Erbauliches
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Die Bibelnot

Segen ist da, wo die Bibel ist

Gemäß der Leh­re der Bibel ist nur eine Sache von Wich­tig­keit, und das ist die Wahr­heit. Der Hei­li­ge Geist wird nichts ande­res ehren als die Wahr­heit, sei­ne Wahrheit.1

Mar­tyn Lloyd-Jones

Gemein­de Jesu: Die Her­aus­ge­ru­fe­ne aus der Welt

Katho­li­sche Autoren haben den Pro­tes­tan­tis­mus und damit die pro­tes­tan­ti­sche Bewe­gung als Gan­zes mit sei­nen unzäh­li­gen Strö­mun­gen oft als Spalt­pilz beschrie­ben. Wäh­rend Katho­li­ken argu­men­tie­ren, allei­ne die Pro­tes­tan­ten sei­en für die kon­fes­sio­nel­le Auf­spal­tung ver­ant­wort­lich, ent­geg­nen Pro­tes­tan­ten, dass es um der Wahr­heit wil­len zwin­gend not­wen­dig war, das reli­giö­se Den­ken von katho­li­schem Aber- und Unglau­ben zu befrei­en. Sola Scrip­tu­ra, allein die Schrift, die­sen Wahl­spruch hat­ten sich alle Refor­ma­to­ren auf ihre Fah­nen geschrie­ben. Wer allein der Schrift folgt, kann im kon­fes­sio­nel­len Mit­ein­an­der gera­de nicht in jenem Punkt Kom­pro­mis­se machen, die zum urei­gent­li­chen pro­tes­tan­ti­schen Kern­an­lie­gen zählt. Mit ande­ren Wor­ten, die Auto­ri­tät der Hei­li­gen Schrift ist ein höhe­res Gut als die öku­me­ni­sche Gemein­schaft.

Ein wei­te­res Mot­to der Refor­ma­to­ren, das man fälsch­li­cher­wei­se Mar­tin Luther zuschreibt, lau­te­te: Eccle­sia sem­per refor­man­da est – die Kir­che muss sich stän­dig refor­mie­ren. Tat­säch­lich han­delt es sich bei die­sem grund­le­gen­den Anlie­gen, dass die Kir­che sich in Leben, Han­deln und Ver­kün­di­gung stän­dig erneu­ern müs­se, um einen Fin­ger­zeig der cal­vi­nis­ti­schen Theo­lo­gie des 17. Jahr­hun­derts. Bedau­er­li­cher­wei­se war dies der wun­de Punkt des Pro­tes­tan­tis­mus. Sehr schnell nach dem Tod Luthers wur­de der Pro­tes­tan­tis­mus in Form der bei­den gro­ßen Haupt­strö­me, der evan­ge­li­schen und refor­mier­ten Kir­che, insti­tu­tio­na­li­siert. Statt kon­se­quent wei­ter­zu­re­for­mie­ren, setz­te schnell ein Ermü­dungs­pro­zess des refor­ma­to­ri­schen Eifers sowie ein Kon­so­li­die­rungs­pro­zess, und damit ver­bun­den ein Erstar­rungs­pro­zess, ein.

Bei Luther waren es die his­to­ri­schen Umstän­de, die einen sol­chen Pro­zess begüns­tig­ten. Der Bau­ern­krieg (1524−1525) führ­te Luther zum Umden­ken. Er war bis in jene Zeit über­zeugt, die ver­än­dern­de Kraft des Evan­ge­li­ums kön­ne die Men­schen zu bes­se­ren und fried­fer­ti­gen Chris­ten machen. Otto Riecker schreibt über die Wen­de von Luthers Hal­tung in Fra­gen der öffent­li­chen Ord­nung, die nun von mensch­li­cher Lei­den­schaft bedroht war: „Nur staat­li­che Macht könn­te die­se bän­di­gen, und dem Volk muss eine christ­li­che Erzie­hung zuteil­wer­den. Der Schritt von der Glau­bens­be­we­gung zur Erzie­hungs­kir­che wur­de getan.“2 Somit wur­den schon von Anbe­ginn an die Wei­chen einer Glau­bens­be­we­gung falsch gestellt. Eine „Erzie­hungs­kir­che“, wie die Amts- oder Volks­kir­che auch genannt wer­den kann, wider­spricht dem bibli­schen Ver­ständ­nis von eccle­sia, von Gemein­de Chris­ti im bibli­schen Sin­ne.

Otto Riecker erläu­tert in Bezug auf die pro­tes­tan­ti­sche Kir­che außer­dem, dass sich Luther und sei­ne Mit­strei­ter „in den Anfän­gen einer leben­di­gen Gemein­de­bil­dung wider­setz­ten.“3 Leben­di­ge Gemein­de im bibli­schen Sin­ne ist nur dann rea­li­sier­bar, wenn sie die Ver­samm­lung der Her­aus­ge­ru­fe­nen ist – eccle­sia bedeu­tet wört­lich „die Her­aus­ge­ru­fe­ne“ und meint alle aus der Welt durch den Glau­ben Chris­ti her­aus­ge­ru­fe­nen Erlös­ten. Zur Gemein­de gehört letzt­lich nur, wer aus der Welt ge- oder beru­fen wird, um sich durch Buße und Glau­ben an Chris­ti Erlö­ser­tat aus dem Reich der Fins­ter­nis her­aus­ru­fen lässt und in das Reich des Soh­nes sei­ner Lie­be (Kol 1,13) hin­ein­ge­ret­tet wird. Das ist etwas völ­lig ande­res als Volks­kir­che, die ihre Glie­der nicht aus wah­rer Umkehr und Gott gewirk­tem Glau­ben gewinnt, son­dern auf­grund der Säug­lings­tau­fe.

