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„Evangelischer Glaube Kompakt“ von Thomas Schirrmacher
Darüber wie es ist, als Nicht-Presbyterianer das Westminster Bekenntnis zu lesen

Das hat mich zunächst in die­ser Ver­si­on des West­mins­ter Glau­bens­be­kennt­nis­ses von 1647 (Im fol­gen­den mit WB abge­kürzt) von Tho­mas Schirr­ma­cher irri­tiert, dass er das Werk mit einem zusätz­li­chen Titel ver­sieht: „evan­ge­li­scher Glau­be kom­pakt“. Je mehr ich aber auf die­se Bekennt­nis­schrift zurück­grei­fe, des­to eher sehe ich es als eine Art „Cheat-Buch“ für dog­ma­ti­sche Fra­gen.  Als ich vor eini­ger Zeit z.B. für eine Jugend­grup­pe einen Vor­trag über das The­ma Heils­ge­wiss­heit vor­be­rei­tet habe, griff ich voll­stän­dig auf die Struk­tur zurück, wie es das WB In Kapi­tel 18 dar­stellt: Behut­sam ent­wi­ckelt das Bekennt­nis an die­ser Stel­le, dass es vor allem um den Wachs­tum im Glau­ben geht, dass Heils­ge­wiss­heit mög­lich, aber nicht heils­not­wen­dig sei, erstre­bens­wert, aber nicht auf eine zu ver­zwei­feln­de Wei­se, son­dern im Gott­ver­trau­en anzueignen.

Oder neh­men wir Kapi­tel 9: Vom frei­en Wil­len. Das Bekennt­nis hat hier die augus­ti­ni­sche Struk­tur im Hin­ter­grund, so dass es die Wil­lens­frei­heit vor dem Fall, nach dem Fall, nach der Wie­der­ge­burt und in der Herr­lich­keit betrach­tet. Somit fällt die Ant­wort nicht ein­fach plump mit „ja oder nein“  aus, son­dern führt ziel­stre­big zur Fra­ge nach „ech­ter Wil­lens­frei­heit“  Mit den Wor­ten des Bekennt­nis­ses, dass es übri­gens kos­ten­frei zum Down­load gibt: (Arti­kel 9,5) „Der Wil­le des Men­schen wird erst im Stand der Herr­lich­keit volk­kom­men und unver­än­der­lich frei gemacht, nur Gutes zu tun.“ Damit argu­men­tiert das Bekennt­nis an die­ser Stel­le völ­lig anders, als die übli­che evan­ge­li­ka­le Lösung, die meint, wir wür­den im Him­mel nicht mehr sün­di­gen, weil Satan nicht mehr da sei.

Sehr hilf­reich auch für Jung­schar­un­ter­richt oder all­ge­mein Jün­ger­schaft, sind die ers­ten Kapi­tel des Bekennt­nis­ses gene­rell: Da wäre das ers­te Kapi­tel von der Hei­li­gen Schrift zu erwäh­nen, das bei wei­tem nicht so plump for­mu­liert ist, wie es ger­ne die libe­ra­len Chris­ten bibel­gläu­bi­gen Evan­ge­li­ka­len vor­wer­fen, und natür­lich das Kapi­tel über die Drei­ei­nig­keit, oder schließ­lich, das sei beson­ders her­vor­ge­ho­ben,  das Kapi­tel über Chris­tus den Mittler.

Das Mit­tel­stück des Bekennt­nis­ses bil­den Fra­gen der Erret­tung, wie der Recht­fer­ti­gung, der Adop­ti­on, der Buße, des Aus­har­rens und des Geset­zes Got­tes mit abschlie­ßen­den Fra­gen nach der Bezie­hung zwi­schen Staat und Kir­che, des Sab­bats, der Ehe und den Sakra­men­ten, sowie der Gemeindezucht.

Wer ein Bekennt­nis aus refor­mier­ter Sicht sucht, kommt nie­mals an die­ser Bekennt­nis­schrift vor­bei. Schirr­ma­chers Aus­ga­be wird durch zahl­rei­che Stütz­stel­len und durch die wei­te­ren Vari­an­ten die­ser pro­tes­tan­ti­schen Bekennt­nis­schrift deut­lich berei­chert. John Owen war bekannt­lich nicht der pres­by­te­ria­ni­schen Kir­chen­ord­nung zuge­neigt, und erwei­ter­te das Kapi­tel zum The­ma „Gemein­de“ erheb­lich. Die­se Vari­an­te wie­der­um war grund­le­gend für Anpas­sun­gen zum The­ma Tau­fe und form­ten so das Glau­bens­be­kennt­nis der bri­ti­schen Bap­tis­ten (natür­lich das von 1689).  Auf die­se Wei­se kann Schirr­ma­cher auf­zei­gen, wie zen­tral das WB für unter­schied­li­che pro­tes­tan­ti­sche Strö­mun­gen wurde.

