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Die Gemeinschaft der Heiligen

Eine Lobeshymne auf die Ortsgemeinde

Um einem Miss­ver­ständ­nis, der in den letz­ten Arti­keln mög­li­cher­wei­se ent­stan­den ist, vor­zu­beu­gen, ist wohl die­ser Arti­kel nötig. Über­haupt kann man sich fra­gen, war­um ich in einem Blog, dass vor­nehm­lich Lite­ra­tur bespricht, mich mit Dis­pen­sa­tio­na­lis­mus und ande­ren The­men aus­ein­an­der­set­ze. Nun die Ant­wort soll­te eigent­lich auf der Hand lie­gen: Wenn ich ein Buch auf­ma­che, und dies gilt für christ­li­che Lite­ra­tur im beson­de­ren Maße, möch­te ich wis­sen, wer der Autor ist. Wie sein Ver­hält­nis zur Hei­li­gen Schrift ist, ist dabei in beson­de­rem Maße wich­tig. Somit ver­su­che ich immer mög­lichst vie­le Infor­ma­tio­nen zum Autor zu bekom­men. Sein theo­lo­gi­scher Hin­ter­grund ist dabei in hohem Maße relevant.

Was mir beson­ders wich­tig ist, ist zudem die Gemein­de, die der Autor ist. Viel­leicht soll­te man es anders aus­drü­cken. Ich möch­te wis­sen, wie er zur Orts­ge­mein­de steht, wel­che Ord­nung dort vor­herrscht, wie Gemein­de­zucht gehand­habt wird, wie die Got­tes­diens­te durch­ge­führt wer­den, wie mis­sio­niert wird usw. Somit wür­de ich nie­mals ein reli­giö­ses Werk lesen, des­sen Autor gemein­de­los ist.

Im Übri­gen ist es oft­mals gar nicht ein­fach, über die­se Fra­gen aus­rei­chend Infor­ma­tio­nen zu fin­den. Selbst wenn man tech­nisch über die­se ver­fügt, weiß man immer noch nicht, ob die Gemein­de die­ses oder jenen Autors von Freu­de und Brü­der­lich­keit oder von beson­de­rer Heu­che­lei geprägt ist. Mich inter­es­sie­ren Fra­gen, wie die Gemein­de z. B. zum Mili­tär­dienst oder zu ande­ren Gemein­den steht. Auch inter­es­sie­ren mich die Begrün­dun­gen zu ver­schie­de­nen Prak­ti­ken. Werden/Wurden z. B. Kin­der­ein­seg­nun­gen durch­ge­führt, wie wer­den Gebets­ver­an­stal­tun­gen orga­ni­siert? Wie vie­le Pre­di­ger hat die Gemein­de und wer ent­schei­det über Mit­glie­der in der Gemein­de­lei­tung? So vie­le Fra­gen, bis­her war es mir nur bei Spur­ge­on mög­lich, die­se Fra­gen wirk­lich im aus­rei­chen­den Maße zu beant­wor­ten. So ist z. B. inter­es­sant zu wis­sen, dass es in sei­ner Gemein­de kei­ne Orgel gab, da Spur­ge­on unbe­dingt ver­hin­dern woll­te, dass Men­schen in die Gemein­de kom­men um etwas ande­res zu hören, als das Evan­ge­li­um. Auch war Mili­tär­dienst, soweit ich das über­prü­fen konn­te, in Ord­nung. Sei­ne Kin­der nicht gut zu erzie­hen galt aber in sei­ner Gemein­de als nicht ok und konn­te Gemein­de­zucht zur Fol­ge haben. Schul­den zu haben, war ein No-Go usw., dafür war Tabak, wie bekannt sein soll­te, (zumin­dest lan­ge Zeit) akzeptiert.

Vie­le die­ser Infos fin­det man in der Zeit­schrift „Sword & Tro­wel“ oder in sei­ner Auto­bio­gra­phie. Man erfährt bei Luther z. B. deut­lich erschwer­ter ähn­li­che Infor­ma­tio­nen, jedoch weiß man über sei­ne Posi­ti­on zur Orts­ge­mein­de. In sei­nem Schrei­ben „Ob man vor dem Ster­ben flie­hen möge“ lernt man viel über sei­ne Hal­tung dazu: In Wit­ten­berg herrsch­te die Pest. Luther hat­te die Mög­lich­keit in die Sicher­heit einer Burg zu flie­hen, er jedoch sag­te, dass ein Hir­te sei­ne Gemein­de nicht in Stich las­sen dür­fe und besuch­te Pest-Kran­ke und spen­de­te Ster­ben­den den letz­ten Trost. Mei­nen aller­höchs­ten Respekt hat die­ser Held der Refor­ma­ti­on dafür. Ja genau sei­ne Hal­tung in sol­chen Fra­gen macht Luther für mich über­haupt zu einem lesens­wer­ten Autor.

