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Der am häufigsten falsch zitierte Bibelvers

Neu­lich bin ich wie­der über 1 Kor 14,33 gesto­ßen: „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unord­nung, son­dern des Frie­dens.“ Ob nun die besorg­te Mut­ter, der über­for­der­te Ord­ner oder der ermah­nen­de Pfar­rer, wie oft greift man zur ver­kürz­ten Ablei­tung die­ses Ver­ses: „Gott ist ein Gott der Ord­nung“. Selbst Goog­le höchst­per­sön­lich bestä­tigt das. Tippt man „Gott ist ein Gott…“ in das Such­fens­ter ein, ist „der Ord­nung“ das ers­te vor­ge­schla­ge­ne Such­ergeb­nis. Bewei­se? Das Ergeb­nis der Suche in unter­schied­li­chen Brow­sern fiel ein­deu­tig aus:

Wich­ti­ger als das Gott ein Gott der Leben­den ist, der gro­ße Din­ge und Wun­der tut und uns sieht, ist also, dass Gott ein Gott der Ord­nung ist (ich schwei­ge dar­über, das das ande­re direk­te Zita­te wären).

Eini­ge der Arti­kel, die die Suche lie­fert, habe ich übri­gens durch­ge­le­sen und zumin­dest bei eini­gen davon gilt der glei­che Ein­druck, den man auch vom man­trar­ti­gen Wie­der­ho­len der For­mel „Gott ist ein Gott der Ord­nung“ kennt. Rela­tiv kon­text­un­ge­bun­de­nes Durch­drü­cken von Regeln und Struk­tur! (Ich geste­he man­che erfah­re­ne Ver­let­zung durch die­se Ver­wen­dung ein)

Ist es über­haupt ange­mes­sen davon zu spre­chen, das Gott ein Gott der Ord­nung ist, weil er ja „nicht ein Gott der Unord­nung ist“?  Und wo ist über­haupt mein Pro­blem mit einem sol­chen Satz? Das möch­te ich im Fol­gen­den ger­ne erläutern:

Zunächst wür­de es mich freu­en, wenn man ein­fach mal am Text blei­ben wür­de. Die obi­ge Goog­le-Suche zeigt, dass das Ori­gi­nal­zi­tat das letz­te Such­ergeb­nis ist, dass vor­ge­schla­gen wird. Ich fra­ge mich bei jedem, der vom „Gott der Ord­nung spricht“, war­um ihm das wich­ti­ger ist, als dass Gott „ein Gott des Frie­dens ist“? War­um ist uns Ord­nung wich­ti­ger als Frie­den? Ist uns Ord­nung womög­lich nur des­we­gen wich­tig, weil wir Kon­troll­freaks sind und ein­fach einen pas­sen­den Vers gefun­den haben, um unse­re Vor­stel­lun­gen durchzudrücken?

Ich sprach mit einem Freund dar­über, der mich gleich auf die gro­ße Brei­te von „Scha­lom“ ver­wies, das im Hebräi­schen ja bekannt­lich „Frie­de“ bedeu­tet, aber auch „Sicher­heit, Gebor­gen­heit, Rechts­ord­nung, Gesund­heit, Wohl­stand, geord­ne­te und lie­be­vol­le Bezie­hun­gen …“ (sie­he hier). Wenn Pau­lus also schein­bar  asyn­chron anti­the­tisch von „Unord­nung — Frie­de“ spricht, habe er die hebräi­sche Band­brei­te von „Scha­lom“ im Blick, also ein gan­zes kos­mo­lo­gi­sches Kon­zept von Ord­nung, Sicher­heit, Gebor­gen­heit, Frie­den usw.  Soweit die These.

Nun gibt es dabei eini­ges zu beach­ten: a) Pau­lus ver­wen­det nicht scha­lom, son­dern „eire­ne“, näm­lich den grie­chi­schen Begriff für Frie­den. Dabei dürf­te uns z.B. Jesu häu­fig ver­wen­de­te For­mel in den Blick fal­len: „Gehe hin in Frie­den (vgl. z.B. Lk. 8,48 mit 1 Sam 1,17). Obwohl es mög­lich ist, das Jesus dabei „scha­lom“ als Begriff ver­wen­de­te, wis­sen wir es schlicht­weg des­we­gen nicht genau, weil die Evan­ge­li­en auf grie­chisch ver­fasst wur­den. Ich könn­te aber damit leben, dass man meint, dass auch „eire­ne“ ein ähn­lich breit auf­ge­stell­ter Begriff, der auch Har­mo­nie, Welt­ord­nung, Struk­tur, Regeln  und der­glei­chen mit­ein­schließt. Doch den­noch blie­be ja die Aus­gangs­fra­ge: War­um spre­chen wir dann vom Gott der Ord­nung und nicht vom Gott des Scha­loms? War­um sagt man es nicht schlicht­weg: „Gott ist ein Gott des Scha­loms“ oder „Gott ist ein Gott des Frie­dens“? Auf die Gefahr hin, mich zu wie­der­ho­len: War­um sind wir so viel mehr um die Ord­nung als um den Frie­den besorgt? 

