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Buchbesprechung: The Reformers and Their Stepchildren

In den 60er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts spon­ser­te die ame­ri­ka­ni­sche Cal­vin Foun­da­ti­on eine Rei­he von Bei­trä­gen zum The­ma „Die Refor­ma­to­ren und ihre Stief­kin­der“ (The Refor­mers and Their Step­child­ren). Ziel dabei war die Aus­wer­tung der zahl­rei­chen Quel­len zur Bezie­hung zwi­schen den Refor­ma­to­ren und dem „lin­ken“ Flü­gel, den Radi­ka­len der Refor­ma­ti­on. Der Autor stellt sich klar auf die Sei­te des lin­ken Flü­gels. Ver­du­in bekennt (S. 276): In die­sem Band bekom­men die Radi­ka­len der Refor­ma­ti­on eine freund­li­che­re Behand­lung, als sie es ins­be­son­de­re in der refor­ma­to­ri­schen Tra­di­ti­on gewohnt sind. Es gibt zwei Grün­de für die­se sym­pa­thi­sie­ren­de Behand­lung: Einer davon ist, dass vie­le Posi­tio­nen der Stief­kin­der der Refor­ma­ti­on mit der Zeit in die refor­mier­te Bewe­gung auf­ge­nom­men wur­den. Zudem kann man sehr gut von ihnen reden, bis man eben­so eines Vor­be­halts schul­dig wird, wie die­se, die böse von ihnen spra­chen (eige­ne Zusam­men­fas­sung). Stief­kin­der der Refor­ma­ti­on, die­sen Titel gibt der Autor den „ket­ze­ri­schen“ und „schwär­me­ri­schen“ (hier sind die Anfüh­rungs­zei­chen bewusst gesetzt, da bei­de Begrif­fe denun­zie­rend ver­wen­det wur­den) Strö­mun­gen in der Refor­ma­ti­ons­zeit. Kin­der der Refor­ma­ti­on waren die­se inso­weit, dass sie mit den Prin­zi­pi­en und …

Das Problem mit dem Kanon…

Die Pro­blem­stel­lung ist ein­fach: Offen­sicht­lich schrieb der Bischof Atha­na­si­us 367 einen Oster­brief, in wel­chem er die 27 Bücher des NT defi­nier­te. Die Fra­gen lie­gen auf der Hand. War also fast 350 Jah­re Unklar­heit dar­über, wel­che Bücher inspi­riert waren und wel­che nicht? Konn­te, als die Kir­che bereits ver­staat­licht wur­de (313 wur­de Kon­stan­tin der Gro­ße Ober­haupt der Kir­che), meh­re­re aria­ni­sche Kai­ser geherrscht haben, und die Urkir­che am Abklin­gen war, fest­ge­stellt wer­den, wel­che Schrif­ten inspi­riert sind? Wer gibt dann Gewähr, dass Atha­na­si­us in die­sem Punkt recht hat­te. Selbst wenn man auf den Kon­zil von Nizäa ver­wei­sen möch­te, wird die Ange­le­gen­heit nicht bes­ser. Und im Ernst, schon der Titel „Bischof“ macht einen skep­tisch. Im Übri­gen nutzt die katho­li­sche Kir­che genau die­se The­se, um zu unter­mau­ern, dass kirch­li­che Auto­ri­tät und Schrift gemein­sam Hand in Hand gehen. Die Grö­ße­re Hand hat dabei natür­lich die Kir­che. Sie­he hier einen zuge­ge­be­ner­ma­ßen wir­ren Arti­kel der Pius­brü­der. Lan­ge blieb es für mich ein Rät­sel, wie man die­sen Kno­ten löst. Nicht das Zwei­fel an der Auto­ri­tät des Wor­tes auf­ka­men, aber ein selt­sa­mes Gefühl, sei­ne gan­ze Hoff­nung doch nicht …

