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Vanheiden: Näher am Original?

Es gibt ihn –  den Streit um die richtige Bibel. Und es existiert „der Streit um den richtigen Urtext der Bibel.“ So lautet auch der Untertitel von „Näher am Original“ von Karl-Heinz Vanheiden. Aber es gibt auch welche, die sich nicht in diesen Streit haben hineinziehen lassen. Diese Christen beneide ich. Wir sollten zwar nicht streiten, aber wir sollten durchaus wissen, warum wir welche Übersetzung benutzen und was der Unterschied zu den anderen Übersetzungen ist.

In diesem Buch geht es weniger um die zahlreichen deutschen Übersetzungen, sondern vielmehr von welcher griechischen Vorlage ins Deutsche übersetzt wird. Und weil die Originalmanuskripte der biblischen Autoren nicht erhalten geblieben sind, sondern nur Abschriften davon, geht Vanheiden der spannenden Frage nach, welche dieser zum Teil viel späteren Abschriften als Grundlage für die Übersetzungen in die jeweiligen Landessprachen verwendet werden sollten. Es gibt hauptsächlich drei verschiedene Textgrundlagen die dann auch ihre Anhänger und Verteidiger haben.

Zum einen gibt den sogenannten textus receptus. Dieser geht zurück auf die erstaunliche Leistung des Erasmus‘ von Rotterdam (1469-1536). Seine Ausgabe des Neuen Testaments diente u.a. Martin Luther als Grundlage seiner Übersetzung. Doch gelten die Ausgaben von Erasmus heute nicht als der Standardtext des textus receptus. Erst die weitere Bearbeitung seines französischen Nachfolgers Robert Estienne (genannt „Stephanus“, 1503-1559) gilt heute als der übliche textus receptus. Die Besonderheit dieser Textgrundlage ist, dass sie nur einen Bruchteil der insgesamt heute verfügbaren Handschriften berücksichtigt. Eben nur die Texte, die im 16. Jahrhundert verfügbar waren, wurden in dieser Ausgabe textkritisch untersucht und daraus der „überlieferte Text“ rekonstruiert.

Die zweite Textgrundlage ist der Mehrheitstext, der hauptsächlich auf den Handschriften des damaligen Byzantinischen Reiches basiert. Da es im Deutschen keine Übersetzung auf dieser Textgrundlage gibt, spielt der Mehrheitstext im „Streit um den richtigen Urtext“ bei uns keine so wichtige Rolle.

Dafür aber der für die meisten Übersetzungen weltweit zu Grunde liegende Nestle-Aland-Text. Dieser Text, der inzwischen in der 27. Auflage erschienen ist, wurde nach nachvollziehbaren wissenschaftlichen Methoden aus allen bekannten Handschriften und Fragmenten ermittelt. „Man ist davon überzeugt, dass man dem Urtext dann am nächsten kommt, wenn alle Handschriften, auch die, die seit der Reformation entdeckt wurden, nach wissenschaftlichen Kriterien sorgfältig untersucht werden.“

Der Streit beginnt also mit der Frage, ob die nach dem 16. Jahrhundert gefundenen Handschriften uns den ursprünglichen Text liefern können, oder ob der im 16. Jahrhundert abgeschlossene textus receptus, der von Gott gesegnete und überlieferte Text ist.

Um es vorweg zu nehmen: Vanheiden ist ganz klar ein Vertreter des Nestle-Aland Textes. Und er hat gute Gründe dafür und deckt sie in seinem Buch auf. Doch ganz gleich welche Position man vertritt, ist auch immer die Frage, wie man mit der Gegenmeinung und ihren Vertretern umgeht.  Respekt vor dem anderen und Fairness spielen dabei eine wichtige Rolle. Wie sieht es damit bei Vanheiden aus? Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass Vanheiden versucht, Kritik mit Liebe und Fairness zu üben. Doch gelingt es ihm leider nicht immer. Aber dies gelingt meiner Meinung nach den Textus-Receptus-Vertretern manchmal sogar noch weniger. Wenn aber die Textus-Receptus-Vertreter geistliche Argumente für ihre Position anführen, so sollten sie auch in der Diskussion geistlich reden, handeln und schreiben. Und wenn die Nestle-Aland-Vertreter sich wissenschaftlicher Argumente bedienen, müssen sie auch die Grenzen und die Gefahren der Wissenschaft einsehen. Dieses tut Vanheiden auch. Er schreibt dazu auf Seite 123:

Gewiss wird man den Wissenschaftlern auf die Finger schauen müssen, um zu sehen, welche dogmatischen und philosophischen Vorentscheidungen in ihre Arbeit einfließen und einzelne Ergebnisse beeinflussen. Hier ist Vorsicht und Wachsamkeit durchaus angebracht.

Nicht zu vergessen ist bei der ganzen Diskussion, dass bei über 90% des neutestamentlichen Textes keine Abweichungen (lediglich Variationen) in den zahlreichen über 5000 Handschriften vorhanden sind. Es sind also nur ca. 10% des Textes, in denen es Abweichungen gibt. Vanheiden gibt in seinem Buch einen Einblick, wie mit diesen Unterschieden in der textkritischen Wissenschaft umgegangen wird. Zusätzlich gibt er einen Überblick über die Entstehung des Neuen Testamens und der wichtigsten vorhandenen Handschriften. Abgerundet wird das Buch mit der Beantwortung der Frage, welche Textgrundlage für die wichtigsten deutschen Übersetzungen verwendet wurde. Die Luther- und auch die verschiedenen Elberfelderübersetzungen basieren mehr oder weniger auf dem Nestle-Aland-Text. Nur die Schlachter 2000 hat sich dem textus receptus verschrieben. Und wenn die ersten beiden Übersetzungen sachlich-neutral beschrieben werden, so kann sich Vanheiden eine Wertung der Revision der Schlachterbibel nicht verkneifen. Für ihn handelt es sich bei der Schlachter 2000 nicht um eine Revision, sondern um eine „konsequente Rückrevision auf den textus receptus – ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte der Bibelübersetzungen.“ Damit hat er Recht. Und trotzdem lese ich gerne in der Schlachter Bibel. Davon hat mich das Buch nicht abbringen können, auch wenn es eine lohnende Lektüre war, um zu verstehen, worum es in diesem Streit geht. Das war auch die Absicht des Autors und ich kann es für diesen Zweck auch empfehlen.