Geht es im WB um die berüch­tig­ten fünf Punk­te? Folgt man der Argu­men­ta­ti­on des Metro­po­li­tan Taber­na­cle ste­hen im Bekennt­nis (als Bap­tis­ten bezie­hen sich auf das bap­tis­ti­sche Bekennt­nis) vor­nehm­lich die „five points of cal­vi­nism“ im Vor­der­grund (sie­he hier, ähn­lich argu­men­tiert eine deutsch­spra­chi­ge Gemein­de hier). Natür­lich steht das WB in der Tra­di­ti­on der Lehr­re­gel von Dor­drecht, aber die Reduk­ti­on des Bekennt­nis­ses auf die Fünf Punk­te tut die­ser her­vor­ra­gen­den Schrift schlicht unrecht.

Lese ich eine Bekennt­nis­schrift, stel­le ich mir Punkt für Punkt die Fra­ge, wie ich die The­sen for­mu­lie­ren wür­de.  In den meis­ten Fäl­len ist die For­mu­lie­rung des WB so über­ra­gend, dass man die­se nur bereit­wil­lig unter­zeich­nen wür­de, ja in mei­nem Fall, schä­me ich mich häu­fig, dass ich nicht auf der­art aus­ge­wo­ge­ne For­mu­lie­run­gen gekom­men bin. Unter den ers­ten acht­zehn Kapi­teln, habe ich eigent­lich vor allem mit Kapi­tel 7, der „Von Got­tes Bund mit den Men­schen“ han­delt, ein Pro­blem. Nach lan­gem Nach­sin­nen bin ich immer noch geneigt, die Unter­schei­dung zwi­schen Bund der Wer­ke und Bund der Gna­de all­zu sehr als Kon­strukt zu sehen. Einer­seits ist die­ses Kapi­tel natür­lich ein Segen für die Kir­chen­ge­schich­te gewe­sen und hat viel dazu bei­getra­gen, dass man Bibli­sche Theo­lo­gie ent­wi­ckelt hat, aus­ge­hend von Betrach­tun­gen der Bun­des­theo­lo­gie, und wie der Gna­den­bund Got­tes, ange­fan­gen ab 1. Mo. 3,15 immer wie­der in neu­en Vari­an­ten ver­wirk­licht wird, bis er zur Fül­le in Chris­tus reift. Ande­rer­seits erscheint es mir zu sehr kon­stru­iert die­sem Gna­den­bund einen ada­mi­ti­schen Werk­bund ent­ge­gen­zu­stel­len, wenn es vor­nehm­lich dar­um gehen soll­te, zwei mög­li­che Zustän­de eines Men­schen auf­zu­zei­gen: Ent­we­der in Adam oder in Chris­tus.  Wer nun der „föde­ra­le Ver­tre­ter“ des Men­schen ist, ist eine wich­ti­ge Fra­ge und ein not­wen­di­ger theo­lo­gi­scher Gedan­ke, aber in Röm. 5,12−20 nicht in eine Dis­kus­si­on um Bun­des­be­zie­hun­gen dar­ge­stellt. . Wenn es in Kapi­tel 7 des WB wirk­lich vor­nehm­lich um die­se Fra­ge geht, könn­te man wohl ein dis­pen­sa­tio­na­lis­ti­sches, wie auch ein bun­des­theo­lo­gi­sches Ver­ständ­nis der bibli­schen Bünd­nis­se ver­ste­hen. Letzt­lich wür­de ich ent­schie­den dies Unter­schei­dung des NT bevor­zu­gen, das im Hebrä­er­brief, aber auch im Gala­ter­brief ent­wi­ckelt, vor allem auf den Neu­en und den Alten Bund blickt (Ich schwei­ge dar­über, dass der Gala­ter­brief die schie­ren Seg­nun­gen der Gna­de in den Bund mit Abra­ham ver­knüpft (nicht mit 1. Mo. 3,15) und dann vom Gesetz als einen ein­ge­scho­be­nen Zuchtmeister/Haushalter spricht , nicht im Wider­streit mit einem ada­mi­ti­schen Bund) . Kurz: Der Neue Bund ist nicht bereits ab 1. Mo 3.15 da, aber wohl. schon da ange­kün­digt. Wie ich schon einen über­zeug­ten Pres­by­te­ria­ner frag­te: Wenn es ein und der glei­che Gna­den­bund ist, war­um sol­len wir über­haupt Pfings­ten fei­ern (Und das taten schließ­lich auch die Ver­fas­ser des WB)?

