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„Aber wenn es um Gottes Urteil ginge, habe jeder freilich eine Ausrede…“

Herman J. Selderhuis über Johannes Calvin und seine Zuhörer

„Cal­vin näm­lich äußer­te sehr hef­ti­ge Kri­tik an sei­ner Hörer­schaft. Er frag­te sich, ob sie wohl über­haupt zuhör­ten. Gewiss, in Genf wer­de das Evan­ge­li­um gepre­digt, „aber was hat man davon, wenn nie­mand was damit anfängt“(1)? Die Men­schen gin­gen ein­zig zur Kir­che, weil sie es so gewohnt sei­en. Es sei ein Ritu­al gewor­den, und daher  „kom­men sie so wie­der her­aus, wie sie hin­ein­ge­gan­gen sind“ (2). Cal­vin zufol­ge ging man mit den Pre­dig­ten um, als ob es Mär­chen wären (3). Daher sei­en die Men­schen auch unwis­send. Soll­te man bei­spiels­wei­se um Weih­nach­ten her­um fra­gen, „wisst ihr, was es bedeu­tet, dass Gott sich im Fleisch offen­bart hat, dann dürf­te man mit gro­ßer Mühe einen unter zehn fin­den, der zu wie­der­ho­len imstan­de ist, was er als klei­nes Kind bezüg­lich sei­nes Glau­bens gelernt hat“ (4). Sie sei­en gera­de wie die Tie­re, die gewohn­heits­mä­ßig zur Füt­te­rung lie­fen. „Denn sobald sie zum Abend­mahl, zur Tau­fe oder einer Hoch­zeit wegen zur Kir­che gehen, wis­sen sie eigent­lich nicht ein­mal, wor­um sie bit­ten müs­sen“ (5). Die Glo­cke läu­te jeden Tag, aber man reagie­re nicht dar­auf. Am Sonn­tag wür­den die Men­schen bis zu vier­mal mit Glo­cken­ge­läut in die Kir­che geru­fen. Den­noch hal­te man es für aus­rei­chend, ein­mal zu erschei­nen. „Kurz­um, die über­wie­gen­de Mehr­heit lebt nach der alten Redens­art, nahe bei der Kir­che und fern­ab von Gott“ (6). Ihren Man­gel an Ein­satz und Eifer tarn­ten sie mit aller­lei neu­gie­ri­gen Fra­gen, „und dann wol­len sie wis­sen, war­um Gott eini­ge aus­er­wählt und ande­re zurück­ge­wie­sen hat“ (7). Aber wenn es um Got­tes Urteil gin­ge, habe jeder frei­lich eine Aus­re­de und füh­le sich nie­mand schul­dig. Kurz und gut „sie wol­len ger­ne die Gemä­cher des Para­die­ses ken­nen, aber sie tun nicht ihr Bes­tes, um dort auch hin­zu­ge­lan­gen“ (8). Es sei doch zum Ver­rückt­wer­den, dass Tür­ken, Juden, Hei­den und die Papis­ten ihren Aber­glau­ben treu­er erge­ben sei­en als die Men­schen in Genf ihrem Dienst am Evan­ge­li­um (9). Und bei all die­ser Kri­tik meint Cal­vin sich auch immer selbst. Er steht als Pre­di­ger dem Volk gegen­über, doch ist er als Mensch eben auch Teil die­ses Vol­kes. Cal­vin bleibt unge­ach­tet all die­ser Zustän­de stets dicht am Text der Bibel. Das dürf­te an sei­ner huma­nis­ti­schen Prä­gung lie­gen, wonach man sich gar nicht nah genug am Quel­len­text hal­ten konn­te. Ein eher per­sön­li­cher Grund ist sei­ne andau­ern­de Suche nach Sicher­heit. In einer Welt, in der er alles als flie­ßend, tur­bu­lent und ver­wir­rend emp­fand, war sei­ner Mei­nung nach Got­tes Wort der ein­zi­ge Fix­punkt. Wer also fes­ten Halt such­te, tat gut dar­an, so nah als nur irgend mög­lich am Wort zu blei­ben.“

Gefun­den bei H.J. Sel­der­huis: Johan­nes Cal­vin — Mensch zwi­schen Zuver­sicht und Zwei­fel — Eine Bio­gra­phie.(Her­vor­he­bung durch mich selbst)


Die von H.J.Selderhuis ange­ge­be­ne Quel­len bezie­hen sich auf CO = Ioan­nis Cal­vi­ni Ope­ra Quae Supers­unt Omnia, Edi­der­unt Gui­liel­mus Baum, Edu­ardus Cunitz, Edu­ardus Reuss. Vol. 1 – 59 Bruns­vi­gae, Bero­li­nae 1863 – 1900 (Aus­ga­be von Cal­vins gesam­mel­ten Wer­ken). Sel­der­huis selbst gibt für die Zita­te die­se Ver­wei­se an:

(1)  — CO 53,312; (2) — 34,581; (3) — 35,324; (4) — 53,320; (5) — 49,736; (6) — 8,420−421; (7) — 28,545; (8) — 46,800;  (9)- 50,462.

 

2 Kommentare

  1. Ulrich sagt

    Die Cal­vi­nis­ten hat­ten ja einen star­ken Ein­fluss auf Ethik und Moral in den USA — lei­der mit ein paar unschö­nen Details, etwa, dass dort noch immer das Schla­gen von Kin­dern — tw. sogar in Schu­len — erlaubt ist, und zwar vor allem in den „Bible Belt“ Staa­ten. Hab ich selbst erst vor kur­zem erfah­ren (im Buch „Reli­gi­ons­pa­ra­dox“). Auch Max Weber hat über die „pro­tes­tan­ti­sche Ethik“ publi­ziert.

    MfG Ulrich

  2. Sergej Pauli sagt

    hmm… das Schla­gen von Kin­dern war selbst in Deutsch­land bis zum Jahr 2000 erlaubt…in dem fall lag es nicht am cal­vi­nis­ti­schen Einfluss…Übrigens ist auch das Klop­pen durch Leh­rer in Deutsch­land noch gar nicht so lan­ge her…Webers „pro­tes­tan­ti­sche ethik“ bespricht Tru­e­man an unter­schied­li­chen Stel­len, man kann hier über goog­le-books einen klei­nen Ein­blick bekom­men: https://books.google.de/books?id=9jq5DwAAQBAJ&pg=PT169&lpg=PT169&dq=carl+trueman+max+weber&source=bl&ots=Xr4U3Hlfwz&sig=ACfU3U2G-f5-rYp0fBoIXSJZZ4O5Oje04A&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjJo-Tkg7_mAhUP2aQKHTltA34Q6AEwAHoECAYQAQ#v=onepage&q=carl%20trueman%20max%20weber&f=false

    (das wäre aus dem buch His­to­ries and fall­a­ci­es), tru­e­man wid­met jedoch ein gan­zes Kapi­tel der Betrach­tung zur Weber’schen The­se in sei­nem Buch „Repu­blo­crat“. Ich den­ke Tru­e­m­ans Argu­men­ta­ti­on ist stich­hal­tig, dass Weber eine zu engen Zusam­men­hang sieht zwi­schen Pro­tes­tan­tis­mus und Kapitalismus,obwohl es natür­lich Wech­sel­wir­kun­gen gab und gibt

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