Erzählungen
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Der Mann, der Donnerstag war — Eine Nachtmahr

von Gilbert Keith Chesterton

41nAlXx5uSL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX278_SY278_PIkin4,BottomRight,1,22_AA300_SH20_OU03_Gil­bert K. Ches­ter­ton. Der Mann, der Don­ners­tag war. Eine Nacht­mahr. Ca. 176 Sei­ten. Kos­ten­lo­ser Down­load (Kind­le-For­mat.)

Polit­sa­ti­re im Alb­traum­for­mat

Ches­ter­ton ist im deut­schen Sprach­raum vor allem wegen sei­ner Detek­tiv­ge­schich­ten von Pater Brown bekannt gewor­den. Fast eben­so berühmt ist sein Buch „Der Mann, der Don­ners­tag war“. Es han­delt sich um eine Polit­sa­ti­re, in die schwüls­ti­gen Beschrei­bun­gen eines Alb­traums ver­packt. Ob  ein glut­ro­ter Son­nen­un­ter­gang auf einem Lon­do­ner Platz, ein üppi­ges Mahl in einer her­un­ter gekom­me­nen Taver­ne oder ein Duell auf einer Blu­men­wie­se in Frank­reich — die sorg­fäl­ti­ge, ält­li­che deut­sche Über­set­zung tat bei mir das ihre, um lust­voll  beim Lesen zu blei­ben.

Um was geht es?

Kri­mis wer­den auch hier­zu­lan­de gele­sen. Also fin­det sich auf ver­schie­de­nen Sei­ten kur­ze Ein­füh­run­gen zum Inhalt. Bes­ser hät­te ich den Plot nicht zusam­men­fas­sen kön­nen:

Dabei han­delt es sich im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes um einen fan­tas­ti­schen Roman, bei des­sen Lek­tü­re man irgend­wann nicht mehr weiß, wo die Gren­ze zwi­schen Wahr­heit und Fik­ti­on ver­läuft. So tar­nen sich Luci­en Gre­gor und Gabri­el Syme, die ein­an­der eines Tages in Lon­don begeg­nen, bei­de als Poe­ten, obwohl Gre­gor ein über­zeug­ter Anar­chist ist, wäh­rend Syme als Detek­tiv für die Lon­do­ner Kri­mi­nal­po­li­zei arbei­tet.

Als sol­cher gerät er zufäl­lig in eine Ver­samm­lung eines gehei­men Zir­kels von Anar­chis­ten. Und wie der Zufall so spielt: Tat­säch­lich wird Syme (im Gegen­satz zu Gre­gor, der leer aus­geht) in den anar­chis­ti­schen Zen­tral­rat gewählt, des­sen sie­ben Mit­glie­der die Namen der sie­ben Wochen­ta­ge als Pseud­onym gewählt haben. Frei ist gera­de die Stel­le des Don­ners­tag, die Syme ab sofort über­nimmt. Außer ihm sind noch Mon­tag dabei, ein Sekre­tär, Diens­tag, ein pol­ni­scher Fana­ti­ker, Mitt­woch, ein obsku­rer Mar­quis, Frei­tag, ein uralter Pro­fes­sor, Sams­tag, ein Arzt, und Sonn­tag, der Anfüh­rer der Anar­chis­ten.

Was aber beschließt der anar­chis­ti­sche Zen­tral­rat eigent­lich? Er will zer­stö­ren, was zu zer­stö­ren ist. Macht kaputt, was kaputt macht sozu­sa­gen Kurz, er plant ein Atten­tat auf den rus­si­schen Zaren und den fran­zö­si­schen König in Paris. Und Syme? Wird er über­le­ben, wird er gar in der Lage sein, die Plä­ne der Anar­chis­ten zu durch­kreu­zen?

