Jahr: 2020

Tertullian: Verteidigung

„Wenn der Tiber bis in die Stadtmauern steigt, wenn der Nil nicht bis über die Feldfluren steigt, wenn die Witterung nicht umschlagen will, wenn die Erde bebt, wenn es eine Hungersnot, wenn es eine Seuche gibt, sogleich wird das Geschrei gehört: „Die Christen vor den Löwen!“ So viele vor einen?! Ich bitte euch, wie viele Kalamitäten haben nicht schon vor Tiberius, d.h. vor der Ankunft Christi, den Erdkreis und die Stadt betroffen?“ – Tertullian in „Verteidigung“. Es gibt viele Gründe, warum man Tertullian lesen sollte. Da wäre erst einmal die generell anti- oder zumindest unchristliche Atmosphäre des zweiten Jahrhunderts, die unserer nicht unähnlich ist. C. Trueman bemerkte meines Erachtens  zurecht, dass wir vor allem aus dem zweiten und dritten Jahrhundert am meisten für unsere Zeit schöpfen können. Ähnlich wie vor fast zweitausend Jahren, wird das Christentum nicht nur abgelehnt, es gilt als unästhetisch und widerlich. Vom Marktplatz der zulässigen Meinungen ist es schon lange ausgeschloßen. Doch es liegt auch an Tertullian persönlich, warum seine „Verteidigung des Christentums“ ein guter Startpunkt ist, um die Literatur der …

Stille Nacht – Heilige Nacht

Weihnachten ist längst nicht mehr nur ein christliches Fest – es ist auch ein säkularer Feiertag: Je nach Glaubensüberzeugung feiern die einen die Geburt Jesu Christi, die anderen das Fest der Liebe, des Friedens und der Familie. Man kann Weihnachten in der säkularen Gesellschaft ohne Gottesdienst, ohne christliche Lieder und ohne Christus feiern. Mit dieser Beobachtung beginnt Timothy Keller sein Buch Stille Nacht – Heilige Nacht. Warum wir Weihnachten heute noch feiern. Nach seiner Wahrnehmung ist die wahre Weihnachtsbotschaft vielerorts verloren gegangen – und zwar auch in christlichen Kreisen: „Im säkularen wie im christlichen Weihnachtsfest geht es fast nur um Frieden, Freude und Licht“ (S. 110). Dass Weihnachten einen viel tieferen Sinn hat, entfaltet der Autor in acht Kapiteln zu klassischen Weihnachtstexten aus dem Propheten Jesaja, dem Matthäus- und dem Lukasevangelium sowie 1. Johannes 1,1–4. Zwar spricht auch Keller in den acht Kapiteln seines Buchs viel von Gottes Liebe, seinem Frieden und seinem Licht, diese Begriffe wirken bei ihm jedoch kräftiger als in so mancher Weihnachtspredigt, da er sie in den Kontrast zur Finsternis, zum Krieg (in …

Lexikas zu unterschiedlichen Bereichen

Dank Logos, greife ich vermehrt auf Bibellexikas und theologische Wörterbücher zurück. Eine Auswahl der Most-Reads 2020: Der Klassiker -Lexikon zur Bibel Ich glaube das von Rienecker ins Leben gerufene Lexikon, das von G. Maier, Landesbischof a.D. weitergeführt wurde, dürfte schon seit Jahrzehnten ein Klassiker sein. Der Umfang dieses Lexikons ist immer noch für jeden Laien zugänglich, dabei brillieren die Artikel durch zahlreiche Bibelstellenangaben. Tipp: „Lebendige Begriffe“ (Wie Versöhnung, Seele, Schlaf, Sprache…) lesen und alle Bibelstellen dazu betrachten. Ein Turboboost, um anzufangen, Begriffe biblisch zu denken und anzuwenden.   Der Digitale Viel zu spät und eher zufällig habe ich wibilex entdeckt. Im Grunde wie Maier/Rienecker, aber deutlich umfangreicher, aber leider auch weniger bibeltreu. Ansonsten brillieren die Artikel durch zumeist wissenschaftliche Qualität und schließen auch theologische Begriffe und geschichtliche Entwicklungen mit ein, die außerhalb des biblischen Textes stehen. Im Grunde genommen so etwas, wie ein religiöses Wikipedia.