Was die Reformatoren nicht zu Ende dachten

Die Fünf­­hun­­­dert-Jahr-Fei­er zur Refor­ma­ti­on habe ich per­sön­lich genutzt, um mich aus­führ­li­cher mit ver­schie­de­nen Posi­tio­nen Luthers und auch ande­rer Refor­ma­to­ren zu befas­sen. Luther ist in der Tat in vie­len Fra­gen als Pio­nier zu sehen, ande­rer­seits jedoch sind von ande­ren Streit­ge­nos­sen noch weni­ger Schrif­ten ver­füg­bar. Gene­rell will unse­re Zeit sich nicht all­zu viel von den Refor­ma­to­ren rein­re­den las­sen. Nun habe ich mich auch lan­ge genug vor einer inten­si­ven Befas­sung mit der Refor­ma­ti­on gescheut, da man tief in sei­nem Inne­ren eine Angst spürt, Ant­wor­ten zu hören, die einem nicht gefal­len könn­ten. Posi­tio­nen, die einem nicht gefal­len könn­ten, hat man ja an Luther genug, der (angeb­li­che) Anti­se­mi­tis­mus Luthers wur­de ja in den Medi­en pas­send zur Jahr­hun­d­er­fei­er oft genug erwähnt. Viel­leicht ist auch eine typisch frei­kirch­li­che Hal­tung in mir tief schlum­mernd, die gene­rell sich hütet, all­zu vie­len Fra­gen nach­zu­ge­hen. Eine Hal­tung übri­gens, die ich natür­lich immer ver­wer­fen wür­de, die aber doch im Stil­len mit­klingt, auch in Gesprä­chen mit ande­ren. Jedoch hal­te ich an einem fest, näm­lich dem, dass es kei­ne Fra­ge geben kann, die nicht in einen Bezug oder Zusammenhang …

Martin Luther: Von dem Papsttum zu Rom, wider den hochberühmten Romanisten zu Leipzig

Wie­der ein klei­ner erläu­tern­der Aus­schnitt aus einer Werks­ein­füh­rung von Pierre Büh­ler: „Die Bezeich­nung „Roma­nist“ meint hier (…) Röm­ling, Roman­hän­ger, Ver­fech­ter des römi­schen Papst­tum. Ein sol­cher war der Fran­zis­ka­ner­mönch Augus­tin Alfeld (…). Er schrieb im April 1520 eine latei­ni­sche Schrift gegen Luther, mit der Absicht, aus der Bibel zu bewei­sen, dass das Papst­tum zu Rom auf gött­li­chem Recht beru­he. Luther hielt sie nicht einer Erwi­de­rung wert und beauf­trag­te Loni­cer mit einer Ant­wort, die unge­fähr zeit­gleich mit einer wei­te­ren Erwi­de­rung, durch Bern­har­di, erschien. All­felds Schrift hat­te denn auch durch ihre Män­gel in den eige­nen Rei­hen Ent­set­zen gestiftet.

Tipp: Das Evangelium nach Rom

Vor­erst muss ich mich wohl für die lan­ge Aus­zeit ent­schul­di­gen. Tat­säch­lich habe ich auf­grund diver­ser per­sön­li­cher Pro­jek­te letz­tes Jahr kaum geschafft neben der Bibel wei­te­re Bücher zu lesen. Im Übri­gen ist manch­mal etwas Distanz zu den gan­zen Schrif­ten durch­aus heil­sam. Vor eini­gen Wochen hat­te ich einen mei­ner Freun­de zu Besuch, der ein über­zeug­ter Katho­lik ist und zudem auch in frü­her Kir­chen­ge­schich­te pro­mo­viert. Zwar nahm ich die­se Tat­sa­che immer als Grund um ihn dar­auf hin­zu­wei­sen, dass z. B. die Dida­che ganz klar von einer Erwach­se­nen­tau­fe spricht, aber ansons­ten habe ich bis­her von Maß­nah­men abge­se­hen auf die Feh­ler der katho­li­sche Kir­che hin­zu­wei­sen. Tat­säch­lich habe ich hier­in wohl zu viel Gleich­gül­tig­keit gehabt, gemäß dem Mot­to, seriö­se Katho­li­ken gäbe es ja eh kaum im Freun­des­kreis. Nun muss­te ich ein­ge­ste­hen, dass ich zu wenig über den Katho­li­zis­mus weiß, um einen über­zeug­ten Katho­li­ken auf Miss­stän­de in der Leh­re Roms hin­wei­sen zu können.

