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Das andere Evangelium…

Ein Plädoyer für christliche Milde

Eines Tages, es waren mei­ne ers­ten Anläu­fe, durf­te ich in mei­ner Gemein­de das Ein­lei­tungs­wort spre­chen. Ich wähl­te den Text über die Hel­den Davids und habe dies so ange­wandt, dass wir als Chris­ten immer danach stre­ben soll­ten, Got­tes Hel­den zu sein. Wie gesagt, waren es damals die mit­tel­mä­ßi­gen Anfän­ge eines sowie­so mit­tel­mä­ßi­gen Pre­di­gers … Nach dem Got­tes­dienst wur­de ich von einem Bru­der ange­spro­chen (von dem ich auch bis heu­te gro­ße Stü­cke hal­te), der mir den Text aus Gala­ter 1,6 – 10 vor­hielt. Das Fazit war kurz gefasst fol­gen­des: Ich habe zu sehr die mensch­li­che Ver­ant­wor­tung betont und nicht das „Evan­ge­li­um“, somit hät­te ich ein fal­sches Evan­ge­li­um ver­kün­digt. Nun, ich habe damals nicht viel wider­spro­chen, habe aber die Ermah­nung damals auch nicht ganz genau ver­stan­den.

Eigent­lich geht es mir nicht um die Ermah­nung (mög­li­cher­wei­se war sie zu die­sem Zeit­punkt durch­aus ange­bracht, ich kann es jedoch so vie­le Jah­re dar­nach nicht mehr wirk­lich über­prü­fen). Es war damals nur das ers­te Mal, dass ich mit dem Vor­wurf kon­fron­tiert wur­de, dass mein Evan­ge­li­um nicht kor­rekt sei, ich ein über­aus schreck­li­cher Irr­leh­rer wäre, und kurz davor ste­he ver­flucht zu wer­den (Ver­glei­che Gala­ter 1,6 – 10). Manch­mal traf es auch nicht mich, son­dern ich habe nur mit­be­kom­men, wel­ches ver­kehr­te Evan­ge­li­um denn der ein oder ande­re Ver­kün­di­ger betrei­ben soll­te.

Der abso­lu­te Klas­si­ker unter Russ­land­deut­schen ist die­ser: Die­ser oder jener Bru­der pre­di­ge ein ver­kehr­tes, ja ein fal­sches Evan­ge­li­um, denn sei­ne Frau trägt kein Tuch, und über ihre Klei­der wol­le man erst gar nicht reden. Und wie­der wur­de die Bibel aus­ge­packt und natür­lich Gala­ter 1,6 – 10 vor­ge­le­sen (Nur ein Deja-Vu?). Das blan­ke Ent­set­zen steht den dann im Gesicht, wenn man dann ent­ge­gen wirft: Lie­ber Bru­der, nicht nur dass sei­ne Frau kein Tuch trägt, die haben ja auch einen Fern­se­her im Heim (Bis vor etwa fünf Jah­ren hat man noch hin­zu­ge­fügt „und sogar einen DSL-Anschluss“. Aber irgend­wie hat sich das Inter­net auch unter ganz erz­kon­ser­va­ti­ven Russ­land­deut­schen durch­ge­setzt, seit­dem ist DSL kei­ne fal­sches Evan­ge­li­um mehr.)

Neu­lich habe ich wie­der etwas Groß­ar­ti­ges gehört: Alle die nicht wirk­lich ver­ste­hen, dass das Heil nicht ver­lier­bar sei … der Bru­der hat wirk­lich die­se Begrif­fe ver­wen­det: „Das Heil ist nicht ver­lier­bar“. Dabei soll­te jeder „gut re(in)formierte“ Christ wis­sen, dass man dies übli­cher­wei­se als Aus­har­ren der Hei­li­gen oder die Bewah­rung der Gläu­bi­gen bezeich­net, um den unan­ge­neh­men Bei­klang zu ver­mei­den, wel­chen die Aus­sa­ge: „Das Heil ist nicht ver­lier­bar“ hat. Näm­lich, das Heil ist nicht ver­lier­bar, egal was du machst, und egal wie du lebst, dies stellt jedoch die Aus­füh­run­gen der Refor­ma­to­ren in ein fal­sches Licht …

Auf jeden Fall behaup­te­te er tat­säch­lich, alle die nicht akzep­tie­ren wol­len, dass das Heil nicht ver­lier­bar sei, sind in Wirk­lich­keit nicht wie­der­ge­bo­ren, denn sie pre­di­gen ein fal­sches Evan­ge­li­um (ich wuss­te gar nicht, dass in armi­nia­ni­schen Kir­chen sämt­li­che Geschwis­ter pre­di­gen). Die Bibel wur­de aus­ge­packt, und man wird es kaum für mög­lich hal­ten, Gala­ter 1,6 – 10 wur­de zitiert. Im Übri­gen hört man von „Armi­nia­nern“ all­zu häu­fig das­sel­be: Der und der sei eben ein Irr­leh­rer, da er an die „Leh­re von der Unver­lier­bar­keit des Heils“ glaubt. Die­ses ist, wie schon fest­ge­stellt, ein über­aus lächer­li­cher Aus­druck, der total vom Kern der Debat­te ablenkt.