Übri­gens habe ich mir es mit der Kri­tik an die­ser Stel­le nicht leicht getan, und auch das Arbeits­buch zum WB von Joseph A. Pipa (The West­mins­ter Con­fes­si­on of Faith Stu­dy Book) her­an­ge­zo­gen. aber in den Fra­gen die er zu Kapi­tel 7 bespricht, hat er kein Pro­blem damit, zunächst ein Bei­spiel­bund in 1. Mo 21, 27 – 31 zu bespre­chen, um dar­aus in Adam auch einen Bun­des­schluss zu sehen um schließ­lich die Not­wen­dig­keit zu bespre­chen, „was pas­sie­re, wenn wir nicht die Anfor­de­run­gen des ada­mi­ti­schen Bun­des erfül­len?“ An die­ser Stel­le habe ich mich gefragt, ob hier ein­fach eine wei­te­re Unter­schei­dung nötig wäre, und man gar nicht vom Bund der Wer­ke und Bund der Gna­de spre­chen soll­te, da in der Bibel die Bun­des­schlüs­se vor­nehm­lich auf die Ver­hei­ßun­gen des Neu­en Bun­des bli­cken oder aus den Seg­nun­gen des Neu­en Bun­des auf die alten Bünd­nis­se zurück.

Ich sehe noch wei­te­re Pro­ble­me mit dem WB, nein eigent­lich mit dem Umgang mit dem WB: Irgend­wie schei­nen man­che gera­de­zu skla­visch dem Buch­sta­ben des Bekennt­nis­ses zu for­dern. Ist das WB im Kapi­tel über die Gemein­de wirk­lich voll­stän­dig und in allen Punk­ten bes­ser als die Savoy Erklä­rung? Ver­sucht mal mit einem über­zeug­ten pres­by­te­ria­ni­schen Pas­tor dar­über zu spre­chen.  Oder bli­cken wir mal auf Arti­kel 21.6 (Ort und Zeit des Gebe­tes): „Statt­des­sen soll Gott über­all im Geist und in der Wahr­heit ange­be­tet wer­den, zu Hau­se in den Fami­li­en täg­lich und ins­ge­heim im Ver­bor­ge­nen von jedem ein­zel­nen bei sich selbst, genau­so wie noch fei­er­li­cher in öffent­li­chen Ver­samm­lun­gen, die man nicht durch Nach­läs­sig­keit oder absicht­lich miss­ach­ten oder ver­las­sen darf.“ — Ja amen, aber nun zei­ge man mir eine pres­by­te­ria­ni­sche (oder auch refor­miert bap­tis­ti­sche) Gemein­de, in der der Laie und Besu­cher sonn­tags beten darf?  Bis­her (so mei­ne Erfah­rung) Fehl­an­zei­ge. Irgend­wie ist das Lai­en­ge­bet zu pro­fan, und selbst eine Gebets­stun­de gibt es ja häu­fig nicht.

Nun denn, dann fra­ge ich mich , war­um die Besu­cher dann sin­gen dür­fen, wenn bereits das Beten allei­ne dem Pas­tor vor­be­hal­ten ist, obwohl es das Bekennt­nis vor­schreibt. Über das Sin­gen schweigt das Bekennt­nis bekannt­lich, soll­te man das Sin­gen also eben­falls aus­schließ­lich ordi­nier­ten Pas­to­ren erlau­ben? Die Bibel selbst spricht ja mehr über das öffent­li­che Beten als über das öffent­li­che Sin­gen, oder war­um sol­len sonst die Män­ner über­all ihre Hän­de zum Gebet erhe­ben? Wer hier auf Stum­mes Gebet ver­weist, hat nicht ver­stan­den, dass selbst der Zöll­ner es wag­te im Tem­pel hör­bar zu beten.

Ein ande­rer Fall: Ein­mal durf­te ich einen jun­gen Bru­der beglei­ten, der einen pres­by­te­ria­ni­schen Pas­tor bat, ob er ihn mit Unter­tau­chen tau­fen wür­de (ers­te Tau­fe, falls das unklar sein soll­te) . Wir recher­chier­ten im WB und stie­ßen auf die­se Stel­le (Kapi­tel 28,3): „Das Unter­tau­chen der Per­son im Was­ser ist nicht not­wen­dig, son­dern die Tau­fe wird auch durch Begie­ßen oder Bespren­gen der Per­son mit Was­ser recht gespen­det.“ Die For­mu­lie­rung „nicht not­wen­dig“ und „auch …recht gespen­det“ ließ uns anneh­men, dass ein Unter­tau­chen in Über­ein­stim­mung mit dem WB mög­lich sei. Doch der Pas­tor ver­wies den jun­gen Bru­der auf „Über­set­zungs­feh­ler“ und beharr­te auf „ein­zig und allein Bespren­gen mög­lich“, wobei man sich fra­gen muss, wie Schirr­ma­cher die Aus­sa­ge „Dipping of the per­son into the water is not necessa­ry; but bap­tism is right­ly admi­nis­te­red by pou­ring or sprinkling water upon the per­son.“ hät­te bes­ser über­set­zen können.