Heu­te ist die Orts­ge­mein­de in Gefahr durch die soge­nann­te Inter­net­ge­mein­de ver­drängt zu wer­den. Dabei soll­te ich zunächst erklä­ren, was ich unter Orts­ge­mein­de ver­ste­he, näm­lich wo min­des­tens zwei Leu­te in dem Namen Jesu ver­sam­melt sind. Ist jedoch Chris­tus dabei, dann wird es nicht beim Still­stand blei­ben, es wird Wachs­tum geben. Somit hat jede Gemein­de aus zwei­en oder drei­en ange­fan­gen und fing dann an zu wachsen.

Ich möch­te nie­man­dem mei­ne Ant­wor­ten vor­schrei­ben, und doch weiß ich, dass ich nur durch das Zeug­nis der Orts­ge­mein­de zum Glau­ben kam, es war kein Buch dafür nötig. Auch kommt ein Groß­teil des­sen was ich im Glau­ben lern­te von mei­ner Orts­ge­mein­de. Es fing in den Kin­der­stun­den an, ging über auf die Gemein­schaft mit den Gläu­bi­gen und ende­te beim Hören der Pre­dig­ten. Wenn Bücher etwas brach­ten, dann vor allem mehr Sys­te­ma­tik in das Gehör­te und Gelern­te zu brin­gen. Neben der Bibel ist die Gemein­schaft der Hei­li­gen das kost­bars­te Buch das wir besit­zen. Nicht umsonst heißt es im apos­to­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis: „Ich glau­be an den Hei­li­gen Geist, die hei­li­ge all­ge­mei­ne Kir­che, Gemein­schaft der Hei­li­gen, Ver­ge­bung der Sünden“.

Dass soll nicht hei­ßen, dass ich vor Feh­lern oder Abwei­chun­gen der Gemein­de oder der Gemein­de­lei­tung die Augen ver­schlie­ße. Aber nur mal zum Nach­den­ken: Wenn ich all die Punk­te anein­an­der­rei­he, in denen mein Ver­ständ­nis von denn Prak­ti­ken der Gemein­de abweicht, die ich gera­de besu­che. sind die Dif­fe­ren­zen immer noch klei­ner als die Dif­fe­ren­zen mit den Ansich­ten von John Piper. Und hier kann man John Piper mit vie­len ande­ren Namen erset­zen (aber sicher nicht mit allen). Was ich mei­ne ist fol­gen­des: Vie­le sind bereit bei Autoren nicht nur ein Auge zu schlie­ßen was Dis­kre­pan­zen angeht. In der eige­nen Gemein­de kann man es dann aber nicht genau genug neh­men. Und eine wei­te­re Sache ist mir auf­ge­fal­len. Natür­lich ärgert mich man­ches an dem Ver­hal­ten der Gemein­de­lei­tung, aber oft ärger­te ich mich nur aus per­sön­li­chem Stolz her­aus, dar­über. Viel­leicht auch oft, weil man von Men­schen mehr erwar­tet, als die­se leis­ten kön­nen. Nur sel­ten ging es mir wirk­lich um das Reich Got­tes. Nur, was ist eine per­sön­li­che Belei­di­gung, gewo­gen am Scha­den im Rei­che Got­tes? Wenn man über Gemein­de redet, bleibt nun mal wenig Raum für Ego­is­mus. Außer­dem kann ich immer noch nicht sagen, dass ich soviel für mei­ne Pas­to­ren bete, wie ich die­se kritisiere.

Aber es bleibt auch wenig Raum für rosa Bril­len. Vie­le, die nie auch nur den kleins­ten Feh­ler in der eige­nen Gemein­de sahen, haben sie oft­mals bei einer klei­nen Unstim­mig­keit ver­las­sen. Weil ich loy­al gegen­über mei­ner Gemein­de bin, wer­de ich nicht die Augen vor Feh­lern ver­schlie­ßen, wer­de ich für Rein­heit kämp­fen und mehr Nähe zu Chris­tus. Um es zu illus­trie­ren bin ich sogar bereit ein Pro­blem zu beschrei­ben, dass ich aktu­ell in mei­ner Gemein­de sehe: Vie­le jun­ge Fami­li­en in mei­ner Gemein­de sind sehr ober­fläch­lich. Ich sehe einen Grund vor allem dar­in, dass die Gemein­de­lei­tung in ver­gan­ge­nen Jah­ren es auf vol­ler Bahn ver­passt hat, soli­de Jugend­ar­beit zu betrie­ben. Nun weiß ich aber, dass ich hier­in am bes­ten die­nen kann, wenn ich in der Gemein­de blei­be. Außer­halb der Gemein­de bin ich nicht mehr im Wir­kungs­kreis. Auch hier kann ich nicht behaup­ten, dass ich bis­her mein Bes­tes gab. Viel­leicht ein prak­ti­sches Bei­spiel: Zum Bei­spiel bin ich oft ver­wun­dert über manch ein Werk dass mei­ne Freun­de von CEBOOKs ver­öf­fent­li­chen. Nun spre­che ich eben, weil es mir nicht egal ist, die Ver­ant­wort­li­chen dar­auf an. Wäre es für mich nicht rele­vant, wür­de ich mich auch nicht über manch selt­sa­me Ver­öf­fent­li­chung wundern.