Prin­zi­pi­ell ist das dahin­ter­lie­gen­de Anlie­gen klar:  Einer möch­te das Evan­ge­li­um vor zuviel Welt­för­mig­keit behü­ten, ein ande­rer möch­te die rei­ne Leh­re des Evan­ge­li­ums, also die Ortho­do­xie, schüt­zen.

Aber machen wir uns nichts vor, eigent­lich sind die­se Angrif­fe nur Pea­nuts. Ich habe schon zu hören bekom­men, dass man ein ande­res Evan­ge­li­um pre­digt, wenn man nicht an die Ent­rü­ckung der Chris­ten vor der Trüb­sal glau­be oder wenn man Fami­li­en­pla­nung prak­ti­ziert.  Es gibt tat­säch­lich einen Blog, der alle Über­set­zun­gen der Bibel, die nicht auf dem Tex­tus Recep­tus auf­bau­en, als ande­res Evan­ge­li­um bezeich­net. Die Über­set­zer sol­cher Bibeln sei­en von vorn­her­ein Irr­leh­rer und Bibel­fäl­scher. Jeder der die­se Bibeln nutzt, bege­he gera­de­zu Zau­be­rei. Somit wird dazu auf­ge­ru­fen, „Nestle-Aland“-Bibeln zu ver­bren­nen. Und natür­lich pre­digt auch jeder ein ande­res Evan­ge­li­um, der nicht an ein geo­zen­tri­sches Welt­bild glaubt. Ja, es ist genau das, wonach es sich anhört: Die Erde ist natür­lich der Mit­tel­punkt des Uni­ver­sums, sonst könn­te ja Josua nicht der Son­ne befeh­len, Sie sol­le still ste­hen …

Und Sonst? Vor eini­gen Jah­ren habe ich ein inter­es­san­tes Gespräch mit einem libe­ra­len Theo­lo­gen geführt. Man wird es nicht glau­ben, aber im Grun­de warf er den „fun­da­men­ta­lis­ti­schen“ Chris­ten vor, die­se pre­di­gen und leh­ren ein fal­sches Evan­ge­li­um, weil sie soviel Wert auf „Bibel­treue“ legen wür­den. Dabei wäre das, was von einem Chris­ten ver­langt wird, „Chris­tus­treue“. Nun stellt sich natür­lich die Fra­ge, wie man denn ohne die Schrift erfah­ren soll, was Chris­tus­treue ist, aber dies ist natür­lich ein ande­res The­ma … Im Übri­gen, man wird es kaum für mög­lich hal­ten, aber wie­der wur­de der Gala­ter­brief bemüht.

Was nicht umbringt, här­tet ab, wuss­te sogar schon Nietz­sche. Irgend­wann, nach der fünf­ten oder sechs­ten Keu­le, tut es nicht mehr so weh, aber natür­lich ist es alles ande­re als ange­nehm, zum Irr­leh­rer ernannt zu wer­den. Aber wel­cher treue Zeu­ge Chris­ti wur­de es nicht? Man den­ke an Pau­lus, an Luther, an Spur­ge­on … Somit hat es durch­aus etwas ehren­haf­tes,  zum „Irr­leh­rer“ erho­ben zu wer­den …

Viel­leicht ist uns auf­ge­fal­len, wo die Schwä­che die­ser Argu­men­ta­ti­on liegt? Die gan­ze Zeit wur­de näm­lich immer nur dar­über gere­det, was denn die Ande­ren (auch so ein über­aus unpas­sen­des Wort in der Dis­kus­si­on über ande­re Deno­mi­na­tio­nen in der Chris­ten­heit) so alles falsch machen. Wie ver­kehrt doch deren Ver­ständ­nis von Chris­tus sei. Sie sind halt welt­lich und gleich­gül­tig gegen­über der Wahr­heit des ech­ten Evan­ge­li­ums.  So wird viel über das ver­meint­lich fal­sche Evan­ge­li­um gespot­tet und gere­det, aber kaum einer kommt dazu, das ech­te und rech­te Evan­ge­li­um vor­zu­stel­len. Sel­ten kommt es so weit, dass man sagt, ja aber so soll­te ja das ech­te Evan­ge­li­um Chris­ti sein: Chris­tus im Zen­trum mit dem ech­ten Glau­ben als Mit­tel. Dabei soll­ten wir immer die Ehre Got­tes sehen usw. Pau­lus grenzt sei­ne Bot­schaft im Gala­ter­brief ganz deut­lich von den „Geset­zes­pre­di­gern“ ab, aber er ver­gisst auch nicht, immer wie­der ganz deut­lich das wah­re Evan­ge­li­um zu erklä­ren, z. B. in Gal.3,13:

Chris­tus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Geset­zes, da er ward ein Fluch für uns (denn es steht geschrie­ben: Ver­flucht ist jeder­mann, der am Holz hängt!)

In den letz­ten zwei Jah­ren habe ich noch wei­te­re Lek­tio­nen gelernt: Ers­tens dür­fen wir durch­aus Jak.3,1 berück­sich­ti­gen. Nicht jeder muss sich zum Leh­rer des Evan­ge­li­ums auf­spie­len. Auch birgt dies eine hohe Ver­ant­wor­tung. Wenn man mir wie­der mein fal­sches Evan­ge­li­um vor­hält, darf ich ant­wor­ten, dass ich gar nicht wuss­te, dass man mich für einen Leh­rer hält.  Auch ist Beschei­den­heit bei uns gefal­le­nen Krea­tu­ren durch­aus ein Muss. Unser Wis­sen ist und bleibt Stück­werk und unse­re Erkennt­nis unvoll­kom­men.

Schließ­lich habe ich fest­ge­stellt, dass gött­li­che Din­ge uns zur Anbe­tung und Nach­fol­ge anlei­ten soll­ten, und nicht dazu, dass wir uns gegen­sei­tig die Köp­fe ein­schla­gen. Wie Arthur Pink fest­stellt: Über gött­li­che Din­ge strei­tet man nicht. Nicht alles was ich erken­ne, muss ich auch gleich allen mei­nen Mit­men­schen wei­ter­brin­gen. Jedes Wort hat sei­ne rech­te Zeit und sei­nen rech­ten Zuhö­rer. Auch bin ich nicht für jeden ein­zel­nen Pre­di­ger und Chris­ten die­ser Welt ver­ant­wort­lich. Wenn irgend ein ame­ri­ka­ni­scher Pas­tor eine ande­re Mei­nung über Gemein­de­zucht hat als ich, dann hat er sie eben. Es heißt noch lan­ge nicht, dass ich ihm jetzt einen lan­gen Brief zu schrei­ben habe, in wel­chem ich erklä­re, dass sein Evan­ge­li­um total ver­kehrt, und falsch  ist, und er kurz davor ist ein anti­christ­li­ches Leben zu füh­ren, wenn er nicht das rech­te Evan­ge­li­um erkennt, so wie es ja bereits in Gal.1,6 – 10 usw. usf …

Ich möch­te nicht miss­ver­stan­den wer­den: Tole­ranz und Ver­ständ­nis kann zu weit gehen, wie jeder wohl zu genü­ge weiß. Hier den rech­ten Weg zu erken­nen, ist kein Kin­der­spiel und erfor­dert Weis­heit von oben. Gott möge die­se allen sei­nen treu­en Zeu­gen schen­ken. Über­le­gen wir uns ein­mal fol­gen­des: Was wäre, wenn wir für die „Falsch-Evan­ge­li­ka­len“ genau­so viel beten wür­den, wie wir sie kri­ti­sie­ren und ver­ur­tei­len?  Schlie­ßen möch­te ich mit einem Vers aus Röm,14,4:

Wer bist du, dass du einen frem­den Knecht rich­test? Er steht oder fällt sei­nem Herrn. Er mag aber wohl auf­ge­rich­tet wer­den; denn Gott kann ihn wohl auf­rich­ten.

5 Kommentare

  1. Viktor Fade sagt

    Hal­lo Ser­gej, war das dein Buch? Oder ein­fach ein Gedan­ke? Oder war­um die­se Aus­sa­ge?