Dass Gott auch inmit­ten der Volks­kir­che durch­aus zu wir­ken ver­moch­te, führt uns die Kir­chen­ge­schich­te in vie­len Strö­mun­gen wie bspw. dem Pie­tis­mus vor Augen. Der Pie­tis­mus als Bewe­gung wah­rer Fröm­mig­keit wur­de in der pro­tes­tan­ti­schen Kir­che als eccle­sio­la in eccle­sia, als „Kirch­lein in der Kir­che“, bezeich­net. Gleich­wohl voll­zo­gen Pie­tis­ten, selbst die radi­ka­len Pie­tis­ten, kei­nen Bruch mit der evan­ge­li­schen Kir­che, obschon sie ein ande­res Kir­chen­ver­ständ­nis ver­tra­ten. Zur wah­ren Kir­che gehör­te aus pie­tis­ti­scher Sicht allein die im Glau­bens­be­kennt­nis geein­te Gemein­de Jesu aus wah­ren Gläu­bi­gen. Dies führ­te zu einer gewis­sen Abson­de­rung von den „Kir­chen- und Namens­chris­ten“ der evan­ge­li­schen Kir­che, ohne jedoch eine völ­li­ge Tren­nung zur Kir­che zu prak­ti­zie­ren.

Luther lehn­te es immer ab, die Kir­che von Ungläu­bi­gen, Heuch­lern oder Schein­hei­li­gen zu rei­ni­gen. Er ver­trat die Über­zeu­gung, dass die Kir­che eine durch­misch­te Kör­per­schaft war. Wah­re und fal­sche Chris­ten stan­den Sei­te an Sei­te. In Luthers Pre­digt zum Grün­don­ners­tag 1523 „wird deut­lich, dass die Tat­sa­che, dass vie­le Men­schen das Altars­sa­kra­ment emp­fan­gen, ohne zu wis­sen und zu ver­ste­hen, um was es dabei über­haupt geht, Luther gro­ße Schwie­rig­kei­ten bereitet.“4 Gud­run Nee­be kommt zu dem Schluss: „Luther will folg­lich die Unwis­sen­den und offen­kun­di­gen Sün­der aus der Sakra­ments­ge­mein­de aus­schlie­ßen, ohne ihnen aller­dings auch die Pre­digt des Evan­ge­li­ums vorzuenthalten.“5

Das all­ge­mei­ne Pries­ter­tum

Die Bibel ver­weist dar­auf, dass erst der Herr „das im Fins­tern Ver­bor­ge­ne ans Licht brin­gen und die Absich­ten der Her­zen offen­bar machen wird“ (1Kor 4,5). Auch Frei­kir­chen, die nach bibli­schem Vor­bild gebaut wer­den, mögen nicht davor gefeit sein, dass Schein­chris­ten in ihrer Mit­te sind. Doch die­se wer­den anders als in der Volks­kir­che auf Dau­er sel­ten Glie­der am wah­ren Leib Chris­ti sein. Das Phä­no­men von Schein­chris­ten kann­te schon der Apos­tel Johan­nes: „Sie sind von uns aus­ge­gan­gen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewe­sen wären, so wären sie bei uns geblie­ben“ (1Jo 2,29). Die Volks­kir­che kennt fer­ner kei­ne bibli­sche Gemein­de­zucht und ist daher struk­tu­rell von Anfang an eine Misch­ge­mein­de aus weni­gen wah­ren Gläu­bi­gen, die durch Chris­tus das neue Leben in sich tra­gen, und aus Ungläu­bi­gen. Die­sen Ungläu­bi­gen zu sug­ge­rie­ren, sie sei­en durch das Sakra­ment Teil des Heils­vol­kes, ist wohl der größ­te Irr­tum aller Volks- und Staats­kir­chen. Die „Sakra­ments­ge­mein­de“ ist schlicht eine Erfin­dung des mensch­li­chen Den­kens, ganz gleich wie theo­lo­gisch dies­be­züg­lich argu­men­tiert wird.

Gemein­de Chris­ti ist in der Welt, gleich­wohl ist sie nicht von der Welt. Sie lässt die Welt nicht hin­ein in die Ver­samm­lung der Hei­li­gen. Sie geht allen­falls hin­aus in die Welt, um den Unwis­sen­den und offen­kun­di­gen Sün­dern das Licht des Evan­ge­li­ums zu ver­kün­den, damit die­se umkeh­ren und den Erlö­ser im Glau­ben anneh­men. Allein der, der auf die­se Wei­se durch das Bad der Wie­der­ge­burt durch den Hei­li­gen Geist erneu­ert wird (Tit 3,5), wird Teil und leben­di­ges Glied am Leib Chris­ti. Alle Erlös­ten gehen durch die Türe ein, wel­che Jesus ist, in die wah­re Gemein­de des leben­di­gen Got­tes. Ein Kirch­lein in der Kir­che steht im offe­nen Wider­spruch zur bibli­schen Gemein­de­leh­re.

Auch das viel­be­müh­te Gleich­nis vom vier­fa­chen Acker­sa­men in Mat­thä­us 13, das ger­ne von Theo­lo­gen her­an­ge­zo­gen wird, um ihr Kir­chen­ver­ständ­nis zu unter­mau­ern, beweist, wie groß die Dis­kre­panz von pro­tes­tan­ti­scher zu bibli­scher Ekkle­sio­lo­gie (Leh­re über die Kir­che) ist. Ger­ne ver­glei­chen ober­fläch­li­che Aus­le­ger die Kir­che mit dem Acker in die­sem Gleich­nis. Doch Jesus selbst legt die­ses Gleich­nis aus. „Der Acker ist die Welt; der gute Same sind die Kin­der des Reichs; das Unkraut aber sind die Kin­der des Bösen“ (Mt 13,38). Der Acker ist die Welt! Gemein­de Chris­ti ist eben nicht ein Acker, der aus Kin­dern des Rei­ches Got­tes und Kin­dern des Bösen besteht, die erst beim Wel­ten­ge­richt von­ein­an­der geschie­den wer­den. Das Jüngs­te Gericht wird zwi­schen Gemein­de Chris­ti und gott­fer­ner Welt schei­den, nicht jedoch die Kin­der des Reichs von den Kin­dern des Bösen. Hier ist die Bibel klar: Der Gemein­de Jesu gehö­ren nur die Kin­der des Reichs an.

