Jahr: 2019

„Aber wenn es um Gottes Urteil ginge, habe jeder freilich eine Ausrede…“

„Cal­vin näm­lich äußer­te sehr hef­ti­ge Kri­tik an sei­ner Hörer­schaft. Er frag­te sich, ob sie wohl über­haupt zuhör­ten. Gewiss, in Genf wer­de das Evan­ge­li­um gepre­digt, „aber was hat man davon, wenn nie­mand was damit anfängt“(1)? Die Men­schen gin­gen ein­zig zur Kir­che, weil sie es so gewohnt sei­en. Es sei ein Ritu­al gewor­den, und daher  „kom­men sie so wie­der her­aus, wie sie hin­ein­ge­gan­gen sind“ (2). Cal­vin zufol­ge ging man mit den Pre­dig­ten um, als ob es Mär­chen wären (3). Daher sei­en die Men­schen auch unwis­send. Soll­te man bei­spiels­wei­se um Weih­nach­ten her­um fra­gen, „wisst ihr, was es bedeu­tet, dass Gott sich im Fleisch offen­bart hat, dann dürf­te man mit gro­ßer Mühe einen unter zehn fin­den, der zu wie­der­ho­len imstan­de ist, was er als klei­nes Kind bezüg­lich sei­nes Glau­bens gelernt hat“ (4). Sie sei­en gera­de wie die Tie­re, die gewohn­heits­mä­ßig zur Füt­te­rung lie­fen. „Denn sobald sie zum Abend­mahl, zur Tau­fe oder einer Hoch­zeit wegen zur Kir­che gehen, wis­sen sie eigent­lich nicht ein­mal, wor­um sie bit­ten müs­sen“ (5). Die Glo­cke läu­te jeden Tag, aber man reagie­re nicht dar­auf. Am Sonntag …

Mit Vern Sheridan Poythress im Gespräch

Ser­gej Pau­li (S.P.): Sehr geehr­ter Herr Prof. Vern S. Poy­th­ress. Sie besit­zen zahl­rei­che Abschlüs­se. Einen Dok­tor der Mathe­ma­tik und einen Magis­ter in Apo­lo­ge­tik. Zwi­schen­durch stu­dier­ten Sie auch Lin­gu­is­tik. Wel­ches Ihrer Fach­be­rei­che lie­ben Sie am meis­ten? Vern S. Poy­th­ress (V.S.P): Mein Bereich am West­mins­ter Theo­lo­gi­cal Semi­na­ry ist die For­schung des Neu­en Tes­ta­ments, da ich einen Dok­tor der Theo­lo­gie besit­ze. Das ist der Bereich, den ich am meis­ten lie­be. Doch ich mag auch die ande­ren Berei­che, die du nann­test. S.P.: Sie schrie­ben Bücher zu sehr unter­schied­li­chen The­men (Ange­fan­gen vom Dis­pen­sa­tio­na­lis­mus und Logik, bis hin zur Mathe­ma­tik und dem Buch der Offen­ba­rung). Gibt es einen roten Faden in Ihren Büchern? V.S.P.: Was in mei­nem Leben geschah, ent­wi­ckel­te sich Stück für Stück. Zunächst besaß ich kein bestimm­tes Ziel. Von Zeit zu Zeit spür­te ich, dass der Herr mir Ideen gab, die es wert waren, dass man sie zum Nut­zen ande­rer auf­schrieb. So schrieb ich das, was mir der Herr zum Schrei­ben gab. Doch wenn ich zurück­schaue, den­ke ich, dass der rote Faden der Bücher die Her­me­neu­tik, also das Prin­zip der …