  2. Sergej Pauli sagt

    Hal­lo Vik­tor, soweit ein Buch zu ver­fas­sen füh­le ich mich noch nicht, ich woll­te nur eini­ge Gedan­ken zu die­sem The­ma zusam­men­tra­gen. Ich hal­te die Aus­sa­ge für durch­aus wich­tig, da wir als Chris­ten ler­nen müs­sen, mit­ein­an­der aus­zu­kom­men

  3. vie­len Dank für den Arti­kel und dei­ne Gedan­ken! Lei­der trifft man die­se „du hast ein fal­sches Evangelium“-Einstellung immer wie­der, beson­ders in etli­chen „christ­li­chen“ Face­book­grup­pen. Das ist sehr scha­de…

  4. Ab wann wird denn von einem „fal­schen Evan­ge­li­um“ gespro­chen und wo haben wir es ein­fach mit einem Evan­ge­li­um zu tun, das noch nicht in sei­ner Fül­le und Herr­lich­keit erkannt wur­de? Wie kön­nen wir sagen, dass es ande­re nicht begrif­fen haben, wenn wir selbst nur Bruch­stü­cke des­sen fas­sen, was das Kreuz bedeu­tet?
    Ich hab den Ein­druck, dass vie­le Chris­ten dazu nei­gen, die eige­ne Bibe­lin­ter­pre­ta­ti­on der­art als Non­plus­ul­tra zu betrach­ten, dass sie durch­aus schlüs­si­ge Gedan­ken­gän­ge von ande­ren Bibel­le­sern als Unsinn abtun, bevor man sich auf­rich­tig mit der frem­den Mei­nung befasst hat. Es geht nicht in ers­ter Linie dar­um, ande­re Ide­en zu über­neh­men — son­dern viel mehr um das Über­den­ken der eige­nen ableh­nen­de Hal­tung, mit der wir (oder soll ich sagen „ich“?) „Anders­den­ken­de“ lei­der viel zu oft begegne(n).

  5. Sergej Pauli sagt

    Hal­lo, also ich per­sön­lich habe da eini­ge Hilfs­mit­tel. Zuerst, trös­tet mich immer wie­der: „Nicht alles was man tole­rie­ren muss, muss man auch akzep­tie­ren“. Dies hilft wirk­lich im Umgang mit ande­ren Deno­mi­na­tio­nen inner­halb der Chris­ten­heit. Da kann man näm­lich deut­lich sei­ne Posi­ti­on klar machen, ohne selbst angrei­fen zu müs­sen. HIlf­reich fand ich die Prak­ti­ken von Gro­ves (sie­he das Buch Von einem, der nach Got­tes Reich trach­te­te, auf S.45:) „Obgleich er selbst mit kei­ner Orga­ni­sa­ti­on ver­bun­den war, konn­te er es nicht ertra­gen, wenn christ­li­che Ein­rich­tun­gen ver­un­glimpft wur­den, denn er glaub­te, dass sie wich­ti­ge Zie­le ver­folg­ten und in vie­len Fäl­len wirk­lich von Gott aner­kannt waren. Wenn er gefragt wur­de, wes­halb er sich bis­wei­len Pre­dig­ten von gläu­bi­gen Pfar­rern der Staats­kir­che anhö­re, sag­te er oft, dass er es als höhe­re und wich­ti­ge­re Pflicht anse­he, einen wah­ren Die­ner Got­tes in dem Amt anzu­er­ken­nen, das Gott ihm zur Auf­er­bau­ung der Gläu­bi­gen zuge­teilt hat, als gegen die For­men zu reden, die er, wie all­seits bekannt war, per­sön­lich ver­las­sen hat­te.“

    Dabei war Gloves durch­aus kon­tro­vers in sei­nen Taten und Aus­füh­run­gen. Jedoch hat er sich immer bemüht sei­ne Posi­ti­on klar dar­zu­stel­len und nicht in ers­ter Linie die Feh­ler in den Dar­stel­lun­gen der ande­ren auf­zu­de­cken. Wenn ich über die Zeit der Erwe­ckung des 19ten Jahr­hun­derts lese, stau­ne ich wie die Chris­ten die­ser Zeit die­se Din­ge in wun­der­ba­rer Balan­ce dien­ten. Spur­ge­on konn­te J.C.Ryle von den Angli­ka­nern als einen Mann Got­tes bezeich­nen und den­noch vol­ler Mut die Glau­bens­tau­fe ver­tei­di­gen.
    Georg Mül­ler unter­stütz­te, als einer von der Brü­der­be­we­gung, inten­siv den angli­ka­ni­schen Mis­sio­nar H.Taylor, und das jah­re­lang und über vie­le theo­lo­gi­sche Dif­fe­ren­zen hin­weg. Den­noch muss­te Mül­ler kei­nen Tüt­tel von sei­nen Ansich­ten wei­chen oder eine Öku­me­ne grün­den müs­sen. Ein­fach nur wun­der­bar, wie die­se Zeit mit sol­chen Fra­gen umging. Da kön­nen wir viel ler­nen

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