Aber nun wirk­lich zu den Vor­zü­gen der Gemein­schaft der Heiligen:

  • Wo sonst hät­te ich all die vie­len Glau­bens­lie­der ler­nen kön­nen. Und was bin ich froh, dass in mei­ner Gemein­de Glau­bens­lie­der gesun­gen wer­den, und nicht ober­fläch­li­che Halb­sät­ze ohne Lehrinhalt.
  • Wo sonst wür­de man sich so viel Zeit neh­men, um mir die Grund­la­gen des Glau­bens zu erläutern.
  • Wo sonst wür­de man mich zurecht­wei­sen wo nötig, loben wo nötig, hel­fen (auch finan­zi­ell) wo nötig. Ich erin­ne­re mich bis heu­te, dass ich damals nach einem bösen Unfall von der Gemein­de finan­zi­el­le Hil­fe bekom­men habe, die nie zurück­ver­langt wurde.
  • Wo sonst hät­ten ich und mei­ne Kin­der so viel über Jesus gehört, wenn nicht in der Kinderstunde.
  • Wo sonst sitzt ein Löwe mit einem Schaf bei­samen: Wie oft habe ich es erlebt, dass ehe­ma­li­ge Schwer­kri­mi­nel­le um 180° umge­dreht wur­den und mit Kin­dern und ein­fäl­ti­gen Omas an einer Bank saßen und einen Lob­preis anstimmten.
  • Wo sonst hät­te ich Zeit gefun­den und genom­men, um in Ruhe zwei Stun­den über Got­tes Wort nachzudenken.
  • Wo sonst hät­te ich in der Öffent­lich­keit mei­ne Trau­ung bekannt geben können?
  • Wo sonst hät­te ich Ern­te­dank­fest und Neu­jahr fei­ern sollen?

Ich bin ver­traut mit der Pie­tät in die­sem Land: Vie­le kon­ser­va­ti­ve Chris­ten ver­sam­meln sich in klei­nen Gebets­ge­mein­schaf­ten, in Haus­krei­sen, wo man sehr geschützt ist vor que­ren Mei­nun­gen und unan­ge­neh­men Besu­chern. Aber auch vor den eige­nen Kin­dern! Wie sel­ten sieht man, dass die eige­nen Kin­der an den Haus­ge­mein­schaf­ten teil­neh­men. Was für ein schreck­li­ches und grau­sa­mes Ver­ge­hen an den eige­nen Hausgenossen.

Die in die­sem Text ange­spro­che­ne Fra­ge ist kaum aus­führ­lich dis­ku­tier­bar, in einem Essay. Oft fra­ge ich mich, wie sich einer zu ver­hal­ten hat, der z. B. in der Lan­des­kir­che zum Glau­ben kommt, oder in einem spa­ni­schen Dorf, in dem alle Katho­li­ken sind. Oft fra­ge ich mich, wie ich mich ver­hal­ten wür­de, wenn die Gemein­de­lei­tung mir unter­sa­gen wür­de, hier wei­ter zu schrei­ben. Was wür­de ich dann tun? Vor allem wür­de dann der Ruf zum Pre­di­gen mit dem Ruf zur Unter­ord­nung in  einen Kon­flikt kom­men. Aber selbst zum Pre­di­gen wur­de ich zwar von Gott aber nur durch mei­ne Gemein­de beru­fen. Im Grun­de den­ke ich, dass es immer ange­mes­sen ist, so lan­ge es nur mög­lich ist, in der Orts­ge­mein­de zu ver­har­ren, vor allem so lan­ge wir sehen, dass wir in unse­rer Gemein­de wir­ken kön­nen! Da wir in einer gefal­len Welt leben, kann sogar die­ser Fall pas­sie­ren: Man wird zu unrecht aus­ge­schlos­sen. Wer dafür ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel sucht, den­ke nur an Watch­man Nee. Aber selbst in einem sol­chen Fall ist nicht auto­ma­tisch die Reak­ti­on gege­ben, dass man die Gemein­schaft der Hei­li­gen verlässt.

Trau­rig ist, dass man heu­te nur so wenig zur Gemein­schaft der Hei­li­gen kommt. Wie oft haben wir schö­ne Kir­chen, aber nur ein­mal pro Woche Got­tes­dienst. Wie oft haben wir vie­le dicke Stu­di­en­bi­beln aber hoh­le Pre­dig­ten. Wie oft haben wir gemüt­li­che Säa­le, aber lee­re Bän­ke. Da kön­nen wir von der Urge­mein­de ler­nen, von der es hieß:

„Sie blie­ben aber bestän­dig in der Apos­tel Leh­re und in der Gemein­schaft und im Brot­bre­chen und im Gebet.“

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