Was neu­tes­ta­ment­li­che Gemein­de angeht, ist Luther bedau­er­li­cher­wei­se auf hal­bem Wege ste­hen geblie­ben. Otto Riecker dia­gnos­ti­ziert tref­fend, dass dem Refor­ma­tor und sei­nen Mit­strei­tern nicht bewusst gewe­sen war, wel­che „Sauer­teig­wir­kung in ihre Umge­bung hinein“6 von jenen aus­ge­hen kön­ne, die nicht aus wah­rem Glau­ben an Chris­tus der kirch­li­chen Gemein­schaft bei­tra­ten. Die ver­hee­ren­den Fol­gen der Sauer­teig­wir­kung sind heu­te offen­kun­dig. Die pro­tes­tan­ti­schen Kir­chen sind weit­hin säku­la­ri­siert, sodass nur ein Über­rest noch an die ursprüng­li­che Leben­dig­keit refor­ma­to­ri­schen Lebens wider­spie­gelt. Und nicht nur das, die Mehr­heit der Ver­tre­ter des Pro­tes­tan­tis­mus hechelt dem Zeit­geist hin­ter­her und dege­ne­riert immer mehr zu einem Huma­nis­mus unter christ­li­chem Deck­man­tel ohne jeg­li­che Rück­bin­dung an Got­tes Wort.

Die­sem Defi­zit, und wohl aus dem erns­ten Ver­lan­gen, allein der Schrift zu fol­gen, woll­te die Täu­fer­be­we­gung begeg­nen, indem sie als eine ers­te Abspal­tung vom pro­tes­tan­ti­schen Haupt­strom Gemein­schaf­ten bil­de­ten, die im bibli­schen Sin­ne wah­re christ­li­che Gemein­den von gläu­bi­gen Wie­der­ge­bo­re­nen her­vor­brach­ten. Die Täu­fer, auch als Wie­der­täu­fer, Ana­bap­tis­ten oder als lin­ker Flü­gel der Refor­ma­ti­on bezeich­net, tra­ten zeit­gleich mit den Refor­ma­to­ren auf. Bis heu­te strei­ten sich die Gelehr­ten, ob die Täu­fer­be­we­gung unab­hän­gig von der Refor­ma­ti­on oder als Fol­ge und Neben­zweig der Refor­ma­ti­on ent­stan­den sei, wobei sich letz­te­re Vor­stel­lung in der neue­ren For­schung durch­ge­setzt hat. Die Ursprün­ge der Bewe­gung lie­gen im Schwei­ze­ri­schen Zürich. Der Täu­fer Kon­rad Gre­bel (ca. 1498 – 1526), zunächst ein enger Mit­ar­bei­ter des Refor­ma­tors Ulrich Zwing­li (1484−1531), hat­te sich in der Fra­ge der Kir­chen­auf­fas­sung mit Zwing­li 1523 über­wor­fen. Zwing­li folg­te der luthe­ri­schen Vor­stel­lung einer Volks­kir­che, wäh­rend Gre­bel und sei­ne Mit­strei­ter Haus­ge­mein­schaf­ten grün­de­ten, die das Volks- und Staats­kir­chen­tum ablehn­ten.

In weni­gen Jah­ren ent­wi­ckel­te sich die Täu­fer­be­we­gung in ganz Euro­pa zu einer beacht­li­chen Strö­mung. Die Täu­fer wer­te­ten die Groß­tau­fe (auch als „Erwach­se­nen­tau­fe“ oder „Glau­bens­tau­fe“ bezeich­net) als ein Zei­chen wah­rer Umkehr und wah­ren Glau­bens. Das Gemein­de­le­ben soll­te sich an den neu­tes­ta­ment­li­chen Maß­stä­ben, allein an der Schrift, ori­en­tie­ren. Für ihre Lehr­über­zeu­gun­gen muss­ten die Täu­fer nicht nur staat­li­che son­dern auch kirch­li­che Ver­fol­gung erdul­den, was sie mit gro­ßer Stand­haf­tig­keit taten. Und selbst die evan­ge­li­schen Reichs­stän­de ent­schie­den sich für die Wah­rung der kirch­li­chen Ord­nung zu einem gewalt­sa­men Vor­ge­hen gegen die Täu­fer. Bedau­er­li­cher­wei­se stimm­te Luther die­sem Vor­ge­hen zu. Das Worm­ser Edikt aus dem Jah­re 1521 sah sogar die Todes­stra­fe auf die Wie­der­ho­lung der Tau­fe vor. Heu­te mag ein sol­ches Den­ken befrem­den, aber ver­setzt man sich in die Zeit Luthers zurück, wird jenes Vor­ge­hen etwas nach­voll­zieh­ba­rer, wenn man berück­sich­tigt, dass in einer „ohne­hin tur­bu­len­ten Zeit (Bau­ern­krie­ge) die Abson­de­rung von der all­ge­mei­nen Kir­che und Beru­fung auf die Gewis­sens­ent­schei­dung dem Umsturz aller bestehen­den Ord­nung gleichkam.“7 Den­noch war das Han­deln der pro­tes­tan­ti­schen Obrig­kei­ten unchrist­lich und daher unent­schuld­bar.

Die Täu­fer­be­we­gung hat in gan­zer Kon­se­quenz die Auf­fas­sung ver­tre­ten, nur die Bibel sei die ein­zi­ge Quel­le für christ­li­chen Glau­ben und christ­li­ches Han­deln. Wie Luther waren die Täu­fer über­zeugt, dass weder der Papst noch die römi­sche Kir­che das Recht hat­ten, das kirch­li­che Lehr­amt aus­schließ­lich für sich selbst zu bean­spru­chen. Die Schrift legt sich selbst aus, so die täu­fe­ri­sche Posi­ti­on. Dem Grund­satz Luthers des all­ge­mei­nen Pries­ter­tums fol­gend, war es allen wah­ren Chris­ten mög­lich, die Schrift zu ver­ste­hen. Den Glie­dern der Täu­fer­ge­mein­den war es dem­nach in den Gren­zen ihrer geist­li­chen Beru­fung erlaubt, die Schrift aus­zu­le­gen. Wäh­rend den Lai­en in Luthers Kir­che sehr bald wie­der die Befä­hi­gung aberkannt wur­de, die Schrift rich­tig aus­zu­le­gen, weil unter Got­tes Volk nur weni­ge zur Ver­kün­di­gung und Leh­re beru­fen sei­en, blie­ben die Täu­fer ihrem ursprüng­li­chen Stand­punkt treu. Gott beruft und befä­higt auch Men­schen ohne theo­lo­gi­sches Stu­di­um, das Wort Got­tes zu pre­di­gen und zu leh­ren.

