Allgemein, Biblische Lehre
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„Alle hoffen, dass der Teufel jenseits des Meeres ist und wir Gott in der Tasche haben“

Martin Luthers "Wider die Antinomer"

Book as Artifact, Artifact as Book: Part Four • Southwestern UniversityEigent­lich ist es eine logi­sche Schluss­fol­ge­rung von Luthers rigo­ro­ser Ver­tei­di­gung von sola fide und sola gra­tia, dass man den Sinn des Geset­zes völ­lig in Fra­ge stellt. So tat es auf jeden Fall auch Johan­nes Agri­co­la, ein luthe­ri­scher Theo­lo­ge, auf den Luther so vie­le Hoff­nun­gen setz­te, dass er ihn in sei­nem Heim in Wit­ten­berg ließ, und sich von ihm selbst für Pre­dig­ten und Vor­le­sun­gen ver­tre­ten ließ. Agri­co­la war nun der Ansicht, dass die Pre­digt des Geset­zes für Chris­ten unnö­tig ist, da man nun im neu­en Bund, näm­lich im Bund der Gna­de lebt. Ent­spre­chend gehö­ren das Gesetz Got­tes bzw. die Zehn Gebo­te aus der Kir­che (…) ver­sto­ßen und in das Rat­haus (…)ver­wie­sen;“

Wie aber soll­te die Pre­digt des Evan­ge­li­ums ohne Gesetz mög­lich sein? „Lie­ber Gott, kann man es denn nicht ertra­gen, dass die hei­li­ge Kir­che sich als Sün­de­rin erkennt, die an die Ver­ge­bung der Sün­den glaubt und dazu im Vater­un­ser um die Ver­ge­bung der Sün­den bit­tet? Woher weiß man aber, was Sün­de ist, wenn es das Gesetz und das Gewis­sen nicht gibt? Und woher will man ler­nen, was Chris­tus ist, was er getan hat für  uns, wenn wir nicht wis­sen sol­len, was das Gesetz ist, das er für uns erfüllt hat, oder was Sün­de ist, für die er an unse­rer Stel­le genug­ge­tan hat?“ Agri­co­las Vor­schlag das Evan­ge­li­um nur aus dem Trost der Tat Chris­ti zu pre­di­gen, lehnt Luther ent­schie­den ab.

Luther lis­tet auf, wie wich­tig das Gesetz für ein pro­tes­tan­ti­sches Pro­gramm der Bil­dung und Erzie­hung eines Chris­ten wich­tig ist, auch ver­wur­zelt im luthe­ri­schen Bekennt­nis: „Und es wun­dert mich sehr, wie man mir unter­stel­len kann, dass ich das Gesetz bzw. die Zehn Gebo­te ver­wer­fen woll­te, wo es doch von mir so vie­le Aus­le­gun­gen der Zehn Gebo­te und nicht nur eine gibt, die man in unse­ren Kir­chen auch täg­lich pre­digt und lehrt, ganz zu schwei­gen von der Con­fes­sio Augusta­na und der Apo­lo­gie und unse­ren ande­ren Büchern.“

Luther hält in sei­ner Schrift vehe­ment fest, dass er sowohl Gna­de, wie das Gesetz erhal­ten neben­ein­an­der und zusam­men erhal­ten möch­te:

Für Luther geht es dabei nicht um Details. Eine Ableh­nung des Geset­zes wäre Grund genug für ein Schis­ma: „Selbst wenn ich unter­stel­le, dass ich gelehrt oder gesagt hät­te, man soll­te das Gesetz nicht in der Kir­che leh­ren – obwohl doch alle mei­ne Schrif­ten es anders zei­gen und ich von Anfang an immer den Kate­chis­mus behan­delt habe –, soll­te man mir dar­um so stur anhän­gen? Oder soll­te man nicht mir selbst wider­spre­chen – da ich doch alle Zeit sehr anders gelehrt habe – und von mir selbst abfal­len, wie ich es mit der Leh­re des Paps­tes getan habe?“

