die Hölle?47 Aber der Pro­phet rühmt sich, dass Gott sogar im Tod bei ihm sei und ihm in der Höl­le bei­ste­he (Ps 139,8).

Dar­um scheut sich ein from­mes Herz nicht zu hören, dass Gott im Tode oder in der Höl­le sei, was bei­des schreck­li­cher und unrei­ner ist als eine Höh­le oder eine Kloa­ke. Viel­mehr: Wenn die Hei­li­ge Schrift bezeugt, dass Gott über­all ist und alles erfüllt (Jer 23,24; Eph 1,23), dann sie sagt nicht nur, dass er an jenen Orten sei; son­dern not­wen­di­ger­wei­se erfährt und erkennt man dadurch auch, dass er dort ist. Was etwa, wenn ein Tyrann mich gefan­gen näh­me und ins Gefäng­nis oder eine Kloa­ke wür­fe, was vie­len Hei­li­gen wider­fah­ren ist? Wäre mir dann nicht erlaubt, dort Gott anzu­ru­fen oder zu glau­ben, das s er bei mir sei? Müss­te ich dazu erst in einen geschmück­ten Tem­pel gehen? Wenn du uns leh­ren willst, sol­che Pos­sen mit Gott zu trei­ben, und an den Orten Anstoß nimmst, wo er gegen­wär­tig ist, wirst du uns am Ende auch nicht mehr gestat­ten, dass er im Him­mel wohnt; denn auch der höchs­te Him­mel kann ihn nicht fas­sen und ist sei­ner nicht wür­dig (1Kö 8,27). Aber wie ich schon sag­te: Du sti­chelst nach dei­ner Gewohn­heit so gehäs­sig, um unse­re Sache schlecht und völ­lig ver­hasst zu machen; du hast näm­lich erkannt, dass du sie weder über­win­den noch wider­le­gen kannst.

Aus: Mar­tin Luther, Vom unfrei­en Wil­len, Beta­ni­en Ver­lag 2016, S. 45 – 47.

Ein Meis­ter­stück christ­li­cher Apo­lo­ge­tik!

Hinterlasse einen Kommentar!

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.