Zwi­schen den Zei­len

Wie es sich für Ches­ter­ton gehört, spickt er die Beschrei­bun­gen und Dia­lo­ge mit zitier­wür­di­gen Aus­sa­gen. Mit viel Freu­de fürs Detail ver­sieht er Anar­chis­ten mit einer Kar­ri­ka­tur ihrer selbst. Er lässt sie unent­wegt orga­ni­siert und struk­tu­riert auf­tre­ten. „Ich hat­te kei­ne Ahnung, daß Anar­chis­ten soviel Dis­zi­plin im Lei­be haben wür­den.“ (2243) Er über­führt sie einer irri­gen Poe­sie. „Ein Anar­chist ist ein Artist. Der Mann, der eine Bom­be wirft, ist ein Artist, weil er einen gro­ßen Moment allem andern vor­zieht.“ (Pos. 72 – 73) Empö­rung bleibt Empö­rung. „Bei­des: krank sein und rebel­lisch sein, das mag in gewis­sen des­pa­ra­ten Lebens­la­gen gesund sein. Aber ich will gehängt sein, wenn ich ein­se­hen soll, war­um sie poe­tisch sein sol­len. Empö­rung – abs­trakt – ist – ein­fach – empö­rend.“ (103) Er zeigt die selbst zer­stö­ren­de Logik des Slo­gans „wir sind die Fein­de der herr­schen­den Gesell­schafts­will­kür“ (513) auf. Die Ent­de­ckung, „das wahr­haft destruk­ti­ve Prin­zip im Uni­ver­sum sei Gott“ zog die abstru­se, wüten­de, unab­läs­si­ge Ener­gie nach sich, „alles und jedes in Stü­cke zu zer­rei­ßen“ (1434).  Es ist, als hör­ten wir Ches­ter­ton durch sei­ne Figu­ren reden, wenn er „ver­flucht wenig von einem Men­schen hal­ten wür­de, der als Boden­satz sei­ner See­le nicht etwas Erns­te­res zurück­be­hiel­te“ (194), eben die Reli­gi­on. Ideo­lo­gi­en stel­len letzt­lich nichts ande­res als Ersatz­re­li­gio­nen dar, der Anar­chis­mus „eine rei­che, all­ge­wal­ti­ge, fana­ti­sche Kir­che, eine Kir­che von ori­en­ta­li­schem Pes­si­mis­mus, deren Hei­ligs­tes es ist, die gan­ze Mensch­heit gerad wie ein Unge­zie­fer aus­zu­til­gen.“ (2041)

Doch wor­in besteht das Gegen­gift? Nicht in eben­so Welt­ver­schwö­rungs­sze­na­ri­en, wie sie mun­ter auch in from­men Krei­sen spries­sen! Im Inners­ten wird der Held (Syme) von der Zuver­sicht gelei­tet: „Moch­ten die Teu­fel den Him­mel, den Him­mel erobert haben – das Kreuz war doch noch nicht in ihrer Hand.“ (1227) Mit die­sem Grund­ver­trau­en gewapp­net kann er erklä­ren: »Kein Mensch soll in aller Welt das belas­sen, das er fürch­tet.« (1354) Dass die­se tief­sin­ni­gen Aus­sa­gen stets bei einem üppi­gen Essen und einer guten Fla­sche Bor­deaux aus­ge­spro­chen wer­den, sei dem Lebe­mann Ches­ter­ton gegönnt (er brach­te anschei­nend 300 Pfund auf die Waa­ge). Ich sel­ber hal­te es eher mit der Toma­ten­sup­pe und dem Glas Was­ser.

Emp­feh­lung

Wer mit Ches­ter­ton beginnt, dem rate ich eine dop­pel­te Lek­tü­re an: Er lese ein paar Father Brown-Geschich­ten und neh­me sich dann „Ortho­do­xie“ vor. „Der Mann, der Don­ners­tag war“ rech­ne ich zur zwei­ten Lese­pha­se. Wer mit dem Stil Ches­ter­tons ver­traut ist, wird sich schnell zurecht­fin­den. Ihn wird es auch nicht stö­ren, dass die im ers­ten Teil auf­ge­bau­te Patt-Situa­ti­on unter akri­bi­scher Beschrei­bung fast vor­aus­seh­bar auf­ge­löst wird (mehr Details zu nen­nen wäre der Span­nung abträg­lich). Denn: Es wäre „idio­tisch genug“ zu glau­ben: „Wenn der Anar­chis­mus je aus­kä­me, käme er von den Armen her. Wie­so denn? Die armen Leu­te, die sind wohl dann und wann rebel­lisch gewor­den – aber Anar­chis­ten waren sie nie; die haben mehr Inter­es­se als jeder ande­re sonst – daß eine leid­li­che Regie­rung da ist.“ (2151) Letzt­lich geht es eben um die Ent­tar­nung einer Gesell­schafts­uto­pie. Ein­mal mehr ist bei mir der Wunsch erwacht, es wür­den heu­te ähn­li­che Wer­ke geschrie­ben, um aktu­el­le welt­an­schau­li­che Strö­mun­gen für den heu­ti­gen Men­schen ver­ständ­lich zu ent­kräf­ten und ad absur­dum zu füh­ren.

Han­ni­el Stre­bel, www.hanniel.ch

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