b) „eire­ne“ ist ein so häu­fig ver­wen­de­ter Begriff des NT, der häu­fig ein­fach das meint, was wir mei­nen, wenn wir von „Frie­den“ reden: fried­li­ches Mit­ein­an­der, frei von Strei­tig­kei­ten, Kon­ku­renz­den­ken, Neid… Um bei den Ver­wen­dun­gen von Pau­lus zu blei­ben: 1 Thess 5,13; 2 Kor 13,11; Röm 12,18; Phil 4,7; 1 Kor 5. An einer Stel­le spricht er davon, sei­nen Mit­ar­bei­ter in „Frie­den zu beglei­ten“ (1 Kor 16,11).  Selbst wenn es hier um ein gro­ßes escha­to­lo­gi­sches Scha­lom im Rei­che Got­tes geht. War­um einen der­art reich­hal­ti­gen Begriff durch einen der­art tri­via­len wie „Ord­nung“ erset­zen? Es ist also ange­bracht, vom Frie­den als den ech­ten Gegen­teil von Unord­nung zu sprechen

c) Pau­lus spricht auch an min­des­tens einer wei­te­ren Stel­le davon, dass Gott ein Gott des Frie­dens ist, näm­lich 1 Thess 5,23. Das Gott ein Gott des Frie­dens ist, ist ein pau­li­ni­sches Konzept

d) Manch­mal wird der Begriff „scha­lom“ so ver­wen­det, als wäre das eigent­lich der übli­che Hebrais­mus unter den Gläu­bi­gen der Urkir­che. Sie grüß­ten sich mit Scha­lom, wünsch­ten sich den Scha­lom zum Abschied, all das im Ange­sicht eines glo­ba­len Kamp­fes gegen die Unordung der Welt im Ange­sicht einer escha­to­lo­gi­schen Wie­der­kunft Chris­ti um das Reich Chris­ti zu grün­den. Dann jedoch wür­de ich aber fra­gen, war­um nicht exakt die­ser Hebrais­mus ver­wen­det wird? Das Pau­lus ohne wei­te­res zu ande­ren ver­brei­te­ten Hebrais­men griff, ist selbst dem bekannt, der die Bibel auf deutsch ließt: Ich den­ke an anathe­ma oder mara­natha… Was sprä­che dage­gen, Scha­lom zu ver­wen­den? Egal wie man sich in die­ser Fra­ge ent­schei­det, wür­de es doch nur unter­strei­chen, dass es ange­mes­se­ner wäre, vom „Gott des Frie­dens“ als vom „Gott der Ord­nung“ zu sprechen.

e) Ich den­ke auch, dass es unan­ge­bracht ist, bei jeder Ver­wen­dung eines Begrif­fes die voll­stän­di­ge Bedeu­tungs­band­brei­te die­ses Begrif­fes anzu­neh­men. Bes­ser ist es zunächst den Kon­text zu betrach­ten, der in Kor. 14 recht ein­fach zu über­bli­cken ist: In der Gemein­de herrscht Cha­os, vor allem auch bei der Durch­füh­rung der Got­tes­diens­te, betrof­fen ist Pre­digt, Abend­mahl, Gebets­le­ben, aber auch das Zwi­schen­mensch­li­che. Nach­dem Pau­lus in Kap. 14 zahl­rei­che sehr prak­ti­sche Anwei­sun­gen gibt (ob nun bzgl. der Fra­ge wie sich die Frau­en ver­hal­ten sol­len oder wie Zun­gen­re­de sinn­voll in den Got­tes­dienst ein­ge­bun­den wer­den kann), ver­weist er auf die begrün­den­de Idee hin­ter sei­nen Vor­schlä­gen: „DENN Gott ist nicht ein Gott der Unord­nung, son­dern des Frie­dens“.  Obwohl Pau­lus also kla­re Vor­schlä­ge für Struk­tur und Ord­nung lie­fert, ist sei­ne Haupt­mo­ti­va­ti­on die, dass er einen Gott des Frie­dens vor Augen hat. Ein paar Regeln und Struk­tu­ren um der Regeln selbst wil­len oder gar um der Ord­nung selbst wil­len hät­ten den Korin­thern kaum genützt.