CD: Der Meister ist da und ruft dich

Im Gegen­satz zum Refor­ma­tor Mar­tin Luther sind Ver­öf­fent­li­chun­gen zu den Ver­tre­tern der Täu­fer­be­we­gung eher spär­lich gesät. Daher bin ich dem Ver­lag Hir­ten­stim­me dank­bar, der die vor­lie­gen­de Erzäh­lung über die prä­gen­de Gestalt Men­no Simons ver­öf­fent­licht hat. Als Bap­tist und somit kon­fes­si­ons­ver­wandt mit Men­no­ni­ten, inter­es­siert mich das Leben Men­no Simons mehr als ober­fläch­lich und so bestell­te ich die CD bald nach Erschei­nen. Eine Bekann­te war die ers­te Höre­rin und ich war etwas über­rascht über ihre Reak­ti­on. Sie hört ger­ne und vie­le Hör­bü­cher, been­de­te die­ses jedoch nach weni­gen Minu­ten und gab es mir zurück. Ich konn­te ihre Reak­ti­on nach­voll­zie­hen. Der Spre­cher Ger­hard Wölk – ein geschätz­ter Gemein­de­die­ner – hat einen star­ken rus­­sisch-plat­t­­deu­t­­schen Akzent, an den man sich gewöh­nen muss. Wenn man sich die Mühe macht, den Epi­log kon­zen­triert durch­zu­hö­ren, und die an eini­gen Stel­len etwas umständ­li­chen For­mu­lie­run­gen meis­tert, eig­net sich die­ses Hör­buch sehr schön, um eini­ge Epi­so­den aus dem Leben Men­no Simons und der Geschich­te der Täu­fer­be­we­gung zu erfah­ren. Simons wird nicht als unfehl­bar dar­ge­stellt, eine Beweih­räu­che­rung liegt dem Autor des Hör­buchs merk­lich fern. Sehr wohl­tu­end ist, dass es …

Gesichter und Geschichten der Reformation (Roland Werner und Johannes Nehlsen (Hrsg.))

Die­se Stel­lung­nah­me war wirk­lich nicht geplant. Zunächst freu­te ich mich über die­se „dicke“ Weih­nachts­ga­be Gesich­ter und Geschich­ten der Refor­ma­ti­on, Fon­tis – Brun­nen Basel. Die­ses umfang­rei­che Werk ent­hält der Anzahl der Tage eines Jah­res ent­spre­chend 366 Kurz­bio­gra­phien chro­no­lo­gisch zusam­men­ge­stellt, die unter dem obi­gen Titel sub­su­miert sind. Das Buch ist lese­freund­lich auf­ge­macht und täg­lich ver­mag man dem Umfang ca. einer Sei­te ent­spre­chend etwas über Män­ner und Frau­en sowie her­aus­ra­gen­de Per­sön­lich­kei­ten der Kir­chen­ge­schich­te zu erfah­ren. Das ist eine emp­feh­lens­wer­te Idee. Es sind vie­le Bei­trä­ge inspi­rie­rend und glau­bens­stär­kend. Es ist ermu­ti­gend, wenn man liest, wie unser gro­ßer Gott und Hei­land Jesus Chris­tus sich oft genug durch schwa­che Werk­zeu­ge ver­herr­licht hat. Doch je mehr ich hin­ein­schau­te und erken­nen muss­te, wer hier aller als Vor­bild und Bei­spiel por­trä­tiert wur­de, des­to frus­trier­ter, um nicht zu sagen ent­setz­ter, wur­de ich. Es fin­den sich in die­ser Zusam­men­stel­lung nicht nur die klas­si­schen Refor­ma­to­ren und so begna­de­te Mis­sio­na­re und geist­li­che Vor­bil­der wie Ado­ni­ram Jud­son, Hud­son Tay­lor, David Living­stone, Georg Mül­ler usw., son­dern auch Mys­ti­ker, Schwär­mer und Bibel­kri­ti­ker. So habe ich mir nun schwe­ren Her­zens vor­ge­nom­men, auf einige …