Ich füh­re die­se bei­den Bei­spie­le an, weil Carl Tru­e­man in sei­nem Werk über die Not­wen­dig­keit und Bedeu­tung von Bekennt­nis­sen (The Cree­dal Impe­ra­ti­ve) meint, dass man durch die Ver­wen­dung pas­to­ra­ler Will­kür vor­beu­gen kann. Obwohl ich ihm gene­rell zustim­men wür­de, beob­ach­te ich in der Pra­xis  lei­der auch in kon­fes­sio­nel­len Gemein­den päpst­li­che Willkür.

Um ein letz­tes Bei­spiel zu wäh­len (etwas unge­wöhn­lich): Gene­rell wür­de ich die Unter­tei­lung in mora­li­sches, zere­mo­ni­el­les und judi­zi­el­les Gesetz unter­stüt­zen, da auf die­se Wei­se mehr als nur die zehn Gebo­te bin­dend für Volk, Staat und Gemein­de ver­stan­den wer­den. Jetzt folgt aber ein Rück­griff gera­de auf die judi­zi­el­len oder gar zere­mo­ni­el­len Geset­ze, als man in Arti­kel 24.4 (Ehe ist bei zu naher Bluts­ver­wand­schaft ver­bo­ten) aus­führt, dass „der Mann kei­ne Ver­wand­ten sei­ner Frau hei­ra­ten darf, die ihr näher bluts­ver­wandt ist, als er es in sei­ner eige­nen Ver­wandt­schaft darf“.  Eine umständ­li­che For­mu­lie­rung, die aber deut­lich macht, dass die Hei­rat der Schwä­ge­rin (z.B. nach Tod der Frau) unter­sagt ist, da man durch das „ein Fleisch wer­den“ in einer gewis­sen Art bluts­ver­wandt mit den Bluts­ver­wand­ten sei­ner Frau wur­de. Die Inzest­ge­set­ze, wie wir sie in 3. Mo. 18 und 20 fin­den, spre­chen die glei­che Spra­che, ver­gleicht man z.B. 3. Mo. 18, 14 dass die Hei­rat bzw. „Ent­blö­ßung“ der ange­hei­ra­te­ten Tan­te ver­bie­tet, aber 3. Mo. 18, 18 macht deut­lich dass die­se „Bluts­ver­wandt­schaft“ vom Patri­ar­chat aus­ging, also nur in Rich­tung der männ­li­chen Ver­wandt­schaft ein Pro­blem mach­te. Ach­tet auf den Wort­laut: „Du sollst die Schwes­ter dei­ner Frau nicht ihr zuwi­der zur Frau neh­men und ihre Scham ent­blö­ßen, solan­ge dei­ne Frau noch lebt.“ (3. Mo. 18,18). Das ist natür­lich ein klei­nes Detail und durch Vor­le­sun­gen von Carl Tru­e­man habe ich erfah­ren, dass die­ses Kapi­tel in man­chen pres­by­te­ria­ni­schen Gemein­den auch fal­len gelas­sen wurde.

Was folgt aus die­ser lan­gen Rede? Mei­ne gro­ße Wert­schät­zung zu die­sem Bekennt­nis, die wei­ter­hin wächst, obwohl ich gleich­zei­tig mer­ke, dass es „nicht mein Bekennt­nis“ ist, in dem Sin­ne, dass ich ja nicht Mit­glied einer Gemein­de bin, das sich die­sem Bekennt­nis ver­pflich­tet, aber auch in dem Sin­ne, dass ich eini­ge, vor allem letz­te­re Kapi­tel per­sön­lich anders for­mu­lie­ren wür­de. Ich glau­be aber, dass die­se Distanz der Unver­pflich­tung, die ich habe, eher ein Vor­teil ist, um unge­zwun­ge­ner mit die­ser Schrift umzu­ge­hen. Des­we­gen möch­te ich vor­nehm­lich „kon­fes­si­ons­lo­se“ Mit­ge­schwis­ter ermu­ti­gen, sich ver­mehrt mit die­sem Bekennt­nis aus­ein­an­der­zu­set­zen. Was gebe es bes­se­res, als wenn in jeder Stadt Deutsch­land jun­ge Män­ner sich in Grup­pen ver­sam­meln wür­den, um sich echt tief­grün­dig, mit auf­ge­schla­ge­nen Bibeln, aber auch got­tes­fürch­tig neu­gie­rig den tie­fen Glau­bens­fra­gen unse­rer Väter stel­len würden?

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