Biblische Lehre
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Der Tempel aller Zeiten

Biblische Studien von Gregory Beale

Heu­te wie­der eine Gast­re­zen­si­on:

Ein Bru­der emp­fahl mir „Der Tem­pel aller Zei­ten“, als er mein Inter­es­se am The­ma bemerk­te. Seit ich „Der Mes­si­as im Tem­pel“ von Roger Lie­bi gele­sen hat­te, lese ich die Bibel mit ande­ren Augen und erwei­ter­tem Hori­zont. Hin­zu kamen eige­ne ‒ frei­lich beschei­de­ne­re ‒ Stu­di­en hin­zu, die mei­nen Blick wei­ter schärf­ten. Ein grund­le­gen­des Inter­es­se an der Mate­rie ist also von Vor­teil, möch­te man das Buch in die Hand neh­men.

Den Rah­men des Buches bil­den die ers­ten zwei und die letz­ten zwei Kapi­tel der Bibel: Das ers­te und das letz­te Para­dies. Von dem sog. ada­mi­ti­schen Auf­trag in 1. Mose 1, 28 aus­ge­hend, näm­lich die Erde zu fül­len und über sie zu herr­schen, beschreibt der Autor den Heils­plan Got­tes unter dem neu­en Aspekt des Tem­pel-The­mas, was im Buch als „Theo­lo­gie des Tem­pels“ bezeich­net wird. Der Wil­le Got­tes war es, sein Recht vom Para­dies aus über die gesam­te Erde zu ver­brei­ten, und Adam war mit die­sem Auf­trag betraut. Er und Eva soll­ten Nach­kom­men zeu­gen, die sich aus­brei­ten soll­ten, und vor allem: die das Gebot Got­tes bewah­ren und an ihre Nach­kom­men wei­ter­ge­ben soll­ten. Da aber Adam und Eva das Gebot bra­chen, kamen sie die­sem Auf­trag nicht nach (son­dern nur dem, Nach­kom­men zu zeu­gen). Spä­ter ver­trau­te Gott dem Volk Isra­el sein Gebot, das es bewah­ren und ihren Nach­kom­men wei­ter­ge­ben soll­te. Als wesent­li­chen Bestand­teil ent­hielt das Gesetz die Anlei­tung zum Bau der Stifts­hüt­te und für den Pries­ter­dienst. Vom Tem­pel aus, der eine Erwei­te­rung der Stifts­hüt­te war, soll­te das Recht Got­tes sich in sei­nem Volk und dar­über hin­aus aus­brei­ten. Sehr inter­es­sant fand ich die gut aus­ge­ar­bei­te­te Ver­bin­dung zwi­schen dem ers­ten Para­dies und dem Tem­pel, bzw. der Stifts­hüt­te. Aber auch Isra­el kam dem anver­trau­ten Auf­trag nicht nach. Bereits aus dem AT geht aus vie­len Stel­len, die der Autor auch anführt (in dem Buch wird auf meh­re­re Tau­send Bibel­stel­len Bezug genom­men), her­vor, dass der Tem­pel in Jeru­sa­lem nur ein Abbild des eigent­li­chen Tem­pels Got­tes war. Die­ser offen­bar­te sich spä­ter in Chris­tus und besteht seit Pfings­ten geist­lich als sei­ne Gemein­de fort, die nun damit beauf­tragt ist das Evan­ge­li­um vom Reich Got­tes auf der gan­zen Welt zu ver­brei­ten. Der Höhe­punkt ist die Offen­ba­rung die­ses Tem­pels, der die neue Schöp­fung ganz erfül­len wird.