„Gottes Wort wird ohne Anfechtung nicht gelernt“

In den letz­ten Wochen befie­len mich Anfech­tun­gen, die ich in die­ser Inten­si­tät schon vie­le Jah­re nicht erlebt habe. In C.S. Lewis‘ Dienst­an­wei­sung an den Unter­teu­fel wird der Unter­teu­fel letz­ten Endes für sein Ver­sa­gen vom Ober­teu­fel auf­ge­fres­sen. Das Bild eines Teu­fels, der einen samt Haut und Haar fres­sen will, schwebt mir häu­fig in mei­nen Anfech­tun­gen. Man ist mit einem Geg­ner kon­fron­tiert, der einem zu stark ist. Zum Glück dür­fen wir als Chris­ten zu dem EINEN ren­nen, der den Satan in die Flucht jagt. Ein Lehr­meis­ter der Anfech­tung, dürf­te Mar­tin Luther sein. Die Aus­wahl Kurt Alands, die ich als digi­ta­le Biblio­thek besit­ze, lie­fert mehr als 315 Such­ergeb­nis­se für die Begrif­fe Anfech­tung. In sei­ner Vor­re­de zum 1 Band der deut­schen Schrif­ten (1939), redet Luther über die „rech­te Wei­se, Theo­lo­gie zu stu­die­ren“. Man sol­le sich an Psalm 19 ori­en­tie­ren: Da wirst du drei Regeln drin fin­den, die den gan­zen Psalm hin­durch reich­lich vor­ge­tra­gen wer­den. Sie hei­ßen: Gebet, Medi­ta­ti­on, Anfech­tung. Dass man Got­tes Wort nicht ohne Anfech­tung ler­nen kann,  bezeug­te Luther regel­mä­ßig in sei­nen Tisch­re­den, so z.B. TR 15: Mei­ne Theo­lo­gie hab …

„Hinter ihm hergehen, das ist etwas schlechthin Inhaltloses“

Im ers­ten Kapi­tel sei­nes 1937 erschie­nen Wer­kes „Nach­fol­ge“ hält D. Bon­hoef­fer zum „Ruf in die Nach­fol­ge“ am Bei­spiel des Zöll­ners Levi fest: Der Ruf ergeht, und ohne jede wei­te­re Ver­mitt­lung folgt die gehor­sa­me Tat des Geru­fe­nen. Die Ant­wort des Jün­gers ist nicht ein gespro­che­nes Bekennt­nis des Glau­bens an Jesus, son­dern das gehor­sa­me Tun. Wie ist die­ses unmit­tel­ba­re Gegen­über von Ruf und Gehor­sam mög­lich? Es ist der natür­li­chen Ver­nunft über­aus anstö­ßig, sie muß sich bemü­hen, die­ses har­te Auf­ein­an­der zu tren­nen, es muß etwas dazwi­schen­tre­ten, es muß etwas erklärt wer­den. Es muß unter allen Umstän­den eine Ver­mitt­lung gefun­den wer­den, eine psy­cho­lo­gi­sche, eine his­to­ri­sche. Man stellt die törich­te Fra­ge, ob nicht der Zöll­ner Jesus schon vor­her gekannt habe und daher bereit gewe­sen sei, auf sei­nen Ruf hin zu fol­gen. Eben hier­über aber schweigt der Text hart­nä­ckig, es liegt ihm ja gera­de alles an dem gänz­lich unver­mit­tel­ten Gegen­über von Ruf und Tat. Psy­cho­lo­gi­sche Begrün­dun­gen für die from­men Ent­schei­dun­gen eines Men­schen inter­es­sie­ren ihn nicht. War­um nicht? Weil es nur eine ein­zi­ge gül­ti­ge Begrün­dung für die­ses Gegen­über von Ruf und Tat gibt: …

„Das Wort hat es alles gewirkt und ausgerichtet“

Sum­ma sum­ma­rum: pre­di­gen will ichs, sagen will ichs, schrei­ben will ichs. Aber zwin­gen, mit Gewalt drin­gen will ich nie­mand, denn der Glau­be will wil­lig, unge­nö­tigt ange­nom­men wer­den. Nehmt (Euch) ein Bei­spiel an mir. Ich bin dem Ablaß und allen Papis­ten ent­ge­gen gewe­sen, aber mit kei­ner Gewalt, ich habe allein Got­tes Wort getrie­ben, gepre­digt und geschrie­ben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschla­fen habe, wenn ich Wit­ten­ber­gisch Bier mit mei­nem Phil­ipp (Melan­chthon) und Ams­dorff getrun­ken habe, so viel getan, daß das Papst­tum so schwach gewor­den ist, daß ihm noch nie ein Fürst noch Kai­ser so viel Abbruch getan hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat es alles gewirkt und aus­ge­rich­tet. [Mar­tin Luther: Acht Ser­mo­ne gepre­digt zu Wit­ten­berg in der Fas­ten­zeit. Mar­tin Luther: Gesam­mel­te Wer­ke, S. 2474 (vgl. Luther‑W Bd. 4, S. 69) © Van­den­hoeck und Ruprecht http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm ]