Buchbesprechung: Geschichte und Gott

Ich bin fest davon über­zeugt, dass zwar jeder­mann davon redet, wie wich­tig und hilf­reich soli­de Geschichts­kennt­nis­se sind, doch gleich­zei­tig sich kaum einer um sol­che bemüht. Das zeigt ein Blick auf das Ange­bot christ­li­cher Bücher zum The­ma Kir­chen­ge­schich­te. Betrach­tet man das The­ma Geschich­te all­ge­mein ist eine Deu­tung aus christ­li­cher Sicht noch sel­te­ner zu fin­den. Am ehes­ten fin­det man hier noch Mate­ri­al aus dem Mit­tel­al­ter (z. B. die Welt­chro­nik oder die Geschich­te der zwei Staa­ten von O. v. Frei­sing von 1146) oder von den Pie­tis­ten des vor­letz­ten Jahr­hun­derts. Nun wur­de die­se wich­ti­ge Lücke geschlos­sen und ein grund­le­gen­des Werk zur Inter­pre­ta­ti­on der Welt­ge­schich­te erschien vor eini­gen Wochen bei CV Dil­len­burg. Geschichts­dich­tung unter­liegt immer der Inter­pre­ta­ti­on durch den Betrach­ter. Dies bedeu­tet für den Chris­ten, dass ein For­schen in der Schrift und eine Grund­hal­tung des Ver­trau­ens gegen­über Gott ihm hel­fen kön­nen, die Gescheh­nis­se ver­gan­ge­ner Zei­ten bes­ser deu­ten zu können.

Tipp: Paläste und Katakomben

In einem Gebraucht­wa­ren­la­den bin ich auf zahl­rei­che hoch­wer­ti­ge Bücher gesto­ßen, dar­un­ter eine 21-bän­­di­­ge Rei­he zur Welt­ge­schich­te, zwar nicht voll­stän­dig erhal­ten, dafür umso güns­ti­ger. Die­sen Kauf soll­te ich nicht bereu­en. Zwar 1951 erschie­nen, zeich­nen sich die­se Wer­ke durch hohe Genau­ig­keit und zahl­rei­che Quell­tex­te aus. Ich griff zu dem Band, der die Zeit beschreibt, die mir am wenigs­ten bekannt zu sein scheint, was zumin­dest die Geschich­te Euro­pas angeht: Das Zeit­al­ter, das der Apos­to­li­schen Zeit folgt. Da es sich um ein säku­la­res Werk han­delt, wird vor allem das Leben, die Bil­dung, die Kunst und natür­lich vor allem die Herr­scher im römi­schen Reich erläu­tert. Dies geschieht in einer bild­li­chen und erzäh­len­den Spra­che. Somit müss­te man die­ses Werk als nicht mehr zeit­ge­mäß bezeich­nen, da zeit­ge­nös­si­sche His­to­ri­ker Geschich­te dyna­misch und als Objekt küh­ler und kri­ti­scher Inter­pre­ta­ti­on sehen. Mora­li­sche Schluss­fol­ge­run­gen blei­ben zweit­ran­gig (inter­es­san­ter­wei­se spielt die ethi­sche Anwen­dung der Geschich­te heut­zu­ta­ge nur beim The­ma „drit­tes Reich“ eine rele­van­te Rolle).

Von der Freiheit eines Christenmenschen

„Mache dich auf, Herr, und rich­te dei­ne Sache…!“ (Ps. 74), denn „der Wein­berg des Herrn wird von wil­den Säu­en zer­wühlt“ (Ps. 80). Mit die­sen Bibel­wor­ten beginnt die Bann­an­dro­hungs­bul­le gegen Mar­tin Luther. Dar­in wird allen katho­li­schen Chris­ten ver­bo­ten, Luthers Schrif­ten zu lesen, und Luther selbst wird dazu auf­ge­ru­fen, sei­ne ket­ze­ri­schen Wer­ke zu wider­ru­fen. Zu die­ser Zeit (1519) ist Luther noch immer dar­auf aus, kei­ne Spal­tung in der Kir­che zu erwir­ken und schreibt nach Auf­for­de­rung des päpst­li­chen Kam­mer­herrn von Mil­ti­tz einen Brief an Papst Leo X., den er noch als den „Aller­hei­ligs­ten Vater“ bezeich­net. In die­sem Brief erläu­tert Luther sei­ne Posi­ti­on, und legt dem Schrei­ben sei­ne Schrift „Von der Frei­heit eines Chris­ten­men­schen“ bei, die für Luther die gan­ze Sum­me eines christ­li­chen Lebens dar­stellt. Heu­te kön­nen wir sagen, dass Papst Leo X. sich etwas ent­ge­hen lies, als er dar­auf ver­zich­te­te, die bei­geleg­te Schrift näher zu betrachten.