Gedichte/Lyrik, Zeitgeschehen/Apologetik
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Brief an einen Dauerzocker

Lie­ber Zocker

Viel­leicht wird dich die­ser Brief ärgern. Das wün­sche ich mir eigent­lich. Weil mir Unwil­le und Wider­stand lie­ber sind als pas­si­ves Hin­neh­men. Pas­si­vi­tät deu­tet näm­lich auf Ent­täu­schung hin. Könn­te es sein, dass du zu einem bestimm­ten Zeit­punkt resi­gniert hast? Für Jungs ist die Schu­le ein Ort für sol­che Ent­täu­schun­gen. Sie ist öde. Die Inhal­te gefal­len nur Mäd­chen, die brav Voka­beln büf­feln.

Dabei hät­test du es wahr­schein­lich faust­dick hin­ter den Ohren, ich mei­ne damit (auch) im Kopf. Nur ist dein Kopf nicht glei­cher­mas­sen trai­niert wie dei­ne Fin­ger. Ich fra­ge mich, was wohl gesche­hen wür­de, wenn du kon­se­quent dein Hirn trai­nie­ren wür­dest! Zuge­ge­ben, das braucht eini­ge Jähr­chen. Doch jetzt sitzt du die bes­te Zeit dei­nes Lebens ab, als ob es nichts Span­nen­de­res geben wür­de als auf eine klei­ne Glas­ta­fel zu gucken (oder auf das Tablet bzw. den PC). Und ich befürch­te, dass es tat­säch­lich nichts Span­nen­de­res gibt. Sonst wür­dest du es nicht stän­dig tun.

Ein geschei­ter Mann hat gesagt: Wer ein Wozu hat, erträgt fast jedes Wie. Und ich füge hin­zu: Wer kein Wozu hat, tes­tet fast jedes Wie aus. Die Sti­mu­la­ti­on des Hirns durch das Zocken ist nicht zu ver­ach­ten. Die Aus­schüt­tun­gen sind beträcht­lich. Nur muss der Stoff – wie beim Süch­ti­gen – immer höher dosiert wer­den. Online-Spie­le sind Betäu­bung und Ablen­kung. Die Kräf­te, Ide­en und Erwar­tun­gen wer­den umge­lenkt.

Steil vor­ge­legt: Ein erfüll­tes Leben und (über­mäs­si­ges) Zocken schlies­sen sich gegen­sei­tig aus. Du suchst das, was alle Men­schen suchen. Glück. Aber du suchst es am fal­schen Ort (im vir­tu­el­len Raum) und in einer fal­schen Form (unmit­tel­ba­rer Kick-back in Form von posi­ti­ven Gefüh­len). Ich ver­mu­te, dass du es dir nicht ein­ge­ste­hen willst, dass du suchst. Ich den­ke mir auch, dass du es gar nicht wis­sen willst. Also begibst du dich lie­ber in frei­wil­li­ge Gefan­gen­schaft: Am sel­ben Ort, allei­ne (phy­sisch, mei­ne ich), gedank­lich absor­biert, kör­per­lich immer in der­sel­ben (oft ver­krampf­ten) Kör­per­hal­tung.

Wei­ter­le­sen auf www.hanniel.ch

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