Bis heu­te ste­hen sich die­se bei­den Pole, was die Ver­kün­di­gung von Got­tes Wort angeht, unver­söhn­lich gegen­über. Und bei­de Pole haben ihre Stär­ken und Schwä­chen. Man­che Bewe­gung ver­wech­selt das all­ge­mei­ne Pries­ter­tum mit all­ge­mei­nem Pre­di­ger­tum und beach­tet nicht, dass der Herr durch sein Wort klar und ein­deu­tig ver­ord­net: „Dient ein­an­der, jeder mit der Gna­den­ga­be, die er emp­fan­gen hat, als gute Haus­hal­ter der man­nig­fal­ti­gen Gna­de Got­tes“ (1Petr 4,10). Im all­ge­mei­nen „Pre­di­ger­tum“ kom­men all­zu vie­le zu Wort, die kei­ne Gna­den­ga­be zum Lehr- oder Pre­di­ger­dienst emp­fan­gen haben und erwei­sen sich somit nicht als gute Haus­hal­ter der gött­li­chen Gna­de, mit allen Fol­gen für die loka­le Ver­samm­lung der Gläu­bi­gen. Das pas­to­ra­le Sys­tem, wie es oft genannt wird, steht als ein „Ein-Mann-Sys­tem“ eben­so wenig auf dem Fun­da­ment neu­tes­ta­ment­li­cher Gemein­de­ord­nung. Gott konn­te in der Ver­gan­gen­heit indes­sen von ihm beru­fe­ne Pre­di­ger sehr segens­reich gebrau­chen. Es sei nur an Charles Spur­ge­on, Mar­tyn Lloyd-Jones, die Erwe­ckungs­pre­di­ger des 18. und 19. Jahr­hun­derts oder den evan­ge­li­schen Pas­tor Wil­helm Busch als Bei­spie­le des Pas­to­rals­sys­tems erin­nert.

All­ge­mei­nes Pries­ter­tum (1Petr 2,9) ist solan­ge ein gro­ßer Segen für die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen, wenn es im Geis­te, also nach neu­tes­ta­ment­li­chem Vor­bild, aus­ge­übt wird, und eben nur solan­ge, wie es vom Geist geführt und von wah­rem gött­li­chen Leben erfüllt ist. Sind die­se Bedin­gun­gen nicht erfüllt, weicht das Leben und die Leben­dig­keit des Geis­tes. Es kommt zu Erstar­rung, zu äuße­rer Förm­lich­keit, zur Tra­di­ti­on, die nur noch ober­fläch­lich mit der ursprüng­li­chen Erweck­lich­keit einer Bewe­gung etwas gemein hat. Eine frei­kirch­li­che Struk­tur allei­ne ist kein Schutz vor geist­li­cher Erstar­rung.

Bei den Täu­fern war in der Regel davon aus­zu­ge­hen, dass jeder, der sich die­ser Bewe­gung zuge­sell­te, ein erweck­ter Gläu­bi­ger war, und dies aus zwei Grün­den. Ers­tens, Täu­fer for­der­ten eine per­sön­li­che Ent­schei­dung oder Umkehr zu Chris­tus und pfleg­ten einen chris­to­zen­tri­schen Glau­ben. Zwei­tens, Täu­fer, die als eif­ri­ge Bibel­le­ser bekannt waren, wuss­ten, dass der Preis für ihren Glau­ben Ver­fol­gung oder gar den Tod bedeu­ten konn­te. Allein der Mär­ty­rer­spie­gel der Men­no­ni­ten, ein im Jah­re 1660 in nie­der­län­di­scher Spra­che erschie­ne­ner 1000-sei­ti­ger Bericht über alle Mär­ty­rer seit der Urge­mein­de, umfasst 800 Namen von Mär­ty­rern. Wer sich für Chris­tus und die Mit­glied­schaft für eine Täu­fer­ge­mein­de ent­schied, tat dies in dem Bewusst­sein, einen mit­un­ter hohen Preis dafür zu bezah­len.

Felix Manz (1498−1527) war Mit­be­grün­der der Zür­cher Täu­fer­be­we­gung und deren ers­ter Mär­ty­rer. Er wur­de 1527 ertränkt. Sei­ne letz­ten Wor­te an sei­ne Glau­bens­ge­nos­sen stan­den unter dem Mot­to Bei Chris­tus will ich blei­ben: „Der Herr Chris­tus zwingt nie­mand zu sei­ner Herr­lich­keit, son­dern nur die­je­ni­ge, die da wil­lig und bereit sind, gelan­gen dazu durch den wah­ren Glau­ben und die Tau­fe; wann ein Mensch recht­schaf­fe­ne Früch­te der Buße wirkt, so ist ihm der Him­mel der ewi­gen Freu­de aus Gna­de durch Chris­tum erkauft und erwor­ben durch sein unschul­di­ges Blut­ver­gie­ßen, wel­ches er gern ver­gos­sen hat; damit erweist er uns sei­ne Lie­be und teilt uns mit die Kraft sei­nes Geis­tes, und wer die­sel­be emp­fängt und aus­übt, der wächst und wird voll­kom­men in Gott. Die Lie­be zu Gott durch Chris­tus soll allein gel­ten und bestehen, nicht das Pochen, Schel­ten und Dro­hen. Nichts als die­se Lie­be ist es, wor­an Gott einen Wohl­ge­fal­len hat: wer die Lie­be nicht bewei­sen kann, der fin­de bei Gott kei­nen Raum… Und also schlie­ße ich hier­mit, dass ich will stand­haft bei Chris­tus blei­ben, auf ihn trau­en, der all mei­ne Not kennt, und mich dar­aus erret­ten kann. Amen.“8 Er folg­te bis zum letz­ten Atem­zug sei­nem Herrn und Erlö­ser Jesus Chris­tus. Als man ihn ins Was­ser schleif­te, um ihn zu ersäu­fen, sang er mit lau­ter Stim­me: „In dei­ne Hän­de, Herr, befeh­le ich mei­nen Geist.“ Die­ses Zeug­nis hin­ter­ließ bei vie­len gro­ßen Ein­druck.