Das höchste Gut des Menschen

„Gott und Gott allein ist das höchste Gut des Menschen. In einem allgemeinen Sinne können wir sagen, dass Gott das höchste Gut all seiner Kreaturen ist. Denn Gott ist der Schöpfer und Erhalter aller Dinge, die Quelle allen Seins und jeglichen Lebens und die überfließende Quelle allen Gutes. Jede Kreatur schuldet jeden einzelnen Augenblick seine ganze Existenz einzig Ihm, der das Eine, Ewige und Allgegenwärtige Wesen ist. Doch das Konzept des höchsten Guts schließt üblicherweise auch den Gedanken mit ein, dass dieses Gut von den Kreaturen selbst erkannt und genossen wird. Und das kann natürlich nicht der Fall für die leblose oder nicht-rationale Schöpfung sein. Die leblose Schöpfung existiert bloß und besitzt überhaupt kein Lebensprinzip. Die anderen Geschöpfe, so wie die Pflanzen besitzen zwar ein Lebensprinzip, haben aber keinerlei Empfinden. Die Tiere besitzen zwar zusätzlich zu ihrer Existenz und ihrem Leben eine Art des Bewusstseins, doch es ist ein Bewusstsein, dass die Dinge um sich durch Sinnesreize wahrnimmt. Sie sind sich der irdischen, aber nicht der himmlischen Dinge bewusst. Sie sind sich der tatsächlichen, der …

Wie soll eine Predigt nicht sein…

Der Blog „Bibelkreis München“ verlinkt sporadisch auch Artikel von NIMM-LIES. Heute wiederum bin ich auf einen sehr spannenden Artikel gestoßen, ein (größeres) Zitat von Helge Stadelmann: „Liebe Gemeinde! Den Text für unsere heutige Predigt finden wir in unserem Volksliederbuch: »Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein. Stock und Hut steh’n ihm gut, ist gar wohlgemut. Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr: Da besinnt sich das Kind, läuft nach Haus geschwind.« Soweit unser Text! Wie wir sehen, geht es hier um einen Menschen wie du und ich. Es geht um »Hänschen«. Dieses Wort »Hänschen« kommt von »Hans«, und »Hans« kommt von »Johannes« – und wenn wir noch etwas weiter graben, merken wir, dass »Johannes« vom hebräischen Grundtext her »Jochanan« heißt – und das bedeutet: »Gott ist gnädig«! Dies eine steht also von Anfang an über dem Leben unseres »Hänschen«: Gott ist gnädig. Und genauso steht die Verheißung über dem Leben eines jeden Menschen, der auf diese Welt kommt, und damit auch über uns: Gott ist gnädig! Dieses Hänschen ist noch …

Spurgeon – wie ihn keiner kennt?

Ich möchte auf zwei Zitate aufmerksam machen, die man von Spurgeon wahrscheinlich nicht erwarten würde: Das erste habe ich in der 7ten von ihm überhaupt schriftlich veröffentlichten Predigt zum Thema „The Church of Christ“ gefunden. Geradezu prophetisch sieht Spurgeon die Zukunft Israels vor Augen. Neben einem offensichtlich physischen Israel, das Spurgeon im Blick hat, fällt auch die positive Eschatologie auf. Die Hoffnung, dass schon bald die ganze Welt „evangelikalisiert“ wird, erwies sich bekanntlich als Trugschluss und aus der überaus positiv enthusiastischen Phase, die sicher bis in den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter Evangelikalen anhielt, folgte spätestens nach dem ersten Weltkrieg eine frustrierende Ernüchterung. Das wäre sicherlich eine interessante Studie, in wie weit auch die Euphorie um Spurgeon zu dieser Entwicklung beigetragen hat: „Not long shall it be ere they shall come-shall come from distant lands wher’er they rest or roam; and she who has been the offscouring of all things, whose name has been a proverb and a byword, shall become the glory of all lands. Dejected Zion shall raise her head, shaking herself from …

Wie können wir denn lesen? – Folge 2

Dieser Artikel besitzt einen Vorläufer. Lese hier. Es sind der Predigten unzählige, die nach unabänderlichem Muster ablaufen: Ausgehend von einem Text wie z.B. Joh.10, der über die Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit des guten Hirten Jesus spricht, konzentrierte sich der Prediger die zwanzig bis dreißig Minuten seiner Predigt nahezu ausschließlich darauf, zu erläutern, dass diese Verheißung uns nicht leichtfertig machen soll, es vor allem darum geh, den guten Hirten zu hören und mit ewiger Heilsgewissheit hat dieser Text sowieso erst einmal nichts zu tun. An dieser Stelle möchte man jedes Mal fragen: Wieso steht nicht genau das im Text. Was nützt das Gerede vom Skopus, wenn er dich überhaupt nicht interessiert? Wieso sagt Jesus, oder zumindest die Apostel an einer anderen Stelle, als Diskussion dieser Begebenheit, etwas darüber, dass die Zuhörer doch bitte mit all diesen Verheißungen nicht übertreiben sollen. Das man diesen Text schnell missbrauchen kann und dass man jetzt unbedingt hinzufügen muss, dass es vor allem darum geht, auszuhalten (und eben nicht um die Vertrauenswürdigkeit des Hirten). Im Übrigen, passiert das auf der anderen Seite …

