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Die Predigt des Reverend Sprague aus St. Petersburg

Aus "Die Abenteuer von Tom Sawyer"

In die Aben­teu­er von Tom Sawy­er hat Rever­end Spra­gue zwei Mal die Gele­gen­heit für eine Pre­digt. Das eine Mal spricht er über dies und das und das ande­re Mal ist er ein Tau­send­sas­sa um die Rea­li­tät in den gewünsch­ten Far­ben leuch­ten zu las­sen. Nichts neu­es im Wes­ten also.  Ganz zu Beginn des Buches erle­ben wir einen Sonn­tag von Tom (Her­vor­he­bun­gen von mir):

„Und jetzt kam die Pre­digt. Es war eine gute, leut­se­li­ge Pre­digt und ging bis ins ein­zel­ne. Sie beschäf­tig­te sich mit der Kir­che und mit den Kin­dern der Kir­che; mit den ande­ren Kir­chen des Dor­fes; mit dem Dor­fe selbst; mit dem Lan­de; mit dem Staat; mit den Behör­den der ein­zel­nen Staa­ten; mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten; mit dem Kon­greß; mit dem Prä­si­den­ten; mit den Staats­die­nern; mit den armen, sturmum­tos­ten See­fah­rern; mit den unter dem Joch ihrer Mon­ar­chen seuf­zen­den Mil­lio­nen Euro­pas und des Ori­ents; mit den Glück­li­chen und Rei­chen, die nicht Augen haben, zu sehen und Ohren, zu hören; mit den armen See­len auf fer­nen Inseln; und schloß mit der Bit­te, daß sei­ne Wor­te auf guten Boden fal­len und der­einst hun­dert­fäl­ti­ge Frucht tra­gen möch­ten. Amen

Der Kna­be, des­sen Geschich­te die­ses Buch ent­hält, hat­te kei­ne Freu­de an die­ser Pre­digt, er hör­te sie ein­fach an — und viel­leicht auch das nicht. Doch merk­te er sich ein­zel­ne Details dar­aus, ganz unbe­wußt, denn, wie gesagt, er ach­te­te kaum dar­auf, aber er kann­te den Ser­mon des Geistlichen
schon längst und bemerk­te es sofort, wenn mal irgend ein neu­er Pas­sus ein­ge­scho­ben war, und das emp­fand er dann unan­ge­nehm; er hielt Bei­sät­ze und Abwei­chun­gen von dem Alt­her­ge­brach­ten für unno­bel und unrecht“ (S. 33 aus die­ser Über­set­zung)

Ent­spre­chend auch das Fazit der Ver­samm­lung: „Es bedeu­te­te eine wah­re Erleich­te­rung für die Ver­samm­lung, als der Got­tes­dienst zu Ende und der Segen gespro­chen war.“ (S. 35)

Spä­ter ver­ste­cken sich Tom Sawy­er und ein paar Jungs auf einer Insel, wer­den im und um den  Mis­sis­sip­pi ver­geb­lich gesucht, für ertrun­ken gehal­ten und erschei­nen dann zu ihrem eige­nen Trau­er­got­tes­dienst. Der Pre­di­ger warf sich wie­der ins Zeug und bewies, dass man sei­ne eige­nen Erfin­dun­gen irgend­wann selbst glaubt, wenn man sie nur häu­fig genug wiederholt:

„Im Ver­lauf sei­ner Pre­digt gab der Geist­li­che sol­che Bil­der von der Sanft­mut, dem ehren­haf­ten Lebens­wan­del und den viel­ver­spre­chen­den Talen­ten der ver­lo­re­nen Durch­gän­ger, daß jeder­mann, sich ein­bil­dend, die­se Por­träts zu erken­nen, Schmerz emp­fand bei dem Gedan­ken, daß er gegen all das bis­her blind gewe­sen sei und an den armen Jun­gen bestän­dig nichts als Feh­ler und Fle­cken gese­hen hat­te. Der Geist­li­che erzähl­te manch rüh­ren­des Ereig­nis aus dem Leben der Ver­schwun­de­nen, das ihre sanf­ten, edel­mü­ti­gen Natu­ren zeig­te, und das Volk konn­te jetzt leicht sehen, wie edel und schön die­se Vor­komm­nis­se waren und sich mit Kum­mer daran
erin­nern, daß sie ihnen damals, als sie sich zutru­gen, als arge Spitz­bu­ben­strei­che erschie­nen waren, die den Och­sen­zie­mer ver­dien­ten. Die Gemein­de wur­de mehr und mehr gerührt, je wei­ter die ergrei­fen­de Pre­digt fort­schritt, bis schließ­lich alles geknickt war und sei­ne trä­nen­rei­chen Kla­gen zu einem Cho­rus selbst­an­kla­gen­den Schluch­zens ver­ei­nig­te; sogar der Geist­li­che über­ließ sich sei­nen Gefüh­len und wein­te auf offe­ner Kan­zel.“ (S. 110)

Kategorie: Zitate

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Hallo, ich bin Sergej und lese vor allem theologische Bücher reformierter Prägung. Als Familie wohnen wir im Südschwarzwald!

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