Micha­el Satt­ler (1490−1527) war ursprüng­lich Bene­dik­ti­ner­mönch und ver­ließ 1523 das Klos­ter, nach­dem er die Schrif­ten Mar­tin Luthers und Huld­rych Zwing­lis stu­diert und zum wah­ren Glau­ben gekom­men war. Satt­ler hei­ra­te­te und sie­del­te mit sei­ner Ehe­frau nach Zürich über, wo sie vom Zür­cher Rat auf­grund ihrer täu­fe­ri­schen Über­zeu­gun­gen aus­ge­wie­sen wur­den. Schließ­lich gelang er nach Straß­burg, wo sich vie­le Täu­fer als Glau­bens­flücht­lin­ge auf­hiel­ten. In Straß­burg fand er jedoch kei­ne Ruhe. Er wur­de von dem Refor­ma­tor Mar­tin Bucer ver­hört, der im Janu­ar 1527 die Ver­trei­bung aller Täu­fer ver­an­lass­te. Satt­ler wur­de von katho­li­schen Amts­trä­gern schließ­lich in Horb im Schwarz­wald gefan­gen genom­men und im Mai 1527 vors Gericht geführt, wo er sich gegen neun Ankla­ge­punk­te ver­tei­di­gen muss­te, unter ande­rem, dass er lehr­te, die Kin­der­tau­fe sei nicht heils­not­wen­dig und der Leib und das Blut Chris­ti sei­en nicht im Abend­mahls­sa­kra­ment gegen­wär­tig.

Stand­haft wie einst Mar­tin Luther erklär­te Satt­ler dem Rich­ter, wenn sie „mit der Hei­li­gen Schrift zei­gen, dass wir irren und im Unrecht sind, wol­len wir gern davon abste­hen und widerrufen…So uns aber kein Irr­tum nach­ge­wie­sen wird, hof­fe ich zu Gott, ihr wer­det euch bekeh­ren und euch leh­ren lassen.“9 Sei­ne Rich­ter ent­geg­ne­ten: „Du ehr­lo­ser, ver­zwei­fel­ter Böse­wicht und Mönch, soll­te man etwa mit dir dis­pu­tie­ren? Ja, der Hen­ker wird mit dir dis­pu­tie­ren, das glau­be ich.“10 Micha­el Satt­ler wur­de gefol­tert und schließ­lich als Ket­zer auf dem Schei­ter­hau­fen ver­brannt. Micha­el Satt­lers letz­te Wor­te waren: „Ich bin nicht gesandt über das Wort Got­tes zu rech­ten. Wir sind gesandt, davon zu zeu­gen des­halb wer­den wir uns unter kein ande­res Recht bege­ben … so wir uns aber dem Gericht nicht ent­zie­hen kön­nen, sind wir bereit um des Wor­tes Got­tes wil­len zu lei­den was uns zu lei­den auf­ge­legt ist.“11

Felix Manz und Micha­el Satt­ler waren zwei von Hun­der­ten von Mär­ty­rern aus den Rei­hen der Täu­fer­be­we­gung. Sie ver­kör­per­ten nicht nur einen star­ken Glau­ben, son­dern auch eine tie­fe Rück­bin­dung an Got­tes Wort. Sie woll­ten kein Teil der pro­tes­tan­ti­schen Volks­kir­che mit deren Sakra­ments- und Tauf­leh­re sein, da sie, gebun­den an die Schrift, die Gewiss­heit hat­ten, dass die Volks­kir­che in vie­ler­lei Hin­sicht nicht durch die Bibel legi­ti­miert war. Ihr Gemein­de­ver­ständ­nis war schrift­ge­mäß, und dar­aus ergab sich zwangs­läu­fig, dass die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen sich in Frei­kir­chen ver­sam­mel­te.

Anders stell­te es sich in der luthe­ri­schen Volks­kir­che dar. Otto Riecker wirft auf dem Hin­ter­grund von Erwe­ckungs­be­we­gun­gen wie dem Pie­tis­mus oder der Täu­fer­be­we­gung die berech­tig­te Fra­ge auf, „ob die Refor­ma­ti­on in die­sem Sin­ne nicht eher eine theo­lo­gisch-gedank­li­che volks­mä­ßi­ge als eine eigent­lich erweck­li­che Bewe­gung war?“12 Der Autor des vor­lie­gen­den Arti­kels wür­de die­se Fra­ge mit einem kla­ren Ja beant­wor­ten. Die Täu­fer­be­we­gung, die bis heu­te unter ande­rem in Form der Men­no­ni­ten, Hut­te­rer und Ami­schen fort­be­steht, zeigt kaum noch die Zei­chen erweck­li­cher Kraft, die von ihr in den Anfän­gen aus­ging. Das Spek­trum reicht heu­te von libe­ra­len bis zu kon­ser­va­ti­ven Grup­pie­run­gen.

Die Über­set­zung der Bibel in die deut­sche Spra­che sowie in die Mut­ter­spra­chen der ande­ren euro­päi­schen Län­der brach­te neben den segens­rei­chen und posi­ti­ven Aus­wir­kun­gen gleich­falls den Umstand falsch ver­stan­de­ner Frei­heit mit sich. Die neu gewon­ne­ne Frei­heit, die Bibel lesen zu kön­nen, war und ist bis heu­te ein Merk­mal aller wah­ren Gläu­bi­gen. Doch radi­ka­le und ein­sei­ti­ge Aus­le­gun­gen der Schrift führ­ten einer­seits zu Schwär­me­rei, ande­rer­seits ende­ten Tra­di­ti­on und Gesetz­lich­keit in Dog­ma­tis­mus und Ver­lust an geist­li­cher Leben­dig­keit. Bis heu­te gilt es zwi­schen die­sen bei­den Polen sorg­sam zu unter­schei­den und sich von der Schrift – vom Wort, das auch Geist ist (Jo 6,63) – lei­ten zu las­sen. Die Kir­chen­ge­schich­te zeigt nur zu offen­kun­dig, dass kei­ne Bewe­gung ihr erweck­li­ches Feu­er über meh­re­re Genera­tio­nen oder gar bis in die heu­ti­ge Zeit tra­gen konn­te. Frü­her oder spä­ter setz­te ein geist­li­cher Aus­küh­lungs­pro­zess ein. Das Feu­er des Geis­tes erlischt all­mäh­lich, bis man­ches Mal nur noch eine schwa­che Glut übrig bleibt.