Wenn es nach dem Willen des Wolfes geht, so ist das Lamm im Unrecht“

„Ein Wolf und Lämmlein kamen von ungefähr beide an einen Bach zu trinken. Der Wolf trank oben am Bach, das Lämmlein aber fern unten. Da der Wolf des Lämmleins gewahr ward, rief er zu ihm und sprach: Warum trübest du mir das Wasser, dass ich nicht trinken kann?“ Das Lämmlein antwortet: „Wie kann ich dir das Wasser trüben, trinkst du doch über mir und möchtest es mir wohl trüben?“ Der Wolf sprach: „Wie, fluchst du mir noch dazu?“ Das Lämmlein antwortet: „Ich fluche nicht.“ Der Wolf sprach: „Ja, dein Vater tat mir vor sechs Monden auch ein solch’s.“ Das Lämmlein antwortet: „Bin ich doch dazumal nicht geboren gewest, wie soll ich es meinem Vater entgelten?“ Der Wolf sprach: „So hast du mir aber meine Wiesen und Äcker abgenaget und verderbet.“ Das Lämmlein antwortet: „Wie ist das möglich, habe ich doch (noch) gar keine Zähne?“ „Ei“, sprach der Wolf, „und wenn du gleich viel ausreden und schwätzen kannst, will ich dennoch heute nicht ohne Fressen bleiben.“ Und würget also das unschuldige Lämmlein und fraß es Lehre: …

Benjamin Breckinridge Warfield

Als John MacArthur gefragt wurde, welche Bücher er auf eine einsame Insel mitnehmen würde, listet er als zweites ein Buch von Warfield auf: The Inspiration and Authority of the Bible. Wer sich auf der anderen Seite mit Warfield wohl bekanntestem Schüler, nämlich J.Gresham Machen beschäftigt, wird ebenfalls wissen, wie sehr sein Denken von Warfield gezehrt hat. Vergleiche hierfür z.B. die Kurzbiographie von Piper über Machen aus dem Jahre 1993 (J. Gresham Machen’s Response to Modernism). Somit war ein grundlegendes Interesse an den Schriften Warfields gegeben, doch bin ich an dem von MacArthur genannten Buch kläglich gescheitert. Es war mir einfach zu schwer. Deswegen war ich sehr dankbar für einen Guide, den ich in meiner Logos Bibliothek gefunden habe.   Nach einer kurzen Biographie, die an einen Wikipedia-Artikel erinnert, folgen Stationen des Lebens, Soziales Netzwerk (damit man weiß, mit wem sich Warfield auseinandergesetzt hat) und Einflüsse auf sein Denken (Wer hätte gedacht, dass niemand anderes als Franz Delitzsch Warfield ausgebildet hat). Im Übrigen: Über Frame und Van Til sind es gerade mal zwei Generationen um zurück zu Warfield …

Die Messias-Sehnsucht des Karl May

Was haben „der schöne Rhein“, Spanien, China, el Chaco, der Balkan, Mexiko und die Indianer-Reservate Nordamerikas gemeinsam? In all diesen Gegenden spielen die Abenteuer, die Karl May zu Papier brachte. Die meisten dieser Orte, mit Ausnahme „des schönen Rheins“ hat der Autor dabei entweder gar nicht, oder erst nach Veröffentlichung seiner Werke besucht. Vor einigen Monaten hatte ich die Möglichkeit gehabt, die 33Bde der Zürcher Ausgabe sehr günstig zu erwerben und konnte nicht widerstehen. Kindheitserinnerungen stiegen hoch. So wagte ich mich an drei Bände, die allesamt in Südamerika spielen: Das Vermächtnis des Inka, und der Doppelband: Am Rio de la Plata und In den Cordilleren (Viele der Karl May Bände lassen sich bei sternchenland.com kostenfrei als epub downloaden). In diesen Drei Bänden ist nicht mehr Old Schatterhand oder Kara ben Nemsi der Held, sondern ein gewisser Vater Jaguar, der aber dennoch sehr viel Ähnlichkeit mit den beiden erstgenannten besitzt (und zudem, welch Zufall, ebenfalls bürgerlich Karl heißt). Ich will an dieser Stelle weder den Einfallsreichtums Mays besprechen, der an zahlreichen Stellen an nahezu gleiche Texte …