Luthers Schrift, die als öffent­li­cher Brief ver­fasst wur­de ist ein not­wen­di­ger Lücken­schluss: Wäh­rend im Mit­tel­al­ter Gesetz und Gna­de ver­mischt wur­den, wol­len die Anti­no­mer die­ses soweit tren­nen, dass das Gesetz kei­ne Bedeu­tung mehr haben soll­te. Für unse­re Zeit, in der ein beacht­li­cher Teil des Alten Tes­ta­ments durch das Prä­di­kat „das gehört zum alten Bund“ stumm­ge­schal­tet wird und eine Beschäf­ti­gung mit den zehn Gebo­ten im bes­ten Fall als alter­tüm­li­ches Kli­schee taugt, eine not­wen­di­ge Schrift. Im Übri­gen muss man sich aber beden­ken, dass weder Luther noch offen­sicht­lich Agri­co­la sich einen Gedan­ken vor­stel­len könn­ten, der heu­te so weit ver­brei­tet ist, dass selbst das Evan­ge­li­um eigent­lich nichts mehr nur für den Chris­ten, son­dern etwas für den ist, der es nötig hat sich zu bekeh­ren. Viel­leicht anders aus­ge­drückt: Gera­de der Christ hat Buße nötig ist Luthers Bot­schaft. Es ist eine Her­aus­for­de­rung bei­des, Gesetz und Evan­ge­li­um im Blick und vor allem in Waa­ge zu hal­ten.

„Nun hät­te ich wohl ver­ges­sen kön­nen, was ich dabei an Schmerz emp­fun­den habe, wenn ich in der Hoff­nung hät­te Ruhe fin­den kön­nen, dass ich mit einer sol­chen Dis­pu­ta­ti­on hin­rei­chend Stel­lung bezo­gen und gewarnt habe.“ — schreibt Luther und es wird deut­lich, dass Luther die­sen Kon­flikt sehr per­sön­lich nimmt (z.B.:„Und doch haben sie all dies hin­ter mei­nem Rücken, ohne mein Wis­sen und gegen mei­nen Wil­len vor­ge­gau­kelt“).

So weicht er auch im zwei­ten Teil sei­nes Brie­fes zuneh­mend auf ande­re The­men über, der zwar die Qua­li­tät die­ser Schrift im Bezug auf das The­ma min­dert, dadurch aber vor allem rück­bli­ckend inter­es­san­te Ein­bli­cke in Luthers Ver­ständ­nis zu unter­schied­li­chen The­men, z.B. fin­det sich die­se unge­wöhn­lich viel­schich­te Bewer­tung sei­ner Zeit und sei­nes Werks: „Ich woll­te, dass ich mit mei­nen Büchern nicht gekom­men wäre, ich wür­de mich auch nicht dar­um küm­mern, wür­de es ertra­gen, wenn sie alle schon ver­ges­sen wären und die Schrif­ten die­ser hohen Geis­ter in allen Buch­lä­den zum Ver­kauf stün­den, wie sie das gern woll­ten, damit sie ja genug von der so erstre­bens­wer­ten Ehre abbe­kom­men. Aber ich darf mich auch nicht für höher hal­ten als unse­ren lie­ben Haus­herrn Jesus Chris­tus, der auch immer wie­der klagt: Umsonst habe ich gear­bei­tet, und mei­ne Mühe ist ver­lo­ren. Aber der Teu­fel ist Herr der Welt. Ich hät­te selbst nie glau­ben mögen, dass der Teu­fel der Herr und Gott der Welt ist, bis ich nun nach­drück­lich erfah­ren habe, dass dies auch ein Glau­bens­ar­ti­kel ist: Princeps mun­di, Deus hui­us secu­li – Fürst der Welt, der Gott die­ses Zeit­al­ters. Das bleibt aber gott­lob bei den Men­schen­kin­dern ohne Glau­ben, und ich selbst glau­be es auch nur schwach, denn jedem gefällt sei­ne eige­ne Melo­die gut. Alle hof­fen, dass der Teu­fel jen­seits des Mee­res ist und wir Gott in der Tasche haben.“


Alle Zita­te aus: Luther, M. (1539). GEGEN DIE ANTINOMER. In J. Schil­ling, A. Beu­tel, D. Korsch, N. Slen­cz­ka, & H. Zschoch (Hrsg.), N. Slen­cz­ka (Übers.), Glau­be und Leben: Heu­ti­ges Deutsch (Bd. 1). Leip­zig: Evan­ge­li­sche Ver­lags­an­stalt.

Eine alt­deut­sche Fas­sung der Schrift fin­det sich auf glaubensstimme.de

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