Segen ist da, wo die Bibel ist

Der evan­ge­li­sche Theo­lo­ge Adolf Schlat­ter (1852−1938) warf ein­mal die Fra­ge auf, wo der Segen der Bibel sich zei­ge, wo ein gesun­des Got­tes­ver­hält­nis und wah­re Anbe­tung erfahr­bar sei und wo sich Got­tes­ge­mein­schaft im Amt und Dienst an der Gemein­de Jesu in der Auf­er­bau­ung des Lei­bes Chris­ti äuße­re. Sei­ne Ant­wort lau­te­te: „Da wo die Bibel ist.“13 Und wei­ter kommt Schlat­ter zu dem Schluss: „Ohne sie wird aus dem evan­ge­li­schen Pfar­rer ein Schwät­zer und aus dem katho­li­schen Pries­ter ein Zauberer.“14 Wenn die Bibel aus der Mit­te der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen gerückt wird, bleibt nichts als toter Reli­gi­ons­be­trieb. Dies gilt im Übri­gen nicht nur für die Volks­kir­chen, son­dern auch für die Frei­kir­chen, die kei­nes­wegs immun sind, sich nicht auch an die­ser Krank­heit des from­men Ich­men­schen anzu­ste­cken.

Wenn­gleich Schlat­ters Theo­lo­gie an dem einen oder ande­ren Punkt Kor­rek­tur bedarf, muss man vie­len sei­ner Aus­sa­gen bei­pflich­ten. Den christ­li­chen Reli­gi­ons­be­trieb, eine Bibel ohne den Geist, ohne das inne­re Aneig­nen der bibli­schen Wahr­heit im Her­zen der Gläu­bi­gen, bezeich­ne­te Schlat­ter als Bibel­not. Die­se Bibel­not, die dar­aus ent­steht, dass sol­che, die sich Chris­ten nen­nen, nur die Schrift haben, aber nicht den Geist, wird erst dann besei­tigt, wenn die Decke from­mer Eigen­sucht von den Her­zen genom­men wird. „Die­se Decke zieht nur jene Hand weg, die uns von innen her erfas­sen und bewe­gen kann“, so Schlatter.15 Wir wis­sen, es ist die Hand Got­tes, oder tref­fen­der aus­ge­drückt, die Hand des Hei­li­gen Geis­tes.

Die Geschich­te der Gemein­de Jesu zeigt deut­lich, dass ein frei­kirch­li­ches Gemein­de­mo­dell nicht Schutz vor Erstar­rung, Insti­tu­tio­na­li­sie­rung oder totem Tra­di­tio­na­lis­mus gewährt. Gemein­de soll­te stets nach neu­tes­ta­ment­li­chem Vor­bild gebaut wer­den, mit all den Frei­hei­ten in Chris­tus, indes auch mit all den Gren­zen, die ein sol­ches Modell von der Schrift her eröff­net. Zwei­fels­oh­ne ste­hen vie­le Frei­kir­chen damit dem bibli­schen Modell von Gemein­de Got­tes näher. Doch bleibt die Struk­tur einer frei­kirch­li­chen Gemein­de nur äuße­re Scha­le, dann ver­mag der Geist Got­tes nicht mehr zu wir­ken. Wenn der Tod ein­mal im frei­kirch­li­chen Topf ist (2Kö 4,38−41), dann kann Gott auch geis­ter­füll­te Pfar­rer und Ver­kün­di­ger der Volks­kir­che als Werk­zeu­ge benut­zen, um ande­re durch sein leben­di­ges Wort zu seg­nen.

Dreh- und Angel­punkt ist und bleibt die gro­ße Fra­ge, ob es einer Gemein­schaft gelingt, sich gänz­lich unter das Wort vom Kreuz zu beu­gen. Leben oder Tod, Wahr­heit oder Unwahr­heit, Ver­geist­li­chung oder Säku­la­ri­sie­rung, Got­tes Geist oder Zeit­geist – das sind die bei­den Pole, das Span­nungs­feld, in dem der Jün­ger Jesu steht. „Denn das Fleisch gelüs­tet gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; und die­se wider­stre­ben ein­an­der, so dass ihr nicht das tut, was ihr wollt“ (Gal 5,17). Es ist ein geist­li­ches Gesetz, das Jesus for­mu­lier­te, als er sei­nen Jün­gern sag­te: „Denn wer hat, dem wird gege­ben wer­den, damit er Über­fluss hat; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genom­men wer­den, was er hat“ (Mt 25,29). Im geist­li­chen Leben gibt es kei­nen Still­stand. Ent­we­der wirkt Got­tes Gna­de geist­li­ches Wachs­tum, oder eine äuße­re Form von Got­tes­furcht ohne wah­re geist­li­che Kraft lei­tet den geist­li­chen Nie­der­gang ein. Ein Aus­ru­hen auf dem, was der Jün­ger Jesu erlangt hat, um selig auf den Him­mel zu war­ten, gibt es nicht. Die­ser Kampf zwi­schen Geist und Fleisch wird bis zum letz­ten Atem­zug aus­ge­foch­ten.

Der Apos­tel Pau­lus schrieb an die Korin­ther, dass alle „Din­ge aber, die den Israe­li­ten wider­fuh­ren, Vor­bil­der sind und zur War­nung für uns auf­ge­schrie­ben wur­den, auf die das Ende der Welt­zei­ten gekom­men ist“ (1Kor 10,11). Dem alt­tes­ta­ment­li­chen Got­tes­volk waren die Aus­sprü­che Got­tes anver­traut (Rö 3,2). Und den­noch, obgleich die Ver­hei­ßun­gen und Bünd­nis­se (Rö 9,4) Isra­el geschenkt waren, neig­te das Herz des Vol­kes zum Göt­zen­dienst. Gott sand­te sei­ne Pro­phe­ten und rief sein Volk zur Umkehr. Schließ­lich nutz­te der Bun­des­gott die Zucht­ru­te der Baby­lo­ni­schen Gefan­gen­schaft und erzog sein Volk in der Frem­de. Got­tes Päd­ago­gik war erfolg­reich gewe­sen. Nach­dem Isra­el aus der Baby­lo­ni­schen Gefan­gen­schaft zurück­kehr­te, gab es, jeden­falls im gro­ßen Stil, nie wie­der einen Rück­fall des Vol­kes in heid­ni­schen Göt­zen­dienst.