Zwi­schen­fa­zit: Obwohl das Wis­sen um „Scha­lom“ ein Indi­ka­tor auf eine brei­te Ver­wen­dungs­viel­falt von Frie­den sein kann und so gar kei­ne asyn­chro­ne Anti­the­se von Unord­nung-Frie­de vor­lie­gen muss, ist die Ablei­tung „Gott ist ein Gott der Unord­nung“ zumin­dest eine Ver­kür­zung der Absich­ten von Pau­lus an die­ser spe­zi­fi­schen Stel­le aber auch des Kon­zep­tes von Pau­lus, dass er hat, wenn er vom Gott des Frie­dens spricht, wie z.B. in 1 Thess 5,23 wo er im Gott des Frie­dens Grund­la­ge der Hei­li­gung und der Bereit­schaft für die Wie­der­kunft Chris­ti sieht. 

 Doch gehen wir wei­ter: War­um soll­te man über­haupt den Gegen­satz den Pau­lus auf­baut Unord­nung — Frie­den immer in die­se Rich­tung har­mo­ni­sie­ren: Unord­nung — Ord­nung? Wie­so z.B. nicht so rum: Unfrie­den — Frie­den?  Oder dop­pelt nega­tiv: Unfrie­den — Ord­nung? Eine Wort­stu­die ver­schafft hier schnell Über­blick. Wäh­rend „eirene„in der NKJV immer mit Frie­de wie­der­ge­ge­ben wird,

sieht es beim deut­lich sel­te­ner vor­kom­men­den Gegen­be­griff „aka­ta­sta­sia“ anders aus. Die­ser Begriff kommt nur fünf mal im NT vor und wird am bes­ten mit „Unru­he oder Auf­ruhr“ wie­der­ge­ge­ben! Ich habe alle Ver­wen­dun­gen in der LUT2017  — Über­set­zun­gen hier eingefügt:

Beach­tet dabei, wie die Ver­wen­dung in 2 Kor 12,20 und Jak. 3,16 als pas­sen­de „Gegen­tu­gend“ Frie­den ein­deu­tig nahelegt.

Mer­ken wir, wie ein schlüs­si­ges Bild ent­steht? „Gott ist nicht ein Gott von Unru­he und Auf­ruhr son­dern des Frie­dens“ ist eine viel stär­ke­re Aus­sa­ge als ein plum­pes „Gott ist ein Gott der Ord­nung“. Wenn ich ein hoff­nungs­lo­ser Schlam­per bin, schlim­mer von mir aus als die Korin­ther­ge­mein­de, dann hilft mir ein an Struk­tu­ren und Regeln appel­lie­rend Rat „Gott ist ein Gott der Ord­nung“ recht wenig, weil er am eigent­li­chen Pro­blem in mei­nem Cha­os vor­bei­geht, näm­lich dass ich Gott brau­che und den Frie­den, den er schenkt. Schlicht­weg blei­ben Struk­tu­ren oft­mals nur auf einer rein tri­via­len Hand­lungs­ebe­ne, ohne das Herz zu errei­chen. Dafür hat­te Pau­lus die Korin­ther zu lieb, um sich mit blo­ßer Ver­hal­tens­kos­me­tik zu begnü­gen oder Cha­os mit einem „Gott ist ein Gott der Ordnung“-Gebell run­ter­zu­bü­geln. Er ergriff sehr wohl nöti­ge Maß­nah­men, aber sei­ne Moti­va­ti­on dabei blieb klar: Es geht nicht bloß um struk­tu­rel­le Maß­nah­men, es geht um einen Gott, der am ech­ten Frie­den, wenn du es so willst am ech­ten Scha­lom inter­es­siert ist. Ich bin nicht gegen Ord­nung, aber was wirk­lich mei­ne Sehn­sucht stillt, ist ein Gott des Frie­dens. Das Pferd mal von der rich­ti­gen Sei­te bestie­gen: Wie kom­men wir auf die Idee, dass Auf­ruhr und Unru­he durch ein paar struk­tu­rel­le Maß­nah­men geheilt wer­den kön­nen? Das wie­der­um erin­nert mich an den Vater des ver­lo­re­nen Soh­nes. Als die­ser mit dem Auf­ruhr und der Unru­he sei­nes Soh­nes eis­kalt kon­fron­tiert wur­de, war ihm schnell klar, dass ein Drü­ber­bü­geln von Struk­tur und Regeln, so nötig sie wären, ein­fach nicht das lie­fern wür­de, was der Sohn drin­gend brauch­te: Frie­den und den Gott des Friedens.