Verteidigung der Trinität, der Wahrheit, des Denkens und der Tollheit

2019 war für mich durch das Lesen (und Hören) der Wer­ke von Carl R. Tru­e­man geprägt. Es ist ein neu­es Ereig­nis, sich aus­führ­li­cher mit ein und dem sel­ben Autor zu beschäf­ti­gen (viel­leicht müss­te man Mar­tin Luther aus­neh­men, in dem Fall mei­ne ich ein und den sel­ben zeit­ge­nös­si­schen Autor). Moti­viert haben mich die Autoren­pro­fi­le von Han­ni­el, mit dem Ziel, sich durch ein Gesamt­werk durch­zu­ar­bei­ten. Doch an das umfang­rei­che Werk von z.B. Car­son wag­te ich mich zunächst nicht. Somit ein Quick-Review über den Autor, Dozen­ten, Pas­tor, Pre­di­ger und Blog­ger Trueman:

„In der Gewissheit, dass unsere Sünden durch Sein Opfer vergeben sind, finden wir Ruhe und Heilssicherheit.“

Nach dem Tode Hein­rich VIII 1547 wur­de Edu­ard VI, als ein­zi­ger Sohn Hein­richs bereits mit 9 Jah­ren König von Eng­land und Irland. In die­sem Alter hat­te er natür­lich nur reprä­sen­ta­ti­ve Funk­tio­nen, die eigent­li­che Macht hat­te in den ers­ten 2,5 Jah­ren sei­ner Herr­schaft Edu­ard Sey­mor, Duke (in etwa Her­zog) of Somerset, in der Funk­ti­on eines Lord­pro­tec­tors mit erwei­ter­ten Befug­nis­sen. Die­se nutz­te er zur Freu­de der „Evan­ge­li­cals“ im Land, um die Refor­ma­ti­on inten­si­ver vor­an­zu­trei­ben. Kein Wun­der, dass den Duke auch ein Schrei­ben von Jean Cal­vin erreich­te, ver­fasst am 22. Okto­ber 1548.  Der Cal­­vin-Bio­­­graph Her­man J. Sel­der­huis hält fest: „Cal­vin war uner­schüt­ter­lich, opfer­be­reit und kom­pro­miss­los. Sei­ne Leh­re wies alle Merk­ma­le auf, die zur dama­li­gen Zeit erfolgs­ver­spre­chend waren: Sie war unkom­pli­ziert, biblisch begrün­det und klar for­mu­liert und des­halb allen Men­schen zugäng­lich. (…) Was Cal­vin im Jahr 1548 an den Her­zog von Somerset schrieb, war tat­säch­lich schon 1536 (Anm. von mir: In die­sem Jahr erschien die ers­te Auf­la­ge sei­ner berühm­ten Insti­tu­tio) sei­ne Leh­re gewe­sen und soll­te auch 1564 noch sei­ne Leh­re sein (Anm. von mir: Todes­jahr Cal­vins) (…) Zwar schrieb Calvin …

Tal der Liebe

Gün­ther wird mit gro­ßen kör­per­li­chen Pro­ble­men in der Zeit des ers­ten Welt­krie­ges gebo­ren. Das ist eine Zeit, in der man kaum Zeit und Muße für die Schwächs­ten der Gesell­schaft besitzt. Das Urteil der Mit­men­schen, auch derer, die ihm hel­fen soll­ten, steht somit fest: „Der taugt zu nichts“. Die Mut­ter ist mit ihm über­for­dert und der Vater hat für ihn kei­ne Zeit. Die Oma „küm­mert“ sich um sei­ne Betreu­ung. Aber sie schämt sich sei­ner der­art, dass sie ihn in ein Zim­mer sperrt. Somit kann Gün­ther auch mit 6 Jah­ren noch kei­nen Laut von sich geben. Man schreibt ihn, nicht nur als kör­per­li­chen Krüp­pel, ab.  Als es Oma zu viel wird, lan­det der Jun­ge in Bethel. Hier erfährt Gün­ther zum ers­ten Mal Zuwen­dung, die uner­war­tet und zügig Früch­te bringt. Bald schon stellt sich her­aus, dass er ‚im Kopf“ völ­lig gesund ist, ja gera­de zu über­eif­rig dabei ist, etwas Neu­es zu ler­nen. Zunächst im Heim für Geis­­tig-Behin­­der­­te unter­ge­bracht, hört Gün­ther zum ers­ten Mal das Evan­ge­li­um. Bodel­schwingh und sei­ne Mit­ar­bei­ter schä­men sich nicht der vie­len kör­per­lich und geis­tig Behin­der­ten und …