Doch war das Herz der Israe­li­ten end­gül­tig geheilt? Ver­moch­te Got­tes Wort, von nun an auf frucht­ba­ren Her­zens­bo­den zu fal­len? Wir ken­nen die Ant­wort der Bibel. Nach der Baby­lo­ni­schen Gefan­gen­schaft ent­wi­ckel­te sich das pha­ri­säi­sche Schrift­ge­lehr­ten­tum. Unzäh­li­ge Vor­schrif­ten, „Über­lie­fe­run­gen der Men­schen“ (Mk 7,8), wie Jesus sie spä­ter nen­nen soll­te, führ­ten dazu, dass Isra­el Got­tes Gebot ver­ließ. Das mensch­li­che Herz war vom Göt­zen­dienst gerei­nigt wor­den, aber von der from­men Ich­haf­tig­keit war es nicht erlöst wor­den. Mit ande­ren Wor­ten: Statt dass Got­tes leben­di­ge Aus­sprü­che das Herz errei­chen und ver­än­dern konn­ten, statt dass das from­me Ich­we­sen sich unter Got­tes Gebot beug­te, erhob sich reli­giö­se Selbst­ge­rech­tig­keit und Eigen­dün­kel.

Die Israe­li­ten hoff­ten auf ihren Mes­si­as. Die­ser soll­te nach ihren Vor­stel­lun­gen kom­men, um sie aus dem Joch römi­scher Herr­schaft zu befrei­en und als aus­er­wähl­tes Got­tes­volk end­lich in die Stel­lung über alle Hei­den zu erhö­hen. Und der Mes­si­as erschien. Doch der Got­tes­sohn kam nicht als poli­ti­scher Befrei­er, son­dern er kam als lei­den­der Got­tes­knecht, um die Israe­li­ten und alle Men­schen aus der höchs­ten Form von Tyran­nei, nicht die der Römer oder ande­rer Men­schen, son­dern die der Ver­skla­vung des mensch­li­chen Her­zens in der Sün­de zu befrei­en. Isra­el erkann­te sei­nen Mes­si­as nicht, weil ihr Herz in Eigen­sucht und Hoch­mut ver­harr­te – auch sie waren Gefan­ge­ne ihres vor Gott nich­ti­gen Reli­gi­ons­be­trie­bes.

„Dar­um, wer meint, er ste­he, der sehe zu, dass er nicht fal­le!“ (1Kor 10,12) ist ewi­ges Got­tes­wort, das auch an uns heu­te gerich­tet bleibt. Kei­ne christ­li­che Gemein­schaft ist vor die­ser Gefahr und Not ver­schont. Für Stolz und from­mem Hoch­mut ist jedes Herz emp­fäng­lich, bis es end­gül­tig beim Herrn sein wird. Nur wenn Got­tes Wort, das Wort vom Kreuz, das mensch­li­che Herz zu rei­ni­gen ver­mag, dann wird Gemein­de Jesu vol­ler Leben und Kraft von oben sein. Das Wort des Herrn muss den Weg ins Herz fin­den, um dort glau­bend und gehor­sam ange­nom­men zu wer­den, damit sich die erlö­sen­de und ver­än­dern­de Kraft im christ­li­chen Wan­del frei ent­fal­te. „Die­se Gesin­nung sei in euch, die auch in Jesus Chris­tus war“ (Phil 2,5). „Rich­tet viel­mehr euer Urteil dar­auf, dem Bru­der nicht Anstoß oder Ärger­nis zu geben“ (Rö 14,13). „Und wan­delt in Lie­be, wie auch der Chris­tus euch geliebt und sich selbst für uns hin­ge­ge­ben hat“ (Eph 5,2). Die­se Gebo­te soll­ten über aller Gemein­schaft der Gläu­bi­gen als leben­di­ges Zeug­nis auf­leuch­ten. Die Lie­be, die alles „erträgt, alles glaubt, alles hofft, alles erdul­det“ (1Kor 13,7) wird die Wahr­heit stets in Lie­be wei­ter­tra­gen.

Und so bleibt bibli­sche Leh­re und Wahr­heit ohne Kraft, wenn sie nicht durch Got­tes Geist das Herz des Gläu­bi­gen ver­än­dern kann. Dort ins Herz hin­ein will Got­tes Wort, damit das Fleisch unter dem Kreuz wil­lig ster­be und der neue Mensch, in Chris­tus Jesus geschaf­fen, her­vor­leuch­tet. Es ist eine alte Weis­heit: Das Fleisch wird lie­ber fromm, ehe es stirbt. Isra­el in sei­ner Geset­zes­fröm­mig­keit und sei­ner pha­ri­säi­schen Gelehr­sam­keit ist ein nur zu treff­li­ches Bei­spiel hier­für. Wie viel Streit unter Bibel­treu­en wäre ver­meid­bar, wenn doch die wah­re Leh­re auch zu wah­rer Hei­li­gung und Chris­tus­ähn­lich­keit führ­te! Wie vie­le Spal­tun­gen wären unter­las­sen wor­den, wenn das bibli­sche Wort das mensch­li­che Herz in der Tie­fe berührt und ver­wan­delt hät­te!

„Seid eif­rig bemüht, die Ein­heit des Geis­tes zu bewah­ren durch das Band des Frie­dens“ (Eph 4,3). Wie oft wur­de die Ein­heit des Geis­tes und das Band des Frie­dens zer­trennt, weil Gläu­bi­ge oder gan­ze Deno­mi­na­tio­nen – davon gibt es heu­te 40000 – Got­tes Wort zu selbst­süch­tig für ihre Zwe­cke miss­brauch­ten. Nicht dass die tau­send­fa­che Auf­split­te­rung in Deno­mi­na­tio­nen letz­ten Endes vor Gott ver­werf­lich ist, denn die­se könn­te man als ein Zei­chen der man­nig­fal­ti­gen Gna­de Got­tes betrach­ten. Was tadelns­wert ist und bleibt, ist jener geis­ti­ge Hoch­mut, der im Namen der Bibel dazu führt, dass sich Bru­der von Bru­der trennt, weil man den Kampf für die Wahr­heit mit Bes­ser­wis­se­rei und Recht­ha­be­rei ver­wech­selt. Dies ist die Bibel­not – die Not, an der so vie­le lei­den und an der gan­ze Deno­mi­na­tio­nen wie­der zugrun­de gehen.