Wenn uns das nächs­te Mal wie­der ein „Gott ist ein Gott der Ord­nung“ von den Lip­pen rut­schen möch­te, lasst uns inne­hal­ten und sich lie­ber mit dem begnü­gen, was für Pau­lus aus­rei­chend war: „Gott ist ein Gott des Frie­dens“! Mer­ken wir wie die­ser Appell viel tie­fer reicht?

Kategorie: Bibeln

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Hallo, ich bin Sergej und lese vor allem theologische Bücher reformierter Prägung. Als Familie wohnen wir im Südschwarzwald!

2 Kommentare

  1. David Tissen sagt

    Weil ich den Arti­kel gele­sen habe, schrei­be ich dir doch mei­ne Gedanken:
    „War­um ist uns Ord­nung wich­ti­ger als Frie­den?“: Das sagst du sehr oft, wer hat das aber behaup­tet? Hat kei­ner behaup­tet, wahr­schein­lich kei­ner dei­ner Leser.

    „dass es ange­mes­se­ner wäre, vom „Gott des Frie­dens“ als vom „Gott der Ord­nung“ zu spre­chen“: Und noch bes­ser von einem Gott der Ord­nung und des Frie­dens? Das eine schließt das ande­re nicht aus!

    Dei­ne Wort­stu­die ist inter­es­sant und auf­schluß­reich, den Kon­text des Bibel­vers aber hast du selbst nicht betrach­tet, wo Pau­lus ganz offen­sicht­lich die Ord­nung in der Korin­ther in den Ver­samm­lun­gen anspricht. Damit ist die ÜBer­set­zung ins Deut­sche mit „Ord­nung“ nicht so abwägig.

    Somit hast du dich zu sehr auf den schein­ba­ren Wie­der­spruch von Ord­nung und Frie­den fokusiert.

  2. Sergej Pauli sagt

    Hal­lo David, ich bin mir nicht sicher ob du Stil oder Inhalt? Beim STil kann man sich immer strei­ten, Ist dein Pro­blem, dass ich die Leser mit­ein­schlie­ße? Nun, das machen ja auch die Schrif­ten stän­dig, dass sie uns in die Ver­ant­wor­tung neh­men oder? (Wir aber gin­gen alle in die Irre…). Aber ich geste­he, dass mein Stil etwas reis­se­risch ist, manch­mal weiß ich auch ein­fach nicht, wie ich das anders for­mu­lie­re und dan­ke dir für Unterstützung.

    Zum Inhalt aber: Ich füh­re doch z.B. die Goog­le Suche ein. Wenn es kei­ner jemals behaup­tet hat das „Gott ein Gott der Ord­nung ist“ — War­um dann die­se Art von Ergeb­nis? Den im obi­gen Arti­kel ver­link­te Arti­kel z.B.habe ich gera­de durch die­sen Such­be­griff gefun­den und der Autor erwähnt, dass er die­sen Satz sehr häu­fig von sei­ner Oma gehört hat: http://bibelarbeit.info/zitate_1_korinther_14_33.php. Was meinst du als mit „hat kei­ner behauptet“?
    Sehr wohl schließt das eine das ande­re aus, wenn man mit Ord­nung bloß Regeln und Struk­tur meint, wie ich dar­zu­stel­len ver­such­te, denn dadurch geht die Viel­falt des Begrif­fes Frie­den ver­lo­ren, aber auch Rebel­li­on und Cha­os hin­ter Unord­nung geht ver­lo­ren. Ich den­ke ich habe das schlüs­sig dar­ge­stellt. Ob wir nun die Über­set­zung mit „Ord­nung“ für nicht so abwä­gig hal­ten oder nicht, mir ist kei­ne Über­set­zung bekannt, die das so übersetzt. 

    Schließ­lich den­ke ich, konn­te ich sowohl aus dem Kon­text wie am Bei­spiel des ver­lo­re­nen Soh­nes nach­wei­sen, wie der Unter­schied prak­tisch aus­sieht, ob man eher Frie­den oder Ord­nung im Blick hat. Des­we­gen den­ke ich dass man sehr wohl zwar im Text von einem bloß schein­ba­ren Wider­spruch spre­chen kann, nicht aber in unse­rer Anwen­dung. Gott ist ein Gott des Friedens!

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