Alle Artikel in: Allgemein

Unterm Rad von Hermann Hesse
Eine Erzählung über ein vernachlässigtes Thema

„Unterm Rad“, einer frü­hen Erzäh­lung von Her­mann Hes­se ist es zu ver­dan­ken, dass ich ein wenn auch gespal­te­ner Fan von Hes­se bin.  Die Novel­le han­delt von Hans Gie­ben­rath, einem begab­ten Jugend­li­chen, der an den Ansprü­chen der Päd­ago­gik an ihn schließ­lich end­gül­tig schei­tert. Natür­lich ist hier auch eine Abrech­nung Hes­ses mit der preu­ßi­schen Inter­nats­kul­tur zu fin­den. Doch die­se loka­le Inter­pre­ta­ti­on hat den glo­ba­len Gedan­ken,  dass es eine DER Urängs­te des Men­schen ist, unter die Räder zu kom­men: Ob nun die Räder der Umstän­de, oder der eige­nen Ansprü­che, die Gefahr einer voll­stän­di­gen Kata­stro­phe beglei­tet den Men­schen bereits bei den ers­ten (erfolg­rei­chen?) Schrit­ten einer schu­li­schen Lauf­bahn. Ich glau­be „Unterm Rad“ lie­fert eini­ge gute Ana­ly­sen dafür, dass z.B. auch wohl­wol­len­de Nächs­te, den schau­ri­gen, von Beginn vor­han­de­nen Pro­zess des Unter­ge­hens nicht wahr­neh­men kön­nen: Hans, als ein­zi­ger aus sei­ner Stadt, erreicht die Teil­nah­me an einem Lan­des­examen in Stutt­gart. Ent­spre­chend bekommt er zwar einer­seits Extra­un­ter­richt, aber auch Angel­ver­bot und eine Ein­schrän­kung des Umgangs mit sei­nen Freun­den. Jeder blick­te auf eine zukünf­ti­ge herr­li­che Kar­rie­re von Hans, aber nicht auf die ver­küm­mern­de See­le des …

Der jüdisch-amerikanische Radio-Moderator Dennis Prager über Evangelikale
Das Leseverhalten der Evangelikalen aus jüdischer Sicht

Den­nis Pra­ger ist in Ame­ri­ka schon jahr­zehn­te­lang als kon­ser­va­ti­ver und unge­wöhn­li­cher Radio­mo­de­ra­tor bekannt. Sei­ne Ana­ly­se des Lese­ver­hal­tens evan­ge­li­ka­ler Chris­ten dürf­te glo­bal ins Schwar­ze tref­fen. Ent­deckt, via Moner­gism: „Eine Sache, die mir bei Evan­ge­li­ka­len auf­ge­fal­len ist, ist, dass sie nicht lesen. Sie lesen die Bibel nicht, sie lesen die gro­ßen christ­li­chen Den­ker nicht, sie haben noch nie von Aquin gehört. Wenn sie Pres­by­te­ria­ner sind, haben sie noch nie die Begrün­der des Pres­by­te­ria­nis­mus gele­sen. Das kann ich nicht ver­ste­hen. Als Jude ist das für mich ver­wir­rend. Das Gebot des Stu­di­ums ist im Juden­tum so tief ver­wur­zelt, dass wir uns in das Stu­di­um ver­tie­fen. Gott hat uns ein Gehirn gege­ben, sol­len wir es nicht in sei­nem Dienst ein­set­zen? Wenn ich das Haus eines evan­ge­li­ka­len Chris­ten betre­te und ins­ge­samt 30 Bücher sehe, die meis­ten davon Best­sel­ler, ver­ste­he ich das nicht. Ich habe Bücher­re­ga­le mit christ­li­chen Büchern, und ich bin Jude. War­um habe ich mehr christ­li­che Bücher als 98 % der Chris­ten in Ame­ri­ka? Das ist so selt­sam für mich.“ O‑Ton:

Thomas Watson über die Glaubensgewissheit
Eine Studie zu „A Body of Divinity“

Lese­zeit: 16 Minu­ten In sei­ner “A Body of Divini­ty” (auf Deutsch als “Dar­le­gung der christ­li­chen Leh­re und ihre Anwen­dung” ver­öf­fent­licht) führt Tho­mas Wat­son in Teil V, Kap.6 (S.250 – 260) sei­ne Über­le­gun­gen über die Gewiss­heit der Lie­be Got­tes aus. Damit bespricht er einen Aspekt der 36ten Fra­ge des kür­ze­ren West­mins­ter Kate­chis­mus, die “Wohl­ta­ten, die in die­sem Leben Recht­fer­ti­gung, Sohn­schaft und Hei­li­gung beglei­ten”, der von der Zusi­che­rung von Got­tes Lie­be spricht. Im deutsch­spra­chi­gen Gebrauch wird Assuran­ce (of Faith) häu­fig als Heils­ge­wiss­heit wie­der­ge­ge­ben. Da aber die Gewiss­heit des Heils nicht ande­rer Art als der christ­li­che Glau­be sein kann und auch nicht unab­hän­gig eines evan­ge­li­schen Glau­bens exis­tie­ren kann, wür­de ich per­sön­lich den Begriff der Glau­bens­ge­wiss­heit bevor­zu­gen. In man­chen Fäl­len könn­te man auch von der Gewiss­heit der Erret­tung spre­chen. Wert­voll ist der Hin­weis, dass es hier um die Gewiss­heit geht, dass Got­tes Lie­be mir gilt. Es ist die Fra­ge, die Luthers Suche nach einem gnä­di­gen Gott antreibt und auf die­se Wei­se auch ein Rei­bungs­punkt mit der katho­li­schen Kir­che. Schließ­lich hielt der Chef­ver­tei­di­ger des Katho­li­zis­mus Kar­di­nal Bel­l­ar­mi­no ein­mal fest: “Die zen­tra­le Häresie …

Als der Apostel Johannes zweimal eine Dummheit beging…

Offen­ba­rung 22,8 – 9: „Und ich, Johan­nes, bin es, der dies gehört und gese­hen hat. Und als ich’s gehört und gese­hen hat­te, fiel ich nie­der, um anzu­be­ten zu den Füßen des Engels, der mir dies zeig­te. Und er spricht zu mir: Tu es nicht! Ich bin dein Mit­knecht und der Mit­knecht dei­ner Brü­der, der Pro­phe­ten, und derer, die bewah­ren die Wor­te die­ses Buches. Bete Gott an!“ Die­se Stel­le fas­zi­niert mich in der Offen­ba­rung in beson­de­rer Wei­se. Zunächst ein­mal ist hier die Trans­pa­renz des Johan­nes nicht hoch genug zu schät­zen. Bei sei­nen Offen­ba­run­gen, die alle ande­ren Apos­tel über­bie­ten, stei­gen ihm die­se nicht zu Kopf: Nein er berich­tet nach den größ­ten Visio­nen der Neu­schöp­fung Got­tes auch über sein Ver­sa­gen. Er hat Gott auf den Thron erblickt, dem Lamm Got­tes, dem Löwen aus Zion zuge­schaut, die Gerich­te Got­tes gese­hen und ist doch noch anfäl­lig für Göt­zen­dienst. In einer ande­ren Wei­se zeigt es auch, wie anfäl­lig wir für Göt­zen­dienst sind. Dann fällt auf, dass ihm das gan­ze zwei Mal pas­siert. In Offb. 19,10 ist ihm das schon ein­mal pas­siert, dass ein Engel ihn …

Ein Loblied auf den Jakobusbrief
Die Bibel lesen.