„Ich finde, du solltest nicht so viel Theologie lesen“

Was liest man, wenn man in West­eng­land unter­wegs ist? Nun ich emp­fand Lord Peter Death Bre­don Wim­sey als die rich­ti­ge Wahl. Doro­thy L. Say­ers  (vgl. auch zahl­rei­che Bei­trä­ge von hanniel.ch zu Say­ers Werk) aller ers­ter Roman „Der Tote in der Bade­wan­ne“ (auch „Ein Toter zu wenig“) hat mir beson­ders gut gefal­len. Say­ers lässt Detek­tiv Par­ker zur Ent­span­nung einen Kom­men­tar zum Gala­ter­brief lesen. Fan­tas­tisch! Tat­säch­lich hat Say­ers ihr christ­li­ches Bekennt­nis nie ver­schwie­gen, was man in ihrem Werk regel­mä­ßig sieht. Ihr Werk lebt von einer ehr­li­chen aber auch selbst iro­ni­schen Ana­ly­se Britta­ni­ens zwi­schen den  zwei Welt­krie­gen. Eini­ge Zita­te: Wim­sey hat offen­sicht­lich Geld­res­sour­cen ohne Ende für sein Hob­by, und einen Die­ner, der aber eher wie ein väter­li­cher Freund agiert: „„Hier bin ich, Mylord“, ant­wor­te­te Mr. Bun­ter mit respekt­vol­lem Tadel, „aber wenn Sie mir die Bemer­kung gestat­ten…““ Dass der bri­ti­sche Adel oft mehr Schein als Sein bot, ver­schweigt Say­ers nicht: „Die Unter­hal­tung schlepp­te sich müh­sam dahin, bis der Ehren­wer­te Fred­dy eine Grä­te im See­zun­gen­fi­let ent­deck­te und den Ober­kell­ner kom­men ließ, um sich ihr Vor­han­den­sein erklä­ren zu las­sen.“ So argumentiert …

Mit Lyndal Roper im Gespräch

Lyn­dal Roper ist eine aus­tra­li­sche His­to­ri­ke­rin, die in Groß­bri­tan­ni­en lehrt.  Ihr For­schungs­schwer­punkt ist die deut­sche Kultur‑, Reli­­­gi­ons- und Sozi­al­ge­schich­te der frü­hen Neu­zeit mit beson­de­rer Hin­sicht auf Geschlech­ter­rol­len, Kör­per­ge­schich­te, Sexua­li­tät und Hexen­ver­fol­gung. (aus Wiki­pe­dia). Ich las ihre Luther-Bio­­­gra­­phie und war sehr ange­tan von der Prä­zi­si­on und Tief­grün­dig­keit der Dar­stel­lung ange­tan. Somit war ich dank­bar für die Mög­lich­keit des Inter­views. Roper ver­öf­fent­lich­te 2017 eine tief­grün­di­ge Bio­gra­phie über die kom­ple­xe Per­sön­lich­keit Luthers: Mar­tin Luther — Rene­ga­de and Pro­phet (wört­lich: Abtrün­ni­ger und Pro­phet). Roper nahm sich Zeit um auf mei­ne Fra­gen ein­zu­ge­hen.    S.P.: Prof. Roper, vie­le Ihrer Bücher han­deln über Hexen und ihre Ver­fol­gung. Gibt es eine ech­te Ver­bin­dung zwi­schen Hexen und Luther? L.R.: Ich emp­fand es als sehr erfri­schend an Luther zu arbei­ten, nach dem ich nun so lan­ge so viel Zeit in Hexen und ihre Ver­fol­gung inves­tiert habe. Natür­lich glaub­te Luther dar­an, dass Hexen wirk­lich exis­tier­ten, jedoch besaß er kei­ne „Hexen-Jäger“- Men­ta­li­tät. Wenn er krank war und an Kopf­schmer­zen oder Ver­stop­fung litt, gab er nicht den Hexen die Schuld, son­dern dem Teu­fel. Tat­säch­lich bestand er dar­auf, dass die­se Atta­cken bewei­sen, dass er auf …