Der Facet­ten­reich­tum die­ser Theo­lo­gie macht das Buch zu einer Her­aus­for­de­rung. Außer­dem ist es durch­weg Bibel­aus­le­gung. Wer mit exege­ti­schen Wer­ken und Kom­men­ta­ren ver­traut ist, kann sich vor­stel­len, was es bedeu­tet, 450 Sei­ten durch­ge­hend Bibel­ex­ege­se zu lesen. Das ist abschre­ckend, ich gebe zu. Wer es aber auf sich nimmt, wird dadurch belohnt, dass er nach der Lek­tü­re beim Lesen der Bibel auf jeden Fall mehr sehen wird als davor. Es ist Arbeit, die aber belohnt wird. Nur ein Bei­spiel:

Wäh­rend mei­ner eige­nen Beschäf­ti­gung mit ver­schie­de­nen The­men stieß ich immer wie­der audie Ste­pha­nus-Rede in Apos­tel­ge­schich­te 7. Dadurch emp­fand ich sie im Lau­fe der Zeit immer bedeu­ten­der. Aber erst nach der Lek­tü­re die­ses Buches, erkann­te ich, dass das Tem­pel-The­ma sich von Anfang bis zum Ende sei­ner Rede durch­zieht, was ich zuvor schlicht und ergrei­fend nie gese­hen hat­te!

Der Autor behan­delt außer­dem eini­ge alt­ori­en­ta­li­sche, ägyp­ti­sche, früh- und spät­jü­di­sche Tex­te (Pseu­depi­gra­phi­en etc.), auf die er zwar nicht baut, die aber sei­ne Argu­men­ta­ti­on auf eine sehr schö­ne Wei­se unter­mau­ern. Fas­zi­nie­rend auch die Bele­ge aus den Schrif­ten der Qum­ran­ge­mein­schaft. Auch die­se waren mir im Lau­fe der Zeit immer wich­ti­ger gewor­den. Auch hier för­dert der Autor Schät­ze zuta­ge, die mir sonst wohl ver­bor­gen geblie­ben wären.

Was mir wäh­rend der Lek­tü­re zusätz­lich ange­nehm auf­fiel war, dass der Autor klar von der Inspi­ra­ti­on des Wor­tes Got­tes über­zeugt ist. Das ist für einen hoch­de­ko­rier­ten Pro­fes­sor der Theo­lo­gie wie ihn nicht selbst­ver­ständ­lich!

Eini­ges, was mir in dem Buch nega­tiv auf­fiel, soll hier nicht uner­wähnt blei­ben. Zum einen wären da die teil­wei­se sehr dün­nen Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Gedan­ken, die an der Gesamt­kon­sis­tenz des Wer­kes rüt­teln. Beson­ders in der zwei­ten Hälf­te des Buches befand ich mich oft in der Schwe­be und wuss­te nicht, was der Autor kon­kret zum Aus­druck brin­gen möch­te. Hin­zu kommt, dass er auf zu vie­le Aus­le­ger ein­geht, deren Gedan­ken klar zu ver­wer­fen sind (auch wenn er selbst ihre Mei­nung nicht teilt). Auch wenn das zur wis­sen­schaft­li­chen Arbeit eines Theo­lo­gen gehört, wer­den wohl die meis­ten Leser nichts damit anzu­fan­gen wis­sen. Dann ist das Werk für mei­nen Geschmack zu über­la­den mit zu vie­len Gedan­ken, die in zu vie­le ver­schie­de­ne Rich­tun­gen wei­sen. Auch das, eine Eigen­heit theo­lo­gi­scher Wer­ke. Durch die zu vie­len Abzwei­gun­gen wird der Haupt­stamm der Argu­men­ta­ti­on stark belas­tet. Auch die sehr umständ­li­chen For­mu­lie­run­gen erschwe­ren das Lesen. Das kann an der Über­set­zung lie­gen, ist aber eher der theo­lo­gi­schen Art des Werks zu ver­ant­wor­ten. Und zuletzt: Das The­ma Tod, das einen wesent­li­chen Bestand­teil einer ordent­li­chen Theo­lo­gie des Tem­pels aus­ma­chen soll­te, ist in dem Buch völ­lig aus­ge­blen­det.

Das Lesen, das eher ein Sich-Erar­bei­ten war, hat sich für mich per­sön­lich aber gelohnt!

 

Johann Dirk­sen

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