 

Daten

Titel: Näher am Original? Der Streit um den richtigen Urtext
Autor:
Karl-Heinz Vanheiden
Seiten: 142
Einband: Taschenbuch
Format: 12 x 19 cm
Verlag: SCM R. Brockhaus
Jahr: 2007
Preis: 7,90 EUR

 

8 Kommentare

  1. alex sagt

    Als das Buch 2007 erschien, nahm ich mir vor es zu lesen. Leider bin ich bis heute nicht dazu gekommen. Ich neige zum Textus Rezeptus und mich würde gerade interessieren, welche Argumente Vanheiden für den Nestle Aland aufführt. Dass Christen oft unfair mit einander umgehen, stimmt leider. Das stellt man oft erst im Nachhinein fest…

  2. Joschie sagt

    Bei diesem Thema muß man aufpassen, das es nicht aus dem Ruder läuft, wie es bei der Diskussion um die „King-James-Version“ von 1611 geschehen ist.

  3. D.A. Carson hat zu der englischen Debatte mal ein Buch geschrieben: The KJV Debate – A Plea for Realism. Ich lese auch die Schlachter aber ich bin vorsichtig mit zuviel Kritik an Nestle-Aland. Die Argumentation auf beiden Seiten sollte zumindest nüchtern geführt werden, genau das fehlt so oft! Guter Artikel, Danke!

  4. Joschie sagt

    Die „KJV-Onlyisten“, deren prominenteste Vertreter in den USA derzeit Frau Riplinger und Herr Ruckman sind, vertreten die Ansicht, die „King-James-Version“ von 1611 (abgekürzt KJV; d. i. die durch den damaligen König James I
    von England in Auftrag gegebene englische Bibelübersetzung) sei die einzig wahre englische Bibel; alle anderen verfälschtenden biblischen Text, weshalb nur die KJV zu benutzen sei (manche sind sogar der Meinung, diese Übersetzung sei von Gott inspiriert und unfehlbar). Dabei geben sich die „KJV-Onlyisten“ gerne äußerst militant und polemisch (ohne ihre Ansicht jedoch sauber begründen zu können), was im englischen Sprachraum schon zur Spaltung einiger Gemeinden und christlicher Werke geführt hat. Fundierte Stellungnahmen gläubiger, bibeltreuer Gelehrter, welche die Irrtümer der „King-James-Only“-Bewegung gründlich widerlegen, finden sich z. B. bei
    http://www.kjvonly.org.
    Quelle: James White „Verblendet durch Tradition“

  5. Fred sagt

    Ich halte die ganze Streiterei für recht sinnlos. Da wir die Orginalhandschriften so wie so nicht haben, sollte einem eigentlich klar sein dass jede Abschrift seine Schwächen haben könnte. Eine Übersetzung erst recht.
    Die Übersetzungen weichen allerdings nicht mehr als zehn prozent von einander ab und dass meist an unwensentlichen Stellen. Aber beide Grundlagen haben ihre Schwächen. Was mich stört ist dass man im TR-Lager macht als ob es keine Fragwürdigkeiten an der Textgrunglage gäbe, wo gegen man im NA-Lager eigentlich relativ offen mit den Schwächen der Textgrundlage umgeht wodurch eher noch die Möglichkeit gegeben ist sich vor Irrtümern in Acht zu nehmen. Die Schwächen des Textus Receptus werden oft (eigentlich immer) einfach nicht erwähnt von seinen Vertretern, dabei müssten sie ihnene bewusst sein, ich weiß nicht was man da verteidigt? Und eigendlich sollte an den Früchten der ganzen Debatte deutlich werden welcher Natur diese ist!
    Ich muss sagen die Schlachter liest sich wirklich am besten, es ist echtes Deutsch ;-D aber die Hückeswagener (die unrevidierte Elberfelder) Übersetzung halte ich für die gewissenhafteste in der ganzen Angelegenheit, diese beachten beide Seiten und versuchen nach der gewissen Lehre zu einem Urteil zu kommen. Wo der TR recht hat dort wird auch entsprechend übersetzt, ist aber sehr sehr holpriges Deutsch (manchmal auch gar kein Deutsch ;-D).

    Interessanter Bericht über den Textus Receptus unter http://www.bibelbrunnen.de unter der Kategorie „Sonstiges“ der Titel: „Gibt der Textus Receptus die Urfassung des Neuen Testaments wieder?“

  6. Joschie sagt

    @Fred ich bin ganz deiner Meinung auch ich halte die ganze Streiterei für recht sinnlos.Ich halte es so das ich abwechselnd die Rev.Schlachter und Rev.Elberfelder lese.Ich benutze auch gern den „Hexapla“ Sechs Übersetzung in einer Übersicht.

  7. eddi sagt

    Danke für eure hilfreichen Kommentare. Ich wollte mit diesem Beitrag auf keinen Fall den Steit wiederbeleben. Aber ich wollte durchaus darauf hinweisen, dass das Buch von Vanheiden hilfreich ist, auch wenn es nicht ohne Polemik auskommt.

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