Fast jeder mei­ner Logos-Kom­­men­­ta­­re zum Jako­­bus-Brief nimmt Bezug auf Luthers Gering­schät­zung des Jako­bus­brie­fes. Luther mach­te wenig Hehl dar­aus, dass er nicht viel für die­sen Brief übrig hat­te. Aber lasst ihn dahin fah­ren! Ich will lie­ber Luthers Werk ver­ges­sen und von allen Luthe­ra­nern getrennt sein, als nicht den Jako­bus­brief zu besit­zen. In mei­ner christ­li­chen Bub­ble hat man den Jako­bus­brief immer wert­ge­schätzt. Ein kost­ba­res Erbe mei­ner Kind­heit und russ­land­deut­schen Prä­gung ist es, dass ich sogar ange­hal­ten wur­de, die­sen Brief aus­wen­dig zu ler­nen. Ein loh­nens­wer­ter Invest für gera­de mal 108 Ver­se. Im fol­gen­den möch­te ich skiz­zen­haft davon berich­ten, was ich am Jako­bus­brief wert­schät­ze und auf ein paar Ein­wän­de ein­ge­hen, die uns ggf. vom Lesen und Umset­zen des Jako­bus­brie­fes abhal­ten könn­ten. Seel­sor­ger­li­che Qua­li­tät Der Brief ist kurz, sehr prak­tisch und von uner­war­te­ter seel­sor­ger­li­cher Qua­li­tät. Immer wie­der fal­len mir neue Per­len auf. Eine Aus­wahl. Ver­su­chun­gen als Grund zur Freu­de: Jako­bus ist furcht­bar rea­lis­tisch. Ver­su­chun­gen sind nicht der Aus­nah­me­zu­stand, son­dern die Norm. Ja, Ver­su­chun­gen und Freu­de kön­nen Hand in Hand gehen: „Mei­ne Brü­der und Schwes­tern, erach­tet es für lau­ter Freu­de, wenn ihr …

Created in God’s Image
Eine Anthropologie von Anthony Hoekema

„Was ist der Mensch?“, auch wenn man in reli­giö­sen Wer­ken vor­nehm­lich Bücher sucht, die der Fra­ge nach­ge­hen, „Was Gott sei“, lässt sich nicht die Bedeu­tung der Leh­re­vom Men­schen leug­nen. Wie wir die­se Fra­ge beant­wor­ten, wird weit­rei­chen­den Ein­flüs­se auf unser Den­ken und Leben haben. Antho­ny A.Hoekema (1913−1988), lang­jäh­ri­ger Dozent für sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie am Cal­vin Cole­ge hat in den spä­ten 80ern mit „Crea­ted in God’s Image“ (z.B. für 19,99$ bei logos erhält­lich) ein über­ra­schend leicht zugäng­li­ches Werk zu die­sem The­ma The­ma geschrie­ben. Das der Mensch als bzw. zum Bil­de Got­tes geschaf­fen ist, ist zen­tra­ler Aus­gangs­punkt für Hoe­ke­mas Über­le­gun­gen. Zunächst arbei­tet er hin­aus, was es bedeu­tet, dass der Mensch eine „geschaf­fe­ne Person/Persönlichkeit“ ist:  „Der Mensch ist aber nicht nur ein Geschöpf, er ist auch eine Per­son. Und eine Per­son zu sein bedeu­tet, eine Art von Unab­hän­gig­keit zu haben — nicht abso­lut, son­dern rela­tiv. Eine Per­son zu sein bedeu­tet, in der Lage zu sein, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, Zie­le zu set­zen und sich in Rich­tung die­ser Zie­le zu bewe­gen. Es bedeu­tet, Frei­heit zu besit­zen — zumin­dest in dem Sin­ne, dass man in der Lage ist, …

Er hätte sagen sollen: ‹Siehst du jenes Kreuz? Dahin eile so schnell wie möglich!›
Aus „Bilder aus der Pilgerreise“

„Ich füh­le mich stets geneigt, Evan­ge­list für das Miss­be­ha­gen, das der arme Christ im Sump­fe­der Ver­zagt­heit lei­den muss­te, zu tadeln. So sehr ich John Bun­y­an auch schät­ze, hal­te ich ihn­doch nicht für unfehl­bar, und jüngst hör­te ich eine Geschich­te über ihn, die ich für eine sehr gute hal­te:Da war in Edin­burg ein jun­ger Mann, der ger­ne Mis­sio­nar wer­den woll­te. Er war ein ver­stän­di­ger jun­ger Mann, daher über­leg­te er: «Wenn ich Mis­sio­nar wer­den will, ist es gar nicht nötig, dass man mich weit von hier fort­sen­de; ich kann ja in Edin­burg eben­so gut Mis­sio­nar sein.» Hier ist ein Wink für sol­che Schwes­tern, die in ihren Bezir­ken Trak­ta­te ver­brei­ten, aber ihrem eige­nen Dienst­mäd­chen kei­nen geben. Nun, die­ser jun­ge Mann woll­te sogleich mit dem Mis­sio­nie­ren begin­nen und mit der ers­ten Per­son spre­chen, die ihm begeg­ne­te. Die­se war eine alte Fisch-hän­d­­le­­rin. Wer die­se Art ein­mal ken­nen gelernt hat, ver­gisst sie sobald nicht wie­der; es sind ganz außer­or­dent­li­che Frau­en. Er trat auf sie zu und sag­te: «Lie­be Frau, Sie haben da eine gro­ße Last auf Ihrem Rücken zu tra­gen; ich …