Das Wort Got­tes führt in das Herz Got­tes

Heu­te ste­hen vie­le Deno­mi­na­tio­nen vor einem geist­li­chen Nie­der­gang. Die­ser hat bereits Jah­re oder gar Jahr­zehn­te zuvor im Her­zen der Glie­der ein­ge­setzt. Um Sta­gna­ti­on und Mit­glie­der­schwund auf­zu­hal­ten, wer­den stän­dig neue Pro­gram­me, Metho­den und Akti­vi­tä­ten gebo­ren. Reli­gi­ons­so­zio­lo­gen spre­chen gar von einer „Even­ti­sie­rung“ unter Chris­ten. Alles muss zu einem Event, zu einer beson­de­ren Ver­an­stal­tung, gemacht wer­den, um Chris­ten zu unter­hal­ten oder für die Gemein­de zu begeis­tern. Und selbst­ver­ständ­lich rich­tet man sich längst nicht mehr nach dem, was die Men­schen wirk­lich hören sol­len, son­dern die eif­ri­gen „Macher“ des moder­nen Gemein­de­prag­ma­tis­mus fra­gen, was die from­men Schäf­chen hören wol­len. Adolf Schlat­ter dia­gnos­ti­zier­te vor fast 100 Jah­ren tref­fend die Ursa­chen „auf­ge­reg­ter Reli­gio­si­tät“: „… es ist ein siche­res Kenn­zei­chen dafür: die Schrift fehlt, man steht nicht in inne­rer Gemein­schaft mit der Schrift, man denkt nicht schrift­mä­ßig. Sowie die Schrift sich im Men­schen hei­misch macht, ent­steht eine inner­lich gefes­tig­te Ruhe.“16

Und noch eine Ein­sicht Schlat­ters über eine ver­welt­lich­te Chris­ten­heit, die sich so an der sen­sa­tio­nel­len End­zeit­leh­ren mit all ihren Spe­ku­la­tio­nen ergötzt, dass ein Ein­ge­hen in die wah­re Ruhe Got­tes gera­de­zu ver­hin­dert wird, sei an die­ser Stel­le ange­führt: „Eif­ri­ge Ver­liebt­heit in pro­phe­ti­sche Wor­te und gleich­zei­tig sehr kräf­ti­ge Dies­sei­tig­keit haben sich häu­fig zusammengefunden.“17 Das wah­re pro­phe­ti­sche Wort ergießt sich nicht in Annah­men und Hypo­the­sen, wel­ches Welt­ereig­nis wel­cher Schrift­stel­le zuzu­ord­nen ist. Das Wesen wah­rer Pro­phe­tie führt in das Herz Got­tes, es zeigt dem Schü­ler der Schrift, wie Gott denkt, was er will und wie sehr er sich nach hei­li­ger Gemein­schaft mit den Erlös­ten durch sein Wort sehnt.

„Und so hal­ten wir nun fest an dem völ­lig gewis­sen pro­phe­ti­schen Wort, und ihr tut gut dar­an, dar­auf zu ach­ten als auf ein Licht, das an einem dunk­len Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Mor­gen­stern auf­geht in euren Her­zen“ (2Petr 1,19). Petrus führt es uns vor Augen: Das pro­phe­ti­sche Wort ist ein Licht, das in der Fins­ter­nis die­ser Welt scheint, bis der Mor­gen­stern in unse­ren Her­zen auf­geht. Das pro­phe­ti­sche Wort will die Her­zen erleuch­ten und gänz­lich auf den Mor­gen­stern, auf Jesus Chris­tus, unse­ren Herrn, aus­rich­ten. Wo Chris­tus in unse­ren Her­zen regiert, ist alle Bibel­not hin­weg­ge­tan.

Georg Wal­ter

Anmer­kun­gen

1 Mar­tyn Lloyd-Jones, Here­sies. URL: http://www.the-highway.com/heresies_Lloyd-Jones.html. Auf­ge­ru­fen am 13.2.2017.

2 Otto Riecker, Kir­che und Chris­ten im Wan­del der Zeit, Hänssler Ver­lag, Neu­hau­sen-Stutt­gart, 1984, S.196.

3 Ebd.

4 Gud­run Nee­be, Apos­to­li­sche Kir­che, Wal­ter de Gru­y­ter, Ber­lin, 1997, S.139 – 140.

5 Ebd., S.141.

6 Otto Riecker, op. cit., S.196.

7 Otto Riecker, op. cit., S.276.

8 Gott­fried W. Locher, Felix Manz Abschieds­wor­te, S.12 – 13.

URL: http://www.zwingliana.ch/index.php/zwa/article/viewFile/646/557. Auf­ge­ru­fen am 28.1.2015.

9 Glau­bens­stim­me: Satt­ler, Micha­el — Arti­kel und Hand­lung, die Micha­el Satt­ler zu Rot­ten­burg am Neckar mit sei­nem Blut bezeugt hat. URL: http://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:s:sattler:sattler-anklage. Auf­ge­ru­fen am 21.3.2017.

10 Mark Wald­ner, Micha­el Satt­lers Denk­mal.

URL: http://www.hutterites.org/news/michael-sattlers-denkmal/. Auf­ge­ru­fen am 28.1.2015.

11 Ebd.

12 Otto Riecker, op. cit., S.279.

13 Adolf Schlat­ter, Hül­fe in Bibel­not – Neu­es und Altes zur Schrift­fra­ge, Frei­zei­ten-Ver­lag, Glad­beck, 1953, S.8.

14 Ebd.

15 Ebd., S.9.

16 Ebd., S.16.

17 Ebd., S.19.

Kategorie: Erbauliches

von

Alexander Rempel (1986), verheiratet mit Jennifer, ein Sohn und drei Töchter. Liebhaber christlicher Medien, eBook-Fan und Gründer des ersten christlichen eBook-Verlags, ceBooks.de.

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