Das bleibende Erbe des (frühen) Thomas Schirrmacher
Der Wert von „Ethik“ und „Der Römerbrief“

Es gibt so vie­le Grün­de, um sowohl über die mehr­bän­di­ge Ethik wie den zwei­bän­di­gen Römer­­brief-Kom­­men­­tar von Tho­mas Schirr­ma­cher begeis­tert zu sein.  Zunächst wäre zu bemer­ken, dass Schirr­ma­cher ein­fach das Wort Got­tes reden lässt. Es kommt regel­mä­ßig vor, dass die Wer­ke durch Sei­ten­wei­sen Auf­lis­ten von Bibel­ver­sen zu bestimm­ten The­men durch­zo­gen sind. So wer­den alle Ver­se des Neu­en Tes­ta­ments auf­ge­lis­tet, die das Wort syn­ei­de­sis („Mit­wis­ser, Gewis­sen“) auf­füh­ren. Es gelingt Schirr­ma­cher dabei immer, die The­men zu tref­fen, die debat­tiert wer­den, und so sei­ne eige­ne Posi­ti­on zu ver­tei­di­gen. In die­sem Fall z.B. dar­um, um dar­zu­stel­len, dass „das Gewis­sen jedoch nicht auto­nom, son­dern „the­o­nom, nicht dem eige­nen, son­dern dem gött­li­chen Gesetz unter­stellt (ist)“ (Ethik, 2.32).  Oder man ver­glei­che die sei­ten­wei­se auf­ge­lis­te­ten Bibel­ver­se, die zum The­ma Prä­de­sti­na­ti­on und Ver­ant­wor­tung zusam­men­ge­tra­gen wer­den (frei zugäng­lich hier). Ich glau­be, das kann einem manch­mal kin­disch, viel­leicht auch töricht vor­kom­men, so als ken­nen wir Got­tes Wort nicht. Aber wer sich wirk­lich auf Got­tes Wort ein­lässt, und es spre­chen lässt, wird immer bemer­ken, wie es nicht frucht­los blei­ben wird. Vor allem bei sei­ner Ethik wird zudem die muti­ge Verteidigung …

Es ehrt Gott, wenn wir ausschließlich auf seine Verherrlichung ausgerichtet sind

Auf die Fra­ge „auf wie vie­le Wei­sen man Gott ver­herr­li­chen kann“, hat Tho­mas Wat­son vie­le Ant­wor­ten. Eine ist, dass wir Gott dann ver­herr­li­chen wenn wir uns auf sei­ne Ehre hin aus­rich­ten. Klingt fast tri­vi­al, nicht? Doch hören wir auf Wat­son: Wir sind auf Got­tes Ver­herr­li­chung aus­ge­rich­tet… „(1.) Wenn wir Got­tes Ehre über alle ande­ren Din­ge stel­len; über Anse­hen, Besitz oder Bezie­hun­gen; wenn die Ehre Got­tes mit die­sen kon­kur­riert — dann müs­sen wir sei­ne Ehre die­sen vor­zie­hen. Wenn Bezie­hun­gen auf unse­rem Weg zum Him­mel lie­gen, müs­sen wir ent­we­der über sie hin­weg­ge­hen oder sie zer­stö­ren. „Jeder, der sei­nen Vater oder sei­ne Mut­ter mehr liebt als mich, ist mei­ner nicht wert ; wer sei­nen Sohn oder sei­ne Toch­ter mehr liebt als mich, der ist mei­ner nicht wert!“ Mt.10,37. Ein Kind muss ver­ges­sen, dass es ein Kind ist; es muss weder Vater noch Mut­ter ken­nen um der Sache Got­tes wil­len. „Der von sei­nem Vater und von sei­ner Mut­ter spricht: »Ich sehe ihn nicht«, und von sei­nem Bru­der: »Ich ken­ne ihn nicht«“ (5. Mo 33,9). Das bedeu­tet also, auf Got­tes Ehre aus­ge­rich­tet zu sein. …